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DOI: 10.1055/a-2770-9394
40 Jahre Leitende Notarztgruppe (LNG) der Feuerwehr Hamburg
Authors
Im Jahr 1985 stellten namhafte Notärzte in Hamburg fest, dass sich in der vorausgehenden Dekade 16 Großschadensfälle ereigneten, bei denen jeweils 10 oder mehr Menschen verletzt worden waren. Dabei wurde ein Defizit in der Koordination und Durchführung der medizinischen Versorgung vor Ort festgestellt. Insbesondere die notärztliche Versorgung der schwer Verletzten und deren zielgerichtete Einweisung in geeignete und aufnahmebereite Kliniken sollte verbessert werden.
Patienten wurden bis dato häufig in größerer Zahl in eine oder zwei Kliniken gebracht, um dort die Notfallversorgung zu organisieren; gleichzeitig wurde aus einer dieser Kliniken ein sogenanntes Schockbekämpfungsteam mit einem „Katastrophenkoffer“ an die Einsatzstelle gebracht, um dort die Atemwege zu sichern oder eine Volumenersatztherapie zu beginnen. Insgesamt galten die Strukturen als überholt und eine neue Idee der medizinischen Organisation an der Einsatzstelle wurde umgesetzt.
Sechs erfahrene Notärzte aus Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin leisteten ab September 1985 an 365 Tagen 24/7 Dienst als Leitende Notärzte. Zu dieser Zeit gab es für die 1,6 Millionen Einwohner der Stadt rund 70 Rettungswagen, 4 Notarztwagen und am Tag bei flugtauglichem Wetter einen Rettungshubschrauber. Die Leitenden Notärzte sollten nun bei größeren Schadensfällen, bei schwieriger Rettung und bei Gefährdung einer größeren Personenzahl umgehend hinzugezogen werden, um die medizinische Versorgung am Einsatzort zu koordinieren und die Verteilung der Patienten auf die umliegenden Kliniken zu steuern; auch mit dem Ziel, „die Katastrophe nicht in die Kliniken zu transportieren“.
Damit war eine der ersten Leitenden Notarztgruppen (LNG) in Deutschland geboren, und die Aufgaben dieser Führungsfunktion bei größeren Schadenslagen wurden immer wieder definiert, diskutiert und präzisiert. Eine besondere Bedeutung kam dabei der Sichtung und damit der Einteilung in Behandlungsprioritäten, der Ressourcensteuerung am Einsatzort sowie der Einteilung der Patienten nach der Dringlichkeit eines Kliniktransports zu. Außerdem wurde die Verteilung über die umliegenden Kliniken vom Leitenden Notarzt koordiniert, damit eine Überforderung der Kliniken durch mehrere gleichzeitig eintreffende Patienten vermieden werden konnte, und somit die Patienten ihren Verletzungsarten entsprechend ohne Weiterverlegung in geeignete Kliniken gelangen konnten.
Diese Leitende Notarztgruppe feierte nun, Ende November 2025, mit einem Symposium in Hamburg ihren 40. Geburtstag ([Abb. 1]).


In den 4 Jahrzehnten ihres Bestehens haben sich natürlich die Einsatz-Taktik-Standards für die Leitenden NotärztInnen, die technischen Möglichkeiten des Rettungsdienstes und insbesondere die Professionalität des Systems erheblich weiterentwickelt. Gleich geblieben ist die ursprüngliche Idee, durch medizinische und organisatorische Entscheidungen mit der Expertise der Leitenden Notärztinnen und Notärzte dafür zu sorgen, dass bei einem Großschadensfall auch bei begrenzten Ressourcen alle Patientinnen und Patienten eine fach- und zeitgerechte Versorgung bekommen und in die richtigen Kliniken zur Weiterversorgung gelangen. So können heute in Hamburg täglich rund um die Uhr 2 Leitende NotärztInnen alarmiert werden, die umgehend sowohl an der Einsatzstelle als auch zur Koordination in der Rettungsleitstelle bei größeren Schadenslagen eingesetzt werden. Eine retrospektive Untersuchung [1] konnte bereits 2022 mehr als 600 Einsätze der Leitenden Notarztgruppe in Hamburg auswerten; den größten Anteil hatten dabei Brandereignisse, Unfälle mit Bussen und Schadstoffaustritte mit Personengefährdung. Insgesamt wurden dabei mehr als 3700 Patientinnen und Patienten gesichtet, behandelt und betreut.
Längst gibt es einen hohen Grad an Standardisierung, Qualifikationsvorgaben und Ausbildungscurricula für Leitende NotärztInnen, automatisierte Alarmierungsmuster in der Alarm- und Ausrückeordnung sowie klare Einsatzstandards für diese Tätigkeit. Alle Mitglieder der LNG sind gleichzeitig auch „Leitende NotärztInnen See“, die durch das Havariekommando in Cuxhaven für komplexe Schadenslagen in den Deutschen Seegebieten auf der Nord- und Ostsee alarmiert werden können. Auch werden heute neue Herausforderungen im Rahmen des Bevölkerungsschutzes in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung erkannt und diskutiert, die sich ebenfalls auf die Führungsaufgaben in der präklinischen Notfallversorgung auswirken können.
Hamburg hat heute eine moderne, fachlich hoch qualifizierte und in der Feuerwehrstruktur erkennbare und etablierte Leitende Notarztgruppe, die sich verlässlich für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger der Stadt einsetzt, wenn es darauf ankommt. Wir gratulieren der LNG zum 40-jährigen Bestehen.
Dr. Sebastian Wirtz, PD Dr. Markus Stuhr, Prof. Dr. Thoralf Kerner
Publication History
Article published online:
09 February 2026
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Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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Literatur
- 1 Stuhr M, Hinz P, Haedge F. et al. Developments in the range of activities of medical incident officers in the urban setting—a retrospective analysis of the emergency responses of the Hamburg fire department’s medical incident officers. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 96-97
