NOTARZT 2026; 42(01): 20-21
DOI: 10.1055/a-2780-8647
Aktuelles

Vorbilder gesucht!

Authors

  • Stefanie Maier

    1   Departement für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Bundeswehrkrankenhaus Ulm, Ulm, Deutschland (Ringgold ID: RIN39542)
    2   Ständige Vertretung der Jungen Notfallmedizin der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte und Notärztinnen, Deutschland

Im November 2025 veröffentlichten die führenden deutschen Notfall- und Reanimationsgesellschaften in Deutschland eine gemeinsame Stellungnahme zum Reanimationsabbruch und -verzicht [1]. Trotz zunehmender technischer Hilfsmittel und Verbesserungen in der Laienreanimation konnte die Überlebensquote mit guten neurologischen Ergebnissen in Deutschland nicht wesentlich verbessert werden. Zudem nimmt die Zahl der über 80-Jährigen, die nach einem außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstand reanimiert werden, stetig zu. In Hinblick darauf wurden 5 Thesen durch die Fachgesellschaften aufgestellt [2].

„Das Alter ist nur eine Zahl“ – mit diesen Worten begründete der erfolgreiche Fußballtrainer Jupp Heynckes seine Entscheidung, im Alter von 72 Jahren nach mehrjähriger Pause nochmals das Amt des Cheftrainers des FC Bayern München zu übernehmen. Für mich als begeisterte Fußballerin steht diese Aussage sinnbildlich für die Möglichkeit, auch im fortgeschrittenen Lebensalter körperlich sowie geistig fit und aktiv zu bleiben. In diesem Sinne verkörpert Heynckes ein persönliches Vorbild für Leistungsfähigkeit jenseits klassischer Altersgrenzen.

Aus medizinisch-wissenschaftlicher Perspektive entsprechen 72 Jahre jedoch – wie sich aus der Analyse japanischer und amerikanischer Registerdaten ergab – jener Altersgrenze, oberhalb derer bei Patient*innen mit initial nicht defibrillierbarem Herzrhythmus und ohne frühzeitige Laienreanimation die Wahrscheinlichkeit eines guten neurologischen Outcomes nach kardiopulmonaler Reanimation äußerst gering bleibt [3] [4]. Diese Daten verdeutlichen eindrücklich, dass Alter – trotz aller berechtigter Kritik an einer rein chronologischen Betrachtung – im Kontext der Notfallmedizin und insbesondere der Reanimationsentscheidung weiterhin ein relevanter prognostischer Faktor ist.

Vor diesem Hintergrund ist die gemeinsame Stellungnahme zum Reanimationsabbruch und -verzicht ausdrücklich zu begrüßen. Bietet sie doch Notfallmediziner*innen eine evidenzbasierte und ethisch reflektierte Entscheidungshilfe in einer hochkomplexen und emotional belastenden Situation, von der insbesondere jüngere Kolleg*innen profitieren können. Gerade in der prähospitalen Notfallmedizin, in der Entscheidungen unter erheblichem Zeitdruck und bei oftmals unvollständiger Informationslage getroffen werden müssen, kann sie dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren.

Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass die Entscheidung zum Reanimationsabbruch oder -verzicht stets individuell und situativ zu bewerten ist und mit dem gesamten Rettungsteam sowie den Angehörigen sensibel kommuniziert werden muss. Gerade jungen Notärzt*innen, die im klinischen Alltag gewohnt sind, jederzeit die Möglichkeit zu haben, Fach- oder Oberärzt*innen hinzuziehen, fehlt in derartigen Situationen mutmaßlich die Routine und Berufserfahrung, um eine souveräne Entscheidung treffen zu können.

Deshalb sind nicht nur für notfallmedizinische Maßnahmen, sondern eben auch in diesen ethischen Themen Vorbilder nötig, die junge Ärzt*innen nicht nur formal anleiten, sondern sie auch in anspruchsvollen Gesprächen begleiten und ihnen vorleben, wie Entscheidungen entsprechend aktuellen Leitlinien und Stellungnahmen fachlich korrekt getroffen und empathisch vermittelt werden können. Idealerweise erleben junge Notärzt*innen bereits während ihrer begleiteten Einsatzfahrten eine solche Situation, in der erfahrene Kolleg*innen einen Reanimationsabbruch oder -verzicht im Sinne der gemeinsamen Stellungnahme der 8 Fachgesellschaften verantwortungsvoll treffen und kommunizieren.

Darüber hinaus ist die Entscheidung zum Reanimationsabbruch oder -verzicht stets als Teamentscheidung zu verstehen. Das erfahrene Rettungsdienstpersonal bringt dank der hohen Einsatzroutine ein ausgeprägtes Gespür für Situationen mit. Von dieser Erfahrung können jüngere Kolleg*innen profitieren. Dementsprechend kann auch das nicht-ärztliche Rettungsfachpersonal eine wichtige Vorbildfunktion übernehmen. Ein gemeinsames Debriefing nach dem Einsatz dient nicht nur dem gegenseitigen Feedback, sondern bietet immer wieder die Möglichkeit, die eigenen notärztlichen Entscheidungen kritisch zu reflektieren.

Hinweis

Der kommentierte Beitrag ist frei verfügbar im Internet zu finden: https://link.springer.com/article/10.1007/s10049-025-01657-7

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Article published online:
09 February 2026

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