Epidemiologie der Kindertuberkulose
Epidemiologie der Kindertuberkulose
Kinder machen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) ca. 9 – 11 % der jährlich knapp
über 9 Millionen weltweit auftretenden Tuberkulosefälle aus
[1]
[2]
[3]. Da
ca. 95 % der Kinder unter 12 Jahren färberisch negativ sind,
dürfte die eigentliche Anzahl der Tuberkulosen im Kindesalter
unterschätzt sein [4]
[5].
Die geografische Ausbreitung der Tuberkulose reflektiert, wie stark
ihre Epidemiologie von sozioökonomischen Faktoren sowie von einem
funktionierenden Gesundheitssystem beeinflusst wird: In Industrieländern
machen Kinder ca. 2 – 7 %, in
einkommensschwachen Ländern aber
15 – 40 % der Fälle aus
[5]. In Deutschland, einem
Tuberkulose-Niedriginzidenzland (Inzidenz < 10/100 000), ist
die Zahl der gemeldeten Tuberkulosefälle in den letzten Jahren
kontinuierlich rückläufig. Im Jahr 2006 erkrankten nur noch 5402
Menschen an einer Tuberkulose (6,6/100 000), 195 davon waren Kinder
(1,7/100 000) [6]
[7]. Ca.
zwei Drittel aller Fälle waren infektiös.
Die Migration aus Ländern mit mittlerer bis hoher
(> 50/100 000) Tuberkuloseinzidenz, v. a. aus
Osteuropa, trägt dazu bei, dass die Tuberkulose auch in Deutschland
weiterhin nicht zu vernachlässigen ist. Die Inzidenz lag 2006 bei Personen
ausländischer Staatsbürgerschaft 5-mal höher als bei deutschen
Staatsangehörigen, bei Kindern sogar 11-mal [7].
Ein weiteres Problem stellt die weltweite Zunahme
medikamentenresistenter Tuberkulosestämme dar. In ihrem 2008
veröffentlichten Report schätzt die Weltgesundheitsorganisation
(WHO), dass durchschnittlich ca. 4,8 % der 2006 neu aufgetretenen
weltweiten Tuberkulosefälle durch multiresistente (MDR, multidrug resistant) Stämme verursacht werden. Der weltweit
höchste Anteil an Resistenzen tritt in Osteuropa und den neuen
unabhängigen Staaten (NUS) auf [8]. Weltweit
Aufsehen erregte die Definition und nachfolgend gehäufte Diagnose von
XDR-Tuberkulose (extensively drug
resistant), Mycobacterium-tuberculosis-Stämme, die mindestens
gegen die wichtigsten Medikamente erster Wahl (Isoniazid und Rifampizin im
Sinne einer MDR-Tuberkulose), aber auch gegen eines der Fluorchinolone sowie
eine der injizierbaren Substanzen aus der Gruppe der Zweitrangmedikamente
(Amikacin, Kanamycin, Capreomycin) resistent und damit extrem schwer zu
therapieren sind [9]. Nach bisher veröffentlichten
Daten macht die XDR-Tuberkulose im Durchschnitt einen Anteil von ca.
7 % der MDR-Tuberkulosen aus [8].
In Deutschland kam es 2006 zu einem leichten Rückgang von
Fällen mit MDR-Tuberkulose auf 2,2 % gegenüber
2,7 % in 2005; durchschnittlich 12,8 % wiesen eine
Resistenz gegen eines der 5 Erstrangmedikamente (jegliche Resistenz) auf
[7]. Im Ausland geborene Erkrankte wiesen einen
signifikant höheren Anteil resistenter Erreger auf als in Deutschland
geborene (17,7 % versus 9 % jegliche Resistenz)
[7]. Bei Kindern mit Kontakt zu resistenter Tuberkulose
ist davon auszugehen, dass sie mit demselben Mycobacterium-tuberculosis-Stamm der Infektionsquelle
infiziert sind, auch wenn der bakterielle Nachweis bei Kindern häufig
nicht gelingt.
Die Kenntnisse über die epidemiologischen Hintergründe und
Zusammenhänge sind für die Erkennung und Bekämpfung der
Tuberkulose in Deutschland von großer Bedeutung.
Die wichtigste Infektionsquelle für Kinder sind Erwachsene,
meist aus dem engen Umfeld (Eltern, Verwandte). Kinder, v. a.
Kleinkinder, sind nur selten infektiös, da sie in den meisten Fällen
nur geringe Bakterienzahlen aufweisen (paucibazilläre Tuberkulose) und
darüber hinaus einen weniger ausgeprägten Hustenstoß haben. Es
gibt jedoch vereinzelt Berichte von Tuberkuloseausbrüchen in Schulen, bei
denen Kinder andere Kinder infiziert haben [10].
Die Infektion mit Mycobacterium
tuberculosis erfolgt durch Übertragung von Aerosolpartikeln
(Tröpfchenkerne) bei Kontakt mit Personen mit aktiver, offener
Tuberkulose. In den meisten Fällen ist die Lunge betroffen, sehr selten
kann eine Primärinfektion über die Tonsillen, den
Gastrointestinaltrakt (meist Mycobacterium bovis) oder
offene Wunden erfolgen [11]. Das Infektionsrisiko
steigt, wenn die Kontaktperson mikroskopisch nachweisbar Mykobakterien im
Sputum aufweist sowie mit der Dauer der Exposition in geschlossenen
Räumen. Sonnen- oder Ultraviolettlicht sowie gute Raumdurchlüftung
senken das Infektionsrisiko. Tuberkulose ist weniger infektiös als zum
Beispiel Masern und Varizellen mit einem
90 – 100 % Infektions- und nachfolgendem
Erkrankungsrisiko: nur ca. 50 % der Kinder mit engem Kontakt zu
Tuberkulose werden infiziert [12]. Nach Infektion
besteht ein lebenslanges Risiko an einer Tuberkulose zu erkranken, die
Wahrscheinlichkeit ist jedoch mit 80 % in den ersten 2 Jahren
nach Infektion am höchsten [11]. Das
Erkrankungsrisiko hängt zusätzlich von verschiedenen Faktoren wie der
Menge an Mykobakterien, dem Alter, Immunstatus sowie genetischen Faktoren ab.
Immunkompetente Erwachsene haben ein lebenslanges Erkrankungsrisiko von ca.
10 %, HIV-infizierte Erwachsene hingegen ein Risiko von
5 – 15 % pro Jahr, an einer Tuberkulose zu
erkranken [13]
[14].
Säuglinge und Kleinkinder haben nach unbehandelter Infektion mit bis zu
40 % das höchste Erkrankungsrisiko [15].
Pathogenese
Pathogenese
Kinder besitzen zum Zeitpunkt der primären Infektion keine
protektive Immunität gegen Mykobakterien. Die weniger als
2 – 5 µm großen Tröpfchenkerne, die
jeweils zwischen 1 – 3 Mykobakterien enthalten, gelangen in
die Alveolen und werden dort von Alveolarmakrophagen aufgenommen.
Größere Partikel werden von den Zilien der Atemwege und des
Bronchialbaums aufgefangen und durch die mukoziliäre Clearance beseitigt
[16].
Es folgt eine zunächst lokale Immunreaktion durch unspezifisch
aktivierte Alveolarmakrophagen, die geringe Mengen von Mycobacterium tuberculosis zerstören können.
Treffen die Mykobakterien auf nicht aktivierte, zusätzlich chemotaktisch
aus dem Blut hinzugekommene Makrophagen, so können sie sich aufgrund ihrer
subtilen Resistenzmechanismen in diesen vermehren. Durch Präsentation von
mykobakteriellen Antigenen kommt es zur Aktivierung von CD4- und
CD8-T-Zell-Subpopulationen, die in ihrer Interaktion mit den Makrophagen
imstande sind, die Vermehrung der Mykobakterien zu unterbinden
[17]. Zytokine wie IL-12, Interferon-gamma (IFN-γ)
und Tumor Necrosis Faktor-alpha (TNF-α) spielen eine zentrale Rolle bei
der Aktivierung von Makrophagen und der Ausbildung einer ersten
granulomatösen Läsion, die der Eindämmung und Wachstumshemmung
der Mykobakterien dient und klinisch und radiologisch noch nicht sichtbar ist.
Parallel dazu kommt es 2 – 10 Wochen nach Infektion zur
Entwicklung einer Hypersensitivitätsreaktion vom Typ IV (delayed-type),
die zur Gewebszerstörung und zentralen Nekrose der Läsion beitragen
kann. Die Reaktion im Tuberkulin-Hauttest (THT) wird positiv
[11].
Ob es aber überhaupt nach Infektion zur Ausbildung einer
klinisch manifesten Tuberkulose kommt, hängt von der Balance zwischen der
Virulenz und Menge der Mykobakterien und der Kompetenz des Immunsystems ab.
T-Zelldefekte sowie genetisch bedingte Defekte der IL-12- und
IFN-γ-Rezeptor-Achse führen zu einer erhöhten
Suszeptibilität für Tuberkulose [18]. In den
meisten Fällen heilt die Infektion nach dem Stadium der Granulombildung
aus. Vereinzelte Mykobakterien können jedoch innerhalb kleinster Granulome
persistieren (latente Tuberkulose-Infektion, LTBI) und zu
einem späteren Zeitpunkt reaktiviert werden [19].
Dies führt dann zur Ausbildung einer postprimären Tuberkulose.
Im Rahmen der Primärinfektion können Mykobakterien
über die Lymphgefäße in die regionalen Hiluslymphknoten und
über den Ductus thoracicus in die Blutbahn gelangen. Es kann zur
asymptomatischen Ablagerung von Bakterien und Ausbildung kleinster Granulome in
verschiedenen Organen wie den Meningen, Knochen und Nieren kommen. Vor allem
bei Kleinkindern kann es aber auch im Rahmen dieser Streuung zur Ausbildung
einer disseminierten Tuberkulose kommen.
Die Entwicklung der spezifischen zellvermittelten Immunreaktion kann
zur Größenzunahme des primären Granuloms (Ghon'scher Herd)
und der drainierenden Hiluslymphknoten führen. Beides wird zu diesem
Zeitpunkt radiologisch als so genannter Primärkomplex sichtbar. Die
Primärtuberkulose beschreibt das Fortschreiten der Erkrankung und
Erregerausbreitung nach Bildung des Primärkomplexes [20]. Die häufigste Manifestation im Kindesalter ist
die pulmonale Tuberkulose.
Nach Reaktivierung einer LTBI kommt es zur Ausbildung einer so
genannten Postprimär- oder „adult-type”-Tuberkulose. Eine
Reinfektion (v. a. in Gegenden mit einer hohen
Tuberkuloseprävalenz) ist ebenfalls möglich. Konditionen, bei denen
das Immunsystem geschwächt ist, wie im Alter und bei bestimmten
Erkrankungen wie Malignomen, fortgeschrittene Niereninsuffizienz, aber auch die
Gabe von immunsuppressiven Medikamenten (zytostatische Chemotherapie,
TNF-α-Blocker, Kortikosteroide) erhöhen das Risiko einer
Reaktivierung [16].
Klinische und radiologische Manifestation
Klinische und radiologische Manifestation
Exponierte Kinder werden in Deutschland in ca. 50 %
der Fälle durch Umgebungsuntersuchungen identifiziert [7]. Dadurch wird ein großer Teil der Kinder bereits im
Stadium der Infektion oder frühen Erkrankung diagnostiziert und zeigt
häufig noch keine oder nur sehr unspezifische Symptome. Komplizierte
Formen der Tuberkulose werden gerade auch im Kindesalter häufig verkannt
und zu spät diagnostiziert. Aus diesem Grund ist es wichtig, die
Risikofaktoren und Anzeichen einer Tuberkulose zu kennen und sie bei
differenzialdiagnostischen Überlegungen zu berücksichtigen.
Latente Tuberkuloseinfektion
Latente Tuberkuloseinfektion
Die LTBI als Infektion ohne klinisch oder radiologisch sichtbaren
Organbefall verläuft meist inapparent. Gelegentlich kann es zu
grippeartigen Symptomen mit leichtem Fieber kommen.
Tuberkulose
Tuberkulose
Auch eine unkomplizierte Tuberkulose ist im Frühstadium
häufig asymptomatisch. Mit der Zeit entstehen unspezifische
Allgemeinsymptome wie Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust,
Müdigkeit. Je nach Manifestation zeigen sich organspezifische
Symptome.
Intrathorakale Tuberkulose
Der Befall intrathorakaler Lymphknoten
und/oder des Lungenparenchyms ist die häufigste
Manifestationsform der Tuberkulose im Kindesalter. Die unkomplizierte
Lymphknotentuberkulose verläuft häufig klinisch inapparent. Mit der
Zeit können sich die o. g. Allgemeinsymptome entwickeln. Symptome
wie Stridor oder Giemen können als Folge einer Kompression der Atemwege
durch vergrößerte Lymphknoten entstehen. Bei zunehmender
Inflammation kann es zu einer chronischen Hustensymptomatik kommen. Im
Gegensatz zur akuten bakteriellen Pneumonie zeigen selbst Kinder mit
fortgeschrittenem pulmonalem Befall häufig wenig akute
Krankheitszeichen.
Eine anterior-posteriore sowie laterale
Thorax-Röntgenaufnahme gehört zur Standarddiagnostik der pulmonalen
Tuberkulose. Besonders im Kindesalter hilft die laterale Aufnahme,
vergrößerte mediastinale und hiläre Lymphknoten zu erkennen.
Kompressionen der Trachea oder Hauptbronchien sind besonders gut in
Hartstrahlaufnahmen zu erkennen und sind oft ein indirektes Zeichen für
Lymphknotenschwellung. Der Ghon’sche Herd ist meist nur innerhalb der
ersten 6 – 8 Wochen nach Infektion radiologisch sichtbar,
während Lymphknotenschwellungen als Zeichen der Primärtuberkulose
bestehen bleiben. Folgen von Atemwegsverengungen, Lymphknoteneinbrüchen
oder Disseminierung zeigen sich bei einer komplizierten Tuberkulose als
Pneumonie, Segment- oder Lappenatelektasen oder mit einem miliaren Bild
[21]. Typische radiologische Veränderungen bei
pulmonaler Tuberkulose im Kindesalter sind in [Abb. 1] dargestellt (eine umfassendere Übersicht
kann kostenlos von der Homepage der International Union against Tuberculosis
and Lung Disease heruntergeladen werden: Diagnostic Atlas of Intrathoracic
Tuberculosis in Children. www.iuatld.org). Die radiologischen
Veränderungen sind jedoch oft untypisch, v. a. bei Kleinkindern
oder HIV-infizierten Kindern. Eine Lungentuberkulose kann daher mit einer
Thorax-Röntgenaufnahme alleine nicht sicher ausgeschlossen werden.
Abb. 1 Pulmonale
Manifestationen der Tuberkulose. Primärtuberkulose mit
Hiluslymphknotenvergrößerung und Kompression des rechten
Hauptbronchus (A) in der anterior-posterioren (A1) und lateralen
(A2) Thorax-Röntgenaufnahme. Die Lymphknoten zeigen in der CT
eine ringförmige Kontrastmittelanreicherung (B). Durch Kompression der
Hauptbronchien kann ein Ventileffekt entstehen, der zur Überblähung
einer Lunge führt (C). Durch Einbruch eines Lymphknotens in den Bronchus
(E, bronchoskopische Darstellung) und Streuung von infektiösem Material in
die Peripherie kommt es zur Entwicklung einer spezifischen Pneumonie, die
entweder einen Lungenlappen (D) oder die ganze Lunge betreffen kann (F). Stark
vergrößerte Lymphknoten müssen in seltenen Fällen
bronchoskopisch oder chirurgisch ausgeräumt bzw. entfernt werden (G).
Reaktivierung einer latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI) führt zur
Postprimärtuberkulose mit Ausbildung von Kavernen (H).
Bei Verdacht auf komplizierte Formen oder Miliartuberkulose kommt
die Computertomografie (CT) zum Einsatz. Ein radiologisches Zeichen für
tuberkulöse Lymphknoten ist eine ringförmige
Kontrastmittelanreicherung (enhancement) um vergrößerte Lymphknoten
([Abb. 1]).
Kavernen, meist in den apikalen Segmenten der Unterlappen oder
Pleuraergüsse, sind ein typisches Zeichen der
Postprimärtuberkulose.
Pleuritis und Pericarditis tuberculosa
Pleuraergüsse kommen bei bis zu 38 %,
Perikardergüsse bei 1 – 2 % der Kinder
mit intrathorakaler Tuberkulose vor [22]. Bei Verdacht
sollte eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt werden.
Extrathorakale Tuberkulose
In Deutschland wurden 2006 22,6 % der Kinder mit
einer extrapulmonalen Tuberkulose diagnostiziert [7].
Eine gleichzeitig bestehende pulmonale Beteiligung sollte immer radiologisch
ausgeschlossen werden. Häufige Manifestationsformen der extrathorakalen
Tuberkulose sind in [Abb. 2] dargestellt.
Abb. 2 Dissemination und
extrapulmonale Manifestationen der Tuberkulose. Eine hämatogene Streuung
von Mykobakterien kann zur Ausbildung einer Miliartuberkulose führen. Im
Röntgenbild und in der CT sind über die gesamte Lunge
gleichmäßig verteilte kleinste Granulome
(„millet-seeds”) sichtbar (A). Die häufigste Form der
extrapulmonalen Tuberkulose ist der Befall zervikaler Lymphknoten, meist ein-,
in dieser Darstellung bei einem 4-jährigen Mädchen beidseitig (B).
Die Spondylitis tuberculosa kann zum Zusammenbruch von Wirbelkörpern und
Ausbildung eines Gibbus führen (C). Tuberkulome und meningeale
Kontrastmittelanreicherung sind typische Zeichen einer Meningitis tuberculosa
(D).
Am häufigsten kommt es zum unilateralen Befall der
zervikalen Lymphknoten mit einer initial schmerzlosen,
prallen Schwellung. Im Verlauf können die Lymphknoten konfluieren und,
wenn unbehandelt, die Haut ulzerieren und perforieren. Allgemeinsymptome sind
selten. Beim Auftreten einer persistierenden zervikalen Lymphadenopathie, die
nicht auf Breitspektrumantibiotika anspricht, sollte eine
Lymphknotentuberkulose sowie eine pulmonale Tuberkulose ausgeschlossen werden.
Differenzialdiagnostisch kommen vor allem im Kleinkindalter so genannte
nicht-tuberkulöse Mykobakterien (NTM) als Erreger infrage, am
häufigsten Mycobacterium avium. Die Inzidenz der
durch NTM verursachten Mykobakteriosen bei Kindern scheint in Deutschland und
anderen westeuropäischen Ländern in den letzten Jahren anzusteigen
[23]
[24]
[25]
[26]. Die Differenzierung der
einzelnen Erregergruppen ist von Bedeutung, da sich ihre Therapie
unterscheidet. Während die Tuberkulose obligat medikamentös behandelt
wird, werden mit NTM befallene Lymphknoten nur chirurgisch exzidiert
[27]. Eine additive medikamentöse Therapie ist
selten indiziert [28].
Die Knochen- oder Gelenkstuberkulose
entsteht aus noch nicht geklärten Gründen meist erst
3 – 5 Jahre nach der Primärinfektion
[29]. Prädilektionsstelle ist die Wirbelsäule,
v. a. die untere Brust- und Lendenwirbelsäule [11]. Lang andauernde Rückenschmerzen und
Gewichtsverlust sind oft das erste Zeichen einer Spondylitis tuberculosa, im fortgeschrittenen Stadium
kommt es zum Auftreten einer fortschreitenden Kyphose und Ausbildung eines so
genannten Gibbus, verursacht durch den Einbruch von Wirbelkörpern. Eine
Einengung des Spinalkanals kann zu neurologischen Ausfällen führen.
Ein paraspinaler oder Psoasabszess, der Schmerzen bei der Hüftbeugung
verursacht, ist eine häufige Komplikation.
Meningitis tuberculosa
Die tuberkulöse Meningitis, eine der schwerwiegendsten
Formen der Tuberkulose, kann, meist 3 – 12 Monate nach der
Primärinfektion, durch den Einbruch von tuberkulösen Herden in den
Subarachnoidalraum entstehen [11]
[29]. Am häufigsten sind Kleinkinder betroffen. In
Deutschland wurden 2006 4 Kinder mit einer Meningitis tuberculosa
diagnostiziert [7]. Es kommt zu einer massiven
granulomatösen Inflammation, Hyperkoagulopathie und lokalen Vaskulitis
[30]. Im Liquor finden sich oft vermehrt Lymphozyten,
erhöhtes Eiweiß und erniedrigte Glukosewerte
(< 50 % des Blutglukosewertes), eine
Serum-Hyponatriämie ist ebenfalls häufig.
Initialsymptome der Meningitis tuberculosa wie Abgeschlagenheit,
Appetitmangel und leichte Stimmungsschwankungen, aber auch Kopfschmerzen,
Übelkeit und Erbrechen entwickeln sich meist schleichend. Sie sind
unspezifisch und führen häufig zu Fehldiagnosen wie Gastroenteritis
oder unspezifische Atemwegsinfektionen. Im Verlauf kommt es zu fokalen
Symptomen wie Hirnnervenausfällen. Vaskulitis und Hyperkoagulabilität
mit erniedrigtem Protein S und erhöhtem Faktor VIII erhöhen das
Risiko für Hirninfarkte [30]. Eine Obstruktion des
Liquorflusses bzw. vermehrte Produktion bewirken die Ausbildung eines
Hydrozephalus mit Entwicklung von Hirndruckzeichen. Im Spätstadium kommt
es zum Koma ([Tab. 1]). In der CT stellt sich die
meningeale Entzündung als basale Kontrastmittelanreicherung dar,
Hydrozephalus und Infarkte können ebenfalls vorhanden sein.
Zusätzlich finden sich im Verlauf häufig Tuberkulome im Gehirn, die
je nach Lokalisation fokale Symptome, aber auch Hirndruckzeichen auslösen
können [33] ([Abb. 2]). Statt des CT eignet sich auch die
Magnetresonanztomografie (MRT) für die Diagnose der Meningitis
tuberculosa. In ca. 30 – 50 % der Fälle
bestehen gleichzeitig tuberkulöse Veränderungen in der
Röntgenaufnahme des Thorax [32].
Tab. 1 Klinische Stadien
und Prognose der Meningitis tuberculosa (nach [11]
[31]
[32]).
Stadium
| Symptome
| Prognose
|
Stadium I
| Glasgow Coma Scale
(GCS) 15, leichte meningeale Reizung, unspezifische Symptome wie
Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit
| komplette Remission in
den meisten Fällen
|
Stadium II
| GCS
11 – 14, Verwirrung, fokale Zeichen wie
Hirnnervenausfälle
| inkomplette Remission
mit mentalen oder physischen Symptomen
|
Stadium III
| GCS 10, Stupor/Koma,
mit oder ohne fokale Ausfälle, komplette Hemiplegie, seltener Tetraplegie
| in 30 %
letal, schwere mentale oder physische Schädigung
|
Die Mortalität der Meningitis tuberculosa ist bei
fortgeschrittenen Verläufen hoch, die frühe Diagnose und Behandlung
sind daher prognostisch von großer Bedeutung [32].
Langzeitfolgen wie Wahrnehmungsstörungen, Lernschwierigkeiten, emotionale
Instabilität, aber auch motorische Defizite sind vor allem bei
fortgeschrittenen Verläufen häufig [32]
[34].
Miliartuberkulose
Die Miliartuberkulose macht im Kindesalter ca.
0,5 % der Tuberkulosen aus [35]. Sie kommt
überwiegend im Säuglings- und Kleinkindalter vor und die
Mortalität ist trotz Behandlung aufgrund der häufig späten
Diagnosestellung relativ hoch (15 – 20 %)
[35]. Durch Einbruch eines verkäsenden Herdes in
die Blutbahn und konsekutive massive hämatogene Streuung gelangen
Mykobakterien als Mikroemboli in verschiedene Organe und es kommt zur
Ausbildung von multiplen < 2 mm großen
hirsekornähnlichen (milium = das Hirsekorn)
Granulomen. Am häufigsten ist dies in der Lunge erkennbar. Per
definitionem gehört zur Diagnose der Miliartuberkulose entweder die
Präsenz von miliaren Infiltraten im Thorax-Röntgenbild oder der
Nachweis von miliaren Tuberkeln in mehreren Organen mittels Sonografie oder
ggf. MRT [35]. Die klinischen Symptome sind initial eher
unspezifisch mit Fieber, Gewichtsverlust und Müdigkeit, können aber
im weiteren Verlauf lebensbedrohliche Formen annehmen.
In ca. 20 – 40 % der
Fälle besteht parallel eine tuberkulöse Meningitis, die in jedem
Falle mittels Bildgebung und Lumbalpunktion ausgeschlossen werden muss
[35]. Falls vorhanden, sind Tuberkel am Augenhintergrund
(kalkspritzerartig) pathognomonisch für eine Miliartuberkulose
[35].
Weitere, im Kindesalter sehr seltene Formen der extrathorakalen
Tuberkulose betreffen den Urogenitaltrakt und die
Haut.
Konnatale Tuberkulose
Eine extrem seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Form ist
die konnatale Tuberkulose. Die Tuberkulose bei einer Schwangeren wird aufgrund
der relativ unspezifischen Symptome sowie der oft zurückhaltenden
Durchführung von Thorax-Röntgenuntersuchungen häufig verkannt
[36]. Die Infektion einer Schwangeren, die an einer
tuberkulösen Plazentitis oder Endometritis leidet, wird hämatogen
über die Umbilikalvenen auf das Kind übertragen. Der primäre
Fokus findet sich meist in der Leber. Das Neugeborene kann Symptome wie Fieber,
Lymphadenopathie, Hepatomegalie, aufgetriebenes Abdomen zeigen
[37]
[38]. Die Infektion kann
jedoch auch peripartal durch Aspiration von Amnionflüssigkeit oder
direkten Kontakt mit infiziertem Gewebe stattfinden und zur
Primärinfektion der Lunge mit nachfolgenden pneumonieähnlichen
Symptomen und respiratorischer Insuffizienz führen. Das Risiko der
Dissemination ist hoch. Auch beim Neugeborenen sind die Symptome, die selten
direkt nach Geburt, sondern meist erst nach 2 – 3 Wochen
beginnen, unspezifisch und werden häufig mit bakterieller Sepsis oder
anderen neonatalen Infektionen verwechselt [36]
[37]
[38].
Der THT ist zum Zeitpunkt der Diagnose fast immer negativ, bei Verdacht sollte
die Plazenta der Mutter post partum histologisch auf Granulome untersucht
werden [37].
Diagnostik der LTBI und der Tuberkulose im Kindesalter
Diagnostik der LTBI und der Tuberkulose im Kindesalter
Diagnose der LTBI
Die Diagnose der LTBI basiert auf einer Expositionsanamnese, der
Einschätzung des Infektionsrisikos, einem positiven THT, neuerdings
bestätigt durch einen IFN-γ Release Assay (IGRA, siehe unten), sowie
dem Ausschluss von klinischen Symptomen und Veränderungen im
Thorax-Röntgenbild, die für eine aktive Tuberkulose sprechen.
Ein einfacher Fragebogen hilft, das Risiko für eine
tuberkulöse Infektion mit einer hohen Wahrscheinlichkeit
auszuschließen [39]
[40]:
-
Hat Ihr Kind Kontakt zu einer Person mit Tuberkulose
gehabt?
-
Ist Ihr Kind oder jemand aus Ihrer Familie in einem Land mit
einer hohen Tuberkulosehäufigkeit geboren oder hat sich innerhalb der
letzten 2 Jahre für längere Zeit in einem solchen Land aufgehalten
(z. B. Osteuropa, Russland, Afrika, Ostasien)?
-
Hat Ihr Kind regelmäßig Kontakt mit
Jugendlichen/Erwachsenen, die ein hohes Tuberkulose-Risiko besitzen
(z. B. Obdachlose, Drogen-/Alkoholabhängige, HIV-Infizierte
Personen)?
-
Hat Ihr Kind eine HIV-Infektion oder einen Immundefekt?
Es wird empfohlen, dass Kinderärzte diesen Fragebogen
jährlich abfragen. Falls eine der Fragen mit „ja”
beantwortet wird, sollte gezielt ein THT durchgeführt und ggf. eine
weitere Diagnostik und Therapie eingeleitet werden [40]
[41]. Zusätzlich sollte bei
Kindern mit verdächtigen klinischen Symptomen wie persistierendem
Nachtschweiß, Husten, Gewichtsverlust oder Abgeschlagenheit, eine
Tuberkulose in die differenzialdiagnostischen Überlegungen eingeschlossen
werden.
Der THT wird nach der Mendel-Mantoux-Methode mit 0,1 ml
Tuberkulin PPD RT23 (Staatens Serum Institute Kopenhagen, Dänemark)
durchgeführt [42]. Das Ergebnis wird nach
48 – 72 Stunden als transversaler Indurationsdurchmesser in
mm ermittelt und sollte im Impfausweis dokumentiert werden. Eine
Hautrötung alleine hat keinen diagnostischen Stellenwert und wird bei der
Ausmessung nicht berücksichtigt. Für die Interpretation eines
positiven THT wurden verschiedene Indurations-cut-off-Werte festgelegt, die das
Alter des Kindes sowie epidemiologische und andere Risikofaktoren einbeziehen
([Tab. 2]) [43]
[44]. Der THT kann aufgrund von Kreuzreaktivität mit
NTM sowie nach BCG-Impfung falsch positiv ausfallen (geringe Spezifität)
[45]. Die BCG-Impfung spielt in Deutschland vor allem
bei Immigrantenkindern noch eine Rolle, NTM-Infektionen sind jedoch vor allem
bei Kleinkindern häufig. Auf der anderen Seite kommen falsch-negative
Ergebnisse bei immunsupprimierten oder schwer kranken Kindern, aber auch kurz
nach Impfungen mit Lebendimpfstoffen (Masern, Röteln, Mumps, Windpocken),
während oder nach akuten Virusinfektionen vor [44].
Tab. 2 Tuberkulin-Hauttest
(THT): Interventions-cut-offs zur Interpretation des Indurationsdurchmessers
(nach [43]
[44]).
Induration
| Risikopopulation
|
> 5 mm
| Kinder mit
kürzlichem Kontakt zu infektiöser
Tuberkulose HIV-infizierte Kinder
|
> 10 mm
| Kinder < 4 Jahre ohne Kontakt zu Tuberkulose oder
Risikogruppen Kinder mit regelmäßigem Kontakt zu
Risikopopulationen Kinder mit dokumentierter THT-Konversion innerhalb
der letzten 2 Jahre
|
> 15 mm
(Starkreaktion)
| Kinder > 4 Jahre ohne Kontakt zu Tuberkulose oder
Risikogruppen BCG-geimpfte Kinder
|
In vitro Diagnostik der tuberkulösen Infektion
Die in den letzten Jahren entwickelten Interferon Gamma Release
Assays (IGRAs) ermöglichen eine deutlich spezifischere Diagnose der
tuberkulösen Infektion im Kindesalter als der THT [46]. 2 methodisch unterschiedliche IGRAs sind in
Deutschland kommerziell erhältlich und zugelassen: QuantiFERON-TB®
Gold In-Tube (Cellestis, Australien) und T-SPOT.TB
(Oxford Immunotec, England). In diesen In-vitro-Testverfahren wird die IFN-γ-Produktion
durch aktivierte T-Zellen nach Stimulation mit tuberkulosespezifischen
Antigenen gemessen. Diese Antigene (ESAT-6, CFP-10, TB 7.7) werden von allen
Stämmen des Mycobacterium tuberculosis-Komplex
(Mycobacterium tuberculosis, Mycobacterium bovis,
Mycobacterium africanum, Mycobacterium microti, Mycobacterium canetti),
jedoch nicht von BCG-Impfstämmen sowie den häufig bei Kindern
vorkommenden NTM wie Mycobacterium avium produziert.
Dies bedingt die hohe Spezifität der Tests. Kreuzreaktivität
verursachende Ausnahmen sind einige wenige NTM (Mycobacterium kansasii, Mycobacterium
szulgai, Mycobacterium marinum und
Mycobacterium flavescens), die jedoch im Kindesalter
eher eine geringe Rolle spielen.
Wie der THT können die IGRAs nicht zwischen tuberkulöser
Infektion und Erkrankung unterscheiden. IGRAs besitzen bei immunkompetenten
Erwachsenen und Kindern eine ähnliche Sensitivität, aber eine
deutlich höhere Spezifität als der THT [46]
[47]
[48]
[49].
Bei immunsupprimierten, HIV-infizierten Personen ist die Sensitivität der
IGRAs dem THT deutlich überlegen [50]. Die Daten
für Kinder sind weiterhin limitiert, aber auch hier scheint die
Sensitivität der IGRAs, v. a. des T SPOT.TB, in Risikogruppen wie HIV-infizierten und
unterernährten Kindern dem THT überlegen [51]
[52]. Im Gegensatz zum THT
zeichnen sich die IGRAs durch ihre Unterscheidungsfähigkeit zwischen
Infektionen durch Mycobacterium tuberculosis (THT und
IGRA positiv) versus NTM (THT positiv, IGRA negativ) aus [48]. Der Stellenwert der Tests für die Diagnose der
aktiven Tuberkulose, vor allem bei sehr jungen oder schwer kranken Kindern, ist
bislang unklar.
IGRAs korrelieren besser mit einem Expositionsrisiko als der THT
sowie, wie die Ergebnisse einer aktuellen deutschen Studie annehmen lassen, mit
dem Risiko der Entwicklung einer manifesten Tuberkulose [53]
[54]. Fast zeitgleich erschienene
Daten aus Gambia zum prädiktiven Vorhersagewert zeigen jedoch keine
signifikanten Unterschiede zwischen IGRA und THT bezüglich des
Erkrankungsrisikos tuberkuloseexponierter Personen [55].
Dies lässt vermuten, dass Einsatz und Interpretation der IGRAs, genauso
wie die des THT, von dem epidemiologischen Umfeld abhängen, in dem der
Test durchgeführt wird.
Aufgrund der vorliegenden Studienergebnisse und nach
Kosten-Nutzen-Analysen werden IGRAs mittlerweile in vielen westlichen
Industrieländern für die Diagnostik der tuberkulösen Infektion
empfohlen [56]
[57]
[58]
[59]
[60]
[61]. Die Empfehlungen variieren
jedoch in verschiedenen Punkten, wie z. B. dem Einsatz der Tests im
Kindesalter. In Deutschland wird seit 2007 für Erwachsene und Kinder ein
stufenweises Testverfahren empfohlen: um die diagnostische Spezifität zu
erhöhen, sollte ein positiver THT durch einen der beiden IGRAs
bestätigt werden. Fällt der IGRA ebenfalls positiv aus, liegt eine
Infektion mit Mycobacterium tuberculosis vor, die nach
dem Ausschluss einer aktiven Tuberkulose präventiv behandelt werden sollte
[60]
[1].
In Frankreich und Kanada sind die IGRAs aufgrund der unzureichenden Datenlage
noch nicht für Kinder empfohlen [58]
[61].
Je nach Risikoprofil der zu untersuchenden Person eignen sich die
IGRAs bei bestimmten Fragestellungen zur Erhöhung der diagnostischen
Sensitivität oder Spezifität ([Tab. 3])
[40]. Bei Kindern mit hohem Risiko für eine aktive
Tuberkulose sollte ein IGRA daher zusätzlich zum THT durchgeführt
werden. In solchen Fällen sollte dann jeder positive Test (THT oder IGRA)
als Hinweis auf eine spezifische Infektion gewertet werden. Bei
immunkompetenten Kindern mit niedrigem Infektionsrisiko schließt ein
negativer IGRA bei gleichzeitig positivem THT eine Infektion hingegen
weitgehend aus.
Tab. 3 Besondere
Indikationen zur Durchführung eines Interferon-γ Release-Assays
(IGRA) [40].
Zur
Erhöhung der diagnostischen
|
Sensitivität
| Spezifität
|
Kinder mit
hohem Infektionsrisiko:
| Kinder mit
geringem Risiko für eine tuberkulöse
Infektion:
|
bei Verdacht auf akut
lebensbedrohliche Tuberkulose Anergie im THT bei starkem Verdacht auf
eine tuberkulöse Infektion exponierte
Neugeborene/Säuglinge vor Organtransplantation vor dem
Gebrauch von Immunsuppressiva wie TNF-α-Inhibitoren
| Ausschluss einer
tuberkulösen Infektion bei Kindern mit positiven THT und unklarer oder
ohne Expositionsanamnese (niedriges Risiko) Diskriminierung zwischen
Infektion Mycobacterium tuberculosis versus NTM
|
(In diesen
Sonderfällen sollte ein IGRA zusätzlich zum
THT durchgeführt und ein positives Ergebnis zu einem der Tests als Zeichen
einer Infektion gewertet werden)
| |
Das Ergebnis eines IGRAs sollte daher immer im Kontext des
individuellen Risikos gesehen und interpretiert werden. Die Tests sollten
außerdem in einem erfahrenen Labor durchgeführt werden. Da es sich
um eine Untersuchung vitaler Zellen handelt, ist es wichtig, die Proben
innerhalb des von den Herstellern empfohlenen Zeitrahmens ins Labor zu schicken
[62]
[63].
Ungeklärt ist noch, inwieweit sich IGRAs zur Kontrolle des
Therapieerfolges nach Abschluss einer antituberkulösen Chemotherapie oder
zur Diagnose bei fraglicher Re-Infektion nach vorheriger Infektion oder
Erkrankung eignen.
Diagnose der Tuberkulose
Bei Nachweis einer tuberkulösen Infektion oder beim
Vorhandensein von verdächtigen Symptomen muss eine klinisch manifeste Tuberkulose in jedem Falle
ausgeschlossen werden. Zur primären Standarddiagnostik gehört eine
Thorax-Röntgenaufnahme in 2 Ebenen bzw. die bildgebende Darstellung
fraglich betroffener Organe.
Der Goldstandard für die Diagnose einer Tuberkulose ist der
kulturelle Nachweis von Mycobacterium tuberculosis.
Mittels moderner Flüssigmedien können positive Ergebnisse bereits
nach 1 – 2 Wochen vorliegen [64]
[65]. Bei jedem positiven Erstisolat muss obligat eine
Resistenztestung durchgeführt werden.
Für die Mykobakterienkultivierung werden Sputum oder bei
Säuglingen und Kleinkindern Nüchternmagensaft gewonnen. Durch
Inhalation mit hochprozentiger Kochsalzlösung induziertes Sputum ist eine
geeignete, gut reproduzierbare, auch bei Säuglingen anwendbare Alternative
zur Gewinnung von Magensaft [66]. Ggf. ist eine
diagnostische Bronchoskopie und bronchoalveoläre Lavage (BAL) indiziert.
Aufgrund der im Kindesalter meist paucibazillären Tuberkulose liegt die
Sensitivität für den mikroskopischen Nachweis von säurefesten
Mykobakterien mittels Ziehl-Neehlsen-Färbung mit
10 – 15 % deutlich unter der
Sensitivität bei Erwachsenen (20 – 80 %,
im Durchschnitt ca. 60 %) [67]
[68]. Dennoch sollte der färberische Nachweis immer
versucht werden, vor allem bei älteren Kindern, die eine kavernöse,
„adult-type”-Tuberkulose mit hohen Bakterienzahlen aufweisen
können. Der kulturelle Nachweis von Mycobacterium
tuberculosis gelingt bei Kindern mit Verdacht auf pulmonale Tuberkulose
nur in ca. 30 – 40 %, bei Kindern mit
ausgedehnter Lungentuberkulose (z. B. Lymphknoteneinbruch) jedoch in bis
zu 70 % [67]
[69].
Bei Verdacht auf extrapulmonale Tuberkulose sollte für die
Mykobakterienkultur nach Möglichkeit Material vom Ort der vermuteten
Infektion entnommen und bakteriologisch sowie ggf. histologisch untersucht
werden (z. B. Liquor, Gelenkpunktat, Knochenmark, Biopsiematerial).
Nukleinsäureamplifikationstechniken (NAT) wie die
Polymerasekettenreaktion (PCR) erlauben bei Verdacht eine schnellere Diagnose
als die Mykobakterienkultur und ermöglichen die Unterscheidung zwischen
Mycobacterium tuberculosis und NTM. Die
Sensitivität sowie der negative prädiktive Wert schwanken jedoch
stark und hängen von dem untersuchten Material sowie der angewandten
Methode ab [70]. Laborkontaminationen sind häufig.
Die Sensitivität und Spezifität serodiagnostischer Tests für
Tuberkulose ist bislang unzureichend [71].
Prävention und Management der Tuberkulose
Prävention und Management der Tuberkulose
Die WHO hat 2006 Empfehlungen für das Management der
Tuberkulose im Kindesalter veröffentlicht, die als Grundlage für die
Entwicklung nationaler Tuberkulose-Richtlinien dienen sollen
[72]. Diese Empfehlungen richten sich jedoch
überwiegend an einkommensschwache Länder mit einer mittleren bis
hohen Tuberkuloseinzidenz. In den westlichen Industrieländern mit
niedrigen Inzidenzen bedarf es einer Anpassung dieser Empfehlungen in Bezug auf
Umgebungsuntersuchungen, zur Verfügung stehender Diagnostika sowie die
Empfehlungen für präventive Chemotherapie [40]
[73].
Prävention
Eine effektive Schutzimpfung gegen Tuberkulose wäre als
Präventionsmaßnahme wünschenswert. Die Angaben zur
präventiven Wirksamkeit der BCG-Impfung schwanken zwischen
0 – 80 % mit einem Durchschnitt von
50 % [74]. Die Hauptwirkung der Impfung
liegt im Schutz vor disseminierter Tuberkulose (Meningitis tuberculosa und
Miliartuberkulose) bei Säuglingen und Kleinkindern, weniger in der
Prävention einer Infektion und pulmonaler Tuberkulose [74]
[75]
[76].
Die postnatale Impfung wird überwiegend für Länder mit einer
hohen Tuberkuloseinzidenz und auch noch in einigen europäischen
Ländern empfohlen [77]. In Deutschland wird die
BCG-Impfung aufgrund von ungünstigen Nutzen-Risikoanalysen seit 1998 nicht
mehr empfohlen [78].
Das wichtigste Ziel präventiver Maßnahmen in einem
Tuberkulose-Niedriginzidenzland wie Deutschland bleibt daher, neben der raschen
Auffindung infektiöser Erkrankter, die frühe Erkennung und Behandlung
der tuberkulösen Primärinfektion (LTBI).
Die Tuberkulose ist in Deutschland eine nach dem
Infektionsschutzgesetz meldepflichtige Erkrankung. Nicht gemeldet wird die
tuberkulöse Infektion oder Infektionen mit NTM. Nach Meldung einer an
Tuberkulose erkrankten Person initiiert die zuständige
Gesundheitsbehörde eine Umgebungsuntersuchung. Auf diesem Weg können
die meisten infizierten bzw. bereits erkrankten Kinder frühzeitig
diagnostiziert werden.
Infektionsprävention: Expositionsprophylaxe
Kinder unter 5 Jahren mit gesicherter Exposition sollten in jedem
Fall frühzeitig prophylaktisch mit Isoniazid (INH) behandelt werden, auch
wenn der initiale THT negativ ausfällt [60]. Diese
Maßnahme dient der Verhinderung einer Infektion bzw. des Fortschreitens
einer frischen Infektion zu einer Erkrankung. Je nach Risikoprofil sollte ggf.
auch bei Kindern zwischen 5 – 15 Jahren eine
Expositionsprophylaxe in Erwägung gezogen werden. Nach 3 Monaten muss der
THT und/oder ein IGRA wiederholt werden. Bleibt der Test negativ, kann die
Prophylaxe beendet werden. Zu diesem Zeitpunkt sollte auch der Indexfall
effektiv behandelt sein und negative Kulturen aufweisen. Jeder positive Test
(THT oder IGRA) nach 3-monatiger Chemoprophylaxe ist als Konversion und
Ausdruck der Infektion zu werten und die Behandlung sollte, nach Ausschluss
einer aktiven Tuberkulose, für weitere 6 Monate entsprechend der
Chemoprävention der LTBI fortgesetzt werden.
Ein klassischer Fall für die Expositionsprophylaxe ist das
Neugeborene einer Mutter mit infektiöser Tuberkulose. Unter der
Voraussetzung, dass die Mutter effektiv behandelt wird, das Kind eine
Chemoprophylaxe erhält, hygienische Standards gewährleistet sind und
die Mutter bis zur Sputumnegativierung einen Mund-Nasenschutz trägt, ist
eine Trennung von Mutter und Kind nicht unbedingt erforderlich. Eine
antituberkulotische Behandlung der Mutter stellt keine Kontraindikation
für das Stillen dar. Bei extrem hoher Infektiosität der Mutter oder
medikamentenresistenter Tuberkulose kann zu diesem Vorgehen primär nicht
geraten werden.
Therapie der LTBI: Chemoprävention
Die Therapie der LTBI dient der Prävention einer Erkrankung
und wird in Deutschland sowie den meisten westlichen Industrieländern
für alle Kinder (0 – 15 Jahre) empfohlen
[43]
[44]
[57]. Die beste präventive Wirksamkeit wird mit einer
Behandlung mit INH über 9 Monate erreicht, die in Deutschland und den USA
empfohlen wird [43]
[44]
[79]
[80]. Einige Länder sowie
die WHO empfehlen einen kürzeren Behandlungszeitraum von 6 Monaten, der
wahrscheinlich in vielen Fällen ebenfalls ausreichend ist
[57]
[72]. Eine anscheinend
effektive Alternative ist die kombinierte Gabe von INH und RMP über 3
Monate, die aufgrund der verkürzten Therapiedauer die Compliance deutlich
verbessert [81]
[82]
[83]
[84]. Die Eltern sollten zu
Beginn der Behandlung über mögliche Symptome einer Tuberkulose
aufgeklärt werden. Folgeuntersuchungen einschließlich
Thoraxröntgenuntersuchung sollten nach 3 Monaten, zum Ende der
Chemoprävention sowie 1 – 2 Jahre nach Beendigung der
Chemoprävention stattfinden.
Therapie der Tuberkulose: Chemotherapie
Zur Behandlung der medikamentensensiblen Tuberkulose stehen INH,
Rifampicin (RMP), Pyrazinamid (PZA), Ethambutol (EMB) und Streptomycin (SM) als
Erstrangmedikamente zur Verfügung, die in Kombination sterilisierend und
teilweise auch bakterizid auf sich unterschiedlich schnell vermehrende Keime
wirken.
Aufgrund der Verteilungsvolumina ist die Dosierung nach
Körperoberfläche im Kindesalter am exaktesten, alternativ kann nach
Kilogramm Körpergewicht (kg/KG) dosiert werden [85]
[86]. Wichtig ist es, die Kinder
im Verlauf der Behandlung regelmäßig zu wiegen und ggf. die
Dosierungen anzupassen ([Tab. 4]).
Tab. 4 Medikamente der
ersten Wahl zur Behandlung der Tuberkulose [nach [40]).
Medikament
| Dosis
| Hauptnebenwirkungen und
Monitoring
|
Isoniazid (INH)
entspricht
ca. 0 – 5
Jahre 6 – 9
Jahre 10 – 14
Jahre 15 – 18 Jahre
| 200 mg/m2
KO
8 – 10 mg/kgKG 7 – 8 mg/kgKG 6 – 7 mg/kgKG 5 – 6 mg/kgKG
max.
300 mg/Tag
| INH Hepatitis in ca.
0,44 % nach Beginn der Behandlung, dosisabhängige periphere
Neurotoxizität. Sehr selten: fatale primäre
Hepatopathie
Monitoring: Leberfunktion
(Transaminasen) 2, 4, 8 Wochen nach Beginn der Therapie, v. a. bei
Patienten mit bekannter Lebererkrankung oder bei Symptomen Vitamin B6
(Pyridoxin) Supplementierung bei Kleinkindern und dystrophen Kindern
(10 – 15 mg/Tag)
|
Rifampicin (RMP)
entspricht
ca. 0 – 5
Jahre 6 – 9
Jahre 10 – 14
Jahre 15 – 18 Jahre
| 350 mg/m2
KO
15 mg/kgKG 12 mg/kgKG 10 mg/kgKG 10 mg/kgKG
max.
600 mg/Tag
| Pruritus, meist
selbstlimitierend. Hepatopathie in ca. 0,5 %, besonders bei
Beginn der Behandlung. Orange Färbung der Körperflüssigkeiten
(Urin, Sputum, Tränen), über die die Eltern aufgeklärt werden
sollten.
Monitoring der Leberfunktion 2, 4,
8 Wochen nach Beginn der Therapie, v. a. bei Patienten mit bekannter
Lebererkrankung.
Cave: Starker
Enzyminduktor. Wirkungsminderung folgender Medikamente ist möglich:
Antikonvulsiva, Azidothymidin, Theophyllin, Antikoagulanten des Cumarin-Typs,
Kontrazeptiva, orale Antidiabetika, Digitoxin, Propanolol, Cyclosporin etc.
|
Pyrazinamid (PZA)
| 30 mg/kgKG/Tag
max.
TD 1,5 g (70 kgKG) 2 g
(> 70 kgKG)
| Asymptomatische, nicht
interventionsbedürftige Hyperurikämie häufig. Gelenkschmerzen,
besonders bei Beginn der Behandlung. Gastrointestinale Symptome häufig.
Akute Hepatitis in ca. 0,5 % der Patienten.
Monitoring: Transaminasen bei Patienten mit bekannter
Lebererkrankung (s. INH).
|
Ethambutol (EMB)
entspricht
ca. 0 – 5 Jahre > 5 Jahre
| 850 mg/m2
KO
30 mg/kgKG 25 mg/kgKG
max.
TD 1,75 g
| Optikusneuritis mit
Einschränkung der Sehschärfe und des
Rot-Grün-Sehens
Monitoring:
Augenärztliche Untersuchung vor, während und nach der Therapie
(für Kleinkinder spezielle Farbtafeln benutzen), regelmäßige
Symptomabfrage während der Therapie.
|
Streptomycin (SM)
| 20 mg/kg/KG/Tag,
i. m. oder i. v.
max. TD
0,75 g; Therapie-Gesamtdosis: 30 g/m2
KO
| Ototoxizität (N.
acusticus und N. vestibularis) Selten: Neurotoxizität,
Nephrotoxizität.
Monitoring:
Hörtests vor, während und nach der Therapie. Regelmäßige
Symptomabfrage. Kreatininwert vor Beginn der Behandlung
|
Die Dauer der anitituberkulotischen Chemotherapie richtet sich
nach der Lokalisation und dem Schweregrad der Erkrankung ([Tab. 5]). Falls kein kultureller Nachweis bei Kindern
gelingt, sollte entsprechend dem Resistenzprofil des Indexfalles behandelt
werden. Die Therapie besteht aus einer 2-monatigen Initialphase, in der INH,
RMP, PZA und bei komplizierteren Formen zusätzlich EMB (orale Gabe
möglich) oder SM gegeben werden. In einer Fortsetzungsphase, die bei
unkomplizierter Tuberkulose 4, bei komplizierten Formen 7 Monate und bei der
Meningitis tuberculosa 9 Monate dauert, wird mit INH und RMP behandelt
(Gesamtbehandlungsdauer 6 – 12 Monate, [Tab. 5]). Beim Vorliegen von extrapulmonalen
Tuberkuloseformen sollten ggf. entsprechende Organspezialisten hinzugezogen
werden.
Tab. 5 Therapiedauer (in
Monaten), abhängig von der Manifestationsform (nach [40]
[74]
[86]).
Manifestation
| Therapiedauer
| Initial- und
Fortsetzungsphase
|
unkomplizierte pulmonale
Tuberkulose periphere Lymphknotentuberkulose
| 6 (9 bei HIV-Infektion)
| 2 INH/RMP/PZA, 4 (7)
INH/RMP
|
komplizierte pulmonale
Tuberkulose extrapulmonale
Tuberkulose „Adult-Type” Tuberkulose
| 6 alternativ 9
| 2 INH/RMP/PZA/EMB, 4
INH/RMP
2 INH/RMP/PZA, 7 INH/RMP
|
Knochen-,
Gelenkstuberkulose
| 6 – 9
| 2 INH/RMP/PZA/EMB, 4
INH/RMP
|
disseminierte/Miliartuberkulose konnatale Tuberkulose
| 6 – 9
| 2 INH/RMP/PZA/EMB,
4 – 7 INH/RMP
|
Meningitis tuberculosa
| 9 – 12
| 2 – 3 INH/RMP/PZA/EMB oder SM,
7 – 9 INH/RMP
|
Bei der Meningitis tuberculosa kann EMB durch Protionamid ersetzt
werden, das eine bessere Liquorgängigkeit zeigt [88]
[89]. Alternativ steht SM
parenteral zur Verfügung. Bei Vorliegen eines kommunizierenden
Hydrozephalus können Furosemid und Azetazolamid gegeben werden, ein
nicht-kommunizierender Hydrozephalus ist ein Notfall und bedarf der Anlage
eines ventrikulo-peritonealen Shunts [75].
Der zusätzliche Nutzen von Steroiden in der Initialphase
konnte für die Meningitis tuberculosa und die tuberkulöse
Perikarditis gezeigt werden, während er für die Miliartuberkulose
nicht eindeutig belegt ist [35]
[87]
[90]. Bei der Meningitis
tuberculosa sollte aufgrund der guten Liquorgängigkeit Dexamethason
(0,6 mg/kg/Tag) gegeben werden, ansonsten ist Prednisolon
(2 mg/kg/Tag) geeignet [32]
[87]
[91]
[92].
Bei Atemwegsobstruktion, verursacht durch vergrößerte
Lymphknoten, kann ebenfalls initial mit Prednisolon behandelt werden. Hier ist
die Datenlage jedoch unklar [93]. Bei unzureichender
klinischer Besserung oder bei schwerer Atemwegsobstruktion und Verdacht auf
Lymphknoteneinbruch ist eine Bronchoskopie zur Entfernung von käsigem
Material indiziert, in lebensbedrohlichen Fällen eine chirurgische
Enukleation von stark vergrößerten Lymphknoten.
Das Vorliegen von neurologischen Symptomen oder
Wirbelsäuleninstabilität bei der spinalen Tuberkulose bedarf ggf.
einer frühen chirurgischen Intervention [94].
Den Eltern fällt während der viele Monate dauernden
ambulanten Therapie der Tuberkulose die wichtige Aufgabe der
Therapieüberwachung zu. Bei Verdacht auf Non-Compliance muss eine direkt
überwachte Therapie (DOT) in Erwägung gezogen werden
[87]. Die Isolation eines Kindes zum Infektionsschutz
ist besonders beim Vorliegen einer mikroskopisch positiven Tuberkulose
notwendig. Der Besuch einer Betreuungseinrichtung ist erlaubt, wenn nach
ärztlichem Urteil keine Ansteckungsgefahr mehr besteht (bei primär
mikroskopischem Nachweis nach ca. 2 – 3 Wochen
Therapie).
Follow-up und Monitoring
Folgeuntersuchungen sind nach 1, 2 Monaten, zum Therapieende und
dann bei unauffälliger Klinik 12-monatlich über 2 Jahre sinnvoll
[40]. Falls initial positiv, sollten Kulturen bis zur
Sputumnegativierung alle 2 Monate wiederholt werden, bei zweifelhaftem
Ansprechen häufiger.
Die antituberkulotischen Medikamente werden von Kindern im
Vergleich zu Erwachsenen gut vertragen. Das Risiko einer durch INH, RMP oder
PZA induzierten Hepatitis ist sehr niedrig ([Tab. 4]) [95]
[96]. Eine durch EMB verursachte Optikusneuritis mit
visuellen Störungen kommt bei Kindern extrem selten vor
[85].
Vor Beginn der Behandlung sollte eine Kontrolle von Blutbild,
Nieren- und Leberfunktion erfolgen, bei der Gabe von EMB zusätzlich ein
Farbsehtest bzw. ophthalmologische Augenhintergrunduntersuchungen. Im Verlauf
sollte gezielt nach möglichen Nebenwirkungen gefragt und untersucht
werden. Kontrollen der Blutwerte sind vor allem bei Vorliegen von Leber- oder
Nierenfunktionsstörungen notwendig. Farbseh- und Hörtests sollten bei
der Gabe von EMB bzw. SM monatlich durchgeführt werden.
Innerhalb der ersten 2 – 3 Monate unter
antituberkulotischer Therapie kann es durch Immunrekonstitution bei
Antigenpersistenz zu einer reaktiven Vergrößerung betroffener
Lymphknoten kommen. Intrazerebrale Tuberkulome können sich ebenfalls
vergrößern bzw. sogar neu entstehen. In diesen Fällen ist
häufig eine prolongierte Behandlung mit Kortikosteroiden indiziert
[97]. Bei unzureichendem Ansprechen ist in
Einzelfällen und unter Einbeziehung eines Spezialisten ein Therapieversuch
mit Thalidomid sinnvoll [98]. Wenn diese Befunde im
weiteren Verlauf nicht rückläufig sind, muss ein Therapieversagen
(z. B. Medikamentenresistenz, Malabsorption) ausgeschlossen werden.
Sonderfall – Medikamentenresistente Tuberkulose
Daten zur präventiven Behandlung und Chemotherapie bei
Medikamentenresistenz im Kindesalter sind kaum vorhanden. Kinder mit Kontakt zu
oder Verdacht auf medikamentenresistente Tuberkulose sollten daher nach
Möglichkeit von Spezialisten betreut werden.
Neben dem Nachweis eines resistenten Mycobacterium-tuberculosis-Stammes sollte eine
Medikamentenresistenz in den folgenden Fällen vermutet werden
[75]:
-
Kinder mit Kontakt zu einer Person mit medikamentenresistenter
Tuberkulose
-
Kinder mit unzureichendem Ansprechen auf eine Behandlung mit
Erstrangmedikamenten
-
Bei Reaktivierung einer Tuberkulose nach unvollständiger
Behandlung
Amikacin, Fluorchinolone (sind im Kindesalter in Deutschland nicht
zugelassen), Para-Aminosalizylsäure, Cycloserin/Terizidon, Protionamid,
Linezolid und Capreomycin stehen als Zweitrangmedikamente zur Behandlung zur
Verfügung [40]. Viele dieser Medikamente sind nicht
für die Anwendung im Kindesalter evaluiert und ihr Einsatz ist wegen
möglicher Nebenwirkungen begrenzt. Die Erfahrungen und Dosierungsangaben
basieren meist auf Expertenempfehlungen. Dennoch kann die probate Behandlung
einer medikamentenresistenten Tuberkulose unter diesen Umständen
lebensrettend sein.
Chemoprävention
Bei Kindern mit Kontakt zu einer MDR-Tuberkulose ist eine
Chemoprävention mit INH wirkungslos [100].
Basierend auf Expertenempfehlungen sollte stattdessen mit 2 Medikamenten, die
bei dem Indexfall als sensibel getestet sind, für mindestens 6 Monate
behandelt und über 1 – 2 Jahre nachbeobachtet werden
[43].
Bei Kontakt zu einer Person mit INH-Monoresistenz kann
alternativ RMP über 4 – 6 Monate unter strenger
Überwachung der Compliance gegeben werden [44]
[57].
Chemotherapie
Bei nachgewiesener MDR-Tuberkulose (bei der Kontaktperson
und/oder dem Kind) muss initial für 6 Monate mit mindestens 4 wirksamen
Medikamenten, einschließlich eines Fluorchinolons sowie eines der
injizierbaren Medikamente, behandelt werden [87]. In der
Fortsetzungsphase sollten 3 der Medikamente gegeben werden. Durch das Wegfallen
wichtiger Standardmedikamente verlängert sich die Therapiedauer bei
MDR-Tuberkulose je nach Schweregrad auf 18 – 24 Monate nach
Erhalt der ersten negativen Kultur.
Bei entsprechender Verträglichkeit kann zusätzlich INH
bei MDR-Tuberkulose in hoher Dosierung (bis 18 mg/kg) trotz
INH-Resistenz in Erwägung gezogen werden, da bei Erwachsenen damit ein
verbesserter Therapieerfolg nachgewiesen wurde [100].
Bei der Therapie der medikamentenresistenten Tuberkulose ist eine engmaschige
Verträglichkeitskontrolle unbedingt erforderlich.
Zusammenfassung
Zusammenfassung
Trotz der positiven epidemiologischen Entwicklung in Hinblick auf
die Tuberkulose in Deutschland ist die Kenntnis der Besonderheiten dieses
Krankheitsbildes im Kindesalter von Bedeutung. Die Erkrankung bei Kindern ist
ein Indikator für die Übertragungsrate innerhalb der Gesellschaft.
Die Kindertuberkulose unterscheidet sich in ihrer klinischen Präsentation,
aber auch unter speziellen diagnostischen und therapeutischen Aspekten von der
Erwachsenentuberkulose. Kinder haben ein besonders hohes Risiko an Tuberkulose
zu erkranken, die frühe Diagnose und Therapie der Infektion oder
Erkrankung sind daher von grundlegender Bedeutung.