Klin Monbl Augenheilkd 2009; 226(10): 794-800
DOI: 10.1055/s-0028-1109649
Klinische Studie

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Binokularsehen bei Legasthenikern – Gibt es Unterschiede zu einer gesunden Vergleichsgruppe?

Binocular Status of Dyslexics – Are there Differences to a Healthy Comparison Group?P. Riebeling1 , E. Brunner1 , R. Großjohann1 , S. Clemens1
  • 1Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde, Universitätsklinikum der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
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Publikationsverlauf

Eingegangen: 14.5.2009

Angenommen: 24.6.2009

Publikationsdatum:
14. Oktober 2009 (online)

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Zusammenfassung

Hintergrund: Trotz bereits umfangreich vorhandener Studien zur Frage eines fraglichen Zusammenhangs zwischen möglichen Seheinschränkungen und der Legasthenie, welcher von augenärztlicher Seite mehrheitlich verneint wird, propagieren einige Optiker weiterhin eine Behandlung der Legasthenie durch die Korrektur einer „Winkelfehlsichtigkeit” nach MKH. Unser Ziel war es, auch unter Einbeziehung des Pola-Tests, den Sinn einer solchen Behandlung zu überprüfen. Patienten und Methoden: In einer prospektiven Studie wurden über 2 Jahrgänge die Kinder der 4. Klassen der Grundschulen unserer Stadt untersucht, bei denen durch die übliche Diagnostik eine Legasthenie gesichert wurde (n = 21). Verglichen wurden die Ergebnisse mit einer bezüglich der Lese-Rechtschreib-Fähigkeit unauffälligen gleichaltrigen Vergleichspopulation (n = 21). Untersucht wurden der Visus, die Stellung mittels Cover-Test, Maddox-Zylinder und Pola-Test für die Nähe, das Binokularsehen (Bagolini- und Worth-Test, Langtest I und II, Titmus-Test, Fusionsbreite), die Akkommodationsbreite, die Refraktion in Zykloplegie und der organische Befund. Ergebnisse: Ein signifikanter Unterschied fand sich zwischen den Legasthenikern und der Vergleichsgruppe bezüglich der Divergenzbreite in Nähe (p = 0,009) und Ferne (p = 0,019) (bei Legasthenikern kleiner) und dem binokularen Nahvisus (p = 0,04). Mithilfe der SAS-Prozedur STEPDISC konnte mittels der Parameter Divergenzbreite in der Nähe, Nahvisus und alternierender Prismen-Cover-Test in der Nähe mit einer Sensitivität von 81 % und einer Spezifität von 75 % zwischen den Legasthenikern und der Vergleichsgruppe unterschieden werden. Die Ergebnisse des Pola-Tests zeigten keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden untersuchten Gruppen. Schlussfolgerungen: Zwischen beiden untersuchten Gruppen konnte kein Unterschied bezüglich der Augenstellung nachgewiesen werden, sodass eine Behandlung der Legasthenie mit Prismen nicht sinnvoll ist. Aufgrund der kleinen Patientenzahl ist die Aussagekraft der Ergebnisse allerdings eingeschränkt.

Abstract

Background: Despite numerous studies dealing with the question of a possible relation of visual problems and dyslexia, which is negated by most ophthalmologists, some opticians still favour the treatment of dyslexia by correction of the ”Winkelfehlsichtigkeit” following MCH. Our aim was by also including the Pola test to check the usefulness of this treatment. Patients and Methods: In a 2-year prospective study we examined the 4th grade elementary school students in our city who had dyslexia as an assured diagnosis (n = 21). The results were compared to those of an age-matched group without pathological findings regarding their reading and spelling ability (n = 21). Examinations included visual acuity, eye position by cover test, Maddox cylinder and Pola test for near distance, binocular vision (Bagolini and Worth test, Lang test I and II, Titmus test, amplitude of fusion), amplitude of accommodation, refraction in cycloplegia and organic status. Results: A significant difference was found between the two groups regarding the amplitude of divergence in near (p = 0.009) and far distance (p = 0.019) which were both smaller for the dyslexia group, as well as the binocular near visual acuity (p = 0.04). Using the SAS procedure STEPDISC we discriminated the normal and dyslexia group by amplitude of divergence, near visual acuity and alternating near prism cover test with a sensitivity of 81 % and a specifity of 75 %. The results of the Pola test did not show any significant difference between the groups. Conclusions: No differences were found between the groups regarding the eye position. Therefore a treatment of dyslexia using prisms does not appear reasonable. However because of the group sizes the significance of the results is limited.