Vorgeschichte und Gründung
Vorgeschichte und Gründung
Manch Charakterzug wird uns Deutschen nachgesagt,
Leidenschaftlichkeit und leichte Entflammbarkeit freilich gehören nicht
dazu. Und doch gibt es eine Passion, der wir uns, wann immer möglich,
bereitwillig hingeben: es ist die Lust, Vereine zu gründen und Kongresse
zu organisieren. Schopenhauer bringt es auf den Punkt: „Vor die Wahl
gestellt, direkt in den Himmel aufgenommen zu werden oder ein Seminar
abzuhalten über die Vor- und Nachteile des himmlischen Lebens, würden
die meisten Deutschen sich sofort für das Seminar entscheiden.”
Warum sollten deutsche Lungenärzte sich anders verhalten? Stoff für
Seminare und Anlässe zu Vereinsgründungen jedenfalls bot die
Tuberkulose als eine die Medizin des 19. Jahrhunderts beherrschende Krankheit
jedenfalls zur Genüge.
Zunächst spielte sich die wissenschaftliche Diskussion
vorwiegend in den Printmedien ab, vor allem in den „Beiträgen zur Klinik der Tuberkulose” .
Seit 1882, dem „Kochjahr”, in dem auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin
gegründet wurde, gewannen die jährlichen
Tagungen dieser Gesellschaft in Wiesbaden zunehmend an Bedeutung. Die
Tuberkulose dominierte auch hier über Jahre die wissenschaftliche
Agenda.
Im Jahr 1895 konstituierte sich das Deutsche
Zentral-Komitee zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke,
das spätere Deutsche Zentralkomitee zur
Bekämpfung der Tuberkulose (DZK). Es förderte nicht nur den Bau
von Volksheilstätten, sondern organisierte auch Tagungen, so 1899 den
ersten großen wissenschaftlichen Tuberkulosekongress in Berlin, der auch
international weite Beachtung fand.
Weitere sieben Jahre später, 1906, schlossen sich die
süddeutschen Heilstättenärzte zu einer Vereinigung zusammen,
1910 folgte die Gründung der „Vereinigung der
Lungenheilanstaltsärzte”. Man könnte somit das Jahr 1906 mit
einiger Berechtigung auch als das Geburtsjahr der DGP bezeichnen. Die
American Thoracic Society jedenfalls feiert das Jahr
1905, in dem die American Sanatorium Association
gegründet wurde, als ihr Geburtsjahr. Aber der Prozess, der zur
Gründung der Deutschen Tuberkulose-Gesellschaft
(DTG) als Vorläufer der DGP führte, war – wie so manches
in unserem Land – um einiges komplexer.
Denn schon sechs Jahre später, im Jahr 1912, taten sich die
„interventionell” tätigen Lungenärzte zur
Vereinigung Pneumothorax arteficialis zusammen. Und
weitere acht Jahre später taten es ihnen die Fürsorgeärzte
gleich und riefen die Gesellschaft deutscher
Tuberkulosefürsorgeärzte ins Leben. Alle hielten sie mehr oder
minder regelmäßige Sitzungen, Seminare und Symposien ab. Auch
organisierte man sich in einer eigenen Arbeitsgemeinschaft und traf sich bei
gemeinsamen Tagungen. Da aber die Universitäten in dieser
Arbeitsgemeinschaft nicht vertreten waren, strebte man an, „die Vertreter der ärztlichen Wissenschaften, die
bisher nur als gern begrüßte und in jeder Hinsicht anregende
Gäste auf den wissenschaftlichen Tagungen mitgewirkt haben, nunmehr zur
verantwortlichen Mitarbeit heranzuziehen”.
Aus diesem Gedanken heraus gründeten die beiden Organisationen
der Heilstätten- und Fürsorgeärzte im Frühjahr 1925 bei
ihrer Tagung in Danzig die Deutsche
Tuberkulose-Gesellschaft (DTG) . Die treibende Kraft und erster
Vorsitzender war Dr. Otto Ziegler, Leiter der Heilstätte Heidehaus bei
Hannover ([Abb. 1 ]). Die Satzung legte fest, dass
im Vorstand die „drei Gruppen von
Ärzten” – Universität, Heilstätte und
Fürsorge – im zweijährlichen Wechsel den Vorsitz
übernehmen sollten. Zum Gründungszeitpunkt hatte die DTG 379
Mitglieder, 252 kamen von den Lungenheilanstaltsärzten und 127 von der
Gesellschaft deutscher Tuberkulosefürsorgeärzte. Trotz der lautstark
verkündeten Einigkeit hielten die Spannungen zwischen den beiden
Organisationen an und noch viele Jahre tagte man getrennt – während
und zwischen den DTG-Tagungen. Erst 1937 endete mit der Auflösung der
Vereinigung deutscher Tuberkuloseärzte die
„Seminaritis”, fortan tagte nur mehr die DTG, wegen des Krieges
aber nur noch 1939 und 1941.
Abb. 1 Otto Ziegler
(1879 – 1931), Gründungsmitglied und erster
Vorsitzender der Deutschen Tuberkulosegesellschaft.
Vorkriegsjahre und NS-Zeit
(1926 – 1941)
Vorkriegsjahre und NS-Zeit
(1926 – 1941)
Die 1. Tagung der DTG fand unter der Leitung von Otto Ziegler in
Düsseldorf statt und wurde ein großer Erfolg. Düsseldorf war
als Tagungsort mit Vorbedacht und zwar aus nationalen Motiven gewählt
worden, ähnlich wie bei der Gründung der DTG das unter dem Mandat des
Völkerbunds stehende Danzig – ein Jahr zuvor war die Besetzung des
Ruhrgebietes durch Frankreich beendet worden. In seiner Eröffnungsrede
ließ Ziegler dies deutlich anklingen: „Daß wir dieses für uns bedeutungsvolle
Ereignis in dem schönen Düsseldorf feiern dürfen, das, kaum
befreit von den Fesseln einer schmachvollen Besatzung, in seiner
großzügigen Ausstellung sich zu einer Tat empor gerafft hat, die die
größte Bewunderung verdient, empfinden wir mit besonderer
Dankbarkeit”.
Ein wichtiger Punkt, der sich für die Entwicklung der deutschen
Pneumologie als verhängnisvoll erweisen sollte, war die Forderung nach
einer Sonderstellung der Tuberkulose innerhalb der Medizin. Der damalige
Geschäftsführer der DTG, Julius E. Kayser-Petersen, artikuliert das
so: „Die Mutter ‚Innere Medizin’ wurde
mit Schmerzen gewahr, daß schon wieder eines ihrer Kinder zur
Selbständigkeit strebte. … Rein äußerlich zeigt sich die
neue Wegrichtung in der Verwandlung der Lungen-Heilstätten in
Tuberkulose-Krankenhäuser, der Auskunfts- und Fürsorgestellen
für Lungenkranke in Tuberkulose-Fürsorgestellen, der Fachärzte
für Lungenkrankheiten in Tuberkulose-Ärzte.”
Nach dem erfolgreichen Start wurde die 2. Tagung im Juni 1927 in Bad
Salzbrunn/Schlesien von einem Universitätsvertreter, Professor Ernst von
Romberg, München, ausgerichtet. Wieder stand im Mittelpunkt die
Tuberkulose, wie auch 1928 auf der 3. Tagung in Wildbach/Schwarzwald,
die Hermann Braeuning als Vertreter der Fürsorgeärzte leitete. Die 4.
Tagung – 1930 auf Norderney – stand ganz unter dem Zeichen des
Lübecker Impfunglücks, dazu wurde unter Leitung von Johannes Ritter
aus Geesthacht/Hamburg erstmalig über Erbuntersuchungen an
tuberkulösen Zwillingen berichtet, ebenso wie auf der 5. Tagung in Bad
Harzburg unter dem Vorsitz von Ferdinand (Fred) Neufeld, dem damaligen
Präsidenten des Robert Koch-Instituts. Zweifelsfrei waren während der
nationalsozialistischen Herrschaft auch Vertreter der DTG in politische
Machenschaften verstrickt, auch wenn die historischen Quellen eine individuelle
Schuldzuweisung nicht mehr hergeben. Wir als die nachfolgenden Generationen
müssen uns dieser historischen Verantwortung stellen und dafür Sorge
tragen, dass dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der DTG nicht in
Vergessenheit gerät.
Die 6. Tagung wurde 1935 in Bad Kreuznach veranstaltet. In der
Eröffnungsansprache begrüßte Hermann Braeuning, den
„neuen Schwung” in der NS-Gesundheitspolitik. Franz Ickert, der
1948 erster Nachkriegsvorsitzende der DGT werden sollte, führte in seinem
Vortrag zu „Rassehygiene und Tuberkulosebekämpfung” aus,
„daß die Reichsregierung bekanntlich erwartet,
daß jeder deutsche Arzt sein gesamtes ärztliches Denken und Handeln
auf die Grundsätze der Eugenik umstellt”, und forderte
„in vorauseilendem Gehorsam”, das Gesetz zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses auf Personen mit fortgeschrittener Tuberkulose
auszuweiten. Im Vorstand der DTG wurde der „Arier-Zwang” für
Vorstandsmitglieder als selbstverständlich vorausgesetzt.
Die 7. Tagung fand 1937 gemeinsam mit der Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden statt.
Neben einer Reihe politisch motivierter Vorträge wie „Die
Tuberkulosebekämpfung als politische Aufgabe” oder
„Erfahrung mit der Zwangsisolierungsstation” ging es in der
Hauptsache um neue, uns heute eher suspekt erscheinende Therapieverfahren wie
intrapleurale Öleingießung oder Goldbehandlung. Auffällig war
die starke Repräsentanz des Wehrmachtssanitätswesens.
Als Austragungsort der 8. Tagung war bereits zwei Jahre zuvor die
Stadt Graz ausgewählt worden. Österreich und das Sudetenland waren in
der Zwischenzeit „heim ins Reich” geholt worden. In seiner
Eröffnungsansprache verbarg der Vorsitzende Professor Ludwig Aschoff seine
Genugtuung darüber nicht: „Hier in Graz, der
Hochburg des ostmärkischen Deutschtums, dürfen wir die Kollegen aus
dem früheren Österreich und aus dem Sudetenlande als
großdeutsche Brüder begrüßen.” Der Geheime
Rat verstieg sich gar zu der Formulierung einer „Großdeutschen
Tuberkulosegesellschaft”.
Die 9. Tagung wurde mitten im Krieg, 1941, in Baden-Baden
abgehalten. Der Vorsitzende, Kurt Klare aus Bielefeld, schloss seine
Begrüßungsansprache mit dem Ruf: „Adolf
Hitler, dem Führer des deutschen Volkes und seiner siegreichen Heere, Sieg
Heil!” . Wie ausschließlich die Tuberkulose die
wissenschaftliche Thematik und die Ziele der DTG beherrschte, zeigt sich an den
Worten von Julius E. Kayser-Petersen, der die „Spannweite des Gebietes der Tuberkuloseforschung”
hervorhob und dem „alten Lungenfach als
abgesplittertem Teilchen der Inneren Medizin” eine Absage
erteilte.
Neubeginn nach dem Krieg
(1947/8 – 1964)
Neubeginn nach dem Krieg
(1947/8 – 1964)
Erst mit dem Ende des Krieges wurde den Menschen das volle
Ausmaß der Zerstörung, aber auch der seelischen Verwüstungen
bewusst. Millionenfacher Tod, unsägliches Leid, Vertreibung, Verelendung
und Verwüstung ganzer Landstriche, das war die traurige Bilanz. Hunger und
Krankheit bedrohten weite Teile Europas. Die Zahl der Tuberkulosefälle
stieg steil an, viele der ausgezehrten Menschen erlagen der Seuche. Hinzu kam
die politische Entmündigung Deutschlands: Mit der Kapitulation vom 8. Mai
1945 war die staatliche Verwaltung an die Siegermächte übergegangen
und das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt.
So gut wie alle Gesellschaften, auch die Deutsche Tuberkulose-Gesellschaft , wurden aufgelöst.
Die Gründung neuer Vereinigungen bedurfte der Genehmigung durch die
Siegermächte. So dauerte es Jahre, bis zunächst die regionalen
Tuberkulosevereinigungen, voran die Rheinisch-Westfälische, neu
gegründet werden konnten. Erst im Oktober 1948 traten Lungenärzte aus
ganz Deutschland am Rande des Wiesbadener Internistenkongresses unter dem
vorläufigen Vorsitzenden Franz Ickert zu ihrer 10. Tagung zusammen. Dabei
wandten sie sich mit dem folgenden Appell an die Völker der Welt und ihre
Regierungen:
„Die Tuberkulose war in Deutschland, dem
Lande Robert Kochs und Wilhelm Röntgens, in unermüdlicher
planmäßiger Arbeit immer mehr zurückgedrängt worden. Der
zweite Weltkrieg hat diesen Schutzwall durchbrochen. Unterernährung und
Wohndichte, die Sorgen um das Schicksal der immer noch nicht Heimgekehrten und
der lähmende Druck einer ungewissen Zukunft bereiten der Tuberkulose von
allen Seiten den Boden. … Die deutschen Tuberkuloseärzte, die in
ihrer täglichen Arbeit immer wieder die tragischen Auswirkungen der
Tuberkulose erleben, halten es für ihre Pflicht, die Völker der Welt
und ihre Regierungen aufzurufen, Frieden zu schließen und Frieden zu
wahren. Um der andrängenden Tuberkulosewelle ein festes Bollwerk
entgegenzusetzen, muß das Recht auf eine angemessene Lebensform mit
ausreichender Ernährung und Wohnung, Arbeit und Erholung für alle
Menschen wiederhergestellt werden!”
Bei den folgenden Tagungen – bis 1954 jährlich, dann im
Zweijahresrhythmus – stieg die Zahl der Teilnehmer und der Vorträge
sukzessive. Das Hauptinteresse galt nach wie vor der Tuberkulose, insbesondere
der Chemotherapie. Die Entwicklung wirksamer Tuberkulosemedikamente wie
Streptomycin, PAS und INH hatte erstmals die Chance zur Heilung der Tuberkulose
eröffnet. Für die jahrelang von der wissenschaftlichen Information
abgekoppelte deutsche Ärzteschaft bestand großer Nachholbedarf. Auch
andere Themen als die Tuberkulose gewannen bei den Tagungen der DTG zunehmend
an Interesse ([Abb. 2 ]).
Abb. 2 Anzahl der Referate zur
Tuberkulose (TB) und zu nicht-tuberkulösen Themen (Nicht-TB) auf den
DGP-Jahrestagungen. Entwicklung von 1948 – 1988.
Zur 19. Tagung der DTG 1960 unter dem Vorsitz des Züricher
Pathologen Ernst Uehlinger kamen über 1000 Teilnehmer nach Freiburg,
darunter 200 aus der DDR. Seit 1955 hatte es Bestrebungen gegeben, in der
Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine eigene Gesellschaft zu etablieren.
Am 31. Mai 1957 wurde die Wissenschaftliche
Tuberkulose-Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik
gegründet. Bemerkenswerterweise hieß es in § 5 des
Statutes der neuen Gesellschaft: „Die
Wissenschaftliche Tuberkulose-Gesellschaft der DDR bekundet ihren Willen zur
Einheit Deutschlands. Alle Mitglieder sind durch ihre Zugehörigkeit zu der
Gesellschaft gleichzeitig Mitglieder der Deutschen Tuberkulose-Gesellschaft,
soweit dies den Satzungen der Deutschen Tuberkulose-Gesellschaft nicht
entgegensteht.” Es gehört zu den erfreulichen Kapiteln der
Nachkriegsgeschichte, dass beide Gesellschaften trotz des Kalten Kriegs an
dieser Regelung festhielten. Nach der Wiedervereinigung und der Auflösung
der DDR-Gesellschaft 1991 konnten die DDR-Kollegen in die DGP integriert
werden.
Tab. 1 Jahrestagungen von 1948
bis 1968.
Jahr
Ort
Vorsitz
1948
Wiesbaden
F. Ickert
1949
Münster
F. Ickert
1950
Bad Neuenahr
H. Kleinschmidt
1951
Bad Kissingen
J. Hein
1952
Goslar
E. Schröder
1953
Wiesbaden
K. Lydtin
1954
Berlin
H. Wurm
1956
Baden-Baden
E. Schrag
1958
Hamburg
H. Brügger
1960
Freiburg
E. Uehlinger
1962
Düsseldorf
H. Schmitz
1964
Lübeck
P. G. Schmidt
1966
Mainz
K. W. Kalkoff
1968
Baden-Baden
K. Breu
Von der Phthisiologie zur Pneumologie
(1965 – 1990)
Von der Phthisiologie zur Pneumologie
(1965 – 1990)
Die Besserung der sozioökonomischen Bedingungen und der
medikamentösen Behandlungsmöglichkeit hatten eine deutliche Abnahme
der behandlungsbedürftigen Tuberkulosefälle zur Folge. Viele
Heilstätten mussten geschlossen werden. Andererseits traten zunehmend
umwelt- und arbeitsbedingte Erkrankungen der Lunge in den Vordergrund, die
Tabak induzierte chronische Bronchitis und der Lungenkrebs, allergische
Erkrankungen wie Asthma und Alveolitis. Bis Mitte der 1980er-Jahre
strukturierte sich ein Teil der übrig gebliebenen
Tuberkuloseheilstätten zu Lungenkliniken um. Auch die Umbenennungen der
DTG spiegeln diese Entwicklung wider: 1965 in Deutsche
Gesellschaft für Lungenkrankheiten und Tuberkulose , 1980 in
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und
Tuberkulose , 1990 dann in Deutsche Gesellschaft
für Pneumologie (DGP) und damit Streichung der
„Tuberkulose” aus dem Namen der Gesellschaft. Dieser Wandel war
auch ablesbar an der Thematik der Tagungen ([Abb. 2 ]) sowie den Fachgebieten der jeweiligen
Präsidenten.
Trotzdem tat sich die deutsche Pneumologie – im Gegensatz zu
den USA und den meisten westeuropäischen Staaten – mit dem
Übergang von der Phthisiologie zur modernen Pneumologie schwer. Das lag
zum größten Teil an der fehlenden universitären
Repräsentanz der Pneumologie. So paradox es klingt, aber eine der
größten Erkenntnisse in der Medizin, die Entdeckung der
Infektiosität der Tuberkulose durch Robert Koch, hatte die Lungenheilkunde
in Deutschland in die Isolation geführt, die Pneumologie war als Fach
universitär nicht mehr vertreten, sondern spielte sich nur noch in den
Lungenheilstätten ab. Gerade mal jede 5. Universitätsklinik hatte
eine Lungenabteilung, Lehre und Forschung lagen über mehr als vier
Jahrzehnte danieder.
Auch die DTG/DGP befand sich nach dem Krieg in einer Art
Dornröschenschlaf. Ihre öffentliche Präsenz und ihr Einfluss in
gesundheits- und berufspolitischen Fragen waren marginal. Jeder neue
Präsident hatte in seiner zweijährigen Amtszeit hauptsächlich
mit der Vorbereitung „seines Kongresses” zu tun. Bei den im
Zweijahresrhythmus stattfindenden Tagungen der DGP lag der Schwerpunkt auf der
klinischen Fortbildung. Berufspolitische Anliegen waren großenteils Sache
des Berufsverbandes. Für die Forschung bedeutsamer und daher für den
wissenschaftlichen Nachwuchs als Forum weit attraktiver als die DTG-Tagungen
war die jährlich in Bochum tagende Gesellschaft
für Lungen- und Atemwegsforschung, 1965 von Wolfgang Ulmer ins Leben
gerufen. Allerdings fehlte dort die klinische Forschung. Sicherlich gab es auch
bei DGP-Kongressen glanzvolle Referate und interessante Diskussionen, aber die
Substanz kam nicht aus dem Schoß der Gesellschaft, Themen und Referenten
wurden „von oben” organisiert. Der wissenschaftliche Nachwuchs
wandte sich ab, die Tagungen trockneten aus.
Tab. 2 Jahrestagungen von 1970
bis 1996.
Jahr
Ort
Vorsitz
1970
Berlin
K. Unholtz
1972
Hamburg
E. Freerksen
1974
Freiburg
Chr. Göttsching
1976
München
H. Blaha
1978
Düsseldorf
K. Simon
1980
Berlin
K. L. Radenbach
1982
Mainz
R. Ferlinz
1984
Essen
W. Maaßen
1986
Saarbrücken
F. Trendelenburg
1988
Hannover
H. Fabel
1990
Bochum
W. T. Ulmer
1992
Wiesbaden
J. Meier-Sydow
1994
Berlin
R. Loddenkemper
1996
Essen
N. Konietzko
Die Zeit der Neustrukturierung (1991–2008)
Die Zeit der Neustrukturierung (1991–2008)
Mittlerweile war in Deutschland eine Generation von Pneumologen
herangewachsen, die nicht mehr im Dunstkreis der Tuberkulose stand. Zumeist im
Ausland ausgebildet, hatte sie erfahren, was moderne Pneumologie bedeutet und
eine andere Vorstellung von der Bedeutung des Faches entwickelt: Die klinische
Pneumologie der „posttuberkulösen Ära” sollte sich
nicht auf das Lungenfunktionslabor oder die Bronchoskopie reduzieren lassen,
sondern das gesamte Spektrum des Faches – von der Allergologie über
die Beatmungsmedizin bis zur Infektiologie und Onkologie – abbilden. Auch
sollte die „neue Pneumologie” auf allen Ebenen der
Krankenversorgung – einschließlich der Universitäten –
in autarken Einheiten vertreten sein. In Forschung und Lehre wollte man zu den
vergleichbaren Fächern der Inneren Medizin aufschließen. Die
Voraussetzung für die Umsetzung dieser Ziele war die Bündelung aller
Kräfte in der Pneumologie, teilweise divergierende und konkurrierende
pneumologische Organisationen mussten zusammengeführt werden.
Eine kleine Schar einflussreicher Pneumologen, in leitender Position
an Universitäten und Lungenkliniken tätig, ergriff Anfang der
1990er-Jahre die Initiative und organisierte sich im „Celler
Kreis”, um neue Weichen auch in der DGP zu stellen. Der „Celler
Kreis” plädierte für die Einrichtung von wissenschaftlichen
Sektionen, die Trennung von Präsidentschaft und
Tagungspräsidentschaft und – mit der Gründung der
Lungenstiftung – für eine verstärkte
Öffentlichkeitsarbeit. Auch sollten die Tagungen wieder jährlich
abgehalten werden.
Auf der 36. Tagung 1994 in Berlin unter Robert Loddenkemper wurde
die neue Satzung von den Mitgliedern einstimmig verabschiedet. Die Tagung war
von Optimismus getragen, es herrschte Aufbruchstimmung. Entsprechend den
Beschlüssen der DGP-Mitglieder wurde der nächste Kongress 1996 unter
Leitung von Nikolaus Konietzko, Essen, erstmals im Frühjahr ausgetragen
– ein letztes Mal lagen DGP-Präsidentschaft und Leitung der Tagung
in einer Hand.
Seitdem werden die Tagungen der DGP in ihrer wissenschaftlichen
Substanz entscheidend von den Sektionen geprägt, dem
Tagungspräsidenten obliegt im Wesentlichen die Kongressorganisation und
der DGP-Präsident kümmert sich um das Tagesgeschäft und die
„große Politik”.
Die Jahrestagungen der DGP haben deutlich an Profil und
Qualität gewonnen und sind heute das einzig bedeutsame Forum für die
pneumologische Forschung in Deutschland. Fort- und Weiterbildung kommen dabei
nicht zu kurz. So nimmt es nicht wunder, dass die Zahl der Teilnehmer ([Abb. 3 ]) seit der Umstrukturierung stetig ansteigt,
parallel zur Mitgliederzahl der DGP.
Abb. 3 Teilnehmerzahlen der
Jahrestagungen der DGP von 1997 – 2008.
So ist „mit der wissenschaftlichen Arbeit in den Sektionen
die neue deutsche Pneumologie aus der Taufe gehoben worden”, wie es
Helmut Fabel, DGP-Präsident von 1987/88, formuliert hat. Das umfangreiche
Programm des 50. Kongresses in Mannheim stellt dies unter Beweis.
Die bewegte Geschichte der DGP, die sich nicht nur in ihren Tagungen
widerspiegelt, wird ausführlich im nächsten Jahr anlässlich des
85. Geburtstages der Gesellschaft in Buchform geschildert werden.
Tab. 3 Jahrestagungen von 1997
bis 2009.
Jahr
Ort
Vorsitz
1997
Bad Reichenhall
D. Nolte
1998
Freiburg
H. Matthys
1999
Leipzig
J. Schauer
2000
Hamburg
H. Magnussen
2001
Jena
C. Kroegel
2002
Bochum
G. Schultze-Werninghaus
2003
München
K. Häussinger
2004
Frankfurt/M.
T. Wagner
2005
Berlin
Chr. Witt
2006
Nürnberg
H. Worth
2007
Mannheim
G. Sybrecht
2008
Lübeck
P. Zabel
2009
Heidelberg/Mannheim
F. Herth/M. Thomas