Pneumologie 2009; 63: 5
Mit einiger Verwunderung haben wir die Stellungnahme der Deutschen
Gesellschaft für Pneumologie und der Deutschen Atemwegsliga formuliert von
Herrn P. Kardos in der Pneumologie gelesen. Die dort formulierte
uneingeschränkte Empfehlung zum Einsatz von Fixkombinationen in solchen
Fällen, in denen ein langwirksames Beta-2-Mimetikum (LABA) zur Behandlung
eines Asthma bronchiale indiziert ist, teilen wir in dieser Form nicht.
Insbesondere aber hätten wir bei einer offiziellen Stellungnahme unserer
medizinischen Fachgesellschaft und der Deutschen Atemwegsliga eine deutlich
differenziertere Darstellung der Gesamtproblematik erwartet. In der Hoffnung
auf eine breitere Diskussion möchten wir hier einige grundsätzliche
Anmerkungen machen.
In der Realität ist es wohl so, dass heute der
größere Teil der Patienten mit einem Asthma bronchiale
unabhängig vom Schweregrad, also auch Patienten mit einem formal
leichtgradigen Asthma bronchiale, primär mit einer Fixkombination
eingestellt werden. Daher ist es besonders positiv zu bewerten, dass in der
Stellungnahme von Herrn P. Kardos ausdrücklich darauf hingewiesen wird,
dass nicht alle Patienten ein langwirksames Beta-2-Mimetikum und damit eine
Fixkombination benötigen. Mit Recht wird auch darauf hingewiesen, dass der
größere Teil der Patienten mit Asthma bronchiale eigentlich kein
LABA benötigt. Die aktuelle Stellungnahme wird aber unserer Ansicht nach
den unkritischen Einsatz von Fixkombinationen auch bei Patienten mit leichtem
Schweregrad in der Realität eher noch verstärken.
In einer Zeit, in der wir noch keine langwirksamen Beta-2-Mimetika
und auch keine Fixkombinationen zur Verfügung hatten, war durchaus die
größere Zahl der Patienten mit Asthma bronchiale allein unter einer
Monotherapie mit inhalativen Glukokortikoiden (ICS) stabil. Auf die Frage, wie
viel Asthma-Kontrolle denn eigentlich ein Patient braucht, wollen wir hier
nicht eingehen. Die notwendige Anzahl der Inhalationen mit kurzwirksamen
Beta-2-Mimetika war auch bei den meisten Patienten zur damaligen Zeit auf
wenige Situationen (z. B. vor körperlicher Belastung etc.)
beschränkt. Als die langwirksamen Beta-2-Mimetika dann auf den Markt kamen
und insbesondere zu der Zeit, als wir sie noch wegen der fehlenden Zulassung in
Deutschland aus dem Ausland bezogen, haben wir diese Substanzgruppe praktisch
ausschließlich 1 × täglich, vor allem bei solchen
Patienten eingesetzt, die noch nachts oder früh morgendliche
Asthmasymptome hatten. Das grundsätzliche Vorgehen war also so (und dies
muss insbesondere für die jüngeren Kollegen noch einmal hervorgehoben
werden), dass wir zunächst die Dosis ICS bis zu einer vertretbaren
Tagesdosis gesteigert haben und erst dann über den Einsatz von
langwirksamen Beta-2-Mimetika nachdachten, wenn weiterhin eine entsprechende
Symptomatik bestand.
Dies erscheint uns auch heute noch ein korrektes und angemessenes
Vorgehen, insbesondere, da wir auch heute noch den alten pharmakologischen
Grundsatz beherzigen sollten, „Reize nie einen Rezeptor ohne zwingende
Notwendigkeit”. Ein solches Vorgehen ist aber heute bei Verordnung einer
Fixkombination gar nicht mehr möglich, da wir wohl davon ausgehen
dürfen, dass die 1 × tägliche Gabe einer Fixkombination
sicher zu einer Unterdosierung mit einem ICS führen wird.
Zudem können wir bei einer Therapie mit Fixkombinationen wohl
niemals wirklich sicher sein, ob die antiinflammatorische Therapie ausreichend
ist. Die starke Wirkung der langwirksamen Bronchodilatatoren überdeckt
ohne Zweifel alle Hinweise auf eine ungenügende Basistherapie mit ICS. Die
sogenannte Inflammometrie (u. a. NO-Messungen) hat nicht das gehalten,
was wir primär von ihr erhofft haben. So gibt es derzeit keine
Möglichkeit zu überprüfen, ob die antiinflammatorische
Basistherapie unter Behandlung mit Fixkombinationen adäquat ist. Es stellt
sich die Frage, ob nicht die früher übliche Vorgehensweise der
Titration mit ICS eine viel bessere und vor allem auch eine unserem
Verständnis der Asthmapathophysiologie und der Realität angepasste
Vorgehensweise war. In einer Zeit, in der wir gerade das Asthma sozusagen
wieder als „Mysterium” entdecken und das Asthma nicht mehr als
eine Entität, sondern jetzt allenfalls als ein Syndrom mit
unterschiedlichen pathophysiologischen Aspekten und unterschiedliche
„Phänotypen” (z. B. nicht-eosinophiles Asthma etc.)
sehen, erscheint uns die Therapie mit einer Fixkombination geradezu als eine
Simplifizierung und muss vielleicht aktuell schon wieder als historisch gesehen
werden.
Genaue Zahlen über den tatsächlichen Bedarf gibt es nicht,
aber wir möchten behaupten, dass nur bei wenigen Patienten ein Wechsel
zwischen den drei grundsätzlich wählbaren Dosierungsstufen von
Fixkombinationen vorgenommen wird. In der Regel wird ein Mal die
„Normaldosis” oder die „Forte-Dosis” rezeptiert und
dann für unbestimmte Zeit beibehalten. Es findet in der Realität bei
Verordnung von Fixkombinationen sicher nur selten eine Therapieeskalation oder
-deeskalation statt. Dies gilt zumindest für die breite
Verordnungsrealität, bei einer engmaschigen Betreuung durch Pneumologen
mag dies selbstverständlich anders aussehen. In der Realität werden
aber die meisten Asthmatiker nicht von Fachärzten, sondern von
Hausärzten betreut. Auch daher ist in einer offiziellen Stellungnahme
unbedingt auf ein differenziertes Vorgehen im Umgang mit Fixkombinationen
hinzuweisen.
Der unbestrittene Vorteil der Fixkombinationen liegt darin, dass man
statt zwei Inhalationsgeräten nur eines verwenden muss
(two-in-one-Prinzip). Dies verhindert natürlich – und das ist ein
Hauptargument in der Stellungnahme –, dass die Patienten die
ICS-Inhalation vernachlässigen und nur noch das Medikament inhalieren, das
eine sofort spürbare Symptomerleichterung bringt. Die Gefahr, die von
einer Monotherapie mit LABA ausgeht, wird natürlich durch die fixe
Ankoppelung eines ICS reduziert. Zusammenfassend wird dies oft als eine
deutlich gebesserte Compliance beschrieben. Dies ist natürlich nicht
wirklich korrekt. Die Compliance für die Inhalation von ICS wird durch die
Fixkombination nicht gebessert. Der Patient inhaliert ja nicht bewusst ein ICS,
vielmehr inhaliert er es unbewusst sozusagen huckepack mit dem LABA, weil er
eine Symptomerleichterung herbeiführen will. Darüber hinaus gibt es
soweit uns bekannt, keine Daten, dass eine Fixkombination per se die Compliance
im eigentlichen Sinne verbessert. Vielmehr zeigt die Realität, dass die
Patienten auch ihre Fixkombination doch eher bedarfsgesteuert einsetzen. Dies
hat ja auch die Diskussion und die Studien zum Einsatz einer Fixkombination zur
Maintenance- und Reliever-Therapie beflügelt. Die Ergebnisse aus Studien
zur Behandlung von Asthma-Patienten stellen bezüglich Auswahl der
Teilnehmer, Schulung und Überprüfung der Inhalationstherapie eine
artifizielle Situation dar, die in der täglichen Praxis so kaum vorkommt.
Insofern sind die meisten Studien nicht ohne Weiteres in die Realität
übertragbar.
Wir meinen, eine offizielle Stellungnahme zum Umgang mit
Fixkombinationen hätte einige dieser Aspekte aufgreifen und etwas
ausgewogener und differenzierter ausfallen müssen. Man stelle sich einmal
vor, die Empfehlungen für die Auswahl von Inhalationssystemen hätten
sich ganz eindeutig für die Anwendung von Dosieraerosolen und damit gegen
den Einsatz von Trockenpulverinhalatoren oder vice versa entschieden. Dies
hätte sicherlich einen Aufschrei und vor allem auch zahlreiche und heftige
Proteste von einzelnen Kollegen aber auch von der Pharmaindustrie
hervorgerufen. Letztlich aber verhält es sich mit der Empfehlung für
Fixkombinationen nicht anders. Die Fixkombinationen sind per se nicht wirksamer
als eine konsekutive Inhalation von ICS und LABA. Es ist unserer Meinung nach
unverändert gut und wichtig, auch ICS und LABA getrennt in
unterschiedlichen Inhalationssystemen zur Verfügung zu haben. Dies
bereichert die Therapie entscheidend.
Die FDA weist mit Recht auf die Gefahr der Monotherapie mit LABA
beim Asthma bronchiale hin. Die Entscheidung der FDA aber in Deutschland als
ein weiteres Argument in der Diskussion um die Fixkombinationen mit dem IQWIG
zu benutzen, erscheint uns ebenfalls wie eine starke Simplifizierung der
Probleme.
„ Man soll alles so einfach wie möglich machen, aber
nicht einfacher. ” (A. Einstein)