Herr Prof. Dr. Hans-Raimund Casser ärztlicher Direktor des DRK Schmerz-Zentrums in
Mainz im Interview mit Frau Dr. Engelhardt.
Prof. Dr. Hans-Raimund Casser
Geht den konservativen Kliniken der Nachwuchs aus?
Schon jetzt ist festzustellen, dass sich insbesondere in den Rehabilitationskliniken
immer weniger orthopädische Weiterbildungsassistenten für eine Stelle bewerben. Das
Fach ist durch eine Zusammenführung mit der Unfallchirurgie eindeutig ein chirurgisches
Fach geworden und wird dementsprechend von den Studenten wahrgenommen. Konservativ
interessierte Kollegen gehen den Weg in die "Physikalische Medizin und Rehabilitation",
bzw. rekrutieren sich aus dem internistischen Facharzt mit dem Schwerpunkt Rheumatolgie.
Schon jetzt bilden die Rehabilitationskliniken überwiegend Ärzte für Physikalische
Medizin und Rehabilitation aus. In den wenigen konservativen Akutkliniken sieht die
Situation noch besser aus.
Das früher vom Berufsverband angedachte Rotationssystem zwischen konservativen und
operativen Kliniken ist aufgrund der Probleme des Arbeitsplatzwechsels (neuer Arbeitgeber,
ggf. Gehaltseinbußen, Nachteile in der Klinikhierarchie etc.) wenig realistisch, zumal
derzeit auch die operativ ausgerichteten Orthopädischen Kliniken um den Nachwuchs
kämpfen.
Wird die Kluft zwischen konservativen und operativen ausgebildeten Fachärzten wird
immer größer?
Da die Inhalte der Konservativen Medizin in den überwiegend operativ ausgebildeten
Kliniken, z. T. spezialisiert auf Endoprothetik, Hüfte und Knie, nicht mehr zum Tragen
kommen und dort nicht mehr vermittelt werden, ist sowohl den leitenden Mitarbeitern
als auch ihren Weiterbildungsassistenten der Umgang mit diesen Gebieten nicht mehr
geläufig. In der Regel werden sie abdelegiert an den niedergelassenen Kollegen oder
konservative Kliniken mit dem Hinweis: Keine Operationsindikation, weiterhin "konservativ"
(?!). Eine wirklich Auseinandersetzung mit diesen konservativen Weiterbildungsinhalten
findet nicht mehr statt, so dass Fehleinschätzungen dieses Bereichs gang und gäbe
sind.
Insbesondere die Neuentwicklung im Bereich der Physiotherapie, Manualmedizin, Schmerztherapie,
hier insbesondere die medikamentöse Therapie, aber auch im Bereich der psychosomatischen
Medizin entfallen hier vollkommen.
Bei dem großen Anteil von chronisch degenerativen Erkrankungen sowie myofasziellen
Beschwerden ist dies für das Fach verhängnisvoll. Das Management dieser Patienten
bedarf des Wissens und auch der Erfahrung im konservativen Bereich. Insbesondere
für die OP-Indikation spielt das Abschätzen der konservativen Vorbehandlung bzw. der
konservativen alternativen Möglichkeiten eine große Rolle. Wie soll das aber geschehen
durch einen Orthopäden, der selbst diese konservative Möglichkeiten gar nicht kennt.
Hiermit entfällt ein großer Vorteil des bisherigen Orthopäden, der im Gegensatz zum
Chirurgen oder auch zum rein konservativ tätigen Arzt Physikalische Medizin und Rehabilitation
oder dem internistischen Rheumatologen von sich behaupten konnte, aufgrund seiner
Kenntnisse im konservativen- wie auch im operativen Bereich eine ausgewogene OP-Indikation
stellen zu können.
Hinzu kommt, dass die zukünftige Generation der Chefärzte entsprechend ihrer Ausbildung
in den meisten Fällen, insbesondere wenn sie aus früheren rein unfallchirurgischen
Kliniken kommen, die konservativen Inhalte kaum kennen und auch nicht über entsprechende
Zusatzbezeichnungen verfügen. Folglich werden sie auch nicht über entsprechende Weiterbildungsbefugnisse
verfügen, wie z. B. Physikalische Therapie.
Warum sind Orthopäden "Weltmeister in Zusatzbezeichnungen"?
Erfahrungsgemäß werden die in der Weiterbildungsordnung und insbesondere in den Inhalten
der Weiterbildungsordnung festgelegten konservativen Bereiche wie Physikalische Therapie,
Manualmedizin, Schmerztherapie, Sportmedizin, Orthopädietechnik, Sozialmedizin und
Rehabilitation in Kursen außerhalb der Klinik erworben, wobei in der Regel auch eine
Zusatzbezeichnung erlangt wird. Schon in der früheren Weiterbildungsordnung war es
den operativen Kliniken nicht möglich, diese Weiterbildungsinhalte zu vermitteln oder
gar zu praktizieren. Beim Neuen Facharzt wird durch die hinzugekommenen Inhalte der
Unfallchirurgie die Situation noch verschärft.
Gemessen an anderen Fachgebieten verfügt der Orthopäde in der Regel über 2 - 3 Zusatzbezeichnungen,
in der Regel Manuelle Medizin, Physikalische Therapie und Sportmedizin, ggf. auch
Sozialmedizin, Rehabilitationswesen, Spez. Schmerztherapie, Akupunktur ...
Ein Ausweg? Die Etablierung einer Weiterbildung "spezielle konservative Orthopädie"
Dies ist der einzige Weg, aus der Misere der derzeitigen konservativen Orthopädie
herauszukommen. Wer wie früher die Ausbildung zum orthopädischen Facharzt anstrebt,
- mit dem Hintergedanken der Tätigkeit in einer Praxis oder in einer konservativen
Klinik - hat bisher keine Perspektive. Neben der unzureichenden konservativen Ausbildung
in meist orthopädisch-unfallchirurgischen Kliniken hat er keine Möglichkeit der Spezialisierung.
Im Gegensatz zum chirurgisch ausgerichteten neuen Facharzt, der sich für eine Weiterbildung
in orthopädischer Chirurgie oder spezieller Unfallchirurgie entscheiden kann, gibt
es unverständlicherweise keinen entsprechenden Weiterbildungsgang im konservativen
Bereich. Die Möglichkeit, diesen Schwerpunkt zu etablieren, war vor 5 Jahren sicherlich
einfacher. Ich habe mich damals sehr dafür eingesetzt. Der Berufsverband hat dies
damals abgelehnt, weil er befürchtete, dass sich damit der Ausbildungsweg für den
Gang in die Praxis noch weiter verlängert.
Nun haben wir mehr oder weniger konservativ schlecht ausgebildete Orthopäden auf dem
Markt mit dem Neuen Facharzt, die erstmalig in der Praxis mit einer Patientenklientel
bzw. Behandlungen konfrontiert werden, die sie aus der Klinik her gar nicht kennen.
Sie sind damit Ärzten für Physikalische Medizin bzw. internistischen Rheumatologen
in vielen Bereichen unterlegen. Mittlerweile ist überall erkannt worden, dass es zur
Erfüllung der umfangreichen konservativen Weiterbildungsinhalte wie aber auch zur
Dokumentation eines konservativen Weiterbildungsarms in der Orthopädie nach außen
dringend erforderlich ist, diese Zusatzweiterbildung zu etablieren, insbesondere da
nicht zu erwarten ist, dass operativ ausgebildete Orthopädisch-Unfallchirurgische
Kliniken plötzlich konservative Inhalte in entsprechenden Maße vorhalten könnten.
Entsteht eine Konkurrenz zu den akademischen Physiotherapeuten und Osteopathen?
Politisch gewollt und von den entsprechenden Berufsverbänden forciert wird die Akademisierung,
insbesondere des Physiotherapeuten, dazu führen, dass der Physiotherapeut auch ohne
ärztliche Verordnung arbeiten kann. Hierdurch erwächst insbesondere dem Arzt für Physikalische
Medizin aber auch dem konservativen Orthopäden eine Konkurrenz bzw. Partnerschaft,
die man nur durch entsprechende Kompetenz ausfüllen kann.
Wäre ein Facharzt "Muskuloskelettale Medizin" wünschenswert?
Die unterschätzte Vielfalt des konservativen Orthopäden und auch die gewünschten interdisziplinäre
Verfechtungen, die wir bei den muskuloskelettalen Beschwerden (Anteil 90 %!) zu vergegenwärtigen
haben, macht einen Facharzt für "Muskuloskelettale Medizin" durchaus erforderlich
und wünschenswert. Hier bestünde die Chance, dass der konservative Orthopäde mit entsprechender
Ausbildung ein Großteil dieser Kompetenzen beherrschen würde, die ihn zum Casemanager
eines derartigen Kompetenznetzes werden ließen und damit seine zentrale Bedeutung
in dieser modernen Struktur unterstreichen würden.
Das Interview führte: Dr. Rita Engelhardt