Zusammenfassung
Hintergrund: Aufgrund der älter werdenden Bevölkerung und der dadurch ansteigenden Multimorbidität der Patienten wird Polypharmazie in der hausärztlichen Versorgung stärker an Bedeutung gewinnen. Über die hausärztliche Wahrnehmung von Polypharmazie ist bisher wenig bekannt. Im Rahmen des Forschungskurses der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) wurde dieser Frage nachgegangen.
Methode: Einteilung der 21 Teilnehmer entsprechend ihrer beruflichen Schwerpunkttätigkeit (klinisch-praktisch Tätige, wissenschaftliche Senioren, wissenschaftliche Junioren) in drei homogene sowie eine heterogene Gruppe und nondirektive Leitung der offenen Diskussionen durch jeweils zwei Moderatoren. Zweistufige Auswertung: Erstellen einer Übersicht der Diskussion in Anlehnung an das Knowledge Mapping (innerhalb jeder Gruppe) und Interpretation der Maps in Anlehnung an die Grounded Theory (Autorenteam).
Ergebnisse: Drei zentrale hausärztliche Aspekte der Polypharmazie wurden deutlich: Übersicht über die Medikation , Kommunikation zwischen Arzt und Patient sowie auf der professionellen Ebene und fehlende Evidenz bei der Behandlung von Multimorbidität. Hausärztliches Handeln bewegt sich dabei konflikthaft zwischen dem Anspruch an einer individuell angemessenen Versorgung des Patienten und den Vorgaben durch evidenzbasierte Medizin. Verschiedene Einflussfaktoren auf die Pharmakotherapie konnten identifiziert werden: Verschreibungen anderer Ärzte, Kommunikation auf der professionellen Ebene, Patientenerwartung, Adhärenz, Pharmawerbung, Leitlinien und Kosten. Die Sichtweise auf das Thema Polypharmazie scheint durch den beruflichen Tätigkeitsschwerpunkt und die jeweilige Erfahrung beeinflusst zu sein.
Schlussfolgerungen: Eine Verbesserung und Ausweitung der Kommunikation auf der professionellen Ebene und auf der Ebene zwischen Arzt und Patient ist aus der hausärztlichen Perspektive relevant, um die Übersicht über die Medikation zu verbessern und der Unsicherheit hausärztlicher Therapieentscheidungen bei Multimorbidität zu begegnen. Eine alleinige Verbesserung der Evidenz für die Behandlung von Multimorbidität in Form von (Meta-)Leitlinien würde nicht ausreichen, um die Wirksamkeit der weiteren Einflussfaktoren auf die Polypharmazie zu reduzieren.
Abstract
Background: Due to the aging population and the associated increase in multi-morbidity, polypharmacy will become an important issue. Little is known about general practitioners’ perception of polypharmacy. We have explored this issue within the framework of a research course organised by the German Society for General Practice and Family Medicine (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, DEGAM.)
Methods: A total of 21 participants were divided in three homogeneous groups and one heterogeneous group according to their professional concentration (full-time general practitioners, junior researchers, senior researchers). Each group was supervised by two non-directing moderators. A two-step analysis was performed. In a fist step, mind maps were generated and in a second step, mind maps were interpreted according to the grounded theory.
Results: We identified three core aspects of polypharmacy in general practice: overview of prescribed medication, communication between doctors, patients and other health care professionals as well as evidence for managing multi-morbidity. General practitioners are torn between providing individual medical care and guideline stipulations. Pharmacotherapy is influenced by interprofessional communication, prescriptions by multiple physicians, patient expectations, adherence, advertisements, guidelines and costs. One's view on polypharmacy is influenced by professional background and experience.
Conclusions: From the general practitioner's perspective, interprofessional and doctor-patient communication are highly important for a good medication overview as well as dealing with uncertainties in daily medical care. Simply improving evidence for the care of patients with multi-morbidities in the form of meta-guidelines would not be sufficient to overcome the effects of the many other influencing factors.
Schlüsselwörter
Polypharmazie - hausärztliche Perspektive - qualitative Forschung - Gruppendiskussionen
Key words
polypharmacy - general practitioners perspective - qualitative research - group discussion