Hintergrund und Fragestellung
Hintergrund und Fragestellung
In Deutschland beträgt der Anteil der rauchenden
Bevölkerung (15 Jahre und älter) etwa ein Drittel [1]. Unstrittig ist, dass unzählige Erkrankungen durch
Zigarettenrauchen verursacht oder begünstigt sind [2]. Die hiermit assoziierte Morbidität und
Mortalität führt dazu, dass ca. 22 % aller
Todesfälle bei den Männern und ca. 5 % bei den Frauen
(bzw. ca. 140 000 Todesfälle/Jahr) hierzulande zu Lasten des
Rauchens gehen [3]. Nicht zuletzt aufgrund der
Assoziation von Rauchen und allgemeiner Morbidität ergibt sich ein hoher
Anteil rauchender Patienten im stationären Alltag der Kliniken. Je nach
Schwerpunkt der Abteilung variiert der Anteil zwischen 25 und
55 % [4]
[5]. Im
eigenen Patientengut ergab sich ein Anteil von ca. 30 %. Aus
vielerlei Hinsicht wäre es wünschenswert, dass entsprechende
Patienten im Rahmen ihres stationären Aufenthaltes (zusätzlich bzw.
begleitend) eine Tabakentwöhnung durchführen würden. Bedingt
durch die spezielle Situation während eines stationären Aufenthaltes
ergeben sich zumeist einige Vorteile hinsichtlich einer erhöhten
Effektivität einer Tabakentwöhnung im Vergleich zu ambulanten
Patienten. Die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen (rauchfreie
Krankenhäuser) sind hierbei nur ein begünstigender Faktor.
Die meisten Raucher haben den Wunsch, mit dem Rauchen
aufzuhören. Aus Umfragen geht hervor, dass ca. 70 % aller
Raucher das Rauchen prinzipiell aufgeben wollen und ca. 45 %
einen entsprechenden Versuch in den letzten 12 Monaten unternommen haben
[6]. Andererseits liegen die langfristigen
Erfolgsaussichten bei Spontanversuchen ohne spezielle Unterstützung nur
bei etwa 5 % [7]. Vielfach wurde gezeigt,
dass bereits kurze beratende Gespräche den Erfolg signifikant steigern
können. Die besten Langzeitergebnisse lassen sich jedoch durch
längerfristig angelegte verhaltenstherapeutische und ggf. zusätzliche
medikamentöse Unterstützung erzielen [8]
[9].
Für Raucher, die (aus diversen Gründen) eine
stationäre Behandlung benötigen, ergibt sich eine besondere
Situation. Zum einen ist das Fortsetzen der Rauchgewohnheiten durch den
veränderten Tagesablauf in der Klinik meist deutlich gestört, zum
anderen ist das Rauchen aufgrund von Bettlägerigkeit bzw.
eingeschränkter Mobilität oder Auflagen zum Rauchverhalten seitens
des Krankenhauses zum Teil deutlich erschwert. Hinzu kommt, dass einige
Patienten auch aufgrund ihres eingeschränkten gesundheitlichen Zustands
das Rauchen (zumindest vorübergehend) einschränken oder aufgeben
müssen. Ist die für die stationäre Behandlung zugrundeliegende
Erkrankung zudem mit dem Zigarettenrauchen assoziiert, liegt eine gesonderte
Situation vor, die zugunsten einer Erhöhung der Motivation zur
Rauchaufgabe genutzt werden kann und sollte.
Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass die Situation
während eines stationären Krankenhausaufenthaltes zur Einleitung
einer Rauchaufgabe bzw. Tabakentwöhnung günstig ist. Ziel dieser
Arbeit war es, die Effektivität bzw. den langfristigen Erfolg einer
Raucherberatung, die im Rahmen eines stationären Aufenthaltes
durchgeführt wurde, zu evaluieren.
Methodik
Methodik
Im Zeitraum zwischen 01/2008 und 08/2008 wurden 25 konsekutive
Patienten, die das Angebot einer Raucherberatung/ -sprechstunde während
ihres Krankenhausaufenthaltes in einer Lungenklinik (Zentrum für
Pneumologie, Diakoniekrankenhaus Rotenburg) angenommen hatten, evaluiert und
nachbeobachtet. Den Patienten wurde die spezielle Beratung, unabhängig von
der weiteren stationären Therapie, als offenes Angebot im Rahmen des
Aufnahmegesprächs oder bei den nachfolgenden Visiten dargelegt. Bei
Interesse waren die Patienten aufgefordert, einige wenige Fragen zu den
Rauchgewohnheiten sowie den Fagerström-Test für
Nikotinabhängigkeit (FTND) schriftlich zu beantworten. Der vermittelnde
Stationsarzt wurde zudem gebeten, grundlegende Informationen zur
Lungenfunktion, laufenden Medikation und zur Komorbidität zu
ergänzen. Die Durchführung der Raucherberatung wurde von einem
für Tabakentwöhnung speziell qualifizierten Facharzt der Klinik
durchgeführt und dauerte jeweils 25 bis 30 Minuten. Im Rahmen
längerer stationärer Aufenthalte waren in Einzelfällen weitere
einzelne Kurzkontakte von 2 – 3 Minuten durchgeführt
worden. Inhalt des Beratungsgesprächs war: Steigerung der Motivation,
Aufdecken persönlicher Verhaltensmuster, Erarbeiten eines individuellen
Plans incl. Vorbereitung auf mögliche Schwierigkeiten und Umgang mit dem
sozialen Umfeld. Bei einem FTND ≥ 3 wurde zudem die Möglichkeit
einer Nikotinersatztherapie in Form eines Nikotinpflasters angeboten und der
Patient entsprechend aufgeklärt.
Die Erhebung der Basisdaten erfolgte unmittelbar vor bzw.
während der Beratung. Die Effektivität der Intervention wurde jeweils
6 Monate später über ein kurzes Telefoninterview ermittelt. Für
einige Patienten konnten aus den Patientenakten zusätzlich
Blutgasanalysedaten aus Folgekontakten (5 – 7 Monate nach
Entlassung) zum Vergleich (Kontrolle über den
Carboxy-Hämoglobin-Anteil, COHb) herangezogen werden.
Die statistische Analyse erfolgte nach Anonymisierung der Daten. Die
Auswertung erfolgte deskriptiv und wurde im Weiteren explorativ beurteilt. Die
Analyse erfolgte mithilfe von StatView for Windows (Version 5.0).
Ergebnisse
Ergebnisse
Es wurden insgesamt 25 Patienten in die Beobachtung eingeschlossen
und nach 6 Monaten erneut befragt. Eine Patientin war in der Zwischenzeit
verstorben, gehörte jedoch zu denen, die das Rauchen nicht aufgegeben
hatten. Das Alter der Patienten (n = 25) lag zwischen 32
und 73 Jahren. Die Geschlechtsverteilung war ausgeglichen: 13 Männer und
12 Frauen. Die Aufnahmediagnosen waren überwiegend
zigarettenrauchassoziiert (22 x COPD (GOLD I bis IV), 2×
Bronchial-Carcinom, 1 × Asthma bronchiale). Die Basisdaten der
Patienten sind in [Tab. 1] zusammengefasst.
Tab. 1 Basisdaten der 25
Patienten (Alter zum Beratungszeitpunkt, durchschnittlicher Zigarettenkonsum in
den letzten Wochen, gerauchte Packungsjahre, Punktwert des FTND, Alter bei
Beginn des Rauchens)
| Mittelwert (SD)
| Range
|
Alter
| 55,8 (10,2)
| 32 – 73
|
Zigaretten pro Tag
| 16,9 (8,1)
| 4 – 36
|
Packungsjahre
| 44,1 (15,0)
| 20 – 90
|
FTND
| 3,3 (2,2)
| 1 – 9
|
Alter bei Beginn
| 18,2 (1,8)
| 13 – 22
|
Aufgrund der Beratung haben 20 Patienten (80 %) das
Rauchen vollständig eingestellt. Hiervon hatten 10 Patienten einem FTND
≥ 3. Von diesen 10 Patienten haben 6 eine NET und 1 Patient
Vareniclin unterstützend eingesetzt. 13 Patienten hatten keine
medikamentöse Unterstützung. Nach 6 Monaten waren insgesamt noch 11
Patienten bzw. 55 % der 20 Patienten, die das Rauchen nach der
Beratung aufgegeben hatten, abstinent. Somit ergab sich letztlich ein
Langzeiterfolg von 44 % bzw. 11 der 25 Patienten (s.
[Abb. 1]). Betrachtet man die Gruppe der 20
Patienten, die das Rauchen aufgegeben haben, ergibt sich folgendes Bild bzgl.
des Erreichens einer Langzeitabstinenz. Bei den 7 Patienten mit
medikamentöser Unterstützung lag der Anteil der Langzeitabstinenten
bei 5 bzw. 71 % im Vergleich zu 6 von 13 Patienten (bzw.
46 %) ohne medikamentöse Unterstützung.
Abb. 1 Abstinenzraten der 25
Patienten, gesamt und jeweils ohne und mit medikamentöser
Unterstützung, nach Beratung bzw. nach 6 Monaten.
Die Information des Telefoninterviews bzgl. der Langzeitabstinenz
konnte bei den 12 Patienten, die angaben, weiterhin abstinent zu sein,
teilweise biometrisch kontrolliert werden. Bei 6 Patienten wurde ein niedriger
COHb (< 2 %) gemessen, der die Abstinenz
bestätigte. Ein Patient hatte, bei deutlich erhöhtem COHb,
offensichtlich eine Falschangabe gemacht und bei 5 Patienten standen keine
biometrischen Kontrolldaten zu Verfügung.
Diskussion und Schlussfolgerung
Diskussion und Schlussfolgerung
In der Studie wurden Patienten, denen eine Beratung zur
Tabakentwöhnung im Rahmen ihres stationären Aufenthaltes angeboten
wurde, beobachtet und evaluiert. Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass eine
stationäre Tabakentwöhnung bei motivierten Patienten praktikabel und
effektiv ist. Zweitens bestätigt sich, dass eine zusätzliche
Nikotinersatztherapie bzw. medikamentöse Unterstützung die
Effektivität bzw. den Langzeiterfolg verbessert.
Die Tabakentwöhnung ist in Anbetracht der enormen
gesundheitlichen und sozioökonomischen Folgen des Zigarettenrauchens eine
der wichtigsten präventiven und therapeutischen Maßnahmen in der
Medizin. Für die Volkskrankheit COPD zum Beispiel gilt die
Tabakentwöhnung als die wichtigste therapeutische Einzelmaßnahme
überhaupt [10].
Dennoch wird die Tabakentwöhnung im Deutschen Gesundheitssystem
unzureichend berücksichtigt [11]. Zudem ist die
Tabakentwöhnung eine schwierige Herausforderung. Die Versagerquote ist
hoch und entsprechende Frustrationen nicht selten. Die langfristige
Erfolgsquote eines Spontanversuchs ohne spezielle Unterstützung liegt
lediglich bei ca. 5 % [7]. Um die Zahl der
Rauchaufgaben zu erhöhen und die Rate der erfolgreichen
Tabakentwöhnungen zu steigern, ist es zum einem notwendig, die Anzahl der
Entwöhnungsversuche zu erhöhen und andererseits die Erfolgsquote des
einzelnen Versuchs zu verbessern. Es ist allgemein gefordert, dass
möglichst bei jedem Arztbesuch bzw. -kontakt die Rauchgewohnheiten erfasst
und die Möglichkeiten einer Tabakentwöhnung eruiert und
gefördert werden. Aus multiplen Gründen ist dieses Ideal jedoch fern
der Realität. Dies ist auch für stationäre Patienten zutreffend.
Für hospitalisierte Patienten gelten dabei besondere Bedingungen, die
oftmals für eine verbesserte Erfolgsaussicht genutzt werden könnten.
Es scheint daher in besonderem Maße sinnvoll zu versuchen,
stationäre Patienten zur Rauchaufgabe zu motivieren und Hilfestellung
für eine verbesserte Erfolgsaussicht einer Tabakentwöhnung zu geben.
Ein Review der Cochrane Collaboration [12] kam zu dem
Schluss, dass Raucherentwöhnungsprogramme, die während eines
Krankenhausaufenthaltes, unabhängig von der Diagnose, begonnen und mit
unterstützenden Kontakten für mindestens einen Monat nach Entlassung
fortgesetzt wurden, effektiv sind. Patienten mit rauchassoziierten Erkrankungen
seien zudem in besonderem Maße empfänglich für eine
entsprechende Hilfe.
Die vorliegende Arbeit zeigt die Ergebnisse einer speziellen
Intervention, die sicher über das normale Maß einer Beratung im
stationären Setting hinausgeht, andererseits jedoch bzgl. des
Zeitaufwandes im Vergleich zu anderen professionellen Angeboten zur
Tabakentwöhnung als moderat einzustufen ist. Die beobachtete
Langzeitabstinenzrate nach 6 Monaten lag mit 48 % vergleichsweise
hoch. Ergebnisse der Lung Health Study von 5887 COPD-Patienten ergaben eine
12-Monats-Abstinenzrate in den Interventionsgruppen (12 Gruppensitzungen und
pharmakologische Unterstützung) von ca. 35 %
[13]. Aufgrund der unterschiedlichen
Beobachtungszeiträume, der verschiedenen Ausgangsvoraussetzungen und einem
heterogeneren Patientengut sind die Daten nur bedingt vergleichbar.
COPD-Patienten haben meist eine höhere Tabakabhängigkeit und gelten
als schwer-entwöhnbar. Bei der Beurteilung der vorliegenden Daten sind
einige weitere Dinge zu berücksichtigen. Das Angebot galt für
Patienten, die bereits ein hohes Maß an Motivation hatten und nicht
überredet werden mussten. Es handelte sich überwiegend um Patienten
mit rauchassoziierten Erkrankungen, denen der Zusammenhang zwischen Rauchen
bzw. Nichtrauchen und dem Fortgang ihrer Erkrankung im Rahmen ihrer
stationären Behandlung erläutert wurde und denen eine Tabakabstinenz
als eine essenzielle Maßnahme nahegelegt wurde. Die
Beratungsmaßnahme wurde durch einen speziell für eine
Tabakentwöhnung qualifizierten und mit dieser Thematik erfahrenen
Internisten durchgeführt. Das Angebot wurde seitens der Patienten
überwiegend positiv aufgenommen und als Zeichen besonderer Fürsorge
bewertet.
Selbstkritisch ergeben sich für die Studie einige Limitationen.
Die Fallzahl dieser Beobachtungsstudie war gering. Eine Validierung sollte
ergänzend mit einer größeren Patientenzahl durchgeführt
werden. Eine nach oben verfälschte Abstinenzrate in der Nachbeobachtung
nach 6 Monaten konnte, zumindest bei einem Teil der Patienten, aufgrund der
Methode (Telefoninterview) nicht ausgeschlossen werden. Wünschenswert
wäre die Möglichkeit eines standardisierten biometrischen
Kontrollverfahrens (z. B. COHb-Bestimmung) bei allen Patienten
gewesen.
Patienten mit einem FNDT von ≥3 Punkten wurde eine
Nikotinersatztherapie (NET) angeboten. Eine NET zielt auf eine Verminderung der
Entzugssymptomatik sowie des Rauchverlangens. Ein Cochrane Metaanalyse zu
diesem Thema ergab eine Verbesserung der langfristigen Abstinenzquote mithilfe
einer NET um 50 – 70 % [14]. Dies lässt sich durch die vorliegenden Daten
bestätigen. Die Patienten, die das Rauchen aufgaben, hatten mit
pharmakologischer Unterstützung eine um 55 % höhere
Langzeitabstinenzrate als die Patienten ohne pharmakologische
Unterstützung. In der zwischenzeitlich publizierten Leitlinie zur
Tabakentwöhnung bei COPD wird die kombinierte medikamentöse und
psychosoziale Unterstützung für COPD-Patienten ausdrücklich
empfohlen [11].
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine Beratung zur
Tabakentwöhnung bei stationären internistischen Patienten praktikabel
ist und sich in den Ablauf eines stationären Aufenthaltes einbetten
lässt. Des Weiteren ergibt sich eine gute Effektivität der
speziellen, vom Zeitaufwand vergleichsweise moderaten Maßnahme bei
motivierten Patienten mit überwiegend tabakrauchassoziierten pulmonalen
Grunderkrankungen. Die Ergebnisse berechtigen zudem zu der Hoffnung, dass
entsprechende Interventionen in größerem Umfang den stationären
Patienten unseres Gesundheitssystems angeboten werden können.
Interessenkonflikte
Interessenkonflikte
Kein Interessenkonflikt