Einleitung
Einleitung
Respiratorische Virusinfektionen haben sowohl eine große
klinische als auch sozioökonomische Bedeutung (siehe Teil II; Pneumologie
2010; 64: 18 – 27). Prävention und effektive Therapie
sind daher von großem individuellem und öffentlichem Interesse. Die
beste präventive Maßnahme, z. B. vor einer epidemischen
Influenzavirus-Infektion, eine aktive Schutzimpfung, wird in Europa schlecht
angenommen – die jährlichen Impfraten liegen im europäischen
Durchschnitt bei rund 20 %. Eine antivirale, medikamentöse
Prävention und Therapie hat neben Resistenzentwicklung und Nebenwirkungen
Nachteile, die bei Verordnung der entsprechenden Präparate bedacht werden
müssen.
Daten zur spezifischen Therapie der viralen Pneumonie wurden bisher
nicht in randomisierten, kontrollierten Studien erhoben, insbesondere nicht bei
immunkompetenten Erwachsenen [1]. Antivirale Substanzen
für den klinischen Einsatz sind bisher nur in sehr geringer Zahl
verfügbar. Den zahlreichen, klinisch relevanten viralen Pathogenen (siehe
Teil I; Pneumologie 2009; 63: 709 – 717) stehen aktuell nur
wenige Medikamente von klinischer Bedeutung gegenüber. Darüber hinaus
ist die Mehrzahl der Medikamente nur bei einer einzigen Virusinfektion
(Influenza) wirksam.
Die bis vor Kurzem begrenzten Möglichkeiten einer raschen und
verlässlichen Identifizierung des viralen Pathogens reduzierten weiter die
Möglichkeiten für eine fundierte Evaluierung vorhandener
therapeutischer Optionen. Hochsensitive und rasche molekularbiologische
Nachweismethoden (PCR) sind erst seit wenigen Jahren in klinischem Einsatz und
Sentinela-Systeme für Überwachung und Prädiktion der
Influenza-Aktivität wurden erst jüngst aufgebaut.
Im klinischen Alltag kommt die Bestätigung der klinischen
Diagnose mittels Laboruntersuchung in der Regel zu spät für die
Entscheidungen bezüglich einer antiviralen Therapie. Klinische Studien zur
Effektivität antiviraler Medikamente basieren daher häufig auf einer
klinischen Diagnose, und die Entscheidung für oder gegen eine antivirale
Therapie basiert daher ebenfalls oft auf einer klinischen Diagnose, die eine
Sensitivität von ∼ 60 – 75 %
und Spezifizität von ∼ 55 % während der
Influenza-Saison erreicht [2]. Ein beträchtlicher
Anteil von Patienten mit grippalem Infekt anderer Genese wird daher
unnötigerweise antivirale und antibakterielle Substanzen erhalten. Die
Wichtigkeit der jährlichen Immunprophylaxe gegen die saisonale Influenza
kann daher nicht ausreichend betont werden.
Die folgende Darstellung aktueller therapeutischer Optionen basiert
dementsprechend auf einer in Umfang sehr eingeschränkten Datenlage. Die
jüngste Etablierung neuer antiviraler Substanzen, virologischer Tests und
Sentinela-Systeme lässt hoffen, dass die aktuellen Richtlinien in naher
Zukunft auf eine breitere Basis gestellt werden können.
Antivirale Medikamente
Antivirale Medikamente
Allen antiviralen Medikamenten ([Tab. 1]) gemeinsam ist die Notwendigkeit eines
Therapiebeginns frühzeitig nach Auftreten der respiratorischen
Erkrankung.
Tab. 1 Antivirale
Medikamente.
Substanzgruppe
| Antivirale Substanz
|
In-vitro-Wirkspektrum
| Wirkmechanismus
| Indikationen
| Häufigste
Nebenwirkungen
| Bewertung
|
M2-Inhibitoren
| Amantadin
Rimantadin
| Influenza A
| Blockade des viralen
M2-Proteinionenkanals
| Prävention und
Therapie der Influenza-A-Virusinfektion, Therapie der
Influenza-A-Virusinfektion
| Schlaflosigkeit,
Benommenheit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten
| obsolet für saisonale
Influenza, erwägenswert in Influenza-Pandemie
|
Neuraminidase-Inhibitoren
| Zanamivir
Oseltamivir
| Influenza A und B,
Vogelgrippe, Schweinegrippe
| Hemmung der
Virusfreisetzung aus infizierten Zellen
| Prävention und
Therapie Influenza-Virusinfektion
| Bronchospasmus, Diarrhoe,
Sinusitis Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen
| Verfügbarkeit
eingeschränkt. Mittel der Wahl bei Influenzavirus-Infektion
|
Carboxamide
| Ribavirin
| RSV, Influenza A und B,
Masern, Hantaviren, Parainfluenzaviren, Adenoviren
| Interferenz mit Synthese
von Guanosintriphosphat
| schwere RSV Infektion der
unteren Atemwege
| Bronchospasmus,
Kopfschmerzen, Hämolyse
| inhalative Gabe, technisch
aufwendig und klinischer Benefit nicht endgültig geklärt
|
Interferone
| Interferon
| RNA-Viren
| Interferenz mit viraler
Proteinbiosynthese
| Hepatitis-B- und
-C-Virusinfektion
| Myalgie, Arthralgie,
Cephalgie, Schüttelfrost und Fieber
| obsolet bei viralen
Infektionen der Atemwege [69]
|
Kapsidblocker
| Pleconaril
| Rhino- und Enteroviren
| Interaktion mit
Kapsid-Protein
| keine Zulassung
| gastrointestinale
Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, abdominale Schmerzen),
Kopfschmerzen
| gute Wirksamkeit bei
Picornavirus-assoziierten respiratorischen Erkrankungen Erwachsener
[70]; keine Zulassung wegen häufiger Nebenwirkungen
|
Die höchsten Virusmengen werden in respiratorischen Sekreten
unmittelbar nach Beginn der klinischen Symptomatik gemessen, sodass zu diesem
Zeitpunkt auch die maximale Wirkung erzielt werden kann. So sollte im Falle
einer Influenza eine antivirale Therapie spätestens innerhalb von 48
Stunden nach Erkrankungsbeginn begonnen werden, um einen messbaren
Therapieerfolg zu erzielen. Eine Ausnahme stellt diesbezüglich SARS dar,
wo maximale Virustiter 1 – 2 Wochen nach Krankheitsbeginn
auftreten, sodass eine Wirksamkeit antiviraler Medikamente selbst spät im
Krankheitsverlauf zu erwarten wäre.
M2-Kanalblocker
Amantadin und Rimantadin wirken durch die Blockade des viralen
M2-Proteinionenkanals von Influenza-A-Viren ([Tab. 1]). Das M2-Protein ist essenziell für die
Freisetzung der viralen Nukleinsäure und die Regulation des
intrazellulären pH-Werts. Insbesondere Amantadin wurde über rund 30
Jahre für die Prävention und Therapie von Influenzavirus-Infektionen
angewandt. M2-Inhibitoren haben jedoch mehrere entscheidende Nachteile. Sie
wirken ausschließlich gegen Influenza-A-Viren, weil Influenza-B-Viren die
entsprechende Zielstruktur, das Matrixprotein M2, nicht besitzen und es treten
unter Therapie rasch resistente Influenzastämme auf. Amantadin und
Rimantadin verkürzen die Influenzaerkrankung im Durchschnitt um einen Tag,
beeinflussen aber nicht die Dauer der Virusausscheidung oder den Verlauf einer
asymptomatischen Influenzavirus-Infektion [3]. Amantadin
wird auch in der Therapie des Morbus Parkinson eingesetzt. In Analogie sind
primär reversible, zentralnervöse Nebenwirkungen zu erwarten, mit
Schlaflosigkeit, Benommenheit, Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten.
Diese Nachteile limitierten wesentlich den klinischen Einsatz. Seit der
Entwicklung modernerer Substanzen (Neuraminidase-Inhibitoren) ist der Einsatz
von M2-Inhibitoren für die saisonale Influenza obsolet geworden und sollte
nur in einer Influenza-Pandemie erwogen werden.
Neuraminidase-Inhibitoren
Neuraminidase-Inhibitoren wirken ausschließlich gegen
Influenza-Viren, aber im Gegensatz zu M2-Blockern ebenfalls auf
Influenza-B-Viren. Eine Wirksamkeit gegen Vogelgrippe-Viren (H5N1) und aktuell
Schweinegrippeviren (H1N1-swine) ist gut dokumentiert [4]. Neuraminidase-Inhibitoren haben neben guter Wirksamkeit
auch ein günstiges Nebenwirkungsprofil, sodass diese Medikamente
primär in allen nationalen Pandemieplänen für die Therapie und
Chemoprophylaxe in einer Influenza-Pandemie aufgeführt werden.
Zanamivir ist ein inhalativer Neuraminidase-Inhibitor, der kaum
Nebenwirkungen hat. Wegen der Gefahr eines Bronchospasmus ist dieses Medikament
nicht für den Einsatz bei Patienten mit bekannter Hyperreagibilität
des Bronchialsystems (Asthmatiker) zugelassen. Durch die inhalative Applikation
können sich jedoch Probleme bei Patienten ergeben, die eine ausreichende
Inhalationstechnik nicht beherrschen [5].
Oseltamivir kann oral appliziert werden und ist für die
Behandlung der Virusgrippe ab dem 1. Lebensjahr zugelassen. Es verkürzt
die Dauer einer Influenzaerkrankung im Median um 36 Stunden [6], führt zu einer deutlichen Reduktion der
bakteriellen Komplikationen trotz reduzierten Antibiotika-Gebrauchs und der
Hospitalisierungsrate [7]. Die Therapie sollte jedenfalls
innerhalb der ersten zwei Tage nach Auftreten der Symptome einer Influenza
begonnen werden. Die Effizienz von Oseltamivir zur Prävention der
saisonalen Influenza beträgt jedoch nur
61 – 73 %; bei der Prävention von
Komplikationen des unteren Respirationstrakts ist sie aber signifikant
höher als mit Placebo [8].
Im Falle einer Influenza-Pandemie ist ebenfalls mit einer
wesentlichen Reduktion von Hospitalisierungen und Mortalität durch den
Einsatz von Oseltamivir auszugehen [9]. Mathematische
Modelle sprechen für eine Prävention oder zumindest deutliche
Verzögerung einer entstehenden Pandemie durch den großflächigen
Einsatz einer Chemoprophylaxe [10]
[11].
Eine Resistenz gegenüber Oseltamivir wurde bisher sehr selten
in klinischen Isolaten beobachtet. In klinischen Studien zur Wirksamkeit von
Oseltamivir waren weniger als 1 % aller klinischen Isolate
resistent und die Resistenzraten stiegen auch während der ersten drei
Jahre nach Zulassung nicht an [12]
[13]. Suboptimale Dosierung und prolongierte Therapie oder
Prophylaxe, insbesondere in Kombination mit einer Immunkompromittierung des
Patienten, können jedoch rasch zur Entwicklung antiviraler Resistenzen
führen [14]. In zwei klinischen Studien wurden
Kleinkinder mit Influenza-A-Virusinfektion mit einer vergleichsweise geringen
Dosis von Oseltamivir behandelt und bei rund 16 % der behandelten
Patienten wurde eine Resistenzentwicklung beobachtet [15]
[16]. In einer weiteren Studie
trat eine Resistenz gegenüber Oseltamivir in rund 25 % der
Patienten mit dem Vogelgrippevirus A/H5N1 auf [16].
Eine Influenza-Pandemie birgt jedoch ein deutlich erhöhtes
Risiko für das Auftreten von Resistenzen. Der großzügige
Einsatz antiviraler Medikamente wie von nationalen Pandemieplänen
vorgesehen, suboptimale Dosierung und Dauer der antiviralen Therapie,
z. B. durch Lieferengpässe oder ungenügender Selbstmedikation
durch Laien, lassen deutlich höhere Resistenzraten erwarten. Alternativen,
wie eine Kombination mit Amantadin, werden daher erwogen [17]
[18].
Resistenz gegenüber Oseltamivir trat in rund
16 % der behandelten Patienten mit A/H1N1-Infektion und in rund
25 % der Patienten mit A/H5N1-Infektion auf [16]. N1-Influenzaviren mit His274Tyr-Mutation sind hoch
resistent gegenüber Oseltamivir, aber auch deutlich geringer
replikationskompetent und weiterhin sensitiv gegenüber Zanamivir
[19]
[20].
Ribavirin
Ribarvirin ist ein Nucleosid-Analogon mit sehr breitem
Wirkspektrum. Vereinzelt wurde von der Wirksamkeit von Ribavirin bei
unterschiedlichen viralen Infektionen der unteren Atemwege berichtet. So finden
sich Berichte über erfolgreiche Behandlungen mit Ribavirin bei Patienten
mit einem Zustand nach Herztransplantation und schwerer
Parainfluenzavirus-Pneumonie [21], einem
lungentransplantierten Patienten mit Metapneumovirus-Pneumonie
[22] und bei 2 von 5 Kindern mit schwerer
Adenovirus-Infektion [23]. Kleinere Studien erbrachten
Hinweise für eine verkürzte Dauer der mechanischen Ventilation und
des Krankenhausaufenthalts durch den Einsatz von Ribavirin bei Patienten mit
RSV-Infektion der unteren Atemwege [24]. Initiale
therapeutische Erfolge konnten in folgenden Studien aber nicht bestätigt
werden. Die Therapie war häufig mit einer Hämolyse assoziiert
[25]
[26]. Generell liegen
Erfahrungen aus großen, randomisierten Studien zur Ribavirin-Therapie
viraler Infektionen der unteren Atemwege nicht vor. Zusätzlich zeigten
In-vitro-Untersuchungen einen antiviralen Effekt erst
bei sehr hohen Ribavirin-Konzentrationen, die aus toxikologischen Gründen
in vivo kaum erreichbar sind [27].
Um die Wirksamkeit am Ort der Infektion bei möglichst
geringer Toxizität zu erhöhen, wurde Ribavirin auch als Aerosol
eingesetzt. Erste klinische Erfahrungswerte bei RSV-Infektionen waren
vielversprechend [28]. Größere klinische
Studien zeigten jedoch eine kaum messbare Wirkung von inhalativem Ribavirin bei
Patienten mit akuter RSV-Bronchiolitis oder SARS [25]
[26]
[29]. Zusätzlich ist die
inhalative Administration von Ribavirin technisch sehr aufwendig und daher in
nur wenigen Zentren möglich.
Symptomatisch-supportive und adjuvante Therapie
Symptomatisch-supportive und adjuvante Therapie
Glucocorticoide
Die Datenlage zur Gabe von Glucocorticoiden bei viralen
Infektionen des unteren Respirationstrakts ist derzeit heterogen. Eine
Meta-Analyse zeigte einen positiven Effekt von Steroiden auf den Verlauf einer
Influenza-A-Virus- und Hantavirus-Pneumonie [1]. Die
Kombination aus Acyclovir mit Steroiden zeigte ebenfalls einen positiven Effekt
auf die Letalität einer Varizella-Zoster-Pneumonie. Im Gegensatz dazu
konnte kein positiver Effekt durch eine Verdoppelung der Dosis inhalativer
Steroide bei akuter Exazerbation eines Asthma bronchiale gezeigt werden
[30]
[31]. Eine systemische
Kortisontherapie hatte bei Kindern mit akuter viraler Bronchiolitis keinen
positiven Effekt [32]. Schulkinder sind durch moderate
Dosen eines inhalativen Steroids (400 µg Beclomethason
täglich) ungeschützt vor Exazerbationen eines Asthma bronchiale
[33]
[34]. Der Einsatz von
Kortikosteroiden in der Prävention und Therapie einer viralen Erkrankung
des unteren Respirationstrakts bleibt insgesamt kontrovers diskutiert, scheint
aber bei der Therapie der viralen Pneumonie positive Effekte zu erzielen.
Antiobstruktive Therapie in der Behandlung von akuten viralen
Atemwegserkrankungen
Bronchodilatatoren sind ein wichtiger Bestandteil in der
antiobstruktiven Therapie der infekt-exazerbierten COPD (s. u.). Die
Verwendung von Bronchodilatatoren bei der Bronchiolitis bleibt jedoch
kontrovers diskutiert. Eine Metaanalyse bisheriger Studien fand keinen
eindeutigen Vorteil, während eine andere Metaanalyse minimale, kurzzeitige
Verbesserungen der klinischen Symptomatik nachwies [35].
Maximal eines von vier mit Bronchodilatatoren behandelten Kindern hatte eine
vorübergehende Besserung der klinischen Symptomatik. Bronchodilatatoren
sollen daher nicht routinemäßig in der Therapie der Bronchiolitis
eingesetzt werden [36]. Die empirisch-probatorische
Therapie mit α-adrenergenen oder β-adrenergenen Medikamenten ist eine
mögliche Option, die jedoch nur bei raschem klinischem Erfolg
fortgeführt werden sollte. Inhalationen mit warmer, angefeuchteter Luft
zeigten in drei klinischen Studien einen Vorteil bei Infektionserkrankungen der
oberen Atemwege, während drei weitere Studien diese Resultate nicht
bestätigen konnten [37]. Studien zur viralen
Infektion der unteren Atemwege liegen bislang nicht vor.
Vitamine, Echinacea und Hühnersuppe
Die Einnahme von Nahrungsergänzungen zur Stärkung des
Immunsystems ist sehr modern. Die Wirksamkeit konnte allerdings nur in
Ausnahmen bewiesen werden. Vitamin C reduzierte in einer klinischen Studie die
Inzidenz und Krankheitsdauer oberer Atemwegsinfektionen [38]. Vitamin-A-Defizienz ist ein bekannter Risikofaktor
für einen schweren Verlauf einer Maserninfektion. Eine Substitution wird
von der World Health Organization (WHO) für Kinder mit Masern in Gebieten
mit Vitamin-A-Defizienz empfohlen. In einer Metaanalyse zeigte die Gabe von
Vitamin A in zwei Einzeldosen eine signifikant reduzierte Pneumonie-assoziierte
Letalität bei Kindern unter dem 2. Lebensjahr [39].
Patienten mit Pneumonien durch andere virale Erreger profitierten im Gegensatz
nicht von der Gabe von Vitamin A [40]. Die Wirksamkeit
anderer Substanzen in der traditionellen Volksmedizin konnte in klinischen
Studien nicht bestätigt werden. Echinacea hatte keine messbaren Effekte
auf Rhinovirusinfektionen in sorgfältig geplanten Studien
[41]. Die Gabe von Zink hatte keinen Einfluss auf
Infektionen der oberen Atemwege [42] und zur
Hühnersuppe existieren keine Daten aus klinischen Studien, die eine
Wirksamkeit bei LRTI gezeigt haben. Somit kann zu deren Einnahme
überwiegend aus kulinarischen, aber auch theoretischen Gründen
geraten werden [43].
Prävention
Prävention
Hygienemaßnahmen
Respiratorische Viren können theoretisch übertragen
werden durch Aerosole, große Tröpfchen oder durch direkten Kontakt
mit kontaminierten Sekreten. Diese drei Wege schließen sich bei
natürlichen Infektionen nicht gegenseitig aus, wobei Aerosole
wahrscheinlich die wichtigsten Träger für respiratorische Viren
darstellen. Aerosole sind Suspensionen von festen oder flüssigen Partikeln
in der Luft oder einem Gas, die durch ihre geringe Größe für
lange Perioden schweben können (z. B. „fällt”
ein 5 µm großes Partikel innerhalb von 62 Minuten 3 Meter)
[44]. Husten oder Niesen generiert große Mengen
von Partikeln < 5 – 10 µm und diese
Partikel verlieren zusätzlich durch Evaporation rasch an Größe.
Luftströmungen können Aerosole über weite Distanzen
transportieren mit dem Potenzial für geografisch entfernte
Infektionen.
Die Art der Übertragung ist wichtig für die Wahl der
präventiven Maßnahmen. Die nationalen Influenza-Pandemie-Pläne
der USA und Kanadas sehen z. B. die Verwendung von chirurgischen Masken
zu Prävention vor, weil primär von einer Übertragung durch
große Tröpfchen ausgegangen wird (www.pandemicflu.gov). Die
Empfehlungen im deutschsprachigen Raum gehen im Gegensatz von einer
Übertragung durch Aerosole aus und empfehlen das Tragen entsprechender
Schutzmasken (FFP2, filtering face piece, max. Gesamtleckage; Nationaler
Influenzapandemieplan, www.rki.de). Chirurgische Masken würden Aerosole
nur ungenügend filtern. Die Diskrepanz zwischen den nationalen
Empfehlungen zeigt die weiterhin nicht sicher geklärte Wertigkeit der
möglichen Übertragungswege auf. Ein partieller Schutz durch
ungenügende Barrieremaßnahmen birgt jedoch auch die Gefahr, dass
sich die Träger von Masken in trügerischer Sicherheit wägen und
sich weiter exponieren.
Das Tragen von Schutzhandschuhen und Händedesinfektion,
besonders von medizinischem Personal, sind wichtig, um das Risiko einer
direkten Übertragung durch kontaminierte Sekrete weiter zu minimieren.
Insbesondere vor dem Ablegen einer Schutzmaske ist eine Händedesinfektion
zwingend erforderlich, um eine Autoinokulation zu vermeiden. Detaillierte
Informationen zu Hygienemaßnahmen und Infektionskontrolle sind unter der
Homepage des Robert-Koch-Instituts abrufbar (www.rki.de).
Immunprophylaxe
Aufgrund der begrenzten diagnostischen und therapeutischen
Optionen bei viralen Atemwegserkrankungen hat die Prävention durch Impfung
einen umso höheren Stellenwert. Klinisch zugelassen sind derzeit jedoch
nur Aktivimpfstoffe gegen Influenza und eine passive Vakzinierung gegen
RSV-Infektionen.
Die Impfstoffforschung hat aufgrund der rasanten Entwicklung neuer
biotechnologischer Verfahren (reverse Genetik, reverse Vakzination,
DNA-Vakzinierung) gewaltige Fortschritte erzielt. Der Trend bei der
Impfstoffentwicklung gegen respiratorische Viren geht zunehmend in Richtung
einer mukosalen Applikation. Die mukosale Applikation von Impfstoffen spiegelt
den physiologischen Ablauf einer respiratorischen Infektion besser wider als
die subkutane oder intramuskuläre Injektion. Ziel dieses Konzeptes ist der
Aufbau einer mukosalen Immunität (z. B. sekretorische IgA), die
nicht nur zu einem milderen Verlauf einer Erkrankung führt, sondern die
Infektion und Transmission wirkungsvoll unterbindet.
Auch hinsichtlich der Impfantigene gibt es Innovationen. Dazu
gehören kälteadaptierte Viren (kälteadaptiert: ca-,
kältepassagiert: cp-, temperatursensitiv: ts-Viren), die sich optimal bei
Temperaturen von 25 – 33 ° C replizieren
und damit zu lokalen Infektionen der Nasen- und Rachenschleimhaut führen,
jedoch aufgrund der höheren Körperkerntemperatur keine systemische
Infektion verursachen. Pseudoviren sind
replikationsunfähige Viruspartikel ohne Nukleinsäuren. Pseudoviren
können im Gegensatz zu Spaltimpfstoffen, die nur durch professionelle
Antigen-präsentierende Zellen phagozytiert und über MHC II
präsentiert werden, über eine Membranfusion eine natürliche
Infektion vortäuschen. Dadurch werden sie über MHC I präsentiert
und generieren zusätzlich eine Impfantwort durch zytotoxische
T-Zellen.
Die Vakzinierung mit DNA, die für bestimmte virale Antigene
kodiert, ist ebenfalls ein neuer Ansatz. Die DNA wird durch die Zellen des
Patienten aufgenommen und die Expression der viralen Strukturproteine,
ähnlich wie bei einer Infektion, induziert eine zelluläre
Immunantwort.
Impfantigene können auch durch einen Vektor, der einer
anderen Spezies angehört (meist Adenoviren) und gentechnisch
verändert wurde (chimäre Viren), appliziert werden.
Eine Übersicht über verfügbare und in Entwicklung
befindlicher Vakzinierungen gegen Viren mit Bedeutung bei tiefen
Atemwegsinfekten ist in [Tab. 2]
zusammengestellt.
Tab. 2 Verfügbare und
in Entwicklung befindliche Vakzinationen gegen Viren mit Bedeutung bei tiefen
Atemwegsinfekten.
Virus
| Antigen/Antikörper
| Applikation
| Zulassung
| Klinische Entwicklung
|
Influenza
| Spaltimpfstoffe aus im
Hühnerei amplifizierten Viren
| intramuskulär,
subcutan
| verschiedene
(z. B. FLUARIX®, etc.)
| verschiedene
Phase-IV-Studien
|
| Spaltimpfstoffe
adjuvantiert mit MF59 (Squalen)
| intramuskulär,
subcutan
| Fluad®
(Novartis) Addigrip® (Sanofi Pasteur)
| verschiedene
Phase-IV-Studien
|
| kälteadaptierte
Lebendvakzine
| intranasal
| FluMist®
(Medimmune Vaccines) seit 2004 in USA zugelassen
| verschiedene
Phase-IV-Studien
|
| rekombinantes Alphavirus
(Expression von Hämagglutinin)
| intramuskulär
| keine
| Phase I
|
| virosomale Impfstoffe
| intramuskulär
| Inflexal
V® (Berna Biotec) InfectovacFlu® (Berna
Biotec)
| verschiedene
Phase-IV-Studien
|
| Spaltimpfstoffe aus in
Verozellen amplifizierten Viren zum Einsatz bei Patienten mit
Hühnereiweißallergie
| intramuskulär
| keine
| Phase I und II
|
Parainfluenza
| Serotyp 1 (Sendaivirus
als Kreuzimmunität-induzierendes Antigen)
| intranasal
| keine
| Phase I
|
| Serotyp 3
(kälteadaptiert) rHPIV-3 cp45
| intranasal
| keine
| Phase I bis III
|
| chimäres
bovin/humanes Typ-3-Virus (rB/HPIV-3)
| intranasal
| keine
| Phase I
|
| attenuierter boviner
Stamm bPIV-3
| intranasal
| keine
| Phase I
|
| attenuierter humaner
Stamm hPIV-3
| intranasal
| keine
| Phase I
|
RSV
| Spaltimpfstoff aus
F-Protein PFP-1
| intramuskulär
| keine
| Phase I
|
| Spaltimpfstoff aus
F-Protein PFP-2
| intramuskulär
| keine
| Phase III (erfolglos)
|
| attenuierte ,
temperatursensitive Viren
| verschiedene
| keine
| Phase
I – III bislang erfolglos
|
Adenovirus
| Serotypen 4 und 7
(DR-5001)
| oral
| keine (eine ehemals
zugelassene orale Vakzine wird seit 1998 nicht mehr produziert)
| Phase III
|
SARS
| Einzelplasmid
DNA-Vakzine (Spike (S) Glycoprotein)
| intramuskulär
| keine
| Phase I
|
Influenza
Influenza
Die Schutzimpfung gegen Influenza gehört zu den wirksamsten
präventiven Maßnahmen. Sie sollte vorzugsweise in den Monaten
Oktober und November durchgeführt werden, kann aber auch während der
Grippesaison nachgeholt werden. Zielgruppen der Impfung (laut Empfehlungen der
STIKO) sind Personen über 60 Jahre, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit
erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens,
Personen mit erhöhter Gefährdung, z. B. medizinisches
Personal, Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr sowie
Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute
ungeimpfte Risikopersonen fungieren können, und Personen mit erhöhter
Gefährdung durch direkten Kontakt zu Geflügel und
Wildvögeln.
In Deutschland sind derzeit 9 Grippeimpfstoffe zugelassen, die alle
per injectionem appliziert werden. Den derzeit
eingesetzten Vakzinen liegen meist inaktivierte Viren, die in infizierten
Hühnerembryonen gezüchtet werden, zugrunde. Sie enthalten H- und
N-Antigene, entsprechend den zirkulierenden Stämmen. Wegen der
Antigendrift gibt es jedoch nur für bekannte Viren einen sicheren
Impfschutz. Darüber hinaus wurde ein neues Adjuvanz (Squalen, MF59)
für Influenzavakzinen zugelassen [45]. 2003 wurde
eine trivalente, attenuierte, kälteadaptierte Influenzaimpfung, die als
Nasenspray appliziert wird, in den USA zugelassen. Trotz moderater
Antikörpertiter im HAHT zeigte sich diese Vakzine dem konventionellen
Totimpfstoff überlegen [46]. Ein weiterer
intranasaler Grippeimpfstoff war während zweier Influenzasaisonen in der
Schweiz zugelassen und wurde wegen einer häufigen Assoziation mit
Fazialisparesen wieder vom Markt genommen [47].
Unbestritten ist der Nutzen der Influenzaimpfung für die
Gesundheit der Bevölkerung, auch durch den sogenannten Herdeneffekt. In
allen Leitlinien wird die Impfung für Risikogruppen einhellig empfohlen.
In einer der größten bislang durchgeführten
Interventionsstudien (n = 259 627, alle Einwohner
Stockholms > 65 Jahre) konnte die Gesamtmortalität in der
Kohorte der Geimpften (n = 100 242) durch eine
kombinierte Influenza-/Pneumokokkenimpfung um 57 % gesenkt werden
[48]. Die Impfung von medizinischem Personal wird zum
Schutz der Patienten ebenfalls einhellig empfohlen (
www.rki.de,
www.ekif.ch). Eine in Altersheimen
durchgeführte Interventionsstudie belegt einen signifikanten Rückgang
der Influenza-assoziierten Mortalität, wenn das Personal geimpft wurde
[49].
Ein Zusammenhang zwischen Influenzaimpfung und
Guillian-Barre-Syndrom (GBS) wurde nachgewiesen, muss jedoch kritisch gesehen
werden. Eine aktuelle Surveillancestudie sieht ein relatives Risiko von 1,45
(95 % CI, 1,05 – 1,99;
P = 0,02), das jedoch in keiner Relation zu den durch die
Influenzaimpfung jährlich geretteten Leben steht. Eine weitere Arbeit
konnte einen Zusammenhang zwischen Influenzainfektion und GBS belegen
[50]. Nach Ansicht der Autoren werden im Epidemiefall
durch die Impfung mehr GBS-Fälle verhindert als hervorgerufen.
Humane Parainfluenzaviren (hPIV)
Humane Parainfluenzaviren (hPIV)
Bislang gibt es keinen lizenzierten Impfstoff gegen hPIV. Die
Entwicklung eines Formalin-inaktivierten Totimpfstoffes wurde wegen zu geringer
Immunogenität der Attachment-Proteine, gegen die neutralisierende
Antikörper gerichtet sind, wieder verlassen. Derzeit werden attenuierte
Viren, ein boviner (bPIV-3) und ein humaner Stamm (hPIV-3) untersucht, die
intranasal appliziert werden. Ansätze mit chimären Viren (hPIV-1, -2,
-3-Kombination und bovin/humanes PIV-3) werden ebenfalls verfolgt. Die
klinische Entwicklung ist mit einem kälteadaptierten Stamm vom Serotyp 3
(cp 45), dem häufigsten Serotyp bei Pneumonie und Bronchitis, am weitesten
fortgeschritten (Phase II/III) [51].
RSV
RSV
Bereits in den 1960er-Jahren wurde ein Formalin-inaktivierter
Impfstoff entwickelt. In klinischen Studien zeigte sich allerdings ein deutlich
aggressiverer Verlauf einer RSV-Infektion nach Impfung [52]. In Tiermodellen konnte gezeigt werden, dass die
Ursache für diese Aggravation einer subsequenten Infektion u. a.
die Stimulation einer TH2-Immunantwort durch die vorangegangene Impfung war.
Eine adäquate Impfantwort gegen RSV scheint schwer generierbar, da selbst
nach durchlaufenem Infekt keine vollständige Immunität besteht,
83 % der im 1. Lebensjahr Erkrankten werden re-infiziert,
46 % davon erkranken ein 3. Mal [53].
Spaltimpfstoffe (subunit vaccines)
Subunit-Impfstoffe mit dem die Fusion vermittelnden F-Protein sind
im Gegensatz zum Totimpfstoff sicher und wurden sogar schon bei einer
Phase-I-Studie bei Schwangeren eingesetzt (PFP-1), um durch die Induktion
maternaler Antikörper eine Infektion des Säuglings zu verhindern
[52].
Eine Phase-III-Studie mit PFP-2 bei Kindern mit Mukoviszidose
(0 – 12 Jahre) zeigte allerdings keinen signifikanten
Impfschutz.
Attenuierte Viren
Ca-, cp- und
ts-Stämme werden seit mehr als einem Jahrzehnt in
klinischen Studien untersucht. Ein generelles Problem scheint eine zu starke
bzw. zu schwache Attenuierung zu sein, d. h. Stämme, die bei
Erwachsenen und seropositiven Kindern noch eine Impfantwort hervorrufen,
verursachen bei seronegativen Kindern bereits eine mild-moderate Infektion mit
respiratorischer Obstruktion [54].
Passive Vakzinierung
In Deutschland zugelassen ist Palivizumab
(SYNAGIS®), ein monoklonaler chimärer Antikörper
(Maus/Mensch), zur Prävention von RSV-Infektionen bei Frühgeborenen
unter 6 Monaten sowie Kindern > 2 Jahre mit einem hohen Risiko
für RSV-Infektionen, z. B. bei kongenitalen Vitien,
bronchopulmonaler Dysplasie etc. Der Antikörper bindet an das
Fusionsprotein des Virus und inhibiert dadurch die Fusion mit der Membran der
Wirtszelle. In einer ausgewählten Population von Kindern mit hohem Risiko
für RSV (chronische Lungenerkrankung, Vitien) reduzierte die einmal
monatliche intramuskuläre Injektion von Palivizumab signifikant die Anzahl
der Krankenhausaufnahmen (LIT). Eine aktuelle englische Arbeit bescheinigt
dieser teuren passiven Vakzine bei streng
gestellter Indikation insgesamt eine Kostenersparnis [55].
Zwischenzeitlich befinden sich weitere humanisierte monoklonale
Antikörper (Motavizumab und MEDI-524) in Phase I (Motavizumab) bis Phase
III (MEDI-524) der klinischen Prüfung [56]
[57].
Adenoviren
Adenoviren
Respiratorische Adenovirusinfektionen können
ausbruchähnliche Dimensionen annehmen. Seit den 1970er-Jahren wurden
US-Rekruten mit einer Lebendvakzine, die Stämme der Serotypen 4 und 7
enthielt, geimpft. Die Viren waren nicht attenuiert, wenn sie inhaliert wurden.
Durch eine Verabreichung als Schluckimpfung (Adenoviren können im
Gastrointestinaltrakt replizieren und auch Diarrhoen hervorrufen) wurde eine
respiratorische Immunität induziert, ohne eine Erkrankung zu verursachen.
Seit 1998 die Produktion dieser Vakzine aus ökonomischen Gründen
eingestellt wurde, werden wieder Pneumonieausbrüche unter
Militärangehörigen beobachtet [58]. Derzeit
läuft allerdings eine Phase-III-Studie, gesponsert von Duramed Research,
die die Wirksamkeit dieses Konzeptes, wahrscheinlich mit dem Ziel einer
erneuten kommerziellen Zulassung, belegen will.
SARS
SARS
Ein kommerziell erhältlicher Impfstoff ist bislang nicht
verfügbar. Problematisch ist, dass durch Impfung induzierte
Antikörper auch zu einer Steigerung der Viruslast (eng.
antibody-dependent enhancement, ADE) und einer
Exazerbation der Erkrankung führen können. Solche Folgen wurden
bereits bei einer Schutzimpfung gegen ein anderes Coronavirus (FIPV) beobachtet
[59]. Die Ursache dafür liegt wahrscheinlich in
einer Antikörper-vermittelten Aufnahme des Virus in die Wirtszellen. Eine
klinische Phase-I-Studie, die eine DNA-Vakzine untersuchte, wurde gerade
erfolgreich beendet [60].
Zusammenfassung
Zusammenfassung
Den zahlreichen Viren, die als Auslöser eines tiefen
Atemwegsinfektes in Betracht kommen, steht trotz intensiver Suche nach
effektiven Therapien nur eine sehr begrenzte Zahl an Medikamenten
gegenüber. Somit kommt insbesondere in Zeiten epidemischer oder
pandemischer Verbreitung von respiratorischen Virusinfekten, wie jetzt aktuell
im Rahmen der H1N1-Pandemie, präventiven Maßnahmen größte
Bedeutung zu. Hierbei ist neben hygienischen Maßnahmen, wie
regelmäßiges Händewaschen, die Vakzination unsere stärkste
Waffe. Da die saisonale Influenza mit einer nicht unerheblichen Mortalität
einhergehen kann, sollte eine jährliche Immunisierung entsprechend der
jeweiligen Empfehlung erfolgen (
www.rki.de,
www.bmgfj.gv.at,
www.ekif.ch).
Gesamtzusammenfassung
Gesamtzusammenfassung
Im Rahmen dieser Serie zu viralen Atemwegsinfekten des Erwachsenen
wurde aufgezeigt, dass mit der Einführung von sensitiveren Methoden
für den Direktnachweis von respiratorischen Viren, wie der PCR, das Wissen
über die Ätiologie von tiefen Atemwegsinfektionen deutlich erweitert
werden konnte. So gelingt heutzutage in neueren Untersuchungen, im Gegensatz zu
den älteren ätiologischen Studien, eigentlich bei allen Formen der
tiefen Atemwegsinfekte häufiger der Nachweis von relevanten Viren, und es
wurden in jüngerer Zeit weitere Viren, wie humanes Metapneumovirus (hMPV),
humanes Bocavirus (hBoV) oder bislang unbekannte Coronaviren, entdeckt, die
eine Bedeutung in der Entstehung dieser Erkrankungen haben.
Ferner wurden bei Patienten mit LRTI auch vermehrt Viren, wie zum
Beispiel Herpesviren, nachgewiesen, die bislang nicht unbedingt als Erreger
einer LRTI in Betracht kamen. Somit ist davon auszugehen, dass die Bedeutung
von Viren bei Infekten der tiefen Atemwege bisher mit Sicherheit
unterschätzt wurde.
Trotz aller Fortschritte in der Diagnostik viraler Atemwegsinfekte
bleibt die klinische Bedeutung dieser vermehrten Virusnachweise jedoch bislang
ungewiss. Obwohl davon ausgegangen werden muss, dass Viren bei bestimmten
Formen der LRTI, wie der akuten Bronchitis oder der Exazerbation einer COPD
(AE-COPD), eine bedeutende Rolle spielen (bei bis zu 64 % der
AE-COPD Nachweis von Viren), besteht noch Klärungsbedarf, ob der
Virusnachweis bei LRTI generell eine eigene pathogenetische Bedeutung hat oder
ob es sich hierbei lediglich um ein Epiphänomen handelt.
So fand sich bei Patienten mit schwerer Pneumonie, die auf der
Intensivstation (IST) behandelt wurden, durch eine prophylaktische antivirale
Behandlung mit Aciclovir zwar seltener der Nachweis von z. B.
Herpesviren, was jedoch ohne Einfluss auf Krankheitsverlauf und Mortalität
blieb.
Insbesondere über das Zusammenspiel von Viren und Bakterien und
die Bedeutung von Virusinfekten als „Wegbereiter” für die
Genese von bakteriellen Atemwegsinfekten liegen nur wenige valide Daten vor. Es
gibt bei der AE-COPD Hinweise dafür, dass Patienten mit einer Koinfektion
einen deutlich schwereren Krankheitsverlauf aufweisen und Viren hierbei einen
fördernden Effekt auf das Wachstum von Bakterien haben [61]. Im Gegensatz hierzu bleibt die Bedeutung einer viralen
Genese der Pneumonie, insbesondere bei schweren Fällen, die einer
Behandlung auf der Intensivstation bedürfen, ungewiss.
In Bezug auf AE-COPD lässt sich aber mit Gewissheit sagen, dass
es zahlreiche Hinweise dafür gibt, dass virale Infekte eine der
Hauptursachen von akuten Exazerbationen der COPD sind, wenn nicht sogar die
bedeutendste. Auch die Tatsache, dass es eine Assoziation zwischen
Virusnachweis und Exazerbationsschwere sowie Symptomen einer viralen
Erkältungskrankheit gibt, stärkt die Vermutung einer kausalen Rolle
der respiratorischen Viren. Der endgültige Beweis wäre durch ein
AE-COPD-Modell möglich, indem, in Anlehnung an die Studien zur Genese der
Exazerbation beim Asthma bronchiale [62]
[63]
[64], bei stabilen COPD-Patienten
experimentell eine Virusinfektion, z. B. mit Rhinoviren, induziert wird,
wie jüngst in einer Pilotstudie von Mallia et al. bei 4 Patienten erfolgt
[65]. Solche Untersuchungen könnten helfen, die
immunologischen Vorgänge, die während einer viralen AE-COPD ablaufen,
besser zu verstehen. Aus den so gewonnenen Erkenntnissen ließen sich
möglicherweise neue Therapieansätze (Blockade von ICAM-1?
Endothelin-Rezeptor-Antagonisten? Hemmung der NF-κB Induktion?)
ableiten.
Aufgrund der Bedeutung von Viren bei AE-COPD erscheint eine
generelle Indikation für eine antibiotische Behandlung nicht zu bestehen.
Vielmehr sollte die Verordnung auf Patientensubgruppen beschränkt bleiben,
bei denen ein Vorteil nachgewiesen werden konnte, wie zum Beispiel Patienten
mit einer Typ-I-Exazerbation nach Anthoniesen oder Patienten mit häufigen
Exazerbationen (> 4/Jahr) und schwergradiger COPD. Dies spiegelt sich
auch in den aktuellen Therapieleitlinien der entsprechenden Fachgesellschaften
wider [66]. Welche Rolle möglicherweise eine
antivirale Therapie bei der AE-COPD spielt, bedarf noch der Klärung.
Auch wenn bei Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie in
epidemiologischen und ätiologischen Untersuchungen ein viraler Nachweis
bei bis zu 23 % der Patienten beschrieben wurde, bleibt die
Bedeutung hiervon unklar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Viren auch hier
eine bislang unterschätzte Rolle spielen, wenn auch möglicherweise
überwiegend „nur” als Wegbereiter eines bakteriellen
Infektes. Influenza A, gefolgt von Influenza B und RSV, wurden am
häufigsten nachgewiesen. Vereinzelt gelang auch der Nachweis von
Parainfluenzaviren, Adenoviren, Herpes-simplex-Virus, Varizella-Zoster-Virus,
Enteroviren, humanem Metapneumovirus und Echovirus. In Bezug auf die klinischen
Symptome gibt es kaum Unterschiede zwischen einer viralen und einer
bakteriellen CAP, obwohl Patienten mit einer viralen CAP oft weniger Auswurf,
vermehrt Giemen und Rasselgeräusche sowie einen geringeren
Leukozytenanstieg aufweisen. Bei älteren Patienten wurden tendenziell
häufiger Viren nachgewiesen. Trotz der gesicherten viralen Beteiligung bei
der ambulant erworbenen Pneumonie bleibt bei der hohen Rate an bakteriell
verursachten CAP eine leitliniengerechte antibiotische Therapie in den meisten
Fällen unverzichtbar.
Zur viralen Ätiologie der nosokomialen Pneumonie und der
Beatmungs-assoziierten Pneumonie (VAP) liegen bisher kaum verwendbare und
aktuelle Daten vor. Bei frisch intubierten Patienten scheint nicht die
Intubation, sondern die Grunderkrankung nebst Wintersaison als Risikofaktor
eines viralen Nachweises eine Rolle zu spielen. Auf der Intensivstation wurden
bei intubierten und schwer erkrankten Patienten HSV, CMV, Influenza A, RSV
sowie hRV nachgewiesen. Die Inzidenz dieser viralen Nachweise schwankt stark je
nach Untersuchungsart und Patientenkollektiv. Influenza A und RSV treten
saisonal in den Wintermonaten gehäuft auf. Neben Patienten mit einer
medikamentösen Immunsuppression (z. B. nach Organtransplantation)
konnten HSV und CMV auch allgemein vermehrt bei schwer erkrankten Patienten auf
der Intensivstation nachgewiesen werden. Für einen positiven HSV- oder
CMV-Nachweis wurde in einigen Studien ein negativer Einfluss auf
Mortalität, Beatmungsdauer und Intensivbehandlungdauer beschrieben. Jedoch
konnte in zwei medikamentösen Interventionsstudien keine Senkung der
Mortalität durch eine antiviralen Therapie mit Aciclovir gezeigt werden.
Deswegen bleibt es unklar, ob in diesen Fällen der Nachweis von HSV und
CMV Ausdruck einer Reaktivierung im Zusammenhang mit der schweren Erkrankung
ist oder tatsächlich eine pathogenetische Bedeutung hat. Dies muss in
weiteren Studien untersucht werden.
Obwohl es für die dominierende Rolle von Viren bei der
Entstehung der akuten Bronchitis, wie schon bei der AE-COPD, starke Hinweise
gibt, konnte dies bis zum heutigen Tag nicht eindeutig bewiesen werden. Ein
mögliches Problem hierbei ist sicherlich, dass die meisten dieser
Patienten ambulant betreut werden. Somit ist eine teure und aufwendige
Erregerdiagnostik, insbesondere wegen fehlender therapeutischer Konsequenzen,
oft nicht gerechtfertig. Deshalb existieren kaum Daten zur Ätiologie der
akuten Bronchitis.
Möglicherweise wird deshalb ein Großteil der Patienten
mit akuter Bronchitis im Alltag meist völlig unnötig mit Antibiotika
behandelt, obwohl bis zum heutigen Tag der Nutzen dieser Therapie nicht belegt
ist.
Hier könnten Biomarker, die sicher zwischen einer viralen und
bakteriellen Genese eines LRTI differenzieren können, eine entscheidende
Rolle spielen. Bislang ist das Procalcitonin am besten untersucht und eine
Arbeitsgruppe der Universitätsklinik Basel (Schweiz) konnte erfolgreich
zeigen, dass durch eine Procalcitonin-gesteuerte antibiotische Therapie sowohl
bei der AE-COPD als auch der ambulant erworbenen Pneumonie der
Antibiotikaverbrauch signifikant gesenkt werden kann, ohne einen negativen
Einfluss auf das Outcome zu haben [67]
[68]. Ob sich im Gegenschluss hieraus jedoch die Indikation
zur Einleitung einer antiviralen Behandlung ableiten ließe, ist bislang
völlig ungeklärt.
Insgesamt besteht ohnehin in Hinblick auf die Bedeutung einer
antiviralen Behandlung bei tiefen Atemwegsinfekten, mit Ausnahme der Influenza,
noch große Ungewissheit. Bislang stehen nur sehr begrenzte therapeutische
Optionen mit zum Teil erheblichen Nebenwirkungen zur Verfügung. Ein
weiteres Problem ist, dass die aktuell zugelassenen Substanzen oftmals nur
gegen eine sehr begrenzte Zahl von Viren wirksam sind. Hierdurch ist zum
Beispiel eine kalkulierte Behandlung eines viralen LRTI kaum möglich.
Deshalb kommt in Zukunft der Entwicklung von neuen antiviralen Medikamenten,
die unkompliziert bei einer Vielzahl der viral verursachten LRTI eingesetzt
werden könnten, große Bedeutung zu.
In den letzten Jahren konnte unser Wissen zur Bedeutung von Viren
bei der Genese von tiefen Atemwegsinfekten deutlich erweitert werden, sodass
deren Rolle bislang sicherlich unterschätzt wurde. Ob es sich bei den neu
gewonnenen Erkenntnissen möglicherweise nur um die Spitze des Eisbergs
handelt, ist ungewiss, da es, wie so oft, noch viele offene Fragen zu
klären gilt.
Interessenkonflikte
Interessenkonflikte
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.