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DOI: 10.1055/s-0031-1275562
Referiert – kommentiert
Vitamin-D-VersorgungPublication History
Publication Date:
07 June 2011 (online)


Kommentar
Das Statement der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), der Vitamin-D-Mangel würde in Deutschland oft überbewertet und ausgeprägte Mangelzustände, die bei einem Abfall der Werte auf etwa 10 ng/ml im Blut auftreten können, seien sehr selten, ist schlichtweg falsch. Repräsentative Studien in der Allgemeinbevölkerung haben ergeben, dass 15–17 % der Erwachsenen sowie 17 % der Kinder und Jugendlichen 25-Hydroxyvitamin D (25OHD)-Spiegel unter 10 ng/ml aufweisen. Bei Mädchen mit Migrationshintergrund liegt der Wert sogar bei 31 %. In der DEVID-Studie (D-Vitamin D in Deutschland), die in 254 Hausarztpraxen deutschlandweit durchgeführt wurde, hatten 20 % der jüngeren Patienten und 38 % der Patienten >70 Jahre 25OHD-Spiegel unter 10 ng/ml [1].
Zufuhrempfehlungen verdreifacht
Die schlechte Vitamin-D-Versorgung in Deutschland ist auf viele Faktoren zurückzuführen: Hierzu zählen sowohl die geringen Freizeitaktivitäten weiter Teile der Bevölkerung im Freien, die tägliche Arbeit in geschlossenen Räumen, die fehlende Vitamin-D-Synthese in der Haut im Winterhalbjahr und auch die traditionelle Kleidung vieler Migrantinnen. Hinzu kommt die geringe Vitamin-D-Aufnahme über Lebensmittel von im Mittel lediglich 1–3 µg/Tag [1]. Die neuen Empfehlungen des US-Institute of Medicine (IOM) vom November 2010 für die tägliche Vitamin-D-Zufuhr sind daher grundsätzlich zu begrüßen. Die bisherigen Empfehlungen wurden für die Mehrzahl der Erwachsenen verdreifacht und belaufen sich nun auf 15 µg täglich. Für Personen über 70 Jahre wurden die Empfehlungen von bisher 15 auf jetzt 20 µg/Tag heraufgesetzt. Wenn diese Werte in Deutschland erreicht würden, könnte dies vermutlich ein wichtiger Schritt in Richtung zur Überwindung zumindest des ausgeprägten Vitamin-D-Mangels sein.
Bereits heute werden zur Optimierung der Knochengesundheit sowohl Säuglingen als auch Senioren Vitamin-D-Supplemente empfohlen. Da Vitamin-D-Rezeptoren jedoch nicht nur im Knochen, sondern in praktisch allen Geweben des menschlichen Organismus vorkommen, deutet dies auf die zentrale Rolle von Vitamin D im Stoffwechsel hin. Zur Optimierung aller Vitamin-D-abhängigen Körperfunktionen sollte daher eine adäquate Versorgung in jedem Lebensabschnitt sichergestellt werden.
Wahrscheinlich mehr Wirkungen als bisher bekannt
Blutspiegel an 25OHD unter 10 ng/ml gehen mit signifikant erniedrigten Blutspiegeln des aktiven Vitamin-D-Hormons 1,25-Dihydroxyvitamin D einher, und dies bereits bei ansonsten gesunden Kindern und jungen Erwachsenen [2] [3]. In Japan konnte bei Kleinkindern durch Vitamin-D-Supplemente im Winter die Infektionsrate an Influenza A signifikant reduziert werden [4]. Bei Erwachsenen, die initiale 25OHD-Spiegel im Bereich von 10 ng/ml aufwiesen, verbesserte eine Vitamin-D-Gabe die Insulinresistenz und hatte positive Effekte auf kardiovaskuläre Risikomarker [5] [6]. Wahrscheinlich reduziert eine adäquate Vitamin-D-Versorgung auch das Mortalitätsrisiko [7], nicht zuletzt aufgrund einer Verminderung der kardiovaskulären Mortalität [8].
Dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten laut DGE nur in ärztlich begründeten Fällen notwendig sei, erinnert fatal an ähnliche Warnungen bei der Verwendung von Jodsalz bis Ende der 1970er-Jahre. Damals firmierte Jodsalz noch als diätetisches Lebensmittel und sollte nur bei ärztlich diagnostiziertem Jodmangel verwendet werden. Diese Restriktionen gibt es heute glücklicherweise nicht mehr und nur durch den weit verbreiteten Einsatz von Jodsalz konnte der Jodmangel in Deutschland erfolgreich bekämpft und das Auftreten einer Struma in Ausmaß und Prävalenz deutlich reduziert werden.
Sicherheit
Das DGE-Statement weist explizit auch auf schädliche Wirkungen bei hoch dosierter Vitamin-D-Zufuhr hin, macht hierzu jedoch keine Mengenangaben. Zur Beseitigung eines Vitamin-D-Mangels reichen tägliche Zufuhrmengen von 20–50 µg aus. Diese Mengen sind sicher. Dies wird auch dadurch deutlich, dass das IOM erfreulicherweise den „tolerable upper intake level” für die tägliche Zufuhr an Vitamin D im November 2010 von vorher 50 auf jetzt 100 µg hoch gesetzt hat.
Das Statement der DGE hat der Bekämpfung des Vitamin-D-Mangels in Deutschland einen Bärendienst erwiesen.