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DOI: 10.1055/s-0031-1293165
Fokus: Behandlungseinheiten – Ergonomix dentalis
Publikationsverlauf
Publikationsdatum:
28. Oktober 2011 (online)
- Immer mehr Komponenten sind zu integrieren
- Wichtige Einzelheiten und die richtige Mischung
- Fazit: Linderung braucht Geduld, Vorbeugung Köpfchen
- Literatur
Welche Leserin und welcher Leser dieser Fachzeitschrift hat schon einmal aufrecht sitzend in nicht verdrehter Haltung, die Oberarme dicht am Körper, mit aufgestützten, angewinkelten Unterarmen einen 2. Molaren im Oberkiefer bukkal präpariert, dabei die Füße stets flach auf dem Boden gehalten und den Kopf nur leicht gebeugt? Wer diese Vorgaben jeden Tag bei jeder Behandlung hundertprozentig beherzigt, kann diesen Beitrag überspringen. Alle anderen sind eingeladen, mit den folgenden Zeilen auf den aktuellen Stand in puncto "dentale Ergonomie" zu kommen.



Ergonomische Aspekte haben in der Regel keine Auswirkungen darauf, ob heute eine Präparation gelingt. Nicht jetzt, sondern erst in Jahren oder Jahrzehnten spüren der Zahnarzt oder die Zahnärztin die Folgen einer suboptimalen Haltung. So geben 64 % der Zahnärzte Erkrankungen im Bereich der Wirbelsäule an, und 42 % klagen über haltungsbedingte Kopfschmerzen [ 1 ]. Laut Statistik arbeiten 70– 75 % der Kollegen unter mehr oder weniger starken Schmerzen, und immerhin 7,55 % werden während ihrer Lebensarbeitszeit berufsunfähig [ 2 ]. Dabei sind die orthopädischen Beschwerden vor allem auf die Nacken-, Schulter- und die untere Rückenmuskulatur konzentriert [ 1 ]. Gerade weil Defizite sich nicht unmittelbar bemerkbar machen, ist das Wissen um vorbeugende Maßnahmen so wichtig.
Immer mehr Komponenten sind zu integrieren
Wenn es um die Ergonomie in einer Zahnarztpraxis geht, steht die Behandlungseinheit im Mittelpunkt. Dazu gibt es zunächst eine gute Nachricht: Die Weiterentwicklung erfolgt in diesem Bereich evolutiv. Darum braucht sich niemand zu ängstigen, er habe womöglich soeben eine sprunghafte Verbesserung verpasst.









Auch die erste Behandlungseinheit des Vaters, von dem man die Praxis übernommen hat, wurde in der Regel bereits nach ergonomischen Gesichtspunkten gestaltet.
Eine Veränderung, die sich über die letzten Jahrzehnte vollzogen hat, sticht dennoch unmittelbar ins Auge: Früher hatte man im Wesentlichen die reine Behandlungseinheit, und dazu stellte man im Laufe der Zeit wenige Peripheriegeräte. Deren Anzahl ist heute in der Regel viel größer, und so sollten die chirurgische Einheit, endodontische Geräte, Monitore, Multimedia-Komponenten und vieles mehr gleich in ein ergonomisches Gesamtkonzept integriert sein.
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Wichtige Einzelheiten und die richtige Mischung
Die Basis sind ein Turbinenanschluss, 2 Motoren, das Zahnsteinentfernungsgerät und die Multifunktionsspritze. Darüber hinaus kommen je nach den Praxis-Schwerpunkten weitere Funktionseinheiten hinzu: zum Beispiel für den Implantologen die Kochsalzpumpe und der vollsterilisierbare Mikromotor mit Drehmomentsteuerung. Und nicht zu vergessen die diversen Kameras (Intraoral, Fluoreszenzanalytik, digitales Röntgen)! Moderne Elektronik und Software machen die Integration technisch möglich. Aus ergonomischen Gesichtspunkten ist darauf zu achten, dass der "Kabelsalat" drumherum nicht stört und die Greifwege zu allen Geräten kurz ausfallen.
Neben der Hand- spielt selbstverständlich auch die Fußarbeit eine Rolle. Bewährt hat sich dafür das Schwebestuhl-Konzept mit motorischer Horizontalverschiebung des Patientenstuhls. Diese Kombination gewährt Behandler und Assistenz die maximale Beinfreiheit. Dabei ist das Arztelement seitlich und oberhalb des Patienten angebracht. Optimalerweise wählt man dazu einen funkgesteuerten Fußanlasser. Damit können Kabel komplett vermieden werden.
Für die Höhe gilt: Die Sitzfläche sollte so tief wie möglich und auch so hoch wie möglich eingestellt werden können. Das gewährt Anpassungsmöglichkeiten, wenn größere und kleinere Behandler daran arbeiten sollen. Darüber hinaus erleichtert es den Patienten den Einstieg. Selbst bei körperlichen Einschränkungen, wie zum Beispiel allgemein bei Senioren oder speziell bei Hohlkreuz oder Rundrücken, findet sich dafür eine gute Position. Dies ermöglicht die motorische Sitzbankanhebung (z. B. KaVo ESTETICA E80).
Auf ein Detail, das über Design und moderner Technik zuweilen vergessen wird, sollte bei der Anschaffung einer Behandlungseinheit besonders geachtet werden: die Rückenlehne. Kleinere Behandler wählen bevorzugt eine schmale Version; damit wird ein extremes Herüberbeugen über den Patienten vermieden.
Eine unterschätzte ergonomische Bedeutung kommt der richtigen Beleuchtung zu. Die zeitgemäße LED-Lampe sollte mindestens nach vorne und hinten schwenkbar sein, idealerweise aber auch nach links und rechts ("3-D-Gelenk"). So lassen sich selbst schwer einsehbare Bereiche gut ausleuchten, auch für die bukkale Präparation des besagten 2. Molaren im Oberkiefer. Beim späteren Legen der Füllung darf die Wellenlänge nicht die Aushärtung des Adhäsivs bzw. Komposits initiieren. Sonst verkürzt sich überraschend die Modellierzeit, was dann zu hektischem Arbeiten und letztlich auch zu ergonomisch ungünstigen Bewegungen führt. Die Farbtemperatur der LED-Lampe lässt sich bei modernen Geräten individuell einstellen, auch auf Tageslicht ohne den früher einmal üblichen "Blaustich". Bei der Bedienung ist aus ergonomischen Gesichtspunkten eine kontaktlose Sensorschaltung am Leuchtenkopf wünschenswert.
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Fazit: Linderung braucht Geduld, Vorbeugung Köpfchen
Wer bei sich bereits einen hohen Muskeltonus feststellt (Musculus masseter und Musculus temporalis), sollte einen Physiotherapeuten um Rat fragen. Sowohl die klassische als auch die manuelle Therapie können helfen. Dabei gilt es, mit sich selbst Geduld zu haben! Denn wie die Beschwerden sich über längere Zeit einschleichen, so wird auch die Linderung erst nach Wochen oder Monaten spürbar – dann aber nachhaltig. Beim zusätzlichen Ausgleichssport gilt im Allgemeinen: weniger Tennis, mehr Golf.
Zur Vorbeugung empfiehlt es sich aber insbesondere beim Erwerb einer Behandlungseinheit die vorstehend aufgeführten Punkte zu beachten. Immerhin arbeitet der Zahnarzt bzw. die Zahnärztin im Durchschnitt mindestens 7–8 h pro Tag daran – bei vielen ist es sogar mehr. Neben der guten Nachricht, dass die Weiterentwicklung evolutiv erfolgt, gibt es übrigens eine 2. positive zu vermelden: Unabhängige Institutionen bewerten inzwischen Zahnarztstühle (z. B. AGR, Aktion Gesunder Rücken e. V.). Dabei gehen viele Aspekte ein, denn gerade hier gilt: Jede Kleinigkeit und der richtige "Gesamt-Mix" machen eine gute Behandlungseinheit aus. Erhält sie bei der externen Begutachtung unterm Strich Top-Noten, sollte das zahnärztliche Team damit ergonomisch sicher im grünen Bereich liegen.
Korrespondenzadresse
Marcel Meurer
dNA – dentale Nachrichten-Agentur GmbH
m.meurer@d-n-a.eu
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Literatur
- 1 Rohmert W, Mainzer J, Zipp P. Der Zahnarzt im Blickfeld der Ergonomie – Eine Analyse zahnärztlicher Arbeitshaltungen (Forschungsinstitut für die zahnärztliche Versorgung). Köln: Deutscher Ärzte-Verlag; 1986
- 2 Neddermeyer U. Ein besonderes Behandlungskonzept. zm 2011; 101: 38ff