Kasuistik
Anamnese
Ein 74-jähriger Patient bemerkte 3 Monate nach Einleitung einer Glaukomtherapie des rechten Auges mit Bimatoprost-Augentropfen 0,3 mg/ml eine Verlängerung der Wimpern und ein umschrieben auftretendes Haarwachstum am Unterlid. Nur in diesem Areal kam es durch Überlaufen der Augentropfen zu einem direkten Kontakt der Haut mit den einmal täglich applizierten Tropfen. Das Haarwachstum am Unterlid war dabei so ausgeprägt, dass der Patient den betroffenen Bereich im Abstand von einigen Wochen regelmäßig rasieren musste.
Dermatologischer Befund
Klinisch fanden sich am Unterlid lateral rechts auf einer ca. 2 × 1 cm großen Fläche dicht stehende, feine, unterschiedlich lange, schwarz pigmentierte Haare ([Abb. 1]). Die Anzahl der Wimpern am rechten Oberlid betrug 117, während am linken Oberlid nur 92 Wimpern gezählt werden konnten. Im Vergleich zum linken Auge mit hier gleichmäßig 6 – 7 mm langen Wimpern fanden sich besonders am rechten Oberlid kräftigere, dunkler pigmentierte Wimpern mit einer unterschiedlichen Länge von bis zu 1,5 cm. Die Wimpern zeigten links ein gerades, rechts hingegen ein deutlich nach medial abweichendes Wachstum ([Abb. 2]).
Abb. 1 Hypertrichose Unterlid lateral rechts.
Abb. 2 Deutlich längere und kräftiger pigmentierte Wimpern rechts im Vergleich zum linken Auge.
Therapie und Verlauf
Der Patient fühlte sich insbesondere durch den kosmetischen Aspekt der aufgetretenen Hypertrichose nicht beeinträchtigt. Bei guter Wirksamkeit der Bimatoprost-Therapie wurde deshalb auf eine Veränderung der ophthalmologischen Behandlung verzichtet.
Diskussion
Bimatoprost gilt als selektiver Prostaglandinrezeptoragonist und zählt wie Latanoprost oder Travoprost zur Gruppe der Prostaglandin-F2α-Analoga. Da Bimatoprost nicht als Ester, sondern als Amid vorliegt, wird es auch als Prostamid-Analogon bezeichnet. Als Antiglaukomatosum senkt Bimatoprost den Augeninnendruck durch eine verstärkte Ableitung des Kammerwassers durch das Interstitium des Ziliarmuskels in den suprachoroidalen Raum. Hier erfolgt die Aufnahme des Kammerwassers in das Venensystem (uveoskleraler Abfluss). Durch Aktivierung von Metallproteinasen in den Ziliarmuskelzellen werden intrazelluläre Stoffwechselveränderungen hervorgerufen, die auch die Zusammensetzung der extrazellulären Matrix beeinflussen und damit für die Zunahme des interstitiellen Kammerwasserabflusses verantwortlich sind [1]
[2].
Zu den typischen Nebenwirkungen einer lokalen Behandlung des Glaukoms mit Prostaglandin-F2α-Analoga zählen die konjunktivale Hyperämie, ein okulärer Pruritus, Lidödeme, Hyperpigmentierungen sowie die Hypertrichose und weitere morphologische Veränderungen der Wimpern. Dabei wird die zahlenmäßige Vermehrung der Wimpern nicht nur an den Lidrändern und im Bereich der Lidwinkel beobachtet, sondern auch in der Übergangszone zwischen den Lidrändern und der sich anschließenden Haut der Lider mit den hier vorhandenen Vellushaaren, sodass der Eindruck einer zusätzlichen Wimpernreihe entstehen kann [3]
[4]
[5]. Neben der Hypertrichose kommt es zu einer Zunahme der Länge, des Durchmessers und der Pigmentierung der einzelnen Wimpern. In verschiedenen Studien konnte bei Bimatoprost-Applikation ein Wimpernwachstum zwischen 12,6 und 35,7 % festgestellt werden [6]
[7]
[8]. Die Wimpern können eine gekräuselte Struktur annehmen und an der Hautoberfläche in einem veränderten Wachstumswinkel erscheinen [3]. Die damit verbundene Achsenabweichung würde das medial ausgerichtete Wachstum der Wimpern erklären, das auch bei unserem Patienten zu beobachten war. Die Hyperpigmentierung der Wimpern ist bei den meisten Patienten als ausgeprägt beschrieben worden, in Einzelfällen musste allerdings auch das Auftreten einer Poliosis, einer Weißhaarigkeit, registriert werden [9]
[10].
Verschiedene Studien, in denen die morphologischen Veränderungen der Wimpern bei Anwendung unterschiedlicher Prostaglandinderivate ausgewertet wurden, zeigten bei Bimatoprost eine stärkere Effektivität als z. B. bei Latanoprost [3]
[6]. Aufgrund der Studienergebnisse wurde eine 0,03 %-Bimatoprost-Lösung 2008 durch die FDA zur Behandlung der Hypotrichose der Wimpern zugelassen.
Die Prostaglandine und ihre Analoga beeinflussen Wachstum und Differenzierung der Haare, wobei die physiologischen und pathophysiologischen Abläufe bis heute weitgehend unbekannt sind. Der Prostaglandinsäurestoffwechsel lässt sich schwerpunktmäßig in den epithelialen Anteilen des Haarbulbus nachweisen. Die Synthese von PGE2 und PGF2α sowie die Existenz von Prostaglandinrezeptoren gelten dabei als gesichert [11]. Prostaglandininhibitoren, z. B. NSAP, hemmen beim Menschen das Haarwachstum, während durch PGF2α im Mausmodell das Haarwachstum gefördert werden konnte [1]
[13].
Als mögliche Ursachen der durch die Prostaglandin-Analoga induzierten Hypertrichose und der morphologischen Strukturveränderungen der Haare werden eine Umwandlung von Vellushaaren in Terminalhaare, eine follikuläre Hypertrophie und eine Verlängerung der Anagenphase diskutiert [14]
[15]
[16].