Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2012; 47(4): 224-230
DOI: 10.1055/s-0032-1310410
Fachwissen
Schmerztherapie
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Opioidwirkungen – Die Galenik macht den Unterschied

Opioid effects – galenics make the difference
Kuno Güttler
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Publication Date:
13 April 2012 (online)

Zusammenfassung

Die Galenik der retardierten Opioide ist sehr variabel und oft unzureichend. Mithilfe von 3 Parametern kann die Qualität der Retardformulierung annähernd beurteilt werden:

  1. Der PTF-Wert (Peak-Trough-Fluctuation) [PTF (%) = [Cmax – Cmin] × 100/Cmittel] ist ein Maß für die Größe der Plasmaspiegelschwankungen, die möglichst niedrig sein sollten. Bsp.: Morphin ratiopharm®: 120 ± 35%; Oxygesic® 120 ± 38%; Jurnista® 61 ±41%.

  2. Der Tmax-Wert sollte möglichst groß sein, d.h. eine langsame Anflutung ist erwünscht. Bsp.: MST Continus®: 2,3±1,1h; Palladon® retard: 4,8 ± 0,8h; Hydromorphon STADA®: 5,1 ±1,4 h bzw. Jurnista®: 12–16h.

  3. Die Halbwertsdauer (HWD) gibt die Zeitspanne an, in der die Plasmakonzentration über der Hälfte der maximalen Konzentration (≥50% Cmax) liegt und ist damit eine Messgröße für die erreichte Retardierung des Arzneimittels. Bei zu kurzer Halbwertsdauer können End-of-Dose-Schmerzen auftreten. Die HWD der meisten Morphinpräparate (2×tgl.) ist mit ca. 6h eher mäßig, bei Morphin-KREWEL® aber 8,4h; beim Hydromorphonpräparat Jurnista® (1×tgl.) 21,8h. Die variable Galenik verbietet eine Aut-idem-Substitution von retardierten Opioiden.

Abstract

The galenics of extended-release opioids is highly variable and often insufficently. The quality of retard formulations can roughly be evaluated by means of 3 parameters:

  1. PTF-Value (peak-trough fluctuation) [PTF (%) = [Cmax – Cmin] ×100/Cav] which should be as small as possible in order to minimize the fluctuation of plasma levels e.g. Morphin ratiopharm®: 120 ± 35%; Oxygesic® 120 ± 38%; Jurnista® 61 ± 41%.

  2. A maximized Tmax-value (viz. the time required to achieve Cmax) to induce a more gradual onset of opioid effects e.g. MST Continus®: 2,3 ± 1,1h; Palladon® retard: 4,8 ± 0,8h; Hydromorphon STADA®: 5,1 ± 1,4h and Jurnista®: 12–16h.

  3. Half-Value-Duration (HVD) is defined as the total time period in which the plasma concentration of opioids is above one-half of Cmax. Therefore, HVD is a parameter for the extent of controlled release. A too short HVD can induce end-of-dose-failure. HVD of most opioid formulations (b.i.d.) is only 6h, better are Morphin-KREWEL® with a HVD of 8,4h and especially Jurnista® (q.d.) with HVD =21,8h. These different galenics ban a so-called “Aut-idem-Substitution“ of extended-release opioids.

Kernaussagen

  • Die Galenik eines Arzneistoffes bestimmt den Applikationsmodus.

  • Die Galenik der retardierten Opioide ist oft unzureichend, denn die in der Fachinformation angegebene analgetische Wirkdauer wird selten erreicht.

  • Ein kleiner PTF-Wert bedeutet geringe Plasmafluktuationen.

  • Ein hoher Tmax-Wert ist Ausdruck einer langsamen Anflutungsgeschwindigkeit und damit Garant für ein geringes Dose-Dumping-Risiko und zugleich für ein minimiertes Risiko der Induktion einer psychischen Abhängigkeit.

  • Die Halbwertsdauer gibt die Zeitspanne an, in der die Plasmakonzentration über der Hälfte der max. Konzentration (≥ 50 % Cmax) liegt. Damit ist eine lange Halbwertsdauer grundsätzlich die Basis für eine ausreichend lange analgetische Wirkung.

  • Bei zu kurzer Halbwertsdauer können End-of-Dose-Schmerzen auftreten.

  • Die variable Galenik der retardierten Opioide verbietet eine Aut-idem-Substitution.

  • Um eine optimale Opioidtherapie beim chronischen Schmerzpatienten zu erzielen, sollten nur Opioide mit entsprechender Retardgalenik eingesetzt werden: kleiner PTF-Wert, hoher Tmax-Wert und ausreichend lange Halbwertsdauer.

  • Zudem gilt aber, dass die Arzneimittelformulierung dem Patienten und seinen Lebensumständen angepasst sein muss; bei Nichtfunktionieren der Therapie ist ein Wechsel stets erwägenswert.

Ergänzendes Material