Z Orthop Unfall 2012; 150(02): 136
DOI: 10.1055/s-0032-1311704
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Femoracetabuläres Impingement – Einfache Erfassung eines komplexen Problems?

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Publication Date:
12 April 2012 (online)

 
 

Die Autoren dieser Studie habe eine neue Methode zur Evaluation einer pathologischen knöchernen Anatomie bei Patienten mit "Cam"-, "Pincer"- oder "Mixed"-Impingement entwickelt. Der β-Winkel im Röntgenbild stellt eine valide, reproduzierbare und kostengünstige Alternative zur offenen Magnetresonanztomographie dar.
The plain β-angle measured on radiographs in the assessment of femoroacetabular impingement. J Bone Joint Surg Br;92:1203–1208

Problematik

Das femoroacetabuläre Impingement kann eine Ursache für ein schmerzendes Hüftgelenk bei jungen, sportlich aktiven Erwachsenen ohne radiologische Zeichen der Arthrose sein, aber auch postraumatisch, etwa nach einer Schenkelhalsfraktur, auftreten. Pathophysiologisch wird ein repetitives Anschlagen des vorderen femoralen Kopf-Hals-Übergangs an den acetabulären Rand während Flexion und Innenrotation der Hüfte angenommen.

Verschiedene degenerative Veränderungen inklusive Labrumläsion und Ablösung des peripheren acetabulären Gelenkknorpels sind möglich. Zwei wesentliche Hauptformen des femoroacetabulären Impingement werden unterschieden: Das "Cam"- bzw. Nockenwellen-Impingement und "Pincer" bzw. Zangen-Impingement. Das "Cam"-Impingement entsteht infolge einer verminderten Taillierung des vorderen und vorderen-oberen Kopf-Hals-Übergangs wodurch ein vermindertes Offset des Femurkopf gegenüber dem Schenkelhals resultiert. Gemessen wird das "Cam"-Impingement bzw. das resultierende pathologisch verminderte Kopf-Hals-Übergangs-Offset durch den α-Win-kel, der sich im MRT bestimmen lässt. Die MRT-Schnitte laufen dabei parallel zur Achse des Schenkelhalses sowie durch den vorderen oder den vorderen-oberen Anteil des Kopfes. Der α-Winkel wird durch eine Parallele zur Schenkelhalsachse durch das Drehzentrum des Kopfes sowie durch die Verbindungslinie zwischen Drehzentrum und dem Beginn der Kopfasphärizität gebildet.

Das "Pincer"-Impingement resultiert aus einem vermehrten acetabulären Übergreifen des Hüftkopfes oder aber durch eine acetabuläre Retroversion was zu einem vermehrten Containment des Femurkopfes führt. Das "Pincer"-Impingement wird durch den Zentrums-Ecken-Winkel im anterior-posterioren Röntgenbild oder aber in der Faux-profile-Aufnahme quantifiziert. Die meisten Patienten haben Mischformen der beiden Hauptformen, die als "Mixed"-Impingement bezeichnet werden. Unabhängig vom Typ des Impingement resultiert das Anschlagen aus dem vermin- derten Abstand zwischen Femurhals und acetabulärem Rand während Flexionsstellung der Hüfte. Dieser Mechanismus ist radiologisch schwierig zu bestimmen. Der α-Winkel gibt Informationen über den Schweregrad der Kopf-Hals-Übergangs-Pathologie, der Zentrums-Ecken-Winkel beschreibt das vermehrte acetabuläre Übergreifen. Keiner dieser beiden Winkel berücksichtigt die Interaktion zwischen Femurhals und acetabulärem Rand zum Zeitpunkt des "Impingens".


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Methodik und Resultate

Die Autoren des aktuellen Artikels haben zu dieser Problematik eine Methode entwickelt: Der β-Winkel misst im Röntgenbild die Distanz zwischen pathologisch verändertem Kopf-Hals-Übergang und acetabulärem Rand in 90 ° Hüftbeugung bei Patienten mit femoroacetabulärem Impingement. Die Messung wurde neben der Röntgenuntersuchung initial in der offenen Magnetresonanztomographie durchgeführt. In der Röntgenuntersuchung wird der Röntgenstrahl im 15 ° Winkel zur anterior-posterior Ebene – tangential zur acetabulären Ebene – auf die 90 ° flektierte, 20 ° abduzierte und 0 ° rotierte Hüfte gerichtet. In der Studie wurde das Verhältnis zwischen Bewegungsausmaß und β-Winkel bei 50 Patienten mit femoroacetabulärem Impingement und 50 asymptomatischen Kontrollpatienten korreliert und die Inter- und Intraobserver Reliabilität des β-Winkel bestimmt. Patienten mit femoroacetabulärem Impingement hatten einen signifikant kleineren (p < 0,001) durchschnittlichen β-Winkel (15,5 °, 95 % Konfidenz-Intervall 13,3 ° – 17,7 °) verglichen mit asymptomatischen Patienten (38,7 °, 95 % Konfidenz-Intervall 36,5 ° – 41,0 °).

Die Korrelation zwischen Innenrotation und β-Winkel war in der Impingement-Gruppe hoch, in der asymptomatischen Gruppe moderat. Der β-Winkel hatte eine exzellente Inter- und Intraobserver Reliabilität in beiden Gruppen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der β-Winkel im Röntgenbild eine valide, reproduzierbare und kostengünstige Alternative zur offenen Magnetresonanztomographie bei der Evaluation einer pathologischen knöchernen Anatomie bei Patienten mit "Cam"-, "Pincer"- oder "Mixed"-Impingement sein kann.


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Kommentar

Ein interessanter Ansatz – insbesondere aufgrund der niedrigen Kosten – auch für die niedergelassenen Kollegen in der orthopädisch-unfallchirurgischen Praxis. Weitere praktische Anwendungen des β-Winkels im Rahmen von Studien sollten folgen.

Priv.-Doz. Dr. med. Benjamin Ulmar
Universitätsmedizin Rostock, Chirurgische Klinik und Poliklinik, Abteilung Unfall- und Wiederherstellungschirurgie
E-Mail:
benjamin.ulmar@med.uni-rostock.de


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