Ausgedehnte knöcherne Defekte: klinische Herausforderung und
Behandlungsstrategien
Ausgedehnte knöcherne Defekte: klinische Herausforderung und
Behandlungsstrategien
Großdimensionierte knöcherne Defekte in der Kiefer-, Gesichts- und Schädelregion
beeinträchtigen in vielen Fällen sowohl Funktion als auch Aussehen betroffener
Patienten. Dies kann soweit gehen, dass die Gesellschaftsfähigkeit dieser Patienten
stark eingeschränkt wird [10 ], [23 ]. Die Behandlung solch ausgedehnter Defekte bringt eine Reihe von
Schwierigkeiten mit sich [10 ], [26 ].
Wird eine Rekonstruktion bei großvolumigen, nicht mehr von alleine heilenden
Defekten, sog. „Critical-Size-Defekten“ notwendig, gilt nach wie vor die autologe
Knochentransplantation als Goldstandard. Mit der Verpflanzung körpereigenen
Knochengewebes gehen allerdings etliche Nachteile einher [13 ]. So resultiert bspw. eine teils erhebliche Morbidität im Bereich der
Spenderregion. Zudem kann es vorkommen, dass ausreichende Gewebevolumina nicht zur
Verfügung gestellt werden können [4 ]. Eine weitere
Herausforderung ist die Wiederherstellung der komplexen Morphologie des
Gesichtsschädelbereichs, da diese durch körpereigene Knochentransplantate meist nur
unzureichend rekonstruiert werden kann. Obwohl seit längerer Zeit eine Reihe
verschiedener Knochenersatzmaterialien, wie Hydroxylapatit oder demineralisierte
Knochenmatrix (DBX) verfügbar sind [1 ], [2 ], ist derzeit keines davon zur hinreichenden Regeneration
ausgedehnter Knochendefekte im klinischen Alltag geeignet.
Verfahren des Bone Tissue Engineering stellen eine aussichtsreiche Alternative
nicht nur zu konventionellen Knochenersatzmaterialien, sondern auch zu autologen
Regenerationstechniken dar.
Beim Tissue Engineering wird das zur Regeneration einer bestimmten Region benötigte
Knochengewebe künstlich angezüchtet. Dies erfolgt in vitro, d. h. außerhalb des
Organismus. Einem Patienten wird dabei zunächst ein bestimmtes Gewebe wie
Knochenmark oder Fettgewebe entnommen. Anschließend werden die benötigten Zellen,
z. B. mesenchymale Stammzellen oder Fettstammzellen, isoliert. Nach Kultivierung und
Differenzierung der Zellen in die Zielzellen, z. B. Osteoblasten und Vorläufer,
erfolgt die Besiedelung einer Matrix (Leitschiene, Scaffold). Letztlich kann die
Reimplantation der zellbesiedelten Matrix in den Organismus erfolgen und das
gewünschte Gewebe regeneriert werden ([Abb. 1 ]).
Abb. 1 Prinzip des Tissue Engineering.
Als die wichtigsten Bestandteile des Tissue Engineering von Knochengewebe gelten
allgemein ([Abb. 2 ]):
Abb. 2 Elementare Bestandteile des Tissue Engineering.
Zellen (z. B. Osteoblasten und Vorläuferstufen, insbesondere Stammzellen)
[7 ], [8 ], [14 ], [29 ]
Mediatoren wie Wachstums- und Differenzierungsfaktoren (z. B. bone
morphogenetic proteins, BMPs) [5 ], [11 ]
eine entsprechende Matrix („Trägermaterial“, „Scaffold“, „Leitschiene“) [31 ], [33 ]
Die Vaskularisation des Konstrukts [17 ], [19 ].
Gegenüber autologen Transplantaten haben Tissue-Engineering-Konstrukte den Vorteil
des Wegfalls bzw. der Verminderung der Entnahmemorbidität und den Vorteil des
theoretisch unbegrenzten Gewebereservoirs. Zudem ergibt sich als Vorteil im
Vergleich zu konventionellen Knochenersatzmaterialien, dass autoregenerative
Prozesse stimuliert werden und das anfänglich integrierte zellbesiedelte Konstrukt
zugunsten körpereigenen Gewebes mit der Zeit ersetzt werden kann. Dies gilt
insbesondere für bioresorbierbare Materialien.
Zellen
Derzeit sind bereits 3-dimensionale Gerüste als Trägermaterialien verfügbar, die in
Kombination mit angesiedelten Zellen und/oder Wachstumsfaktoren verwendet werden
können [22 ], [24 ], [32 ], [36 ], [38 ]. Bezüglich der Regeneration von Knochen sind
mesenchymale Stammzellen von besonderer Bedeutung [6 ], [7 ], [8 ], [9 ], [14 ], [29 ]. Diese haben ein ausgeprägtes Potenzial, osteogen zu differenzieren.
Obwohl diese Zellen relativ leicht gewonnen werden können, müssen sie vor der
klinischen Anwendung vermehrt werden, um auf Trägermaterialien in relevanten Mengen
zu adhärieren und zu proliferieren. Folgende Zellen sind u. a. derzeit in der
Diskussion:
mesenchymale Knochenmarksstammzellen (bone marrow-derived mesenchymal stem
cells, BMSCs)
Nabelschnurstammzellen (umbilical cord mesenchymal stem cells, UCMSCs)
Fettgewebsstammzellen (adipose-derived stem cells, ASCs)
induzierte pluripotente Stammzellen (induced pluripotent stem cells,
iPSCs)
Perioststammzellen (periosteum-derived stem cells, PSCs)
Stammzellen der Zahnpulpa (dental pulp-derived stem cells, DPSCs)
Osteoprogenitorzellen (trabecular bone progenitor cells, TBPs)
[30 ], [34 ].
Matrix
Hinsichtlich der Beschaffenheit von Trägermaterialien (auch Matrix, Scaffold oder
Leitschiene) ist sowohl deren chemische Zusammensetzung als auch deren Oberflächen-
und Binnenstruktur von Bedeutung. In den letzten Jahren ergab sich zunehmend eine
Tendenz zugunsten bioresorbierbarer Materialien [3 ]. Diese
gewährleisten anfänglich eine ausreichende lokale Stabilität und werden während des
Heilungsprozesses kontinuierlich zugunsten des sich erholenden Gewebes resorbiert
[22 ], [25 ], [37 ]. Somit werden keine Sekundäreingriffe zur
Materialentfernung notwendig. Zudem sind interne Implantatwanderungen oder
Interferenzen bei bildgebenden Verfahren nicht zu erwarten. Oberflächen- und
Binnenstruktur sollten die natürlichen knöchernen Gegebenheiten naturgetreu
nachbilden, damit Gerüste als Leitschienen zur Knocheneubildung dienen und die
Neovaskularisation fördern können. Dies wird bspw. durch solche Gerüste erreicht,
die eine poröse, vollständig miteinander verbundene Geometrie aufweisen.
Kompositgerüste, die zum einen aus Keramiken wie Tricalciumphosphat (TCP) und zum
anderen aus Polymeren wie z. B. Polycaprolactonsäure (PCLA),
Polylactid-co-Glycolidsäure (PLGA) oder Polyhydroxybutyrat (PHBA) zusammengesetzt
sind, tragen den erwünschten Eigenschaften wie Biokompatibilität, initialer
mechanischer Stabilität, Bioresobierbarkeit und geeigneter Architektur Rechnung
[24 ], [38 ].
Um die anspruchsvollen morphologischen Gegebenheiten im Kiefer-, Gesichts- und
Schädelbereich nachahmen zu können, bietet sich der Einsatz von
CAD/CAM-Verfahren an ([Abb. 3 ]).
Abb. 3 Prinzip einer CAD-CAM-Rekonstruktion bei Vorliegen eines
Unterkieferdefekts.
Dabei erfolgt, nach 3-dimensionaler bildgebender Diagnostik, der Import und die
Weiterverarbeitung der gewonnen Daten in einem 3-D-Bildbearbeitungsprogramm. Hierfür
hat sich u. a. das Programm MIMICS® der Firma Materialise (Leuven, Belgien)
etabliert [16 ], [21 ], [22 ]. Nach Segmentierung der Defektsituation wird ein
virtuelles Gerüstmodell zur Rekonstruktion erstellt (Computer Aided Design, CAD).
Anschließend wird auf Basis der generierten CAD-Daten das reelle Gerüstkonstrukt
mittels Rapid-Prototyping-(RP-) Technologie gefertigt (Computer Aided Manufacturing,
CAM). Zuvor muss der Datensatz zur Rekonstruktion noch in das Standardformat für
Rapid-Prototyping-Fertigungen, das STL-Format, umgewandelt werden. Durch
Rapid-Prototyping-Technologien ist es neben der anatomisch individualisierten
Erstellung von Gerüsten auch möglich, Gerüstkonstrukte mit definierten
Materialeigenschaften und bestimmter poröser Binnenarchitektur zu erstellen [15 ], [28 ], [35 ].
Mediatoren
Unter Mediatoren der Knochenregeneration sind im Allgemeinen Proteine zu verstehen,
die als Wachstums- und Differenzierungsfaktoren agieren. Durch sie werden die
Zellproliferation und die Differenzierung von Stamm- und Vorläuferzellen zu reifen
somatischen Zellen angeregt. Die wichtigsten für die Knochenheilung bekannten
Mediatoren sind BMPs (bone morphogenetic proteins), PDGF (platelet-derived growth
factor), TGF-b, bFGF (basic fibroblast growth factor), IGF (insulin-like growth
factor) und VEGF (vascular endothelial growth factor). Diese Proteine haben, dank
ihres Einflusses auf knochenbildene Zellen, die Eigenschaft, neue Knochenbildung zu
induzieren [20 ], [27 ].
Eine aussichtsreiche Alternative zur direkten Applikation von Wachstums- und
Differenzierungsfaktoren ist die Bereitstellung entsprechender Proteine mittels
Gentransfer. Über Genvektoren wird die genetische Information zur Herstellung der
Signalproteine (BMP, TGF-b, VEGF etc.) in ortsständige Zellen eingeschleust
(Transfektion). Anschließend werden die Signalproteine von den transfizierten
Zellen, z. B. Fibroblasten, direkt am Ort der gewünschten Knochenneubildung
hergestellt. Somit wirken die transfizierten Zellen quasi als endogener Bioreaktor
[5 ]. Als Vorteile der Gentherapie können zum einen
geringere Kosten und insbesondere die konstante und lang anhaltende Wirkung
gegenüber der direkten Proteinanwendung vermutet werden.
Vaskularisation
In den letzten Jahren stellte sich immer mehr heraus, dass die Vaskularisation von
Tissue-Engineering-Konstrukten einen entscheidenden Faktor für die erfolgreiche
gesteuerte Knochenregeneration darstellt. Dies liegt daran, dass die Versorgung von
Zellen mit Sauerstoff und Nährstoffen sowie der Abtransport von Zellabfallprodukten
eine wesentliche Rolle für das Überleben und die Proliferation der Zellen darstellt.
Es existieren verschiedene Strategien zur Verbesserung der Vaskularisation beim
Tissue Engineering von Knochengewebe:
Einsatz funktionaler Scaffolds mit Kanälen und Mikroporen zur Förderung von
Sauerstoff- und Nährstoffperfusion sowie zur Ausrichtung von Neogefäßen
Verwendung angiogenetischer Wachstumsfaktoren wie PDGF (platelet-derived
growth factor) oder VEGF (vascular endothelial growth factor)
zellbasierter Ansatz mit Kokultur aus Endothelzellen, Osteoblasten sowie ggf.
transfizierten mesenchymalen Stammzellen
Verwendung von Bioreaktoren
mikroelektromechanische Systeme, bei denen gefäßbaumartige Strukturen in
einem Polymer angelegt werden und diese mit Endothelzellen besiedelt werden
können
Applikation mechanischer Stimuli
arteriovenöse Loops (AV-Loops), die die Vaskularisation in vivo fördern
[17 ], [19 ].
Diskussion
Tissue Engineering von Knochengewebe ist eine komplexe Herausforderung mit einer
Vielzahl an Einflussvariablen. Dementsprechend reichlich sind die bisherigen
Strategien einzelner Arbeitsgruppen auf diesem spannenden Teilgebiet der
Regenerativen Medizin. Derzeit scheint noch nicht ersichtlich, welches Konzept
letztlich den Durchbruch in vivo und somit in der klinischen Anwendung schaffen
kann.
Um eine gewisse Formkonstanz für Rekonstruktionen im Gesichtsschädel zu
gewährleisten, scheint die Matrix eines Kompositscaffolds, bspw. aus TCP/PLGA oder
TCP/PCL, Erfolg versprechend. Hier besteht initial Formbeständigkeit. Die
Bioresorbierbarkeit ermöglicht jedoch im zeitlichen Verlauf die vollständige
Substitution der Matrix durch autoregenerierten Knochen. Bezüglich der Zellauswahl
zum Knochen-Tissue-Engineering sind derzeit mesenchymale Knochenmarkstammzellen
(bone marrow-derived mesenchymal stem cells, BMSCs) und zunehmend
Fettgewebsstammzellen (adipose-derived stem cells, ASCs) beliebt [30 ], [34 ]. BMSCs zeichnen sich
durch ihre vergleichsweise einfache Gewinnungsmöglichkeit und ihr hohes osteogenes
Potenzial aus. Im Rahmen des Tissue Engineering von Knochen wurden sie ausführlich
untersucht und charakterisiert. Es lässt sich auch für die nächsten Jahre eine
überragende Bedeutung der BMSCs vermuten. Eine bemerkenswerte Alternative stellen
ASCs dar. Sie weisen ebenso die Fähigkeit auf, in Osteoblasten differenzieren zu
können. Der große Vorteil der ASCs ist darin begründet, dass sie durch relativ
minimalinvasive Eingriffe in großen Mengen bereitgestellt werden können. Zudem
zeichnen sie sich durch eine hohe Toleranz gegenüber Sauerstoff- und Nährstoffmangel
aus [18 ].
Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit und der Möglichkeit zur einfachen und
reichlichen Entnahme stellen ASCs (Fettgewebsstammzellen, adipose-derived stem
cells) eine äußerst attraktive Option zur Besiedelung großer
Tissue-Engineering-Konstrukte dar.
Was in der derzeitigen Diskussion noch unberücksichtigt bleibt ist, ob ein
prinzipiell geeignetes Tissue-Engineering-Konstrukt, in der Übergangsphase von der
Implantation bis zur vollständigen Umwandlung in Knochen, auch den biomechanischen
Ansprüchen des Gesichtsschädels gerecht werden kann. Dies gilt in besonderem Maße
für den Unterkieferbereich, da hier enorme Kaukräfte wirken. Des Weiteren wird für
die klinische Anwendbarkeit wichtig sein, eine stabile und verlässliche
Fixierungsmöglichkeit der Implantate zu gewährleisten. Konventionelle
Osteosyntheseverfahren mögen für die Fixierung von Knochengewebe bestens geeignet
sein, für die Fixierung bspw. eines keramikbasierten Scaffolds scheinen herkömmliche
Osteosyntheseverfahren jedoch nur bedingt einsetzbar.
Ausblick – Indikationen des Tissue Engineering in der MKG-Chirurgie
Ausblick – Indikationen des Tissue Engineering in der MKG-Chirurgie
Die komplexen morphologischen Strukturen im kraniomaxillofazialen Bereich stellen
eine besondere Herausforderung beim Knochen-Tissue-Engineering dar. Wie bereits
beschrieben könnten CAD/CAM-Applikationen hier einen wertvollen Beitrag leisten. Bei
folgenden klinischen Defektsituationen kann in Zukunft die Indikation für
CAD/CAM-präfabrizierte und zellbesiedelte Scaffolds bestehen:
Alveolarkammdefekte
nicht knöchern konsolidierte Kieferspalten bei Kindern mit
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten ([Abb. 4 ])
Kalottendefekte ([Abb. 5 ])
Mittelgesichts- und Orbitadefekte
Unterkiefer-Kontinuitätsdefekte
Abb. 4 Proof of Concept zur Durchführung einer sekundären
Kieferspaltosteoplastik mittels eines CAD/CAM-gefertigten und zellbesiedelten
(hBMSCs) Tricalciumphosphat/Polymer-Scaffold. Oben links: Segmentierung der
Defektregion auf der Basis des routinemäßig durchgeführten DVT (Digitales
Volumentomogramm). Oben rechts: 3-D-Ansicht des Gesichtsschädels mit virtueller
Rekonstruktion (hellblau). Mitte rechts: virtuelle Rekonstruktion des Scaffolds.
Mitte links: mittels Rapid Prototyping hergestelltes Scaffold. Unten von links
nach rechts: fluoreszenzmikroskopische Darstellung der Zellproliferation auf dem
Scaffold an Tag 1, 7, 14, 21 (von links nach rechts).
Abb. 5 Klinisches Beispiel für die Regeneration bei Vorliegen eines
Kalottendefekts mittels eines CAD/CAM-gefertigten
Poly-ε-Caprolacton/Tricalciumphosphat (PCL–TCP) Scaffold. Oben links:
automatisiert hergestelltes Scaffold. Oben rechts: Defektregion in der
3-D-Rekonstruktion des präoperativen CT. Unten links: klinische Defektsituation.
Untern rechts: in situ befindliches Scaffold (Aus: Probst FA, Hutmacher DW,
Müller DF et al. Calvarial reconstruction by customized bioactive implant.
Handchir Mikrochir Plast Chir 2010; 42: 369–373).