Präventiver Nutzen klar widerlegt
Spätestens seit dem sog. "Beschneidungsurteil" des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 2012 wird die Debatte über die Beschneidung von männlichen Säuglingen und Kleinkindern nicht nur in Deutschland auf einem sehr emotionalen und von vielerlei Befindlichkeiten bestimmtem Niveau geführt. Sachliche Argumente, wie etwa der medizinische Nutzen oder das Risiko, geraten dabei vielfach – ebenso wie das Wohl des Kindes, um das es eigentlich geht – in den Hintergrund. In diese Debatte hat nun die American Academy of Pediatrics (AAP) eine Analyse veröffentlicht mit dem Resümee, der medizinische Nutzen der Neugeborenenbeschneidung würde dessen Risiken übersteigen und damit den Eingriff rechtfertigen [
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]. So hat sich die AAP eindeutig positioniert (was bislang nicht der Fall war) und hat damit innerhalb wie außerhalb der USA teilweise große Empörung hervorgerufen.
Ein Teil der "empörten" und mit dieser Diskussion fachlich sehr vertrauten Mediziner aus Europa hat sich daraufhin zu einer Autorengemeinschaft zusammengeschlossen und eine Gegenstellungnahme zu dieser Analyse ebenfalls in "Pediatrics" veröffentlicht. Es ist dem Journal durchaus sehr zu verdanken, diese Gegendarstellung trotz erheblich hoch aufgestellter Hürden im Hinblick auf den Reviewprozess anzunehmen und zu veröffentlichen.
Der Wert dieser Gegendarstellung liegt darin, dass nach Sichtung sämtlicher und teilweise nicht in dem AAP-Report enthaltener Literatur der dort behauptete medizinisch präventive Charakter einer Neugeborenenbeschneidung klar widerlegt wird. Und zwar für alle aufgeführten Erkrankungen, nämlich die (unkomplizierten) Harnwegsinfektionen, die Malignome (z. B. Penis-CA), die sexuell übertragbaren Erkrankungen wie Genitalherpes, aber auch die Übertragung von HIV und AIDS.
Präventive Maßnahmen erfordern eine besondere Sorgfalt hinsichtlich Indikationsstellung und Komplikationsrate, da sie bei Menschen angewendet werden, die prinzipiell gesund sind. Sie müssen schwere Erkrankungen sicher verhindern und ihr Nutzen muss in einem positiven Verhältnis zu ihren Nebenwirkungen stehen. Sie sind auch nur dann sinnvoll, wenn es keine weniger invasive Methode gibt, dasselbe Ziel zu erreichen. Für präventive Maßnahmen bei Neugeborenen und Kindern ist zudem der Nachweis erforderlich, dass sie bereits in einem Alter notwendig sind, in dem der Patient noch nicht selbst über die Notwendigkeit befinden kann. Dieser präventive Charakter einer Zirkumzision, gerade im Hinblick auf die sexuell übertragbaren Erkrankungen, wird in dieser Arbeit besonders eindrücklich widerlegt.
Komplikationsraten und ethische Aspekte nicht berücksichtigt
Die Autoren stellen außerdem klar, dass sich sämtliche Empfehlungen auch der WHO zur Beschneidung als präventive Maßnahme zur Verbreitung sexuell übertragbarer Erkrankungen (wesentlich basierend auf Daten aus Studien in Afrika) zum einen nie auf Kinder beziehen und sich zum anderen nicht auf nordamerikanische oder europäische Verhältnisse übertragen lassen. Demgegenüber stehen aber Komplikationsraten bis zu 20 %, wobei diese in psychosexueller Hinsicht im AAP-Report überhaupt nicht berücksichtigt worden sind. Ebenso spielen die so wichtigen ethischen Aspekte der Rechtfertigung einer medizinisch nicht indizierten Zirkumzision im Hinblick auf die miteinander konkurrierenden Rechte auf die körperliche Unversehrtheit Schutzbefohlener einerseits und das elterliche Sorgerecht auf der anderen Seite in dem AAPReport keine Rolle.
Unbedingt lesenswert
Dieser Artikel muss für alle Mediziner, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, als "unbedingt lesenswert" eingestuft werden. Er vermittelt wohltuend in der oft aufgebrachten Debatte evidenzbasierte Daten (soweit vorhanden) zum medizinischen Nutzen und Risiko der medizinisch nicht indizierten Beschneidung und schafft somit Klarheit in dieser Hinsicht. Darüber hinaus betont er die Wichtigkeit der sich daraus ergebenden Konsequenzen für die medizinisch-ethische Rechtfertigung dieses Eingriffs.
Die Autoren wähnen in ihrem Titel eine kulturelle Befangenheit in dem AAP-Report. Ist dem so? Wer den AAP-Report im Original liest, wird spätestens nach der dort enthaltenen Empfehlung zur Beschneidungsberatung – und zwar nicht nur pränatal, sondern besser noch präkonzeptionell stattfindend – dem nichts mehr hinzufügen.
Prof. Dr. Maximilian Stehr, Nürnberg