Schlüsselwörter
rAAV-basierte Genersatztherapie - nicht invasive Diagnostikmethoden - Achromatopsie
- CNGA3-Kanalprotein - erbliche Netzhauterkrankungen
Key words
AAV-mediated gene therapy - non-invasive diagnostic methods - achromatopsia - CNGA3
channel protein - hereditary retinal diseases
Einleitung
Die menschliche Netzhaut mit ca. 125 Mio. hoch spezialisierten lichtempfindlichen
Sinneszellen, den
Photorezeptoren, ist der Ort, wo der Sehvorgang seinen Anfang nimmt. Die Leistungsfähigkeit
des
visuellen Systems wird durch die Arbeitsteilung zweier Arten von Photorezeptoren bestimmt:
die Stäbchen,
die ca. 95 % aller Photorezeptoren stellen, sind auf die Detektierung von Lichtreizen
geringerer
Lichtintensitäten spezialisiert (Dämmerungssehen, skotopisches Sehen). Die restlichen
5 %, die Zapfen,
sind für das Sehen bei hohen Lichtintensitäten ausgelegt (photopisches Sehen). Sie
haben ihre höchste
Dichte in der zentralen Netzhaut, obwohl zahlenmäßig etwa ⅔ außerhalb des einem 30°-Gesichtsfeldbereich
entsprechenden Netzhautareals liegen. Im Bereich des Netzhautzentrums, der Fovea,
bestimmen die Zapfen
durch ihre hohe Packungsdichte und ihre besondere Verschaltung auf die weiterführenden
Neurone das
räumliche und zeitliche Auflösungsvermögen und sind daher unter Normalbedingungen
für die erreichte
Sehschärfe verantwortlich. Drei verschiedene Zapfentypen (Blau-, Grün- und Rotzapfen)
mit
unterschiedlicher spektraler Empfindlichkeit erschließen einen Spektralbereich des
Lichtes von ca.
400–760 nm und vermitteln damit eine zusätzliche visuelle Qualität, die Farbwahrnehmung
und
Farbdifferenzierung. Aufgrund der herausragenden Bedeutung der Photorezeptoren gehen
viele
Einschränkungen des visuellen Systems auf Erkrankungen zurück, bei denen die Funktion
der
Photorezeptoren beeinträchtigt ist. Bei erblichen Netzhauterkrankungen kommt es oft
zu genetisch
bedingten Ausfällen photorezeptorspezifischer Gene, wodurch eine große Zahl von klinisch
und ursächlich
abgrenzbaren Krankheitsbildern entsteht, die jedes für sich zu den seltenen Erkrankungen
gehört. In
ihrer Gesamtheit und mit einer Prävalenz von 1 : 2500 sind die erblichen Netzhauterkrankungen
jedoch ein
klinisch bedeutsamer Erkrankungstypus – insbesondere auch im Hinblick auf die damit
einhergehenden
Einschränkungen in der Erwerbsfähigkeit und dem Verlust an Lebensqualität für die
Betroffenen [1], [2]. Charakteristisch für erblich bedingte
Netzhauterkrankungen sind Funktionsausfälle in der Reizaufnahme und Reizweiterleitung
innerhalb der
Netzhaut, die zur Reduktion des Sehvermögens bis zur Blindheit führen. Bis heute wurden
Mutationen in
fast 180 Genen identifiziert, die für die verschiedenen Formen erblicher Netzhautdystrophien
verantwortlich sind ([3], https://sph.uth.edu/Retnet). Bisher gibt es noch
keine etablierte Therapie für Netzhauterkrankungen beim Menschen. Die Fortschritte,
die gerade im
Bereich der Gentherapie innerhalb der letzten Jahre erzielt werden konnten, bieten
nun neue
Perspektiven. Es wurden sichere therapeutische Vektoren generiert, basierend auf rekombinanten
Adeno-assoziierten Viren (rAAV), die für den Gentransfer in die Netzhaut verwendet
werden können [4]. Weltweit wurde mithilfe dieser rAAV-basierten Vektorsysteme u. a.
Gentherapieansätze für Achromatopsie am Tiermodell etabliert, die im vorliegenden
Übersichtsartikel
gegenübergestellt und diskutiert werden. Am Beispiel einer Genersatztherapie für Achromatopsie
(ACHM2),
bedingt durch einen Zapfenkanaldefekt, werden die Möglichkeiten, Herausforderungen
und anstehenden
Aufgaben einer humanen Translation erläutert.
Klinische Manifestation der Achromatopsie
Klinische Manifestation der Achromatopsie
Die komplette Form der Achromatopsie ist eine autosomal-rezessiv vererbliche Netzhautdysfunktion,
bei der
die Funktion des Stäbchensystems nicht beeinträchtigt ist, jedoch die Zapfenphotorezeptoren
völlig
funktionslos sind ([Abb. 1]). Erkrankte leiden unter starken Einschränkungen
ihrer Sehkraft, wie z. B. einer Reduktion der Sehschärfe auf < 10 % des Normalen,
einer starken
Blendungsempfindlichkeit und einem völligen Verlust der Farbwahrnehmung. Des Weiteren
entwickelt sich
aufgrund der schlechten Sehschärfe ein Nystagmus (i. d. R. dauernde horizontale Pendelbewegung
der
Augen), der das Sehen zusätzlich erschwert [5]. Die Erkrankung ist mit einer
Prävalenz von 1 : 30 000 beschrieben worden [6], [7], [8]. Die Symptome der Achromatopsie, hauptsächlich die
Blendungsempfindlichkeit, werden versucht durch Hilfsmittel wie ständiges Tragen von
dunkel gefärbten
Spezialkontaktlinsen [9], [10] oder Sonnenbrillen
[11] zu lindern.
Abb. 1 Erbliche Netzhauterkrankungen und ihre genetischen Ursachen im Überblick. Herausgehoben
ist die Gruppe der zapfenbezogenen Erkrankungen (gelb) und darin die Achromatopsie
(rot) (aus [3], mit freundlicher Genehmigung von Elsevier).
Genetik der Achromatopsie
Genetik der Achromatopsie
Nach heutigem Wissensstand sind 5 Gene bekannt, die ursächlich das Krankheitsbild
der Achromatopsie im
Patienten bedingen. Diese Gene kodieren für wesentliche Komponenten der
Zapfenphototransduktionskaskade:
-
die α-Untereinheit des Zapfentransducins GNAT2 (ACHM4, OMIM #613856) [12], [13], [14], [15]: an der Guanosin-Bindungsstelle der Transducin-α-Untereinheit
wird GDP (Guanosindiphosphat) in GTP (Guansosintrisphosphat) umgewandelt,
-
die katalytische α-Untereinheit der 3′,5′ cGMP-spezifischen Zapfenphosphodiesterase
PDE6C (ACHM5,
OMIM #613093) [16], [17]: das Homodimer
besteht aus 2 α-Untereinheiten und hydrolysiert cGMP. In Folge wird die cGMP-Konzentration
im
Außensegment der Zapfenphotorezeptorzelle gesenkt,
-
die inhibitorische γ-Untereinheit der 3′,5′ cGMP-spezifischen Zapfenphosphodiesterase
PDE6H
(ACHM6, OMIM #610024) [18],
-
die α -(CNGA3 {ACHM2, OMIM #216900})- [19], [20] und
-
die β -(CNGB3{ACHM3, OMIM #262300})-Untereinheit des zapfenspezifischen cGMP-gesteuerten
Kationenkanals (CNG, cyclic nucleotide-gated channel), der in der Plasmamembran des
Zapfenaußensegments lokalisiert ist [21], [22], [23].
Mutationen in GNAT2, PDE6C und PDE6H kommen selten vor und wurden in weniger als 2 %
von Achromaten nachgewiesen [24]. Der Großteil, ~ 70 % der humanen
Achromatopsiefälle, wird durch „Channelopathien“, also Defekte in den Kanalproteinen
CNGA3 oder CNGB3,
verursacht [25], [26], [27]. Etwa 20–30 % der Erkrankten weisen Mutationen in der α-Untereinheit des CNG-Ionenkanals
der Zapfen auf, praktisch alle anderen liegen in der β-Untereinheit [28], [29]. CNGA3 und CNGB3 kodieren jeweils für die α- und die
β-Untereinheit des cGMP-gesteuerten Kationenkanals der Zapfen, der als Heterotetramer
vorliegt [30], [31]. Der CNG-Kanal nimmt eine
Schlüsselposition im Sehprozess unter Tageslichtbedingungen ein, der mit der Lichtdetektierung
in den
Zapfenaußensegmenten beginnt [32]. Der CNG-Kanal kann als molekularer
Schalter im Phototransduktionsprozess angesehen werden: lichtvermittelte Änderungen
der
cGMP-Konzentration (cGMP: zyklisches Guanosinmonophosphat) werden in ein Spannungssignal
umgesetzt, das
die Glutamatfreisetzung an der Zapfensynapse steuert [33]. Das neuronale
Signal wird zunächst über Interneuronen (Bipolarzellen) an die Output-Neuronen (Ganglienzellen)
der
Netzhaut weitergeleitet. Die Ganglienzellen übermitteln die visuellen Informationen
schließlich in Form
von Aktionspotenzialen an den visuellen Kortex [34].
Genersatztherapie der Achromatopsie: Voraussetzungen
Genersatztherapie der Achromatopsie: Voraussetzungen
Vektorsysteme
Bei einer Genersatztherapie wird ein Krankheitszustand dadurch behandelt, dass man
einen durch
defekte Gene hervorgerufenen Mangel durch die Kopien gesunder, funktionsfähiger Gene
beseitigt. Die
Herausforderung einer solchen Therapie besteht in der Notwendigkeit, die Zielzellen
mit der neuen
genetischen Information unter Verwendung eines effizienten, sicheren Vektorsystems
mit
therapeutischer Langzeitwirkung auszustatten. Ein Vektorsystem, basierend auf rekombinanten
Adeno-assoziierten Viren, hat sich sowohl aufgrund seiner Effizienz als auch seiner
langen
therapeutischen Wirkung in verschiedenen Therapieansätzen für Netzhauterkrankungen
bewährt: nicht
pathogene rekombinante Viren werden so modifiziert, dass sie mit einem Genkonstrukt
bestehend aus
der DNA-Sequenz des Targetgens und regulatorischen Sequenzen beladen werden [35], [36]. Über eine subretinale Injektion erreichen die
Viruspartikel die Photorezeptorschicht, transfizieren die Zielzellen der Netzhaut
und setzen die
neue genetische Information frei [37], [38].
Diese kann nun in die Transkriptions- und Translationsprozesse der Sinneszelle eingebunden
werden –
im Idealfall übt das neue Protein seine Funktion in der Zielzelle, also in der von
der Mutation
betroffenen Photorezeptorzelle, aus. Verschiedene genetische Modulationen der viralen
Eigenschaften
als auch des Vektors können die Spezifität und Effizienz einer Genersatztherapie erhöhen
[39]. So kann sowohl die Zellspezifität der rekombinanten modifizierten
Viren unter Verwendung verschiedener Serotypen und Kapsidproteine als auch die Expressionsstärke,
also wie viel neues Protein letztendlich in der Zelle produziert wird, über regulatorische
Sequenzen
(Promotoren) gesteuert werden [40], [41], [42], [43], [44], [45]. Ein anschauliches Beispiel für den
Aufbau eines rAAV-Vektorkonstrukts, welches in der CNGA3-Gentherapie am Forschungsinstitut
für
Augenheilkunde in Tübingen verwendet wurde, ist in [Abb. 2 A]
dargestellt. Ein zellspezifischer Zapfenpromotor steuert in Zapfenzellen die Bildung
von CNGA3.
Flankiert wird die Sequenz von regulatorischen Elementen und viralen ITRs (Inverted
Terminal
Repeats), die u. a. die Replikation und die Verpackungseigenschaften bestimmen. Die
modifizierten
Viren persistieren als extrachromosomale Elemente und scheinen nicht in das Wirtsgenom
zu
integrieren [46], [47]. Dadurch wird eine
hohe Sicherheit von rAAV-vermittelter Therapie gewährleistet. Die Zellspezifität des
Viruspartikels
zur Oberfläche der Zapfenphotorezeptoren und die Eigenschaften, die den Beginn der
Genexpression
regulieren, werden über die Kombination von Kapsidprotein 5 und Serotyp 2 gesteuert
[48], [49], [50].
In den letzten Jahren konnte in einer Vielzahl von gentherapeutischen Ansätzen am
Tiermodell die
erfolgreiche Behandlung erblicher Netzhautdystrophien unter Verwendung von rAAV-Vektoren
gezeigt
werden [51], [52]. Letztendlich führten die
positiven Wirkungen von rAAV-Systemen, wie Langzeiteffekt der Therapie, Effizienz
und Sicherheit, zu
einer Reihe erster humaner Anwendungen bei Patienten mit Retinadystrophien, wie z. B.
der
Leberʼschen kongenitalen Amaurose, LCA [53], [54], [55].
Abb. 2 A Schematische Darstellung der therapeutisch wirksamen Vektorsequenz, die in
rAAV-Partikel mit Serotyp 2 und Kapsidprotein 5 verpackt ist. CNGA3 wird unter einem
zapfenspezifischen Promotor exprimiert. B Grafik eines subretinal injizierten Auges. Im
Ausschnitt ist die Ablösung der Neuroretina (in rot) vom RPE (in schwarz) dargestellt,
die
kurzzeitig durch die Applikation der Virussuspension entsteht.
Vektorapplikation: subretinale Injektion
Viele retinale Dystrophien werden durch defekte Proteine in Photorezeptorzellen oder
im retinalen
Pigmentepithel (RPE) verursacht, sodass die beste Strategie zur Etablierung einer
Gentherapie am
Auge die lokale Gabe der therapeutisch wirksamen Virussuspension über eine subretinale
Injektion
ist. Das injizierte Material kann somit im subretinalen Bereich direkt mit den betroffenen
Zellen in
Kontakt treten. Das Prinzip ist in [Abb. 2 B] grafisch dargestellt:
zwischen Neuroretina (mit Photorezeptoren) und dem RPE wird ein kleines Flüssigkeitsvolumen
injiziert, das zu einer kurzzeitigen Ablatio der Netzhaut führt. In der Literatur
sind im Tiermodell
verschiedene Wege der subretinalen Applikation beschrieben: 1) der transkorneale Weg
durch die Linse
und den Glaskörper [56], [57], [58] oder 2) der transsklerale Weg pars plana am Limbus oder an der Ora
serrata [59], [60]. Beide Formen der
subretinalen Applikation führen zur Transfektion von Photorezeptoren und zu einer
als erfolgreich
beschriebenen Genersatztherapie. Für die Wiederherstellung einer Netzhautfunktion
im Tiermodell
scheint jedoch der transsklerale Weg pars plana geeigneter. Mögliche Einschränkungen
des
Therapieerfolgs, bedingt durch eine Verletzung der Optik/Linse, sind unter Verwendung
dieser
Applikationsform weitgehend auszuschließen (ein detailliertes Injektionsprotokoll
mit Hinweisen zur
praktischen Durchführung ist unter „Retinal Degeneration: Methods and Protocols“ im
Buchkapitel VII
unter „Optimized Technique for Subretinal Injections in Mice“ zu finden [61]).
Qualitätskontrolle subretinaler Injektion durch konfokale Scanning Laser-Ophthalmoskopie
(cSLO)
und optische Kohärenztomografie (OCT)
Bedingt durch die Größe eines Mausauges ist der Erfolg einer subretinalen Injektion
nicht immer
leicht nachzuvollziehen. Bei der steigenden Zahl von Therapiestudien liegt der Fokus
aber praktisch
ausnahmslos auf der Weiterentwicklung und Verbesserung zellspezifischer und effizienter
Vektorsysteme, nur ganz selten finden sich Angaben über eine Qualitätskontrolle der
Injektionen
[62]. Daher bleibt in den meisten Studien offen, inwieweit die
Qualität der Applikation das Ergebnis beeinflusst hat. Eine relativ gute primäre Kontrolle
der
intraokularen Prozedur gelingt direkt mit dem Operationsmikroskop. Für Langzeitstudien
ist es jedoch
wesentlich, nicht-invasive In-vivo-Diagnostikmethoden wie SLO und OCT [63], [64], [65] zu verwenden, um
die Qualität der Injektion beurteilen und optimieren zu können. Die Morphologie der
Netzhautschichten und des RPEs können direkt nach dem Eingriff und später nach definierten
Zeitintervallen anhand von SLO-Fundusbildern und OCT-Scans evaluiert werden und liefern
somit u. a.
wertvolle Rückschlüsse auf die Qualität und Optimierungsoptionen der Behandlungstechnik.
Therapieerfolgskontrolle durch Elektroretinografie (ERG)
Das ERG ist eine etablierte diagnostische Technik der klinischen Ophthalmologie und
beschreibt die
elektrische Antwort der Retina auf Lichtreize. Die über die Elektroden abgeleiteten
Potenziale der
retinalen Zellen nach Stimulation mit standardisierten Lichtreizen verschiedener Intensität
werden
zunächst ohne (Bedingungen für skotopisches Sehen) und später mit Hintergrundbeleuchtung
(Bedingungen für photopisches Sehen) gemessen und ausgewertet [66].
Anhand der ERG-Antworten ist es möglich, unmittelbare Schlüsse auf die Funktion und
Integrität der
Signaltransduktionswege der Retina zu ziehen. Die Technik findet nicht nur Einsatz
in der Klinik,
auch transgene Tiere, die das humane Krankheitsbild der Netzhautdystrophie widerspiegeln,
werden auf
ihre pathologisch veränderte Funktion hin untersucht [67], [68], [69]. Elektrophysiologische Ableitungen
der Retina werden ebenfalls von behandelten Tieren genommen, um die Funktionalität
des therapeutisch
wirksamen Proteins nachzuweisen. Als standardisiertes diagnostisches Verfahren sind
die ERG-Daten
therapierter Tiere zur Beurteilung des Therapieerfolgs von fundamentaler Bedeutung.
Das ERG wurde in
allen 4 Genersatztherapien für Achromatopsie, auf die im Folgenden ausführlicher eingegangen
wird,
als objektives Testsystem verwendet.
Optomotorischer Test
Der Vollständigkeit halber seien weitere Verfahren genannt, welche zur Kontrolle und
Bewertung des
Therapieerfolgs bei Achromatopsie am Modell angewandt werden. Messungen von Farbkontrastwahrnehmung
und Sehschärfe erfolgen über den Vergleich der optomotorischen Reaktion behandelter
versus nicht
behandelter Tiere. Während des Tests befindet sich das Tier in einem zylindrischen
Glasbehälter, um
den herum ein 2., mit farbigen und grauen senkrechten Streifen versehener Glaszylinder
konzentrisch
rotiert. Die Farben Rot, Gelb, Grün und Blau, nach Intensität und Wellenlänge geeicht,
werden
jeweils in Kombination mit sämtlichen Helligkeitsstufen einer 16-stufigen Grauskala
(intensitätsgeeicht und nach dem Prinzip der Konstanz der Unterschiedsschwellen zusammengestellt)
durchgeprüft [70], [71]. Somit kann unter
photopischen Lichtbedingungen die spektrale Empfindlichkeit des Zapfensystems festgestellt
und
Rückschlüsse auf erfolgreich therapierte Zapfenzellen gezogen werden. Die hochgradige
motorische
Unruhe der Tiere bedingt häufig jedoch keine so klaren Resultate, da in der Regel
Kopfbewegungen
anstelle von Augenbewegungen ausgewertet werden müssen.
Immunhistochemische Untersuchungen
Morphologische wie auch immunhistochemische Ex-vivo-Analysen werden post mortem an
präparierten
Retinae durchgeführt und liefern wertvolle Hinweise über z. B. die Lokalisierung von
Proteinen.
Genersatztherapie von Achromatopsie: Ergebnisse im Tiermodell
Genersatztherapie von Achromatopsie: Ergebnisse im Tiermodell
Gnat2cpfl3-Gentherapie
Alexander et al. beschrieben 2007 die erste rAAV-vermittelte gentherapeutische Studie
an einem
Tiermodell für Achromatopsie, der Gnat2cpfl3-Maus [72]. Die Missense-Mutation (D200N) im α-Transducin der Zapfenzelle führt zu einem Verlust
der
zapfenvermittelten Sehfunktion (keine photopischen ERG-Antworten), so wie es auch
für
Achromatopsie-Patienten bekannt ist [73]. Im gentherapeutischen Ansatz
erhielten junge homozygote Gnat2cpfl3-Tiere eine einmalige subretinale Injektion
eines AAV5-PR2.1-Gnat2-Vektors. Anwendung fand dabei ein humaner Rot/Grün-Opsin-Promotor,
der
spezifisch die Expression vom murinen Gnat2-Gen in Zapfenzellen reguliert. Das funktionslose
Protein wurde nun durch die Kopie eines gesunden Proteins ersetzt und führte 4 Wochen
bis 7 Monate
nach der Behandlung zu einem nachweislich zapfenvermittelten Funktionsgewinn („Rescue“).
Die
histomorphologischen Analysen der therapierten Retinae bestätigten die ERG-Daten.
CNGB3-Gentherapie
In ca. 50 % der untersuchten Achromatopsie-Patienten wurden Mutationen im CNGB3-Gen, in der
β-Untereinheit des CNG-Kanals, identifiziert. Unter den mehr als 30 beschriebenen
Mutationen weist
die Mutation Thr383fsX mit über 80 % die höchste Frequenz auf. Sie führt durch eine
Leserasterverschiebung in der kodierenden DNA-Sequenz zum Verlust des carboxyterminalen
Bereichs ab
der Porenregion [74]. Der Fokus wissenschaftlicher Studien lag darin,
eine Genersatztherapie am Tiermodell zu entwickeln, die für den Großteil der Achromatopsie-Patienten
zu verwenden wäre. Mehrere Tiermodelle standen zur Entwicklung einer solchen Therapie
zur Verfügung.
Junge Cngb3-defiziente Mäuse erhielten eine einmalige subretinal applizierte Dosis von
rAAV2/8-hCAR-hCNGB3-Vektoren. Die Sequenz des humanen CNGB3-Gens stand dabei unter der
Regulation des humanen zapfenubiquitären Promotors Arrestin (hCAR). Vier Wochen bis
10 Monate nach
Behandlung wurde der funktionelle Rescue des Zapfensystems im ERG nachgewiesen [75]. Um der Fragestellung nachzugehen, wie weit das therapeutische
Zeitfenster in einer rAAV-vermittelten Therapie für CNGB3-Defizienz zu legen ist,
wurden Tiere im
Alter von 6, 15, 30, 90 Tagen und 6 Monaten injiziert. Einen Monat nach Behandlung
wurde die
Funktion des Zapfensystems mittels ERG untersucht. Es zeigte sich, dass zu jedem Alterszeitpunkt
die
Behandlung in zapfenspezifischen ERG-Signalen resultierte. Die Daten weisen darauf
hin, dass das
therapeutische Zeitfenster trotz progressiver Degeneration der Zapfenzellen bis zu
6 Monaten relativ
weit nach hinten gelegt werden kann. Zwei unabhängig voneinander auftretende, natürlich
vorkommende,
autosomal-rezessive CNGB3-Mutationen wurden in Hunden (Alaskan Malamute, Deutsch Kurzhaar)
gefunden: CNGB3m/m mit einer Punktmutation in Exon 6 und CNGB3−/− mit einer
Nullmutation bedingt durch die genomische Deletion des gesamten CNGB3-Gens [76], [77], [78].
Die Hunde zeigen einen der Achromatopsie ähnlichen Phänotypen, der sich zwischen 8–12
Wochen nach
der Geburt entwickelt: Tagblindheit und das vorwiegende Fehlen retinaler Funktion
unter photopischen
Lichtbedingungen [79]. Im gentherapeutischen Ansatz wurden
rAAV5-Vektoren mit verschieden langen Sequenzen des humanen Rot/Grün-Opsin-Promotors
(PR2.1 und
3LCR-PR0.5) verwendet, welche die Expression des humanen CNGB3 steuerten. Die Langzeitwirkung
und Stabilität der Behandlung waren dabei unabhängig von der zugrunde liegenden Form
der Mutation,
jedoch spielten der gewählte Promotor und das Alter zu Beginn der Behandlung eine
große Rolle im
Therapieerfolg [80]. So führte die Anwendung der längeren
Promotorsequenz in jüngeren Tieren (unter 28 Wochen) zu einem stabilen und lang anhaltenden
Wiedergewinn der CNGB3-Proteinfunktion: ERG-Signale unter photopischen Bedingungen
konnten bis zu
2,5 Jahre nach Behandlung gemessen werden, was auf lebenslang therapierte Zapfenzellen
schließen
lässt. Auch in diesem therapeutischen Ansatz wurde eine einmalige Vektordosis subretinal
appliziert.
CNGA3-Gentherapie (ACHM2)
Michalakis et al. beschrieben 2010 in einer umfassenden Studie erstmalig eine rAAV-vermittelte
Gentherapie der α-Untereinheit des Kanalproteins CNGA3 [81]. In Form der
CNGA3-knock-out-Maus wurde mittels klassischer „gene knockout“-Technik das Exon 7
deletiert, das für
die transmembranen Segmente 3–6 kodiert [82]. In Analogie zum Patienten
zeigen die CNGA3-knock-out-Mäuse einen zapfenspezifischen Funktionsverlust, der mit
molekularen,
strukturellen und morphologischen Veränderungen einhergeht, die letztlich zur Degeneration
und zum
Zelltod der betroffenen Zapfenzelle führen [83]. Somit stand ein
geeignetes Achromatopsie-Tiermodell zur Verfügung, um eine Genersatztherapie mithilfe
von rAAV zu
etablieren. Zu Beginn des Projekts war nicht sicher, (1) ob es möglich wäre, den großen
Membran-Protein-Komplex in den Außensegmenten der Zapfenzelle der Netzhaut exprimiert
zu bekommen
und (2) ob durch die Reexpression von CNGA3 die Zapfenzellen die fehlende Funktion
wiedererlangen
würden. In einer Kooperationsarbeit des Forschungsinstitutes für Augenheilkunde, Tübingen,
des
Departements Pharmazie der LMU München und dem Max-Planck-Institut für Neurobiologie
in Martinsried,
München konnte im Mausmodell nachgewiesen werden, dass das fehlende CNGA3-Gen erfolgreich in
die funktionslosen Zapfen eingebracht werden konnte. Dazu wurden rAAV-Vektoren (rAAV2/5-SWS-mCNGA3)
generiert, die eine Expression des murinen CNGA3 unter Kontrolle eines zapfenspezifischen
S-Opsin-Promotors ermöglichten. Diese therapeutischen Viren wurden in junge CNGA3-knock-out-Mäuse
einseitig subretinal injiziert. Nach 8 Wochen konnte eine rAAV-vermittelte Expression
von CNGA3
nachgewiesen werden. Das exogene CNGA3-Protein war in der Lage, mit endogenen CNGB3-Untereinheiten
Heteromere zu bilden, welche in das Außensegment transportiert wurden. Diese neu generierten
Kanalkomplexe konnten die bis dato inaktive Phototransduktionskaskade in den funktionslosen
Zapfen
aktivieren, um erstmals die Generierung zapfenvermittelter Lichtantworten zu ermöglichen
([Abb. 3]). Mittels ERG und Ableitung von Aktionspotenzialen konnte
außerdem gezeigt werden, dass diese neuen zapfenvermittelten Lichtinformationen an
nachgeschaltete
Bipolar- und Ganglienzellen geleitet werden. Die Ganglienzellen waren nun in der Lage,
zapfenspezifische lichtabhängige Aktionspotenziale zu generieren und an das Gehirn
zu übermitteln.
Diese Ergebnisse verdeutlichten, dass die Netzhaut nach erfolgreicher Genersatztherapie
zapfenvermittelte lichtabhängige Signale an das Gehirn sendet. Da die Tiere zapfenblind
geboren
wurden, stellte sich die Frage, ob das Gehirn nun nach Therapie in der Lage ist, diese
„neuen“
Signale zu verarbeiten? Zur Beantwortung dieser Frage wurden die therapierten Mäuse
auf ihre
Fähigkeit hin getestet, zwischen 2 Objekten mit unterschiedlicher spektraler Information
zu
unterscheiden. Dazu wurden die Mäuse trainiert, eine stabile Plattform, die durch
einen roten Karton
gekennzeichnet war, in einem Wasserbecken zu finden und diese von einer 2. Plattform,
die mit einem
grünen Karton markiert war und untergeht, sobald die Maus auf diese klettert, zu unterscheiden.
Die
therapierten Mäuse waren, ähnlich wie die Kontrollmäuse, in der Lage, zwischen beiden
Farben zu
unterscheiden und die richtige (stabile) Plattform zu finden. Hingegen zeigten nicht
therapierte
CNGA3-knock-out-Mäuse keine Präferenz für die richtige Plattform. Der in vivo nachgewiesene
Therapieerfolg zeigte sich in der Wiederherstellung der komplett fehlenden Funktion
des
Zapfensystems auf der Ebene der Retina bis hin zur kortikalen Wahrnehmung von Farbkontrasten.
Gleichzeitig bewirkte die Therapie eine Reduktion der Degeneration entsprechender
Netzhautzellen.
Mit dieser umfangreichen tierexperimentellen Studie wurde erstmalig ein Proof-of-Principle
einer
Genersatztherapie für Achromatopsie erbracht: das war der Startpunkt des ersten Translationsprojekts
bei einer erblichen Netzhauterkrankung in Deutschland (http://www.rd-cure.de).
Abb. 3 A Ganzpräparat einer Mausretina 8 Wochen nach subretinaler Applikation eines
viral übertragenen Fluoreszenzfarbstoff-Gens EGFP (enhanced green fluorescent protein).
Ca. ⅓ –
¼ der Retina wurde mittels rAAV-EGFP-Vektoren transfiziert. D: dorsal, V: ventral,
T: temporal,
N: nasal. B Elektrophysiologisches Korrelat der Sehverbesserung durch zapfenvermittelte
Funktion in therapierten CNGA3-defizienten Mäusen unter Verwendung von rAAV-SWS-mCNGA3-Vektoren.
Nicht behandeltes Auge (schwarz, UE), therapiertes Auge (rot, TE), Wildtypkontrolle
(grau, WT).
Ein deutlicher Funktionsgewinn der Zapfen nach Therapie konnte nachgewiesen werden.
cpfl5-Gentherapie
Ein okularer Phänotyp ähnlich dem der Achromatopsie wurde für die cpfl5-Maus (cone
photoreceptor function loss 5), einer natürlichen Mutante mit einer Punktmutation
im Exon 5 des
CNGA3-Gens beschrieben [84]. Auch für dieses Tiermodell wurde
eine rAAV-vermittelte Gentherapie entwickelt. Als Vektor wurde ein humaner Blauzapfen-Opsin-Promotor
HB570 verwendet, der die Expression des murinen CNGA3-Gens reguliert (AAV5-CBA-mCNGA3). Eine
einmalige subretinale Injektion wurde in jungen cpfl5-Mäusen durchgeführt und der
Therapieeffekt nach 3 Wochen, 3 und 5 Monaten im ERG und im optomotorischen Test untersucht.
Unter
photopischen Lichtbedingungen zeigte sich in den behandelten Tieren 5 Monate nach
Behandlung ein bis
zu 60 % starker Funktionsgewinn in zapfenspezifischen ERG-Antworten im Vergleich zu
den Wildtypen.
Das CNGA3-Protein mit einer korrekten Lokalisierung im Außensegment wurde mittels
immunohistochemischer Analysen im behandelten Bereich nachgewiesen [85].
Diskussion und Ausblick
Durch seine freie Zugänglichkeit, seine Kompartimentierung und seinen Status als immunprivilegierte
Zone
kann das Auge als ein hervorragendes Modellsystem für die Entwicklung einer Gentherapie
erblicher
Netzhauterkrankungen genutzt werden. Die größte Herausforderung und anstehende Aufgabe
im Bereich der
Gentherapie der Achromatopsie ist die Translation bisheriger Ergebnisse in den Bereich
der Humanmedizin
und die Initiierung entsprechender klinischer Studien. Eine neue Ära retinaler Therapieansätze
ist durch
die bisherigen Erfolge der RPE65-Defizienz in tierexperimentellen gentherapeutischen
Studien eingeleitet
worden und führte zur humanen Translation. Momentan laufen weltweit 4 voneinander
unabhängige klinische
Studien zur Behandlung einer frühen und schweren Form der hereditären Netzhautdystrophien
(LCA), der ein
Vitamin-A-Mangel zugrunde liegt (Phasen I & II,
http://clinicaltrials.gov/ct2/results?term=eye+gene+therapy+RPE65). Eine Genersatztherapie
mittels
rAAV-Vektoren (Virus-Serotype 2, rAAV2) führte in 7 von 9 Patienten, die einen angeborenen
Defekt im
RPE65-Gen tragen, zu einer Verbesserung der visuellen Funktion. Langzeitstudien über
einen Zeitraum von
5 Jahren zeigen erfolgversprechende Ergebnisse über einen stabilen Funktionsgewinn
und ermöglichten eine
Beurteilung der Sicherheit der viralen Therapie [86], [87], [88]. Basierend auf diesen Ergebnissen wurden ebenfalls in
tierexperimentellen Studien Genersatztherapien für Achromatopsie entwickelt. Verschiedene
technische
Methoden zur Erhöhung und Spezifität der rAAV-Transduktion wurden in vivo untersucht:
1) Verwendung
zellspezifischer Promotoren, 2) Entwicklung von rAAV-Serotypen und Kapsidproteinen
sowie 3) Zugabe
therapeutisch wirksamer Medikamente [89]. Es zeigte sich in allen 4
beschriebenen Genersatztherapien am Tiermodell, dass die verwendeten Kombinationen
aus Promotorsequenz,
Serotyp und Kapsidprotein zur Expression des Ersatzgens führte. Mehrere Optimierungsstrategien
wurden
evaluiert. Komáromy et al. verwendeten für die Therapie CNGB3-defizienter Hunde 2
verschieden lange
Sequenzen des Rot/Grün-Opsin-Promotors und stellten Unterschiede in der Langzeitwirkung
und Stabilität
der Behandlung fest. So führte die Anwendung der kürzeren Promotorsequenz zu einer
transienten und sehr
schwachen Expression des CNGB3-Gens. Der Einsatz der längeren Promotorsequenz in jüngeren Tieren
hingegen hatte einen stabilen und lang anhaltenden Wiedergewinn der CNGB3-Proteinfunktion
zur Folge.
Abhängig von der Pathogenese des Tiermodells und den Varianten aus regulatorischen
Einheiten und viralen
Eigenschaften lassen sich demzufolge Strategien entwickeln, die zu einer optimierten
Genersatztherapie
führen. In der Tübinger-Münchner Studie führte eine einmalige subretinale Injektion
eines kleinen
Flüssigkeitsvolumens viraler Partikel zu einer lebenslang wirksamen Therapie. Nicht
nur die Sehfunktion
der Zapfen wurde wiederhergestellt, auch der Degenerationsprozess retinaler Zellen
wurde verzögert. Der
funktionelle Wiedergewinn des Proteins weist auf 1) einen korrekten Translationsprozess,
2) den
Transport in die Zapfenaußensegmente und 3) die Integration in und Aktivierung der
Phototransduktionskaskade hin. In den verschiedenen Studien wurde, im Vergleich zu
den Kontrolltieren,
eine unterschiedliche Stärke des Funktionsgewinns, die jedoch immer unter 100 % lag,
beschrieben. Die
Ursachen hierfür könnten sehr mannigfaltig sein. Extrapolierte Daten aus unseren Studien
zeigen, dass
die Stärke des funktionellen Rescues mit der Größe des behandelten Bereichs durchaus
in Beziehung
gesetzt werden kann (siehe [Abb. 3], unpublizierte Ergebnisse). Ein
funktioneller Rescue von ca. 30 %, der im Mittel erreicht wurde, war durchaus ausreichend,
um
zapfenspezifische Lichtsignale zu generieren, diese in Aktionspotenziale umzuwandeln
und als visuelle
Information im Kortex zu einem zapfengesteuerten Verhalten zu verarbeiten. Fraglich
wäre nun, ob eine
100 %ige Transfektion aller retinalen Zellen anzustreben wäre, da sie entweder nur
durch mehrmalige
Injektionen oder ein größeres Flüssigkeitsvolumen zu erreichen ist. Beide Möglichkeiten
könnten jedoch
in Folge irreparable Schäden am Auge nach sich ziehen. Des Weiteren wurden im Großteil
der Studien zur
Therapie von Achromatopsie Vektoren verwendet, die humane DNA-Sequenzen enthielten
und in murinen bzw.
caninen Tiermodellen um Einsatz kamen. Die Anwendung xenogener, also artfremder DNA-Sequenzen
des
Promotors und des Ersatzgens könnten die Regulierung der Transkription und Expression
von Genen
beeinflussen. Die Proteine der retinalen Phototransduktionskaskade sind jedoch zwischen
den Spezies so
hoch konserviert, dass von keinem bedeutenden Sequenzunterschied auszugehen ist, der
die Expression
hätte beeinflussen können. Die Wahl des Alters und die damit verbundene Progression
der Degeneration zum
Zeitpunkt der Behandlung sind sicherlich von größerer Bedeutung für den Erfolg einer
Gentherapie
anzusehen. Es konnte gezeigt werden, dass Defekte des CNGA3- wie auch des CNGB3-Kanals
in jungen Tieren
(ab postnatal 12 Tage) wie auch in älteren Tieren (bis zu 6 Monate) therapierbar sind.
Das lässt die
Schlussfolgerung zu, dass auch erwachsene Achromatopsie-Patienten mit progressivem
Verlust an
Zapfenzellen im therapeutischen Zeitfenster liegen können. Die hier aufgeführten Methoden
der
Vektorapplikation und nicht invasiven Diagnostik zur Qualitäts- und Erfolgskontrolle
sind allesamt für
den Einsatz am Menschen geeignet und können bei der humanen Translation Einsatz finden.
Subretinale
Injektionen am Menschen werden täglich in der Klinik durchgeführt, und die bisherigen
Ergebnisse der
humanen RPE65-Studien weisen auf eine hohe Sicherheit, wenig immunologische Reaktion
und keine
Nebenwirkungen unter Anwendung von rAAV-Vektoren hin. Elektrophysiologische wie auch
morphologische
Untersuchungen (ERG, SLO, OCT) werden routinemäßig in der ophthalmologischen Diagnostik
eingesetzt.
Aufgrund ihres nicht-invasiven Charakters führen sie zu keinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
Besonders die Rolle der optischen Kohärenztomografie bei der Qualitätskontrolle des
operativen Eingriffs
sei hier hervorgehoben.
Die Fortschritte, Erfolge und technischen Weiterentwicklungen von viralen Vektoren
führten nun zum Start
der ersten gentherapeutischen Studie zur Behandlung von Achromatopsie-Patienten in
Deutschland. Auf der
Basis umfangreich gesicherter tierexperimenteller Daten konnte ein Proof-of-Principle
erarbeitet werden:
von Geburt an zapfenblinde Mäuse erwarben eine komplett fehlende Sinnesqualität, das
zapfenvermittelte
Sehen. Therapierte Photorezeptoren generierten reguläre Signale, die in einem von
Zapfensehen
beeinflussten Verhalten resultierten und lebenslang wirkten. Im humanen Translationsprozess
werden nun
sowohl der Einsatz und die Auswahl humaner Vektoren als auch die Sicherheit und Effizienz
des
ausgewählten Vektorsystems evaluiert, um einen optimalen Therapieansatz für den Patienten
bereitzustellen.
Danksagung
Wir danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Fördernummern: Se837/5-2, Se837/6-2,
Se837/7-1) und der
Tistou & Charlotte Kerstan Stiftung (RD-CURE) für die finanzielle Unterstützung.