Die Ingwer-Pflanze (Zingiber officinale) ist eine ausdauernde Staude, die in den tropischen
Regionen Südostasiens beheimatet ist [[1]]. Bereits in der Antike
gelangte die Pflanze nach Europa, wo sie seither arzneilich genutzt wird. Dabei werden nicht die
oberirdischen Teile der Pflanze verwendet, sondern der unterirdische Wurzelstock (Rhizom), den
man unverarbeitet auch als Lebensmittel und Gewürz kennt. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen des
Ingwer-Wurzelstocks gehören das aromatisch riechende ätherische Öl mit der Hauptkomponente
α-Zingiberen sowie die nicht-flüchtigen Scharfstoffe (Gingerole und Shogaole) [[2]]. Die Einnahme erfolgt entweder als Teezubereitung oder
in Form von Kapseln, die den pulverisierten Ingwer-Wurzelstock enthalten.
Traditionell wird Ingwer zur Anregung der Magensaftproduktion und der gastrointestinalen
Peristaltik angewendet sowie als mildes Antiemetikum. Grundlage dieser Effekte ist vermutlich
die Interaktion von Ingwer-Inhaltsstoffen mit gastrointestinalen Muskarin- und
Serotonin-Rezeptoren [[3]].
Die für die Bewertung von Phytopharmaka zuständige Kommission E bei der deutschen
Arzneimittelzulassungsbehörde (BfArM) nennt als Anwendungsgebiete für Ingwer dyspeptische
Beschwerden und die Prophylaxe von Reiseübelkeit; explizit als Kontraindikation genannt
wird dagegen die Anwendung in der Schwangerschaft [[4]].
Allerdings stammt diese Beurteilung bereits aus dem Jahr 1990 und inzwischen sind zahlreiche
Studien zur antiemetischen Wirksamkeit von Ingwer durchgeführt worden, insbesondere auch bei
Schwangeren.
Die unübersichtliche und widersprüchliche Studienlage zur Wirksamkeit und Sicherheit von
Ingwer-Anwendungen bei Schwangerschaftsübelkeit und -erbrechen wird in einer aktuellen
Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 sehr gut dargestellt [[5]]:
Dabei wurden zwölf randomisiert-kontrollierte Studien aus den Jahren 1991 bis 2011 ausgewertet
mit insgesamt 1.278 Teilnehmerinnen.
Zusammenfassend konnte gezeigt werden, dass Ingwer-Wurzelstock in Dosierungen zwischen 1–2 g/Tag
die Schwangerschaftsübelkeit lindert, ohne jedoch die Häufigkeit von Erbrechen zu reduzieren,
sofern dieses vorhanden war. Relevante Nebenwirkungen der Ingwer-Anwendung wurden nicht
beobachtet. Interessanterweise stellt sich auch heraus, dass niedrigere Dosierungen (1–1,5
g/Tag) wirksamer waren als höhere Dosierungen (> 2 g/Tag). Diese Einschätzungen werden auch
durch ein aktuelles Cochrane-Review bestätigt [[6]].
Doch auch wenn es deutliche Hinweise darauf gibt, dass Ingwer bei Schwangerschaftsübelkeit und
-erbrechen wirksam ist, so haben sämtliche Studien erhebliche Schwachpunkte [[7]]:
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In sämtlichen Untersuchungen wurde meist nur wenige Tage bis maximal drei Wochen
therapiert, weshalb sich zur Wirksamkeit und auch zur Sicherheit einer längeren
Anwendung keine verlässliche Aussage machen lässt.
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Außerdem wurde die Mehrzahl der Studien aus Sicherheitsgründen bei Schwangeren nach der
20. SSW durchgeführt, was nicht der tatsächlichen hohen Prävalenz von Übelkeit und
Erbrechen zu Beginn der Schwangerschaft entspricht.
Auch wenn einiges dafür spricht, dass die Anwendung von Ingwer in der Schwangerschaft wirksam und
sicher ist, so sind für eine valide wissenschaftliche Beurteilung geeignetere Studien
erforderlich. Diese Einschätzung spiegelt sich auch darin wider, dass die Rote Liste Ingwer nach
wie vor in die Schwangerschaftskategorie 5 einordnet („Ausreichende Erfahrungen über die
Anwendung beim Menschen liegen nicht vor“), und dass im Beipackzettel von Ingwer-Präparaten die
Anwendung in der Schwangerschaft nicht empfohlen wird.
Fazit
Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass Ingwer-Wurzelstock bei leichteren Formen von
Schwangerschaftsübelkeit und -erbrechen wirksam sein kann; in diesem Fall kann Ingwer als Tee
oder in Kapselform probiert werden.
Allerdings ist nur die kurzfristige Anwendung (bis zwei Wochen) in Dosierungen bis 1,5 g/Tag
hinsichtlich einer möglichen embryonalen Toxizität nachweislich unbedenklich.
Auf eine hochdosierte (> 2 g/Tag) und auf die längerfristige Anwendung sollte verzichtet
werden, da höhere Dosierungen vermutlich weniger wirksam sind und die Sicherheit zudem nicht
belegt ist.
Nicht angewendet werden sollte Ingwer bei bestehendem Reflux oder Sodbrennen, da sich diese
Beschwerden durch die enthaltenden Scharfstoffe verstärken können.
Außerdem sollte man bedenken, dass die Empfehlung von Ingwer-Präparaten bei Schwangeren zu
Irritationen führen kann, da diese Präparate – einschließlich des bekannten Zintona®
– ausschließlich für Reiseübelkeit zugelassen sind. Zudem ist im Beipackzettel der Hinweis
enthalten, dass das Präparat in der Schwangerschaft sicherheitshalber nicht eingenommen werden
soll.
Bleibt der Therapieversuch mit Ingwer ohne ausreichenden Erfolg, sollte rasch auf Doxylamin oder
Vitamin B6 (ggf. auch in Kombination) gewechselt werden.