Schlüsselwörter:
Substanzmißbrauch - Opioidvorbehandlung - chronische Schmerzen
Key words:
Drug dependency - opioid pretreatment - chronic pain
Im perioperativen Umfeld sind Patienten mit chronischen Schmerzen sowie Patienten
mit Suchtanamnese für den klinisch tätigen Anästhesisten häufig eine Herausforderung.
Dies gilt im besonderen Maße, wenn eine langfristige Einnahme von Opioiden erkennbar
ist. Neben pathophysiologischen Veränderungen bringen diese Patientengruppen häufig
logistische Besonderheiten mit sich. Obwohl es sich bei chronischen Schmerzen einerseits
bzw. einer Suchterkrankung andererseits grundsätzlich um sehr verschiedene Krankheitsbilder
mit z. T. sehr differenten Behandlungsansätzen handelt, weisen sie in der perioperativen
Betreuung Parallelen auf, aus denen partiell ein ähnliches Management resultieren
kann. Der Artikel befasst sich mit den pathophysiologischen Gegebenheiten bei diesen
Patienten, erläutert verschiedene Therapieoptionen und zeigt Gemeinsamkeiten auf.
Einteilung der verschiedenen Patientengruppen
Einteilung der verschiedenen Patientengruppen
Ehemals abhängige Patienten
Unter dem Begriff der opioidgewöhnten Patienten lassen sich verschiedene Gruppen definieren:
Die 1. Gruppe besteht aus Patienten, die ehemals abhängig waren, erfolgreich entwöhnt
wurden und keine Substitutionstherapie benötigen. Sie befinden sich in einem stabilen
Zustand. Zu dieser Gruppe zählen auch die Patienten, die über einen relevant langen
Zeitraum mit Opioiden behandelt werden mussten, diese aber nicht mehr benötigen.
Patienten unter Substitution
Eine weitere Gruppe sind die Patienten, die zwar noch unter einer Suchterkrankung
leiden, jedoch stabil substituiert werden. Seit 2002 ist die Zahl der gemeldeten Substitutionspatienten
in Deutschland stetig gestiegen: So waren 2013 rund 77 000 Patienten beim Bundesinstitut
für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit einer Substitutionstherapie gemeldet
[1].
Abhängige Patienten
Deutlich komplexer in der perioperativen Betreuung sind die Patienten, die unter einer
Abhängigkeit leiden. Der epidemiologische Sucht-Survey von 2012 zeigt, dass 2,3 Mio.
Menschen in Deutschland von Medikamenten abhängig sind [2]; 319 000 Personen konsumieren Cannabis, Kokain oder Amphetamine [3]. 9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitsschädlichen
Mengen und etwa 1,77 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig [4].
Patienten mit chronischen Schmerzen
Die 4. Gruppe besteht aus Patienten, die seit Jahren unter persistierenden Schmerzen
leiden und aufgrund einer hohen Schmerzintensität dauerhaft mit Opioiden therapiert
werden: Chronische Schmerzen treten in Deutschland mit einer Prävalenz von 17 %, in
Europa von 19 % auf [5].
Zusammenfassend lassen sich also folgende Patientengruppen definieren [Abb. 1]:
-
ehemalige Abhängige, die keine Substitution mehr benötigen
-
Patienten mit bestehender Suchterkrankung, die stabil substituiert werden
-
Patienten mit bestehender Suchterkrankung, die sich in keiner Substitutionstherapie
befinden
-
chronische Schmerzpatienten mit einem hohen Opioidbedarf
Abb. 1 Opioidgewöhnte Patienten lassen sich in 4 verschiedene Kategorien einteilen. Während
die ehemaligen Suchtpatienten mit und ohne Substitution in der Regel kein besonderes
Management erfordern, sind Patienten mit chronischen Schmerzen oder aktiver Sucht
häufig problematisch.
Erhöhter Versorgungsaufwand durch pathophysiologische Prozesse
Erhöhter Versorgungsaufwand durch pathophysiologische Prozesse
Voraussetzung
Die nachfolgend beschriebenen Phänomene müssen identifiziert werden, um erfolgreich
die Therapie anzupassen. Grundsätzlich ist dabei zunächst sicher auszuschließen, dass
es sich bei dem verminderten Ansprechen einer etablierten Therapie mit Opioiden ursächlich
um einen Krankheitsprogress bzw. die Manifestation neu hinzugetretener Pathologien
handelt.
Toleranz
Phänomen
Die Toleranz ist ein üblicherweise als Rechtsverschiebung in der Dosis-Wirkungs-Kurve
beschriebenes Phänomen. Die Aktivierung exzitatorischer Systeme sowie Rezeptorinternalisierungsprozesse,
welche die Anzahl aktivierbarer μ-Opioidrezeptoren verringern, sind an der Entwicklung
beteiligt. Dies bedeutet, dass im Verlauf einer Opioidtherapie stetig größere Dosierungen
des Opioids benötigt werden, um die erwünschte Schmerzreduktion zu erzielen. Oftmals
ist der Wechsel zu einem alternativen Opioid erforderlich.
Entscheidend ist, dass im Rahmen einer Toleranzentwicklung keine Veränderung der ursprünglich zu behandelnden (krankheits- / traumabedingten) Schmerzintensität
und keine Herabsetzung der Schmerzempfindungsschwellen für nozizeptive Stimuli stattfinden.
Hier kann der Schlüssel für die therapeutische Ausrichtung im Hinblick auf die Abgrenzung
zur opioidinduzierten Hyperalgesie liegen [6]
[7]
[8]
[9]
[10]
[11].
Opioidinduzierte Hyperalgesie
Klinische Relevanz
Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob und in welchem
Ausmaß eine opioidinduzierte Hyperalgesie (OIH) beim Menschen klinische Relevanz besitzt.
Ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass eine OIH in erster Linie Ausdruck eines
Opioidentzugs ist. In der neueren Literatur finden sich vermehrt Hinweise darauf,
dass dieses Phänomen in gleicher Weise unter fortgesetzter Opioidtherapie – möglicherweise
beeinflusst von der Dynamik einer Dosisstei-gerung – auftreten kann [12]
[13]
[14].
Definition
Hyperalgesie allgemein ist die klinische Manifestation einer erhöhten neuronalen Aktivität
nozizeptiver Bahnen bzw. zentralnervöser Verarbeitungszentren auf Synapsenebene. Sie
kann sowohl durch primär erhöhten und ggf. anhaltenden nozizeptiven Input als auch
durch Interaktionen endogener oder exogener Substanzen / Medikamente mit prä- oder
postsynaptischen Signaltransduktionswegen hervorgerufen werden. Für den Fall der medikamentösen
Interaktion von Opioiden scheinen 2 Hauptaktivierungswege eine herausragende Rolle
zu spielen:
-
zum einen die indirekte Aktivierung postsynaptischer NMDA-Rezeptoren und
-
zum anderen die Aktivierung fazilitativer serotonerger Bahnen mit Ursprung im Bereich
des Hirnstamms und Projektion nach spinal zu den nozizeptiven Umschaltstellen des
Hinterhorns.
Die Summe pronozizeptiver Effekte kann von der chemischen Struktur der Opioide mitbestimmt
sein [14]
[15].
Unterschied zur Toleranz
Beim Phänomen der Toleranz sind durch eine Rechtsverschiebung der Dosis-Wirkungs-Kurve
stets höhere Dosierungen notwendig, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Die Schmerzempfindungsschwelle
für nozizeptive Stimuli wird jedoch nicht herabgesetzt. Dadurch unterscheidet sie
sich von der OIH.
Entzug und Hyperalgesiephänomene
Symptome
Einige Mechanismen, die für eine erhöhte Sensibilität auf nozizeptive Stimuli (Hyperalgesie / OIH)
verantwortlich sind, finden sich auch bei Unterbrechung einer Opioidtherapie. Beim
Auftreten eines Entzugssyndroms kann daher die Hyperalgesie als klinisches Symptom
ebenfalls eine Rolle spielen. Während bei der OIH zeitliche Aspekte weniger im Vordergrund
stehen, scheint die Ausprägung ähnlicher Symptome im Rahmen eines Entzugssyndroms
deutlicher von Dosisniveau und Anwendungsdauer abhängig zu sein. Für die Ausprägung
eines akuten Entzugssyndroms nach singulärer Opioidgabe hat scheinbar v. a. die Kinetik
des Opioids eine Bedeutung. Für die Anwendung des kurzwirksamen starken Opioids Remifentanil
bei opioidvorbehandelten Patienten sind Entzugssymptome mit Hyperalgesie wiederholt
beschrieben worden [10]
[16]
[17].
Für die Ausprägung eines akuten Entzugssyndroms nach singulärer Opioidgabe scheint
v. a. die Kinetik des Opioids entscheidend zu sein.
Perioperatives Vorgehen
Allgemeine Grundlagen
Narkoseverfahren
Grundsätzlich können bei den Patienten mit vorbestehender Opioidtherapie oder aktiver
Drogenabhängigkeit alle gängigen Narkoseverfahren angewendet werden. Es empfiehlt
sich hierbei, die übliche Vorgehensweise der jeweiligen Klinik fortzuführen.
Auch das sehr kurzwirksame Remifentanil sollte nicht eingesetzt werden, da es einen
akuten Entzug induzieren kann [18] [Tab. 1].
Tab. 1 Es können grundsätzlich alle Narkoseformen Verwendung finden. Antagonisten sowie
das kurzwirksame Remifentanil sind jedoch kontraindiziert.
Logistische Besonderheiten
Patienten mit Substanzmissbrauch
Patienten mit einem aktiven Medikamenten- oder Drogenmissbrauch sind als Risikopatienten
einzustufen, deren Behandlung ein spezielles anästhesiologisches Management erfordert
[19]. Patienten, die über einen Zeitraum > 1 Monat täglich größere Mengen orales Morphin
zu sich nehmen, sind gefährdet, eine Opioidtoleranz entwickelt zu haben bzw. zu entwickeln.
Sie haben intraoperativ einen 30–100 % höheren Opioidbedarf als opioidnaive Patienten
[20]. Da sowohl eine Schmerzexazerbation als auch der Entzug mit ähnlichen Symptomen
(Unruhe, Zittern, Kaltschweißigkeit, Zunahme der Schmerzen) verbunden sein kann, ist
eine Differenzierung häufig erschwert.
Es empfiehlt sich daher, im Vorfeld diese Patienten zu identifizieren und in einem
interdisziplinären Team das Therapiekonzept zu erarbeiten.
Vorgehen an der MHH
An der Medizinischen Hochschule Hannover werden die elektiven Patienten in der Prämedikationsambulanz
detektiert und dann bereits präoperativ dem Akutschmerzdienst (ASD) vorgestellt. Für
Notfälle steht rund um die Uhr ein ärztlicher Mitarbeiter des ASD zur Verfügung.
Prozedurales Management der einzelnen Patientengruppen
Ehemalige Abhängige ohne Substitution
Ein häufiges Problem im Umgang mit ehemaligen Suchtpatienten ist der oft unberechtigt
zurückhaltende Einsatz von Opioid-Analgetika aus der Angst heraus, man könne durch
die Gabe von Opioiden einen Rückfall induzieren. Obwohl es wichtig ist, das bewusste
Erleben der psychotropen Opioidwirkung zu vermeiden, kann eine analgetische Unterversorgung
– z. B. durch starke Schmerzen nach großen Operationen und die damit verbundene Stresssituation
– die Rückfallgefahr per se erhöhen [21]. Zudem führt eine titrationsweise Applikation von Opioiden in der Behandlung starker
Schmerzen nicht zur Induktion psychotroper Nebenwirkungen [22].
Nicht-Opioid-Analgetika
Postoperativ werden diese Patienten zunächst mit einem Nicht-Opioid-Analgetikum (NOPA)
behandelt. Da sich deren analgetische Wirkung nur begrenzt durch eine Dosiserhöhung
steigern lässt [Tab. 2], sollte bei ausreichend hoher Dosierung eines NOPA und inadäquater Analgesie frühzeitig
auf ein Opioid eskaliert werden. Die Kombination von 2 oder mehr NOPA wird kritisch
diskutiert, da sie eher zu einer Aggravierung der unerwünschten Arzneimittelwirkung
(UAW) bei ausbleibender Steigerung der Analgesie führt [23].
Cave Die Angst vor Opioidnebenwirkungen darf nicht zu einer analgetischen Unterversorgung
der Patienten führen, weil so die Rückfallgefahr erhöht wird.
Tab. 2 Schematische Darstellung des Therapiealgorithmus.
Substitutions- / bestehende Opioidtherapie
Dieser Abschnitt behandelt die Patienten, die entweder aufgrund persistierender Schmerzen
mit Opioiden behandelt werden oder ehemals drogenabhängig waren und sich in einer
Substitutionstherapie befinden. In Deutschland üblich ist entweder eine Substitution
mit Methadon oder dem partialen Opioidrezeptor-Agonisten Buprenorphin (Subutex®).
Auf den ersten Blick mag es merkwürdig erscheinen, dass in ihrem Wesen so gegensätzliche
Krankheitsbilder wie Suchterkrankung und Schmerzkrankheit in einem Patientenkollektiv
zusammengefasst werden. Unter dem Aspekt des anästhesiologischen Managements mit besonderer
Berücksichtigung der chronischen Opioideinnahme weisen jedoch typischerweise auftretende
Spannungsfelder durchaus weitreichende Parallelen auf.
Methadon
Es muss zwingend zwischen Levomethadon und Methadonracemat unterschieden werden.
In der perioperativen Phase sollten die Dosierungen des Patienten wie gewohnt beibehalten
werden. Hierzu sind die oft zuverlässigen Angaben des Patienten sehr wichtig. Sollte
ein Wechsel von Methadonracemat auf Levomethadon notwendig werden, gelten folgende
Umrechnungen:
Buprenorphin
Im Umgang mit Buprenorphin als nahezu einzigem Vertreter von Partialagonisten mit
μ-Opioidrezeptor-Agonismus und k-Opioidrezeptor-Antagonismus im klinischen Alltag
besteht häufig große Unsicherheit darüber, inwieweit unerwünschte Interaktionen mit
reinen μ-Agonisten klinische Relevanz erlangen oder sogar zu klinisch kritischen Situationen
wie akutem Entzugssyndrom führen können.
-
Klinische Studien an gesunden Probanden haben jedoch – ebenso wie die klinische Praxis
der letzten 20 Jahre – gezeigt, dass eine Vorbehandlung mit z. B. transdermalen Buprenorphin-Systemen
die Anwendung von μ-Agonisten wie Fentanyl, Sufentanil oder Piritramid nicht negativ
beeinflusst, sondern stets synergistische bzw. additive Effekte erkennen lässt [24].
Auch die im Ausnahmefall durchaus anwendbare Alternative der sublingual-transmukosalen
Gabe von Buprenorphin bei Vorbehandlung mit reinen μ-Agonisten (z. B. Fentanyl-TTS)
führt im Regelfall zu keinen nachteiligen Interaktionen. Einzige Ausnahme sind mit
Methadon oder Levomethadon substituierte Suchtpatienten: Hier gilt weiterhin die strikte
Regel der ausschließlichen Kombination reiner μ-Agonisten.
Dosierung von Buprenorphin
Wird Buprenorphin zur Substitution eingesetzt, sind oft Tagesdosen von 2–8 mg notwendig.
Bei diesen hohen Dosierungen besteht die Gefahr einer Wirkbehinderung reiner μ-Opioidrezeptor-Agonisten
[25]. Daher empfiehlt sich bei Patienten mit diesen hohen Dosierungen eine präoperative
Umstellung auf reine μ-Opioidrezeptor-Agonisten, wenn eine große Operation mit hohem
Schmerzaufkommen erwartet wird. Obwohl in der Literatur eine Umstellung auf das langwirksame
Methadon empfohlen wird [26], verwenden wir in der medizinischen Hochschule Hannover für eine perioperative Umstellung
das Hydromorphon (Palladon®), da es bei pharmakologisch geringem Interaktionspotenzial eine gute Steuerbarkeit
aufzeigt.
Wichtig ist, die zuvor bestehende Substitutionstherapie zur gewohnten Zeit beizubehalten.
Die vorbestehende Therapie dient jedoch nur als Entzugsprophylaxe. Die Therapie muss
daher zwingend erweitert werden, um den operativen Schmerz mit zu behandeln.
Für alle Patientengruppen gilt: Sollte für den Eingriff ein regionalanästhesiologisches
Verfahren alleine oder eine Kombination aus Regional- und Allgemeinanästhesie infrage
kommen, sollte auch ein Regionalanästhesieverfahren angewendet werden [27].
Partialagonisten wie das Buprenorphin können problemlos mit reinen μ-Agonisten kombiniert
werden, ohne dass eine Wirkminderung eintritt. Bei der Vorbehandlung mit (Levo-)Methadon
sollten jedoch keine Partialagonisten Verwendung finden.
Umgang mit transdermalen Systemen
Für Patienten, die präoperativ mit einem transdermalen System behandelt werden, bestimmt
das Ausmaß der Operation das Vorgehen: Bei kleinen und mittleren Operationen, bei
denen mit einer intakten Hautdurchblutung und einer regelhaften Resorption des Wirkstoffs
zu rechnen ist, kann das Pflaster belassen und postoperativ mit einer für das Ausmaß
der Operation angemessenen Schmerztherapie erweitert werden (Pflaster = Basismedikation;
[Tab. 2]) [27]. Bei größeren Operationen empfiehlt es sich, das Pflaster nach der Einleitung zu
entfernen und durch die i. v. Gabe eines reinen μ-Agonisten zu ersetzen [Abb. 2] [28].
Abb. 2 Daten aus [28].
Patienten mit bestehender Sucht ohne Substitution
Eine besondere Herausforderung für den Anästhesisten sind die Patienten, die aktuell
nicht an einer langfristigen Substitutionstherapie teilnehmen oder diese abgebrochen
haben.
Kommen diese Patienten unter dem Einfluss psychotroper Substanzen wie Alkohol oder
anderer Drogen in die Klinik, ist eine Anästhesie mit Ausnahme vital bedrohlicher
Indikationen zunächst kontraindiziert [29]. Einige Autoren empfehlen bei diesen Patienten eine perioperative Einstellung auf
Methadon zur Prophylaxe von Entzugssymptomen [28]. Auch für diese Patienten konnten wir in unserer Klinik eine suffiziente Stabilisierung
bei guter Steuerbarkeit durch Hydromorphon erreichen. Diese kurze perioperative Substitution
hilft, die Situation des Patienten zu stabilisieren und schafft Vertrauen. Dadurch
steigt wieder die Compliance und die Gefahr sinkt, dass ein unkontrollierter Beigebrauch
anderer psychotroper Substanzen praktiziert wird.
Ambulante Operationen
Vergesellschaftete Probleme
Obwohl heutzutage eine große Zahl operativer Eingriffe in der Regel problemlos ambulant
durchführbar ist, kann die Gruppe der Patienten mit bestehender Opioidtherapie ebenso
wie die Gruppe der abhängigen Patienten im ambulanten Bereich mit besonderen Problemen
vergesellschaftet sein. Daher empfiehlt es sich, auch kleinere Operationen – mit an
sich geringem anästhesiologischen Risiko – bei diesen speziellen Patienten in einem
stationären Umfeld zu behandeln und einen Krankenhausaufenthalt für einige Tage zu
planen.
Opioidgewöhnte Patienten bedingen einen erhöhten logistischen Aufwand: In der Regel
werden deutlich erhöhte Opioiddosen für eine adäquate Analgesie benötigt. Der zwischenmenschliche
Umgang wird durch eine Wechselwirkung zwischen psychischen und organischen Einflüssen
erschwert [Abb. 3].
Abb. 3 Allgemeiner Algorithmus.
Koanalgetika und Adjuvanzien
Koanalgetika und Adjuvanzien
Pregabalin und Gabapentin
Mittel der Wahl
Pregabalin und Gabapentin sind gemäß aktueller Leitlinie Mittel der ersten Wahl für
die Therapie neuropathischer Schmerzen. Zur Verwendung der beiden Medikamente für
die perioperative Schmerztherapie – prä- und / oder postoperativ gegeben – liegen
mittlerweile weit über 100 klinische Studien vor. Diese kommen fast ausnahmslos zu
dem Ergebnis, dass beide Substanzen die Intensität postoperativer Schmerzen und / oder
den postoperativen Opioidbedarf reduzieren [30]
[31]
[32]
[33]
[34]. Daher könnte der prä- und / oder postoperative Einsatz von Pregabalin oder Gabapentin
auch bei chronischen Schmerzpatienten oder bei Patienten mit bestehender Drogenabhängigkeit
einen positiven Effekt haben. Allerdings fehlen hier noch weitere Studien, um eine
generelle Empfehlung geben zu können.
Missbräuchliche Anwendung
Seit 2008 werden für Pregabalin zudem vermehrt missbräuchliche Anwendungen bis hin
zu manifestem Suchtverhalten berichtet. Eine 2012 veröffentlichte Analyse der verfügbaren
Daten ergab, dass v. a. männliche Patienten mittleren Alters mit früheren polytoxikomanen
Episoden für die missbräuchliche Verwendung von Pregabalin prädisponiert zu sein scheinen
[35]. Da Pregabalin gegenwärtig in verstärktem Maße zur ambulanten Behandlung neuropathischer
und allgemein chronischer Schmerzen mit stetiger Erweiterung des Indikationsspektrums
angewendet wird, ist hier ein relevantes Risikopotenzial zu berücksichtigen. Entsprechende
Zurückhaltung bei langfristiger Behandlung ist bei Patienten mit Suchtanamnese anzuraten.
Die analgetische Wirksamkeit von Pregabalin bei operativen Schmerzen konnte in vielen
Studien bewiesen werden. Daher könnte es auch in der Behandlung opioidgewöhnter Patienten
eine Rolle spielen. Klinische Studien zum Einsatz von Pregabalin oder Gabapentin bei
opioidgewöhnten Patienten existieren noch nicht. Aufgrund des Missbrauchpotenzials
ist jedoch bei langfristiger Behandlung von Patienten mit Suchtanamnese ein zurückhaltender
Einsatz anzuraten.
Dexmedetomidin und Clonidin
Wirkungsweise
Diese Substanzen wirken als potente α2-Agonisten wahrscheinlich durch die Aktivierung
des deszendierenden noradrenergen Systems antinozizeptiv. Dexmedetomidin ist chemisch
dem Clonidin verwand, verglichen mit diesem etwa 8-mal spezifischer in der Wirkung
auf α2-Rezeptoren. Dadurch ist es effektiver in der Sedierung und Analgesie als Clonidin,
zeigt aber weniger kardiovaskuläre Nebenwirkungen [36].
Studienlage
Eine Metaanalyse von 30 randomisierten klinischen Studien zur perioperativen Gabe
von Dexmedetomidin oder Clonidin zeigte, dass beide Substanzen den postoperativen
Opioidverbrauch sowie die Schmerzintensität innerhalb der ersten 24 h signifikant
reduzieren [37]. Zusätzlich verringerten beide Substanzen die postoperative Übelkeit, allerdings
sind dabei Hypotonie (Clonidin) und Bradykardie (Dexmedetomidin) relevante Nebenwirkungen.
Eine neuere Metaanalyse zum Einsatz von Dexmedetomidin zur perioperativen Schmerztherapie
kam zu fast identischen Ergebnissen, d. h. zeigte eine Reduktion des Schmerzes und
des Opioidverbrauchs sowie ein geringeres Risiko für postoperative Übelkeit [38].
Die α2-Agonisten Dexmedetomidin und Clonidin wirken wahrscheinlich durch die Aktivierung
des deszendierenden noradrenergen Systems antinozizeptiv. Sie können innerhalb der
ersten 24 h den Opioidverbrauch und die Schmerzintensität senken.
S-Ketamin
Intraoperative Gabe
Die intraoperative Gabe von S-Ketamin empfiehlt sich insbesondere bei Patienten,
-
die bereits eine Opioidtoleranz entwickelt haben,
-
die unter neuropathischen Schmerzen leiden,
-
bei denen Schmerzen bisher nur schlecht eingestellt sind sowie
-
bei Patienten mit einem hohen Risiko, postoperativ starke Schmerzen zu entwickeln
[39].
Studienlage
Zahlreiche Studien konnten mittlerweile belegen, dass Ketamin die Intensität postoperativer
Schmerzen und / oder den postoperativen Opioidverbrauch reduzieren kann [40]. S-Ketamin hat somit auch den Einzug in die S3-Leitlinie „Behandlung akuter perioperativer
und posttraumatischer Schmerzen“ gehalten. Erste Studien weisen zudem darauf hin,
dass auch chronische Schmerzpatienten von der perioperativen Ketamingabe profitieren
können [41]
[42]
[43]
[44].
Off-Label-Use
Aus den o. g. Gründen kann daher aktuell die Gabe von S-Ketamin bei Patienten mit
zu erwartenden starken Schmerzen nach der Operation und bei chronischen Schmerzpatienten
mit großen Operationen erwogen werden, insbesondere wenn ein regionalanästhesiologisches
Verfahren nicht möglich ist [41].
[Abb. 4] zeigt, welches Prozedere laut Pogatzki-Zahn [41] empfohlen werden kann.
Abb. 4
Missbrauch von Ketamin
In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch in der Drogenszene ein vermehrter Missbrauch
von Ketamin ab. Als Droge wird es oft in kristalliner Form, vorzugsweise transnasal,
konsumiert. Die Einnahme als Flüssigkeit oder in Form von Tabletten ist selten, da
Ketamin hier schnell zu dem wenig halluzinogenen Norketamin umgewandelt wird. In der
Szene ist es v. a. wegen seiner medizinisch unerwünschten Nebenwirkungen in der Abklingphase
interessant geworden. Es kann zu Halluzinationen mit ausgeprägter Farben- und Formenvielfalt
kommen, die mit Gefühlen der Ich-Entgrenzung und Ich-Auflösung verbunden sein können
[42]. Höhere Dosierungen können zudem sog. Nahtoderlebnisse zur Folge haben. Aus diesen
Gründen kann Ketamin ein gewisses Abhängigkeitspotenzial zugesprochen werden, wenn
es als Rauschmittel eingesetzt wird. Ob das jedoch auch einen Einfluss auf die kurze
intraoperative Gabe haben könnte, kann bei der derzeitigen Datenlage nicht eindeutig
gesagt werden. Es empfiehlt sich jedoch, Ketanest bei Patienten mit bestehender Abhängigkeit
vorsichtig und nur kurzzeitig einzusetzen.
Lidocain und Magnesium
Lidocain
Eine stetig steigende Anzahl von Studien kommt zu dem Ergebnis, dass die perioperative
Gabe von Lidocain einen positiven Effekt auf das postoperative Schmerzniveau der Patienten
zeigt. Besonders untersucht wurden abdominalchirurgische Eingriffe, bei denen keine
Epiduralanästhesie etabliert werden konnte (vergleiche hierzu auch die Übersichtsarbeit
von Herminghaus et al. [44]). Wir benutzen in unserer Klinik das Lidocain in folgender Dosierung:
-
nach Einleitung einen Bolus von 1,5 mg/kg KG,
-
gefolgt von einer kontinuierlichen Infusion: 1,5 mg/kg/h; Start etwa 30 min vor dem
Hautschnitt bis 1 h nach Beendigung der Hautnaht [37].
Allerdings sind auch hier noch weitere Studien notwendig, um den Einfluss von Lidocain
auf die Behandlung chronischer Schmerzpatienten besser beurteilen zu können [Abb. 5].
Abb. 5
Magnesium
Magnesium ist vermutlich durch einen Antagonismus am NMDA-Rezeptor auch an der Schmerzmodulation
beteiligt. Eine Übersichtsarbeit von De Oliveira et al. [45] hat 20 Publikationen mit insgesamt 1257 Patienten ausgewertet: Eine perioperative
Magnesiumgabe führt sowohl zu einer verringerten Intensität postoperativer Schmerzen
als auch zu einem geringeren Opioidbedarf. Allerdings wurden opioidinduzierte Nebenwirkungen
wie Übelkeit und Erbrechen nicht reduziert. Nebenwirkungen durch die Gabe von Magnesium
hingegen traten nicht auf. Allerdings ist auch hier unklar, inwieweit dieser Effekt
auf Patienten mit einer Opioidvorbehandlung übertragbar ist. Insgesamt scheint die
perioperative i. v. Magnesiumgabe eine nebenwirkungsarme Möglichkeit in der Reduktion
postoperativer Schmerzen zu sein [Tab. 3].
Fazit Die Behandlung opioidgewöhnter Patienten sowie von Patienten mit manifester (Opioid-)Suchterkrankung
impliziert eine Reihe von Besonderheiten. Phänomene wie Toleranz und opioidinduzierte
Hyperalgesie spielen dabei oftmals eine ebenso große Rolle wie die generelle Problematik
vorbestehender chronischer Schmerzen und deren spezifischer Pathophysiologie. Angepasste
Algorithmen [Tab. 3] können beim perioperativen Management dieser Patienten Hilfestellung bieten. Neuere
Optionen wie die Gabe von Pregabalin oder α2-Agonisten sind interessante Behandlungsansätze.
Interessenkonflikt Die Autoren erklären, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Beitrag online zu finden unter http://www.dx.doi.org/10.1055/s-0041-100389
VNR 2760512015147120394
Literatur online
Das vollständige Literaturverzeichnis zu diesem Beitrag finden Sie im Internet:
Abonnenten und Nichtabonnenten können unter „http://www.thieme-connect.de/ejournals“ die Seite der AINS aufrufen und beim jeweiligen Artikel auf „Zusatzmaterial“ klicken
– hier ist die Literatur für alle frei zugänglich.
Abonnenten können alternativ über ihren persönlichen Zugang an das Literaturverzeichnis
gelangen. Wie das funktioniert, lesen Sie unter: http://www.thieme-connect.de/ejournals/help#SoRegistrieren
Kernaussagen
-
Patienten mit chronischen Schmerzen, die dauerhaft Opioide nehmen, und Patienten,
die einen Abusus psychoaktiver Substanzen betreiben, müssen frühzeitig detektiert
werden.
-
Patienten mit aktiver Suchterkrankung sowie mit vorbestehender Opioidtherapie erfordern
ein spezielles anästhesiologisches Management.
-
Falls möglich, empfiehlt es sich, frühzeitig einen Akutschmerzdienst in die Therapieplanung
mit einzubeziehen und die Möglichkeit der postoperativen Überwachung der Vitalfunktionen
einzuplanen.
-
Wann immer es Patient und Eingriff zulassen, sollte ein regionalanästhesiologisches
Verfahren, bevorzugt in Kathetertechnik, gewählt werden.
-
Ambulante Operationen können zu einer ungeplanten stationären Aufnahme führen. Es
empfiehlt sich daher, diese Patientengruppe geplant in einem stationären Umfeld zu
betreuen.
-
Bei Tachykardie, Hypertension und Schweißausbrüchen muss frühzeitig an einen Opioidentzug
gedacht werden.
-
Entzugssymptome durch restriktive Opioidgabe erhöhen die Rückfallgefahr mehr als eine
adäquate, bedarfsorientierte Gabe von Opioiden.
-
Antagonisten wie Flumazenil, Naloxon und Neostigmin sollten ebenso wie das kurzwirksame
Opioid Remifentanil nicht eingesetzt werden.
-
Weitere Therapieansätze wie die Gabe von S-Ketamin, Pregabalin, Lidocain und Magnesium
sind ein vielversprechender Ansatz in der Behandlung opioidgewöhnter Patienten.
Tab. 3