Baillargeon Jacques et al.
J Urol 2015;
194: 1612-1616
Obwohl eine zunehmende Anzahl von älteren Männern in den USA mit Testosteron behandelt
wird, sind die langfristigen Risiken dieser Therapie wenig untersucht. Insbesondere
das Prostatakarzinomrisiko wird kontrovers diskutiert. Jacques Baillargeon und Kollegen
haben sich im Rahmen einer populationsbasierten Studie mit der Frage beschäftigt,
ob nach einer Testosteronbehandlung ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines
aggressiv wachsenden Prostatakarzinoms nachweisbar ist.
J Urol 2015; 194: 1612–1616
(Bild: jarun011/Fotolia.com)
Die Arbeitsgruppe von der Universität Texas in Galveston hat mithilfe der SEER-Medicare-Datenbank
(SEER: Surveillance, Epidemiology and End Results) 52 579 Männer identifiziert, bei
welchen zwischen 2001 und 2006 ein Prostatakarzinom diagnostiziert worden war. In
574 Fällen war innerhalb von 5 Jahren vor der Tumordiagnose eine Behandlung mit Testosteroninjektionen
erfolgt. Neben soziodemografischen Daten wurden klinische Charakteristika sowie Komorbiditäten
der Patienten analysiert.
Das primäre Studienoutcome umfasste das Risiko für ein High-Grade-Prostatakarzinom
nach Testosteron-Exposition. Eine 6-monatige Androgendeprivationstherapie (ADT) innerhalb
der ersten 12 Monate nach der Tumordiagnose wurde hierbei als Indikator für eine Hochrisiko-Erkrankung
gewertet. Ferner wurde untersucht, ob eine Risikozunahme mit zunehmender kumulativer
Anzahl der Testosteroninjektionen nachweisbar ist.
Aggressive Tumoren seltener bei Testosteron exponierten Patienten
Aggressive Tumoren seltener bei Testosteron exponierten Patienten
Bei den mit Testosteron behandelten Männern lagen im Vergleich zu den Karzinompatienten
ohne Testosteron-Exposition häufiger Komorbiditäten sowie Indikationen für eine Hormonbehandlung
(Fatigue, Hypogonadismus, Osteoporose, erektile Dysfunktion) vor. Ferner wurden diese
Patienten in den 2 Jahren vor der Tumordiagnose häufiger ärztlich bzw. mittels PSA-Bestimmung
betreut. In diesem Testosteron exponierten Kollektiv wurde jedoch seltener eine aggressive
Tumorform diagnostiziert.
Risiko nicht erhöht
Nach Adjustierung bezüglich potenzieller soziodemografischer und klinischer Einflussfaktoren
konnte mittels logistischer Regressionsanalyse nachgewiesen werden, dass Prostatakarzinompatienten,
die innerhalb von 5 Jahren vor der Tumordiagnose mit Testosteron behandelt worden
waren,
-
weder ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines High-Grade-Tumors haben (Odds-Ratio
[OR] 0,84; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,67–1,05)
-
noch häufiger eine primäre ADT erhalten (OR 0,97; 95 %-KI 0,74–1,30).
Auch für eine Dosis-Wirkungs-Beziehung fanden sich keine Anhaltspunkte: Mit steigender
Gesamtzahl von Hormoninjektionen war kein erhöhtes Risiko für eine aggressivere Tumorform
nachweisbar (OR 1,00; 95 %-KI 0,99–1,01).
Eine Behandlung mit Testosteron, so die Kernaussage der retrospektiven Studie, ist
nicht mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines High-Grade-Prostatakarzinoms
assoziiert. Auch die Anzahl der Behandlungen hatte keinen Einfluss auf das Risiko
für einen aggressiveren Tumor. Diese Studienergebnisse, so das Fazit der Autoren,
haben eine hohe klinische sowie gesundheitspolitische Relevanz und sollten bei der
Nutzen-Risiko-Bewertung für oder gegen eine Hormontherapie im Rahmen der Beratung
von Patienten mit Testosteronmangel berücksichtigt werden. Um den Zusammenhang zwischen
einer Testosteron-Exposition und dem Prostatakarzinomrisiko abschließend beurteilen
zu können, seien jedoch weitere großangelegte randomisierte klinische Studien notwendig.