Nach Informationen des Robert Koch Instituts leben in Deutschland rund vier Millionen
Menschen, die schon einmal an Krebs erkrankt sind. Rund 500 000 Krebsfälle werden
jedes Jahr neu gemeldet, 220 000 Menschen sterben Jahr für Jahr an dieser Erkrankung.
Was lösen solche Zahlen in Ihnen aus?
In der westlichen Welt gibt es zwei Erkrankungsgruppen, die überdurchschnittlich häufig
zum Tod führen. Die eine Gruppe sind die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die andere umfasst
Erkrankungen an Krebs. Alle anderen Krankheiten verlaufen deutlich seltener tödlich,
was sicherlich auch auf entsprechende Fortschritte in der Medizin zurückzuführen ist.
Heute stirbt man – zumindest in unserer Hemisphäre – nicht mehr an einer banalen Lungenentzündung.
Deshalb werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs quantitativ wichtiger. Die vorgestellten
Zahlen sind nicht schön, aber für mich persönlich auch kein Grund für Frustration.
Selbstverständlich haben wir Ärzte den Anspruch, mit den uns zur Verfügung stehenden
diagnostischen und therapeutischen Mitteln eine Heilung herbeizuführen. Beschwerden
zu lindern und qualitative Lebenszeit zu ermöglichen sind jedoch ebenfalls Ziele,
die vielleicht nicht gleichwertig sind, aber dennoch eine nicht zu unterschätzende
Rolle spielen. Ich begleite viele Krebspatienten, bei denen ich weiß, dass sie mit
großer Wahrscheinlichkeit an der Erkrankung sterben werden. Durch eine gute Diagnostik,
die dem Onkologen oder Strahlentherapeuten bei der Wahl der bestmöglichen Behandlung
hilft, trage ich jedoch entscheidend dazu bei, dass der Patient die ihm verbleibende
Zeit mit einer guten Lebensqualität ausfüllen kann. Teilweise kann ich selbst durch
minimal-invasive Eingriffe unmittelbar das Leid eines Patienten lindern und für einen
Zugewinn an Lebensqualität sorgen. Auch das ist ein Wert an sich. Die entscheidende
Frage heute ist nicht so sehr die nach dem Lebensalter, sondern vielmehr die, mit
welcher Lebensqualität jemand alt wird. Dies gilt für Krebspatienten genauso wie für
jeden anderen Patienten. Außer Frage steht jedoch, dass Krebs für viele Menschen ein
Schreckgespenst ist. Auch ich habe vor bestimmten Krebssorten Angst, was dazu führt,
dass ich mich mit meinem Leben bewusster auseinandersetze. Was ist gut, was bedeutet
mir viel, was möchte ich auf jeden Fall noch machen und deshalb auch nicht auf die
lange Bank schieben? Krebs ist also auch etwas, dass das Leben bewusster und lebenswerter
machen kann und für mich persönlich natürlich auch deshalb ein großes Thema, weil
ich in einem Krankenhaus arbeite, in dem sich sehr viel um Krebs dreht.
In regelmäßigen Abständen liest man in den Medien von dem großen Durchbruch bei der
Behandlung von Krebs. Aber Ärzte können auch heute mit der Operation, Chemotherapie
und Bestrahlung nur die klassischen Drei anbieten oder?
Dies sind immer noch die zentralen Säulen der Therapie, die je nach Krebsart, Stadium
und Organbefall einen sehr unterschiedlichen Stellenwert haben. Das war so und wird
sich in absehbarer Zeit auch nicht dramatisch ändern. Auf der anderen Seite entwickeln
die Strahlentherapeuten immer bessere Konzepte, um eine hohe Strahlendosis in den
Tumor zu bekommen und dies bei einer gleichzeitig möglichst geringen Strahlendosis
für das anliegende gesunde Gewebe. Die medikamentöse Therapie hat ebenfalls große
Fortschritte gemacht und ist heute mehr als die klassische Chemotherapie. Mittlerweile
gibt es Antikörpertherapien, sogenannte small molecules oder auch ganz neue Immuntherapien,
bei denen das Medikament gar nicht gegen den Krebs gerichtet ist, sondern auf das
Immunsystem so wirkt, dass es den Krebs bekämpft. Auch die Chirurgen haben sich weiterentwickelt.
Die Operationstechniken von heute sind für den Patienten deutlich schonender und sicherer.
Es ist und bleibt ein besonders spannendes Feld in der Medizin. Wir lernen fast täglich
mehr über den Krebs, was sich auch auf die Diagnostik und Therapie auswirkt. Das ist
übrigens auch ein zentraler Grund dafür, weshalb Tagungen und Kongresse wie ICIS 2017
so wichtig sind. Gerade auf dem Gebiet der Onkologie und der onkologischen Bildgebung
tut sich in kurzer Zeit so unglaublich viel, dass es für den Einzelnen sehr schwer
ist, da auf dem Laufenden zu bleiben. Ein Kongress, der alle aktuellen Entwicklungen
zusammenfasst und vermittelt, stellt deshalb einen sehr guten Weg dar, den bestehenden
Informationsbedarf auch abzudecken.
Die Überlebensaussichten bei einer Krebserkrankung haben sich in Deutschland innerhalb
der letzten 30 Jahre deutlich verbessert. Welchen Anteil hat daran die onkologische
Bildgebung?
Das Problem ist, dass man die Bedeutung der Bildgebung in vielen Bereichen kaum quantifizieren
kann. Wenn eine neue Therapie eingeführt wird, beschäftigt sich die Forschung vorrangig
mit der Frage, ob damit die Überlebensrate der Patienten im Vergleich zur alten Therapie
gestiegen ist. Derartige Untersuchungen gibt es für die Chemotherapie und andere medikamentöse
Therapien, für Strahlentherapien und für chirurgische Verfahren. Es gibt aber sehr
wenig Forschung darüber, welchen Einfluss auf das Überleben eines Patienten die Bildgebung
hat bzw. die Entscheidung darüber, wann welche bildgebende Methode eingesetzt wird
und ob dies in einem High Volume Center geschieht, in dem das Expertenwissen gebündelt
ist, oder aber in einer anderen Einrichtung, in der der durchführende Radiologe tagtäglich
ganz unterschiedliche Fragestellungen beantworten muss. Ich persönlich bin der Ansicht,
dass die Bildgebung eine herausragende Rolle spielt, wenn es darum geht, die Heilungschancen
von Krebspatienten zu erhöhen oder aber die bestmögliche Lebensqualität sicherzustellen.
Nehmen sie als Beispiel den Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bei diesem Krebs ist auch 2017
in der Regel die einzige realistische Chance auf Heilung eine Operation. Früher hat
man sehr viele Patienten exploriert, d. h. sie wurden operiert, um nachzuschauen,
ob der Tumor entfernt werden konnte oder nicht. Wenn ja, wurde er entfernt und der
Patient hatte damit seine Heilungschance. Wenn der Tumor nicht operabel war, wurde
der Bauch einfach wieder zugemacht. In diesem Fall war die Operation eigentlich überflüssig
und für den Patienten nur mit Schmerzen, Risiken und Belastungen verbunden. Das kann
man heute durch moderne Bildgebung, speziell durch MRT und CT, in den meisten Fällen
vermeiden. Für den Patienten bedeutet dies zwar keine messbar bessere Heilungschance,
aber sicherlich ein Zugewinn an Lebensqualität, da er die verbleibende Zeit ohne die
negativen Begleiterscheinungen einer Operation verbringen kann. Mithilfe der Bildgebung
kann ich auch die Frage beantworten, ob bereits Fernmetastasen vorliegen. Denn wenn
ich eine derart aufwändige Operation durchführe und es stellt sich erst dann heraus,
dass der Patient Fernmetastasen hat, war alle Mühe vergebens. Und wenn er umgekehrt
fälschlich als metastasiert eingeordnet und deshalb nicht operiert wird, verliert
der Patient ebenfalls. Aber wie gesagt, leider haben wir kaum große multizentrische,
randomisierte Studien, die den konkreten Nutzen von Bildgebung aufzeigen würden, unabhängig
von den weiteren Therapieschritten. Studien beurteilen in der Regel den gesamten Prozess
von der Diagnose bis zur Therapie.
Wie bewerten Sie persönlich denn vor dem Hintergrund des Gesamtspektrums onkologischer
Therapien die Relevanz und auch Akzeptanz der zur Verfügung stehenden minimal-invasiven
Verfahren der interventionellen Onkologie?
Die Akzeptanz auf Seiten des Patienten ist eigentlich immer gegeben, weil die minimal-invasiven
Verfahren der interventionellen Onkologie genau dem entsprechen, was er sich wünscht
– kleiner Schnitt, kleiner Schmerz, kleines Risiko. Oft werden allerdings diese Verfahren
trotzdem unterschätzt, da viele minimal-invasive Eingriffe unter Vollnarkose durchführen
werden. Die Akzeptanz in anderen Fächern stellt sich nicht automatisch ein. Gerade
in den Bereichen, in denen die Kenntnisse über radiologische Interventionen nicht
ausgeprägt sind, wird die Intervention erst einmal als eine Konkurrenz empfunden,
die man eigentlich nicht haben möchte. Je mehr man sich jedoch miteinander beschäftigt,
desto schneller löst sich diese Distanz nach meiner Erfahrung in Wohlgefallen auf.
Es ist im Grunde auch ganz einfach: Wenn man über ein breites therapeutisches Angebot
verfügt, hat der Patient eher das Gefühl, dass er das, was sinnvoll erscheint, auch
tatsächlich angeboten bekommt. Wenn jedoch bestimmte Verfahren gar nicht angeboten
werden, spricht sich dies schnell herum und hat mitunter Auswirkungen auf die Patientenströme
insgesamt. Ich habe wiederholt erlebt, dass bei Chirurgen anfangs die Angst groß war,
dass der Radiologe dem Chirurgen seinen Eingriff wegnimmt. Das war beispielsweise
so bei der Embolisation von Uterusmyomen. Einige Gynäkologen haben befürchtet, dass
sie ihre operativen Myom-Therapien verlieren würden. Das Gegenteil war der Fall. Frauen,
die wussten, dass an einer Einrichtung die Myom-Embolisation angeboten wird, haben
sich gezielt dorthin gewandt. Ein wesentlicher Teil wurde dann doch nicht mit einer
Embolisation behandelt und hat damit die Operationszahlen der Gynäkologie nach oben
getrieben. Ein anderes Beispiel ist der Aortenstent. Die Gefäßchirurgen waren anfangs
sehr besorgt, dass die Stents in radiologischer Hand die operativen Eingriffe an den
Aneurysmen abschaffen würden und die Gefäßchirurgie damit nichts mehr zu tun hätte.
Aber auch hier zeigte sich, dass die Patientenströme größer wurden, weil beides, die
Operation und die Intervention, angeboten wurden. Am Ende hatten Radiologen und Gefäßchirurgen
mehr als vorher zu tun. So ist es auch in der Onkologie. Hier sitzt man ohnehin im
Tumorboard zusammen und bespricht gemeinsam, wie nun mit dem Patienten weiter zu verfahren
ist. So kann es sein, dass der Chirurg erst einmal operieren soll, um das zu entfernen,
was operativ entfernt werden kann. Und dann bleibt vielleicht eine Metastase übrig,
die man chirurgisch nicht gut behandeln kann. Die wird dann minimal-invasiv durch
den Radiologen abgetragen. Oder es gibt einen Patienten mit einem Tumor, der inoperabel
aussieht, aber wenn dieser mit einer Chemoembolisation vorbehandeln wird, bekommt
man ihn möglicherweise in der Größe so reduziert, dass er dadurch operabel wird. Ein
anderes Beispiel: Ein Patient hat multiple Metastasen. Alle werden infolge der Chemotherapie
kleiner, bis auf eine, die stattdessen wächst. Was kann man tun? Der Onkologe müsste
seine gesamte Chemotherapie umstellen in der Hoffnung, dass neue Substanzen alle Metastasen
treffen. Er sucht sich aber in der Regel seine Medikamente danach aus, welche die
beste Kombination aus Wirkung und Nebenwirkung aufweisen. Wenn er also auf eine Second-Line-Chemotherapie
setzt, wäre das Risiko groß, dass entweder der Effekt weniger gut ist oder sich der
gewünschte Effekt zwar einstellt, aber die Nebenwirkungen deutlich höher sind. Die
sinnvolle Alternative wäre, die eine Metastase, die nicht gut auf die Chemotherapie
angesprochen hat, mit einer Thermoablation zu behandeln. Dies kann ohne Unterbrechung
der eigentlich wirksamen Systemtherapie geschehen. Für einen chirurgischen Eingriff
müsste hingegen die Chemotherapie für einige Wochen unterbrochen sein. Insofern ergänzen
sich die Methoden eher als das sie in Konkurrenz zueinander stünden.
Es gibt bis zu 300 Krebsarten und Subtypen, wobei 500 000 neue Krebsfälle jährlich
auch für 500 000 neue, individuell unterschiedliche Tumorgeschichten stehen. Eine
Antwort darauf lautet individualisierte Tumortherapie. Inwieweit verändert sich damit
Rolle der Bildgebung?
Damit einher geht sicherlich ein weiterer Bedeutungszuwachs der Bildgebung. Aber es
wird auch komplizierter. Individualisierte Medizin bedeutet ja, dass der einzelne
Patient nicht mehr in eine Schublade gesteckt wird, auf der z. B. Brustkrebs steht,
und dann einer Einheitstherapie zugeführt wird. Es gibt harmlose Varianten, die, lange
unentdeckt, kaum wachsen und bei denen dann zum Zeitpunkt der Diagnose trotzdem kein
Lymphknotenbefall oder eine Fernmetastasierung vorliegt. Zum Brustkrebs gehört aber
auch der 1 cm große Tumor einer jungen Frau, der bereits zu einem sehr frühen Diagnosezeitpunkt
Fernmetastasen aufweist. Dieser Tumor ist biologisch eigentlich nicht verwandt mit
dem vorher beschriebenen, langsam wachsenden Tumor. Solche Facetten hat auch der Lungenkrebs,
der im Prinzip sehr bösartig ist. Rein statistisch überleben nur ca. 15 Prozent der
Patienten ihren Tumor um fünf Jahre oder länger. Aber auch hier kann es sein, dass
ein Tumor Jahre braucht, um erkennbar zu wachsen, dann diagnostiziert wird, keine
Fernmetastasen aufweist, und der Patient nach einer operativen Entfernung als geheilt
gilt. Diese ganz unterschiedlichen Ausprägungen können mithilfe der Bildgebung teilweise
frühzeitig klassifiziert werden, sodass auch eine Prognose getroffen werden kann,
um welchen Tumortypen es sich im konkreten Fall handelt. Es gibt spannende Ansätze
im MRT, über Diffusionswichtung, d. h. über die Berechnung der apparent diffusion
coefficient (ADC) values Aussagen über die biologische Aggressivität eines Tumors
zu treffen. Es gibt die Perfusions-CT, die Erkenntnisse über die Durchblutung eines
Tumors liefert. Die Art und Weise, wie hier der Tumor das Kontrastmittel aufnimmt,
kann wichtige Hinweise geben, wie bösartig er in dem jeweiligen Organ sein wird. Die
Bildgebung ist auch entscheidend bei der Frage, ob ein Tumor vorbehandelt werden soll,
z. B. mit einer Chemotherapie, einer Bestrahlung oder auch beidem. Es gibt für bestimmte
Tumoren Indizien, die darauf hinweisen, ob sie auf so eine neoadjuvante Therapie ansprechen
werden oder nicht. Die Vorhersage, ob eine Vorbehandlung erfolgreich sein wird, ist
ein ganz spannendes Thema beim Konzept der individualisierten Tumortherapie. Die Bildgebung
spielt aber auch bei der Verlaufskontrolle eine immer wichtigere Rolle. Traditionell
erfolgte eine Verlaufskontrolle in relativ großen Zeiträumen und orientierte sich
allein an der Größe des Tumors. Eine Chemotherapie beispielsweise musste den Tumor
bzw. die Krebszellen zunächst zerstören. Diese toten Zellen wurden im Körper dann
abgebaut und erst nach diesem Abbau war dann im positiven Fall ein Schrumpfungsprozess
bildgebend erfassbar, d. h. der Tumor war im Durchmesser kleiner geworden. Mit den
neuen Methoden, also Perfusions-CT und MRT, Messung des ADC-Wertes oder auch PET-CT,
kann man schon sehr früh, nach einer Woche oder im günstigsten Fall schon nach einem
Tag eine Aussage darüber treffen, ob der Tumor auf eine Therapie anspricht. Dieser
Beurteilung liegen ganz andere Eigenschaften des Tumors zugrunde. Die PET-CT kann
man z. B. bei Gastrointestinalen Stromatumoren, Weichgewebstumoren, die im Magen-Darmtrakt
vorkommen, einsetzen. Für diese Tumoren gibt es mit den Tyrosinkinase-Inhibitoren
neue Medikamente, die den Zellstoffwechsel blockieren. Gastrointestinalen Stromatumoren
verstoffwechseln nämlich sehr intensiv Glukose, was man durch eine PET-CT mit „F-2-Fluor-2-deoxy-D-glucose“
(FDG) als Radiotracer darstellen kann. Bereits nach der ersten Medikamentengabe, die
oral in Tablettenform erfolgt, kann so nachgewiesen werden, ob der Glukose-Stoffwechsel
des Tumors dadurch zusammengebrochen ist oder nicht. Das ist für mich ein Paradebeispiel
für eine individualisierte Therapie, bei der durch Bildgebung zu einem sehr frühen
Zeitpunkt die Wirksamkeit einer gewählten Therapie beurteilt werden kann. Damit bietet
sich auch die Möglichkeit, Therapien, die nachweislich keine Veränderung herbeiführen,
auch sehr früh wieder abzusetzen. Das nützt nicht nur dem Patienten, der von etwaigen
Nebenwirkungen verschont bleibt, sondern auch unseren Sozialsystemen, die dadurch
finanziell entlastet werden. Schließlich sind viele der modernen individualisierten
Therapien auch sehr teuer. Eine Verlaufskontrolle wie oben beschrieben funktioniert
nicht bei allen Tumoren. Das macht es für uns Radiologen sehr kompliziert, denn den
einen Standardtest, der mir nach drei Tagen sagt, ob eine Therapie wirkt, gibt es
nicht. Deshalb ist auch ein Kongress wie das ICIS-Meeting so wichtig. Hier werden
möglichst viele Facetten und Ausprägungen thematisiert.
Darmkrebs, Lungenkrebs, Hautkrebs, Brustkrebs und Prostatakrebs machen gut die Hälfte
der Neuerkrankungen aus. Finden diese Krebsarten eine entsprechende Berücksichtigung
im Programm der ICIS-Tagung?
Ja und Nein. Die Themen, die Radiologen besonders beschäftigen, finden sich auch in
einer entsprechenden Gewichtung im Kongressprogramm wieder. Dabei handelt es sich
aber nicht um eine „eins zu eins Übersetzung“ der Neuerkrankungszahlen. Ein Thema,
das auf der ICIS-Tagung in diesem Jahr einen relativ großen Stellenwert einnimmt,
ist das Prostatakarzinom. Der Grund dafür ist schlicht der, dass hier in der Bildgebung
gerade sehr viel passiert. Auf der anderen Seite hat die ICIS-Tagung auch den Anspruch,
onkologische Bildgebung in ihrer Breite abzudecken. Es gibt deshalb auch Sitzungen
zu Nischenthemen wie z. B. Krebs bei Kindern. Das kommt glücklicherweise zwar selten
vor, aber wenn der Fall einmal eintritt, ist das natürlich eine große Katastrophe
für das Kind und die Familie. Im Programm haben wir deshalb Sitzungen, in denen Kinderradiologen
über die onkologische Bildgebung und onkologische Interventionen reden. Wir haben
auch eine Sitzung zu Kopf- und Halstumoren. Das sind zwar eher selten auftretende
Tumoren, aber für die Betroffenen deshalb nicht minder bedeutsam und einschneidend.
Es geht uns auch darum, mit dem Programm alle Regionen des Körpers abzudecken, bei
denen die Bildgebung Relevanz hat. Sicherlich finden sich dort Tumoren, die häufiger
auftreten, auch überproportional wieder, aber auch seltener auftretende Erkrankungen
sind wichtige Themen, damit diejenigen, die ein besonderes Interesse an onkologischer
Bildgebung haben, auch für diese Fälle gerüstet sind. Wir wollen mit der ICIS-Tagung
ja nicht nur die Spezialisten der onkologischen Bildgebung ansprechen, sondern auch
den Allgemeinradiologen, der vielleicht morgens eine Schulter-MR befunden muss und
nachmittags dann bei einem Kolonkrebs-Patienten ein CT-Staging vornimmt.
Welches sind aus Ihrer Sicht besonders interessante Entwicklungen, die sich auch im
ICIS-Programm widerspiegeln?
Ein ganz spannendes Thema ist die Immuntherapie. Hier werden Medikamente eingesetzt,
die den Krebs nicht direkt attackieren, sondern das körpereigene Immunsystem so stärken,
dass es seinerseits den Krebs angreifen kann. Wichtig dabei ist, dass diese Medikamente
im Patienten andere Effekte auslösen können als man sie von einer klassischen Chemotherapie
kennt. Eine wirksame Chemotherapie macht den Tumor kleiner, eine erfolgreiche Immuntherapie
hingegen kann den Tumor unter Umständen erst einmal größer machen. Der Radiologie,
der diese Patienten untersucht und befundet, muss wissen, dass gerade zu Beginn der
Immuntherapie der Tumor durchaus erst einmal schwellen darf, da Entzündungszellen
aus dem Immunsystem in den Tumor einströmen, um ihn dann zu zerstören. Diesem Thema
widmen wir auf der ICIS-Tagung sogar eine Key Note Lecture. Ein anderes zentrales
Thema ist die Response-Beurteilung. Woran erkenne ich, dass ein Tumor auf eine Therapie
anspricht? Es ist, wie bereits gesagt, nicht mehr alleine eine Frage der Tumorgröße.
Wir können heute die Perfusion des Tumors beurteilen, den Glukose-Stoffwechsel erfassen,
oder Änderungen in der Binnenstruktur erkennen. Im IT-Bereich gibt es Entwicklungen,
die in der Radiologie zunehmend an Bedeutung gewinnen. Hierzu zählen insbesondere
die strukturierte Befundung und das maschinenbasierte Lernen. Wir haben Sitzungen
in das Programm aufgenommen, die Radiologen dabei unterstützen sollen, nicht länger
Prosatexte zu formulieren, in denen in unterschiedlichsten Begrifflichkeiten ein Tumor
beschrieben wird, z. B. „wolkige Raumforderung mit einer hühnereigroßen Dimension“.
Es geht vielmehr um eine Fokussierung auf die für die weiteren Therapieschritte relevanten
Informationen, d. h. exakte Größe, Randbegrenzung, Organbezüge zu Nachbarstrukturen,
Kontaktflächen zu bestimmten Organen. Eine weitere Frage lautet, ob mir ein Computerprogramm
mithilfe von eingespeisten großen Datensätzen zukünftig eine Liste von in Frage kommenden
Differenzialdiagnosen anbieten kann oder eine Prognose darüber abgibt, wie hoch die
Wahrscheinlichkeit einer Bösartigkeit des jeweiligen Tumors ist. Es gibt beispielsweise
erste konkreten Ansätze, bei denen ein Computerprogramm für einen Lungenrundherd,
den man – unter Kenntnisnahme des Alters des Patienten und seiner Rauchgewohnheiten
– nach Größe, Dichte, Begrenzung beschrieben hat, einen Prozentwert errechnet, ob
dieser Herd maligne sein wird. Diese Entwicklungen werden den Radiologen sicherlich
nicht ersetzen, können ihn aber bei der Befundung wirksam unterstützen. Schließlich
passiert auch im Bereich der onkologischen Interventionen gerade sehr viel. Das ist
nicht zuletzt deshalb auch ein besonderes Schwerpunktthema auf der ICIS-Tagung. Die
perkutane Tumortherapie wie auch die transvaskuläre Tumortherapie sind Verfahren,
die eine möglichst effektive Behandlung mit einer bestmöglichen Lebensqualität des
Patienten verbinden. Wenn die Möglichkeit gegeben ist, statt einer großen Operation
unter Vollnarkose und einem mehrtägigen Aufenthalt auf der Intensivstation eine Intervention
unter radiologischer Kontrolle, mit einer örtlichen Betäubung oder einer leichten
Beruhigungsspritze durchzuführen und damit den gleichen Effekt zu erzielen, dann mag
dies vielleicht keine signifikanten Auswirkungen auf die Heilungschancen des Patienten
haben, sehr wohl aber auf seine Lebensqualität. Es gibt also viele interessante Entwicklungen,
die wir auch im Tagungsprogramm abbilden werden.
Sie haben in diesem Jahr neben klassischen Vorträgen eine ganze Reihe praxisorientierter,
interaktiver Veranstaltungsformate geplant. Welche sind das genau und was versprechen
Sie sich davon?
Auf radiologischen Kongressen ist schon seit längerem die Tendenz erkennbar, mehr
fallorientiert zu lernen und nicht Frontalvorträge, die Lehrbuchwissen vermitteln,
in den Vordergrund zu stellen. Diese haben durchaus ihre Berechtigung, weil sie gerade
für Allgemeinradiologen ein passendes Format sind, um sich viele Informationen in
relativ kurzer Zeit anzueignen. Irgendwann stößt man aber mit dem reinen Frontalunterricht
auch an Grenzen. Auf der ICIS-Tagung haben wir deshalb, neben reinen Vorträgen, insgesamt
acht Hands on-Workshops zu acht verschiedenen Themen, in denen relativ kleine Gruppen
von bis zu 40 Personen mit zwei Tutoren an PACS-Befundungs-Workstations Fälle aus
der radiologischen Praxis durchgehen. Die Tutoren werden kurz in das jeweilige Thema
einführen, um dann den Teilnehmern die Gelegenheit zu geben, in Zweier- oder Dreier-Gruppen
die aufgerufenen Fälle zu analysieren und mit den Tutoren zu diskutieren. Idealerweise
berichten die Tutoren dann im Anschluss über den tatsächlichen Therapieverlauf. Noch
praxisnäher wird es bei den Live-Cases, die wir in diesem Jahr zum ersten Mal anbieten
und bei denen es ausschließlich um onkologische Interventionen gehen wird. Die Gruppen
sind hier mit maximal acht Personen noch einmal deutlich kleiner. Die Teilnehmer bekommen
Gelegenheit, in der Charité und in der evangelischen Lungenklinik bei speziellen Interventionen
live dabei zu sein. In einem ersten Schritt wird hier der Fall vorgestellt und der
Entscheidungsfindungsprozess im Tumorboard rekapituliert. Dann werden die Teilnehmer
tatsächlich daneben stehen, wenn der Patient behandelt wird – beispielsweise mit einer
Thermoablation oder eine Katheter-Intervention. An diesem Punkt wird es wirklich ganz
praktisch. Mit welchem Material wird gearbeitet, welche Hindernisse werden erwartet,
welche Möglichkeiten gibt es, die Hindernisse zu umschiffen. Die Kunst der Intervention
besteht ja nicht im Setzen der Nadel oder eines Katheters. Sie besteht vielmehr darin,
sich für die richtige Maßnahme zu entscheiden, Hindernisse zu erkennen und zu wissen,
wie man sie umschiffen kann, oder Komplikationen frühzeitig wahrzunehmen und zu beherrschen.
Darüber entlang eines konkreten Falls mit jemandem, der das regelmäßig macht, sprechen
zu können, hat noch einmal einen ganz anderen Lerneffekt als ein Vortrag, der idealtypische
Verläufe vorstellt und bei dem die Bilder immer perfekte Befunde zeigen. Am Ende der
Live Cases besteht auch die Möglichkeit zur Manöverkritik. Was hat gut geklappt, was
hätte man retrospektiv vielleicht anders machen sollen, sind noch Folgeeingriffe zu
erwarten, wie würde man den Patienten kontrollieren? Die Teilnehmer werden also an
einem speziellen Fall von der Indikationsstellung bis zur Nachsorge alles erleben.
Für die ICIS-Tagung haben Sie auch Stipendien ausgelobt. Wer kann sich dafür bewerben?
Es handelt sich dabei um Stipendien der Deutschen Röntgengesellschaft, die allgemein
für internationale Kongresse wie jetzt auch die ICIS-Tagung speziell an junge Radiologen
vergeben werden. Voraussetzung für eine Bewerbung ist die Mitgliedschaft in der DRG.
Außerdem sollten die Bewerber in der Weiterbildung sein. Die Stipendien werden an
diejenigen vergeben, deren wissenschaftlicher Vortrag oder wissenschaftliches Poster
für die Tagung angenommen wurde. Die DRG hat insgesamt zehn solcher Stipendien ausgelobt.
Sie sind mit je 500,- Euro dotiert. Bei mehr Bewerbungen entscheidet das Jury-Committee
der ICIS, das auch über die Annahme der Abstracts befindet. Die Stipendien sind nur
insofern zweckgebunden, als dass sie für die Kosten eingesetzt werden soll, die in
Zusammenhang mit der Kongressteilnahme stehen. Ansonsten ist der Stipendiat frei in
der Wahl seiner Unterkunft, der Anreise etc. Das Stipendium soll als finanzieller
Zuschuss eine zusätzliche Anerkennung des eingereichten Abstracts oder Posters darstellen.
Die AG Onkologische Bildgebung richtet am 30. September 2017 in Berlin eine eintägige
Fortbildungsveranstaltung aus. Gibt es eine inhaltliche Verknüpfung bzw. bauen die
Veranstaltungen aufeinander auf?
Die organisatorische Verknüpfung besteht einerseits im Tagungsort, an dem die Fortbildungsveranstaltung
der AG Onkologische Bildgebung stattfindet, andererseits über die DRG, die auch die
ICIS-Tagung unterstützt. Außerdem gibt es als Kombiangebot einen finanziellen Rabatt
für die Teilnahme beider Veranstaltungen. Dieses Angebot richtet sich an alle deutschen
Radiologen, die sich für onkologische Bildgebung interessieren. Inhaltlich sind die
Themen eng aufeinander abgestimmt. Bei der AG-Veranstaltung stehen die Tumorgruppen
Prostata, Mamma und maligne Lymphome im Mittelpunkt. Alle drei Themen finden sich
auch im ICIS-Programm wider, aber mit anderen Schwerpunkten. Wenn man beide Veranstaltungen
besucht, ergibt sich damit wahrscheinlich ein runderes Gesamtbild.
Und zum Schluss die Frage: Weshalb sollte man die ICIS-Tagung 2017 in Berlin auf gar
keinen Fall verpassen?
Weil man einen kompletten Überblick über Bildgebung und Intervention bei seltenen
und häufigen onkologischen Erkrankungen bekommt. Und wenn man sich als Radiologie
teilweise oder auch intensiv mit der Bildgebung bei Krebspatienten beschäftigt, stellt
die ICIS-Tagung sicherlich auf viele Jahre hin zumindest auf deutschem Boden die kompakteste
Veranstaltung dar, um sein Wissen zu erweitern, zu festigen und konkreter anwenden
zu können.
Prof. Dr. Stefan Diederich