Im Jahr 2010 erschien von Straus et al. das Buch: Evidence-based medicine – how to
practice and teach it [1].
Die Kernaussage des Buches war:
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Burn your traditional textbooks
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Cancel your full-text journal subscriptions
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Invest in evidence-based journals and online evidence services.
Amüsant war die Tatsache, dass es sich bei diesem Buch um ein ziemlich traditionelles
Textbuch handelt, das nur eine CD-ROM als Beilage hat, auf der man weitere Erläuterungen
zu dem Buchtext erhält. In der Tat stellt sich die Frage, ob bei der ständig zunehmenden
Informationsflut von wissenschaftlichen Studien und deren Publikationen und dem sich
damit wesentlich schneller als in früheren Zeiten verändernden „State of the Art“
umfassende Lehrbücher mit Neuauflagen in mehrjährigen Abständen noch zeitgemäß sind.
Die Tatsache, dass die Verkaufszahlen von Lehrbüchern in der Medizin jedoch keineswegs
rückläufig sind, spricht dafür, dass sie noch immer entscheidende Vorteile besitzen.
Das scheint vor allem die Haptik eines Buches mit seiner Übersichtlichkeit, der Möglichkeit
von Anstreichungen, Anmerkungen und Lesezeichen zu sein. Mit anderen Worten halte
ich eine physische, von eigenen Kommentierungen mitgeprägte Vorstellung von einem
Themengebiet in der Hand. Das besitzt offensichtlich gegenüber den elektronischen
Dokumentationen weiterhin hohe Attraktivität. Dennoch erscheint es hoffnungslos unzeitgemäß,
an der tradierten Form von Lehrbüchern festzuhalten, die mit einigen entscheidenden
Nachteilen verbunden sind:
Häufig lassen die Lehrbücher in der Tradition der sogenannten „eminenzbasierten Medizin“
nicht wirklich erkennen, ob die dargestellten Fakten primär die Meinung des Autors
oder die gegenwärtige Evidenzlage wiedergeben. Erstere erhält häufig eine pseudowissenschaftliche
Untermauerung, in der die Stellungnahmen mit einzelnen Literaturstellen „belegt“ werden.
Deren Auswahl ist jedoch in der Regel primär von dem Autor selektiert. Gänzlich unrealistisch
scheint das Bemühen, dass ein einzelner Autor ein ganzes Fach in der Medizin in seinem
Lehrbuch auf adäquatem wissenschaftlichen Niveau abhandelt. Ein dritter großer Nachteil
von Lehrbüchern ist die Gefahr eines schnellen Veraltens, d. h. die Unmöglichkeit,
auf klinisch relevante Entwicklungen etwa in Diagnostik und Therapie zeitnah zu reagieren
und damit „State of the Art“ zu bleiben. Auf weitere Nachteile konventioneller Lehrbücher,
wie deren Umfang und Gewicht, d. h. sie nur am Schreibtisch lesen zu können, das Fehlen
der Möglichkeit des interaktiven Austauschs des Autors und seines Lesers oder die
fehlende Möglichkeit, sich anders als über das Lesen den Stoff anzueignen, sei nur
kursorisch hingewiesen.
Mit der Einführung des neuen Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie im Jahr
1994 ergab sich das Problem, dass ein entsprechendes Lehrbuch bisher nicht existierte,
das den Inhalt des neuen Facharztes widerspiegelte und somit eine Neukonzeption nötig
war. Das eigene daraufhin konzipierte Facharzt-Lehrbuch [2] hat sich in der Form eines Hybrids zwischen einem klassischen Schriftwerk und den vielfältigen Möglichkeiten des Internets entwickelt. Es stellt eine konsequente Umsetzung des Gedankens der evidenzbasierten
Medizin und eine strikte Abwendung von einer schwer durchschaubaren Mischung von wissenschaftlichen
Evidenzen und subjektiven Meinungen der jeweiligen Kapitelautoren dar. Das heißt,
die Kapitel stellen zwar die Sichtweise von renommierten Spezialisten der jeweiligen
Themata dar, sind aber an allen Stellen, wo eindeutige wissenschaftliche Evidenzen
vorliegen, entsprechend unterlegt. Im Zusammenhang mit dem deutschen Cochrane-Zentrum
wurde der Weg gewählt, dass alle relevanten qualitätsgeprüften Metaanalysen der Cochrane Collaboration und der University of York in die Texte eingepflegt sind.
Das heißt, das Lehrbuch legt großen Wert darauf, dass nicht qualitätsungeprüfte (non-repraised)
Metaanalysen oder Einzelstudien in ihrer Bedeutung überbewertet werden. Auch sind
die sorgfältig und mit hoher wissenschaftlicher Fundierung erstellten S3-Leitlinien der AWMF in die einzelnen Kapitel – deutlich in Einfügungen erkennbar – als Evidenzbelege
einbezogen.
Eine kontinuierliche Aktualisierung des Lehrbuchs erfolgt über eine Lehrbuch-Homepage.
Auf ihr werden in 3-monatigen Abständen alle Metaanalysen und Leitlinien aktualisiert und wenn notwendig, da diskrepant zum bisherigen Lehrbuchtext, von den Autoren kommentiert.
Weitere Aktualisierungen erfolgen bezüglich Neueinführung von Medikamenten und Warnhinweisen. Von Beginn an wurde die Lehrbuch-Homepage mit einem Forum zur Kommunikation der Leser mit den Kapitelautoren ergänzt. Hierüber können Fragen
oder Kommentare der Leser erfolgen und werden innerhalb von wenigen Tagen von den
Kapitelautoren beantwortet. Die Möglichkeit des Internets wird weiterhin genutzt,
indem das gesamte Buch auch als E-Book miterworben wird und zusätzliche Online-Kapitel zu Störungsbildern, die nicht im ICD-10 aufgeführt sind, ergänzt werden, wie etwa
das Posttraumatische Verbitterungssyndrom, Stalking oder Burnout. Psychotherapeutische
Techniken lassen sich über Videos wesentlich besser erlernen als über das Lesen langer Texte. Deswegen wurden zu Psychotherapietechniken
etwa aus dem Bereich der Interpersonellen Psychotherapie, CBASP, DBT oder Traumatherapie
10-minütige Videos in Ergänzung zu dem Lehrbuchtext in das Internet gestellt. Da das
Buch häufig auch zur Vorbereitung auf die Facharztprüfung genutzt wird, wurden alle
Kapitel des Buches in Fragen aufgegliedert, die, falls der Leser sie bei seiner Prüfungsvorbereitung nicht unmittelbar
beantworten kann, ihn mit einem Klick auf die jeweilige Seite des Lehrbuchs führen,
die die Information zu der gestellten Frage enthält.
Zusammenfassend wurde ein „Hybrid-Lehrbuch“ geschaffen, das die unbestreitbaren Vorteile
eines umfassenden konventionellen Buchs einerseits und die vielfältigen Möglichkeiten
des Internets im Hinblick auf Aktualisierung und Interaktion zwischen Leser und Autor
sowie die Nutzung der Videotechnik andererseits umfasst. So scheint eine erfolgreiche
Zukunft von Lehrbüchern und der Schutz vor Bücherverbrennungen sehr wohl möglich.