Schlüsselwörter Mammakarzinom - Behandlung - Lokalrezidiv - Studien - Prognosefaktoren - Prädiktivfaktoren
Key words breast cancer - treatment/therapy - local recurrence - trials - prognostic factors
- predictive factors
Einführung
Die Behandlung des primären Mammakarzinoms konnte in den letzten Jahrzehnten durch
verschiedene medizinische Fortschritte verbessert werden [1 ], [2 ], [3 ]. Insbesondere der Versuch, Therapien zielgerichtet für molekulare Subgruppen zu
erstellen, ist vielversprechend, die Effektivität möglichst hoch und die Nebenwirkungsrate
möglichst gering zu halten, und dabei nur die Patientinnen zu behandeln, die von einer
bestimmten Therapie profitieren. Dass hier jedoch noch großer Verbesserungsbedarf
im Bereich der Therapieentwicklung besteht, zeigen einige Studien in der adjuvanten
Situation, die Zehntausende von Patientinnen einschließen, jedoch keinen Prognosevorteil
herausarbeiten konnten. Ein besseres Verständnis von Prognose- und Prädiktivfaktoren
könnte dabei helfen, neue und intelligente Studien zu planen.
Im Folgenden sollen die Grundlagen für die Behandlung des primären Mammakarzinoms
und für Prognose- und Prädiktivfaktoren anhand neuer, publizierter Studien sowie auf
aktuellen Kongressen vorgestellter Daten (u. A. San Antonio Breast Cancer Symposium
2017) näher erläutert werden.
Neoadjuvante Therapie des primären Mammakarzinoms
Neoadjuvante Therapie des primären Mammakarzinoms
Die neoadjuvante Therapie ist für einige Patientinnengruppen inzwischen ein Standard
in der Therapie des frühen Mammakarzinoms [4 ], wobei noch zahlreiche Fragen Gegenstand von laufenden Untersuchungen sind wie zum
Beispiel die Frage prädiktiver Marker [5 ], [6 ], die Auswahl der richtigen Chemotherapie und die Integration von biologischen Therapien
[2 ], [7 ]. Eine kürzlich publizierte Metaanalyse, die Patientinnen mit neoadjuvanter und adjuvanter
Therapie verglichen hatte, konnte zeigen, dass das Gesamtüberleben nicht unterschiedlich
und die Therapie der adjuvanten Therapie gleichzustellen ist. Jedoch scheinen Patientinnen,
die nach historischen Kriterien neoadjuvant behandelt wurden, bei brusterhaltender
Therapie (BET) ein erhöhtes Lokalrezidivrisiko zu haben [8 ], wobei nicht klar ist, ob sich diese Ergebnisse auf nach aktuellen Kriterien behandelte
Patientinnen übertragen lassen.
Prädiktive Faktoren für eine Anti-HER2-Therapie in der Neoadjuvanz
In einer aktuellen Analyse der NeoALTTO-Studie, die fast eine Verdoppelung der pCR-Rate
durch die Hinzunahme von Lapatinib zu Trastuzumab gezeigt hatte, wurde die Frage der
Vorhersage der pCR und auch des Event-freien Überlebens (EFS) durch CNAs (copy number
alterations) untersucht. Die Ergebnisse waren nicht überraschend, denn so hat beispielsweise
die Expression von HER2 einen höheren Einfluss auf die pCR als dessen Amplifikation.
Eine höhere genomische Instabilität sagte bei hormonrezeptorpositiven Tumoren eine
höhere pCR-Rate vorher. Es konnte kein Gen oder eine Genregion identifiziert werden,
die eine Vorhersage des EFS erlaubte [9 ]. Auch für eine weitere Studie, die sich mit der Kombination von Lapatinib und Trastuzumab
in der Neoadjuvanz beschäftigte, die CALBG 40601, liegen aktuelle Ergebnisse zum Zusammenhang
von pCR und invasivem rückfallfreien Überleben (iDFS) vor. Obwohl die Hinzunahme von
Lapatinib nur einen marginalen Einfluss auf die pCR hatte, zeigt sich ein signifikanter
Benefit bezüglich des iDFS. Die günstigste Prognose hatten Patientinnen, die als Luminal
A klassifiziert wurden. Ein unabhängiger prädiktiver Faktor sowohl für die pCR als
auch iDFS ist die Immunaktivierung, gemessen durch eine RNA-Signatur [10 ].
Zusammenhang zwischen pCR und Prognose
Einen weiteren wichtigen Beitrag zur Frage der Prädiktion im Rahmen der Neoadjuvanz
leistete eine Auswertung der Plattform-Studie I-SPY2, in der der Frage nach dem Zusammenhang
zwischen pCR und EFS sowie des fernmetastasenfreien Überlebens (DDFS) nachgegangen
wurde, welcher seit den beiden Landmark-Publikationen Gegenstand andauernder Diskussionen
ist [11 ], [12 ]. Hier konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen pCR und den Überlebensvariablen
EFS und DDFS gezeigt werden, welcher unabhängig vom biologischen Subtyp oder der durchgeführten
Therapie war. Diese Daten bestätigen einmal mehr, dass die Entscheidung der Zulassungsbehörden
sowohl in den USA als auch Europa, die pCR als Endpunkt für eine beschleunigte Zulassung
von neuen Medikamenten anzusehen, richtig war und ist [13 ]. Bestätigt wurde dies auch noch einmal eindrücklich durch eine kürzlich vorgestellte
Analyse der GeparSepto-Studie, die zeigen konnte, dass der signifikante pCR-Vorteil,
den der Austausch von wöchentlichem Paclitaxel durch wöchentliches nab-Paclitaxel
bewirkte und der bereits 2016 publiziert wurde, nun auch in einen signifikanten Überlebensvorteil
übertragen wurde [14 ].
CDK4/6-Inhibitoren in der Neoadjuvanz
Die neoadjuvante Studie NeoMONARCH [15 ], [16 ] untersuchte eine chemotherapiefreie Kombination aus dem CDK4/6-Inhibitor Abemaciclib
und dem Aromatasehemmer Anastrozol im Vergleich zu entweder Abemaciclib alleine oder
Anastrozol alleine. Primärer Endpunkt war der Abfall des Ki-67 als Parameter der Proliferationsaktivität
nach 14 Tagen Therapie, bestimmt durch eine erneute Stanzbiopsie. Dabei zeigte sich
ein stärkerer Abfall sowohl durch die Kombination als auch durch Abemaciclib alleine
im Vergleich zu Anastrozol. Dies korrelierte auch mit dem klinischen Ansprechen nach
16 Wochen, sodass die Kombination aus einem Aromatasehemmer und einem CDK4/6-Inhibitor
als vielversprechende Option für die neoadjuvante endokrine Therapie betrachtet werden
darf. Häufigste Nebenwirkung von Abemaciclib war Durchfall mit 61,4%, wobei nur 4,9%
Grad 3 erreichten [17 ].
Lokoregionäre Therapie des primären Mammakarzinoms
Lokoregionäre Therapie des primären Mammakarzinoms
Rolle des Resektionsabstands genauer beschrieben
Bei der BET ist die komplette Entfernung des Tumors Voraussetzung für ein niedriges
Lokalrezidivrisiko. Die Frage nach dem optimalen Randabstand wird allerdings nach
wie vor kontrovers diskutiert. Sowohl die aktuelle S3-Leitlinie als auch die Leitlinie
der American Society of Oncology (ASCO) erachten die Resektion als ausreichend, wenn
kein Tumorgewebe am Schnittrand nachweisbar ist („no ink on tumor“) [18 ]. Hintergrund für dieses Vorgehen ist insbesondere eine Metaanalyse aus 2014, die
33 Einzelstudien umfasst [19 ]. Im Rahmen einer erneuten Metaanalyse [20 ], bei der insgesamt 38 Einzelstudien und Daten von über 55 000 Patienten berücksichtigt
wurden, bestätigt sich, dass die Lokalrezidivrate vom Resektionsstatus abhängt (R0,
d. h. „no ink on tumor“: 3,8% vs. R1: 10,3%). Im Gegensatz zu den Ergebnissen der
vorhergehenden Untersuchung scheint sie mit zunehmendem Abstand allerdings abzunehmen:
Während die Lokalrezidivrate bei einem Resektionsrand von 0 – 2 mm 7,2% beträgt, sind
es bei 2 – 5 mm nur noch 3,6% und bei > 5 mm 3,2%. Aufgrund der eingeschränkten Aussagekraft
einer retrospektiven Metaanalyse sind weitere prospektive Untersuchungen notwendig,
um die Frage nach dem optimalen Randabstand im Kontext von Tumorbiologie, moderner
präoperativer Diagnostik und adjuvanter Systemtherapie zu beantworten.
Weitere Abnahme der Aggressivität der axillären Operation wahrscheinlich
Seit den Ergebnissen der ASOG Z0011-Studie sollte bei pT1c/pT2/cN0-Patientinnen, die
eine brusterhaltende Operation mit anschließender Bestrahlung erhalten, auf eine sekundäre
Axilladissektion (ALNE) auch dann verzichtet werden, wenn maximal 2 Sentinel-Lymphknoten
befallen sind [21 ]. In der IBCSG 23-01-Studie wurde prospektiv randomisiert untersucht, inwieweit bei
Patientinnen mit Mikrometastasen (≥ 2 mm) in einem oder mehreren Sentinel-Lymphknoten
auf eine anschließende ALNE verzichtet werden kann [22 ]. Nach einem mittleren Follow-up von mittlerweile 9,8 Jahren zeigt sich kein Unterschied
bez. krankheitsfreiem und Gesamtüberleben. Die IBCSG 23-01 unterstreicht daher die
Ergebnisse der Z0011-Studie und die onkologische Sicherheit einer zunehmenden Deeskalation
in der Axillachirurgie.
Identifikation von DCIS-Patientinnen für eine antihormonelle Therapie
Östrogen ist einer der Mediatoren von Tumorwachstum und Metastasierung. Eine Therapie
mit z. B. Letrozol ist dafür bekannt, dass sie beim invasiven Karzinom das Tumorwachstum
stoppen kann [23 ]. Für Patientinnen mit einem duktalen Carcinoma in situ (DCIS) sind solche Daten
jedoch nicht bekannt, obwohl es eine Diskussion gibt, ob und welche DCIS-Patientinnen
mit einer antihormonellen Therapie behandelt werden sollten. Eine kürzliche, einarmige
Phase-II-Studie (CALGB 40903) hat eine 6-monatige Therapie mit Letrozol im präoperativen
Setting bei 55 Patientinnen mit östrogenrezeptorpositivem (≥ 1% positive Zellen in
der Immunhistochemie) DCIS untersucht [24 ]. Ziel der Studie war die Identifikation von Subgruppen, die am ehesten für eine
systemische antihormonelle Therapie geeignet sind. Zielgröße war eine im MRT messbare
Läsion zwischen 1 und 7 cm. Nach 3 Monaten Therapie konnte eine Reduktion des Tumorvolumens
im MRT um durchschnittlich 33% (37% Volumenreduktion nach 6 Monaten) erreicht werden.
Des Weiteren konnte am Tumor im Therapieverlauf gezeigt werden, dass sowohl die Expression
von Östrogen- und Progesteronrezeptoren als auch die Ausprägung des Proliferationsmarkers
Ki-67 durch die Therapie reduziert werden konnten. Diese Studie bietet die ideale
Grundlage, durch das Monitoring der Biomarker Patientinnen zu identifizieren, die
auf eine Therapie ansprechen.
Neue Aspekte der Systemtherapie des primären Mammakarzinoms
Neue Aspekte der Systemtherapie des primären Mammakarzinoms
Neben der Entwicklung von neuen Therapien und der Durchführung von großen Therapiestudien
werden immer häufiger neue Aspekte bestehender Therapien beleuchtet, die etablierte
Therapieregime entweder durch die Einführung von Prognose- oder Prädiktivfaktoren,
die Vereinfachung der Therapieschemata oder durch die Vermeidung von Nebenwirkungen
optimieren.
Ki-67 im Verlauf unter Antihormontherapie als prädiktiver Marker
Die Vorarbeiten, welche durch die DCIS-Studie CALGB 40903 geleistet wurden, waren
für das invasive Mammakarzinom bereits bekannt [25 ], [26 ]. Dass eine Therapie mit Aromatasehemmern bei einigen Patientinnen eine Reduktion
von Ki-67 nach 2 Wochen bewirkt, lässt die Frage aufkommen, ob diese nach 2 Wochen
gemessene Reduktion einen prädiktiven Marker für die Wirksamkeit einer Antihormontherapie
darstellt. In der POETIC-Studie wurde diese Fragestellung getestet [27 ]. Hier wurden 4480 Patientinnen randomisiert. Eine Gruppe erhielt vor der Operation
eine 2-wöchige Aromatsehemmertherapie, die andere wurde nicht vorbehandelt. Beide
Gruppen wurden 2 Wochen vor der Operation biopsiert, um die Ausprägung von Ki-67 zwischen
Stanze und Operation zu vergleichen. So konnte bestätigt werden, dass der Aromatasehemmer
die Expression von Ki-67 herunterreguliert [27 ]. Patientinnen, bei denen die Antihormontherapie die Expression von Ki-67 nicht herunterregulieren
konnte, zeigten eine Rückfallrate von ca. 20%. Dies ist eine Größenordnung, bei der
abzuwarten ist, inwiefern sich ein solches Testverfahren gegenüber Multigen-Tests
etablieren kann.
GnRH als ovarieller Protektor unter Chemotherapie bestätigt
Bei der Identifikation von immer mehr Patientinnen mit einer guten Prognose rücken
die Nebenwirkungen immer weiter in den Blickpunkt des Interesses. Eine davon ist die
Toxizität, die eine Chemotherapie auf die Ovarien der jungen Frauen mit Kinderwunsch
hat. Eine Strategie ist die Gabe von GnRH-Analoga zeitgleich zur Chemotherapie. Diese
Behandlung soll die Ovarien während der Chemotherapie schützen. Es wurden Daten von
873 Patientinnen aus 5 prospektiv randomisierten Studien für diese Metaanalyse herangezogen.
Es hat sich gezeigt, dass die Rate an chemotherapieinduzierter prämaturer Ovarialinsuffizienz
bei den Patientinnen, die mit GnRH-Analoga behandelt wurden, deutlich niedriger war
als bei denen, die keine GnRH-Analoga erhielten (14,1 vs. 30,9%). Die Rate an Schwangerschaften
in der GnRH-Gruppe war deutlich höher (10,3 vs. 5,5%) [28 ]. Die untersuchten Prognoseparameter zeigten keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen,
sodass bei der Behandlung die onkologische Sicherheit nicht beeinträchtigt zu sein
scheint.
Vor diesem Hintergrund könnten Prädiktoren, die darauf hinweisen, welche Frauen ein
besonders hohes Risiko haben, eine chemotherapieinduzierte prämature Ovarialinsuffizienz
zu erleiden, eine Hilfe sein, um über den Einsatz einer solchen Behandlung zu entscheiden.
Es werden z. B. das Anti-Müller-Hormon (AMH) [29 ] oder genetische Keimbahnvarianten, die mit Beginn und Ende der Regelblutung zusammenhängen,
als Prädiktoren diskutiert [30 ], [31 ], [32 ], [33 ].
Erhöhung der Dosisintensität bei adjuvanter Chemotherapie reduziert Rezidivrate und
Mortalität
In einer EBCTCG-Metaanalyse bei 21 000 Patientinnen aus 16 randomisierten Studien
wurde untersucht, welche Auswirkungen eine Intensivierung der Dosisintensität adjuvanter
Chemotherapien hat [34 ]. Unabhängig davon, ob die Dosisintensivierung durch eine Intervallverkürzung oder
durch simultane Anthracyclin- und Taxangaben erzielt wurde, führte sie zu einer Abnahme
der Rezidivrate und zu einer Reduktion der Mortalität.
Behandlung des primären hormonrezeptorpositiven, HER2-negativen Mammakarzinoms
Behandlung des primären hormonrezeptorpositiven, HER2-negativen Mammakarzinoms
Ovarielle Suppression und Aromatasehemmer optimal bei prämenopausalen Patientinnen?
Die optimale antiendokrine Behandlung von Patientinnen mit einem primären Mammakarzinom
ist immer noch unter Diskussion. Hierbei war die Fragestellung, ob eine Behandlung
mit einem Aromatasehemmer und einer ovariellen Suppression (OFS) eine adequate Behandlung
der prämenopausalen, hormonrezeptorpositiven Patientin ist, oder Tamoxifen gegeben
werden sollte. Die erste Analyse der Studien SOFT und TEXT ([Abb. 1 ]) zeigte, dass die Brustkrebspatientinnen über alle Subgruppen hinweg nicht von einer
OFS profitierten [35 ]. Kürzlich wurde eine Analyse mit einem Follow-up von 8 Jahren vorgestellt. Nach
dieser langen Beobachtungszeit zeigte sich für die prämenopausalen Patientinnen ein
Vorteil in Bezug auf das rückfallfreie Überleben und das Gesamtüberleben nach einer
OFS verglichen mit Patientinnen, die keine OFS erhielten. Absolut verbesserte sich
das Gesamtüberleben um 1,9% in der Gesamtpopulation und um 4,2% bei Patientinnen,
die ein hohes Rückfallrisiko hatten und eine Therapie mit Tamoxifen und OFS erhielten
[36 ]. Diese Daten könnten dahingehend eine klinische Relevanz haben, dass Patientinnen
mit einem hohen Rückfallrisiko OFS angeboten werden könnte. Diese Patientinnen erhielten
in den letzten Jahren immer seltener OFS aufgrund der widersprüchlichen Datenlage
und der bislang nicht berichteten Verbesserung des Gesamtüberlebens. Auch konnte in
dieser Analyse mit langer Nachbeobachtung bestätigt werden, dass eine Behandlung mit
Aromatasehemmer und OFS in einer besseren Prognose resultiert als eine Behandlung
mit Tamoxifen und OFS. Die absolute Verbesserung des rückfallfreien Überlebens betrug
4% [36 ]. Sogar größere Effekte konnten in der Gruppe von besonders jungen Frauen und in
der Gruppe der mit Chemotherapie Behandelten gesehen werden. Dies übertrug sich jedoch
nicht in einen Vorteil in Bezug auf das Gesamtüberleben. Patientinnen unter einer
OFS sollten jedoch in Bezug auf die Nebenwirkungen sorgfältig betreut werden. Nach
einem Jahr beendeten 19% der Patientinnen mit OFS die Therapie verglichen mit 6% der
Patientinnen ohne OFS [36 ].
Abb. 1 Studiendesign der Studien SOFT und TEXT [36 ].
Erweiterte Therapie mit einem Aromatasehemmer für 2 Jahre nach 5 Jahren Antihormontherapie
ausreichend?
Bei der Behandlung von postmenopausalen Patientinnen mit primärem hormonrezeptorpositiven
Mammakarzinom konnte bereits gezeigt werden, dass eine Therapie mit einem Aromatasehemmer
nach einer 5-jährigen Therapie mit Tamoxifen zu einer Verbesserung des rückfallfreien
Überlebens führen kann [37 ]. Die optimale Therapiedauer dieser sogenannten ausgeweiteten antihormonellen Therapie
(extended therapy) wird jedoch noch kontrovers diskutiert [38 ], zumal die publizierten Daten hierzu inkonsistent sind [38 ], [39 ], [40 ], [41 ], [42 ]. Kürzlich wurde eine österreichische Studie zu dieser Fragestellung präsentiert
([Abb. 2 ]) [43 ]. Die ABCSG-16-Studie randomisierte 3494 postmenopausale Patientinnen mit einem primären
hormonrezeptorpositiven Mammakarzinom, nachdem diese bereits für 5 Jahre eine Therapie
mit Tamoxifen oder einer Sequenz aus Tamoxifen und Aromatasehemmer oder Up-Front-Aromatasehemmer
bekommen hatten, in einen Therapiearm mit 2 Jahren Aromatasehemmer vs. einen Therapiearm
mit 5 Jahren Aromatasehemmer. Es konnten keine Unterschiede in Bezug auf das rückfallfreie
Überleben, das Gesamtüberleben, die Zeit bis zum Auftreten von Zweitkarzinomen oder
kontralateralen Mammakarzinomen gezeigt werden [43 ]. Auf der anderen Seite war die Rate an Knochenbrüchen deutlich höher bei Patientinnen,
die den Aromatasehemmer über zusätzliche 5 Jahre erhalten hatten (6 vs. 4%) [43 ]. Diese Daten unterstützen, dass eine erweiterte Therapie nach 5 Jahren mittels endokriner
Therapie für 2 Jahre ausreichend sein sollte, um einen Effekt auf die Prognose bewirken
zu können. Bei nach wie vor widersprüchlicher Datenlage sollte jedoch eine Metaanalyse
durchgeführt werden.
Abb. 2 Studiendesign der ABCSG-16-Studie [43 ].
Behandlung des primären, HER2-positiven Mammakarzinoms
Behandlung des primären, HER2-positiven Mammakarzinoms
Dauer der Trastuzumab-Therapie – es ändert sich nichts
Die Behandlung von HER2-positiven Patientinnen mit frühem Mammakarzinom beinhaltet
die Gabe von Trastuzumab über einen Zeitraum von insgesamt 12 Monaten. In der HERA-Studie
erzielte eine längere Therapiedauer (24 Monate) keinen zusätzlichen Benefit [44 ]. Der Behandlungszeitraum wurde jedoch nicht empirisch festgelegt. Daher stellt sich
die Frage, ob eine kürzere Behandlung nicht ebenso effektiv wie die Standarddauer
ist. Vor diesem Hintergrund konnte die französische PHARE-Studie keine Nichtunterlegenheit
einer adjuvanten Trastuzumab-Gabe von lediglich 6 Monaten gegenüber der Standardtherapie
über 12 Monate aufzeigen [45 ]. Allerdings gab es Hinweise darauf, dass sich der Nutzen einer 12-monatigen Behandlung
vor allem auf diejenigen Patientinnen beschränkt, welche Trastuzumab sequenziell zur
Chemotherapie erhalten. Dies könnte durch einen synergistischen Effekt der parallelen
Gabe von Trastuzumab und Taxanen erklärt werden [46 ]. In der SOLE-Studie [47 ] wurde daher untersucht, ob nach einer kurzen Trastuzumab-Therapie über 9 Wochen,
die parallel zur Chemotherapie mit Docetaxel (3 Zyklen à 80 oder 100 mg/m2 alle 3 Wochen) erfolgt, auf die anschließende komplettierende Trastuzumab-Therapie
verzichtet werden kann. Alle Patientinnen erhielten zudem eine anthracyclinhaltige
Therapie mit F600/E75/C600 und je nach Indikation eine adjuvante Radiatio und/oder
eine adjuvante endokrine Therapie über mindestens 5 Jahre. Insgesamt wurden 2176 Patientinnen
eingeschlossen. Nach einem mittleren Follow-up von 5 Jahren wurde der primäre Endpunkt
(Nichtunterlegenheit von 9 Wochen Trastuzumab in Bezug auf das krankheitsfreie Überleben)
nicht erreicht (nach 5 Jahren waren 90,5% der Patientinnen, die 12 Monate Trastuzumab
erhalten hatten, krankheitsfrei, hingegen waren es bei den Patientinnen, die 9 Wochen
Trastuzumab erhalten hatten, nur 88,0%; HR: 1,39; 90%-KI: 1,12 – 1,72). Damit bleibt
die Behandlung über einen Zeitraum von insgesamt 12 Monaten weiterhin Standard. Interessanterweise
zeigten sich in der Subgruppenanalyse erneut Hinweise für einen Synergieeffekt in
Bezug auf die Taxan-Chemotherapie: Von der 12-monatigen Behandlung profitierten vor
allem Patientinnen, die Docetaxel in einer Dosierung von lediglich 80 mg/m2 erhalten hatten. In weiteren prospektiven Studien sollte daher die optimale Dosierung
der Taxanbehandlung in Kombination mit einer HER2-zielgerichteten Therapie untersucht
werden.
Biosimilars zu Trastuzumab – die Datenlage verdichtet sich
Nach Ablauf des Patentschutzes stehen mittlerweile für die HER2-zielgerichtete Therapie
mit Trastuzumab mehrere Biosimilars zur Verfügung [2 ]. Die Molekülstruktur dieser Substanzen ist nicht völlig identisch mit dem Originalwirkstoff.
Daher sind, im Gegensatz zu den klassischen Generika, aufwendigere Zulassungsverfahren
notwendig. Ein Biosimilar darf im Vergleich zum Originalwirkstoff keine wesentlichen
klinischen Unterschiede in Bezug auf Qualität, Effektivität und Sicherheit aufweisen.
In einer randomisiert doppelt-verblindeten Studie wurde bei Patientinnen mit frühem,
nicht metastasiertem HER2-positivem Mammakarzinom der Biosimilar ABP-980 mit originärem
Trastuzumab verglichen. Die Studie bestand aus einer neoadjuvanten Phase (4 Zyklen
in Kombination mit Paclitaxel) und einer adjuvanten Phase (Komplettierung der HER2-zielgerichteten
Therapie auf ein Jahr). Auf dem ESMO-Kongress 2017 wurden bereits die Daten der neoadjuvanten
Phase präsentiert; hier zeigten sich seitens Effektivität (pCR-Rate) und Sicherheit
keine Unterschiede [48 ]. Auf dem San Antonio Breast Cancer-Symposium 2017 wurden die Safety-Daten der adjuvanten
Phase vorgestellt [49 ]. Auch hier wurden im Vergleich zu Trastuzumab keine wesentlichen Unterschiede festgestellt;
insbesondere war die kardiale Toxizität (Inzidenz eines Abfalls der linksventrikulären
Funktion: 1 – 3%) in allen Therapiearmen ähnlich. In Zukunft werden Biosimilars im
klinischen Alltag daher eine zunehmende Rolle spielen. Welche Präparate es jedoch
auf den Markt schaffen, ist momentan unklar, weil sich einige der Arzneimittelhersteller
zurzeit in Patentklagen gegeneinander befinden [50 ].
Prognose- und Prädiktivfaktoren
Prognose- und Prädiktivfaktoren
Prognose- und Prädiktivfaktoren sind notwendig, um die Prognose von Patientinnen abzuschätzen
und die Effektivität von Therapien vorherzusagen [51 ], [52 ]. In der adjuvanten Situation gibt es mehrere Ansätze, wie z. B. Patientinnen mit
einer exzellenten Prognose identifiziert werden können, bei denen eine Chemotherapie
vermieden werden kann. Hierbei sind Genexpressionsanalysen von 10 bis 100 Genen am
weitesten entwickelt [53 ], [54 ]. Aber auch das Wissen um das Vorhandensein von Mutationen in Keimbahn und vor allem
im Tumor, in zirkulierenden Tumorzellen oder zirkulierenden Nukleinsäuren des Tumors
gewinnt zunehmend wissenschaftlich an Bedeutung [51 ], [55 ].
Circulating Tumor Cells als Prognosemarker im Langzeit-Follow-up
Der Nachweis zirkulierender Tumorzellen (CTCs) vor adjuvanter oder neoadjuvanter Therapie
im Blut mittels CellSearch ist ein bereits beschriebener Prognosefaktor [56 ], [57 ], [58 ]. Von klinischer Relevanz ist auch die Abschätzung des Rezidivrisikos mehrere Jahre
nach Ersttherapie, da hiermit beispielsweise die Entscheidungsfindung über die Fortführung
einer adjuvanten endokrinen Therapie über einen Zeitraum länger als 5 Jahre hinaus
unterstützt werden könnte. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse einer kürzlich
vorgestellten Studie von Bedeutung [59 ]. Blut von 546 Patientinnen aus einer klinischen Studie zur adjuvanten Chemotherapie
(E5103) wurde einmalig auf CTCs untersucht. Die mediane Zeit zwischen Studieneinschluss
und Blutentnahme betrug 5,2 Jahre. Mindestens eine CTC wurde bei 4,9% der Patientinnen
nachgewiesen. In der für klinische Risikofaktoren adjustierten multivariaten Analyse
hatten Patientinnen mit Nachweis von CTCs ein 18,3-fach erhöhtes Risiko, ein Rezidiv
zu erleiden. Diese Ergebnisse unterstreichen die biologische Relevanz von CTCs auch
in der nicht metastasierten Situation, allerdings wurde kein Vergleich mit der Untersuchung
klassischer Tumormarker unternommen. Diese Ergebnisse unterstützen die Ergebnisse
der SUCCESS-A-Studie [60 ], in der bei einer Bestimmung von CTCs 2 Jahre nach Erstdiagnose ebenfalls der prognostische
Effekt für den Verlauf nach 2 Jahren nachgewiesen werden konnte.
Keimbahnmutationen als prognostische und prädiktive Marker
Keimbahnmutationen von Patientinnen mit Mammakarzinom werden zunehmend beachtet. Für
einige genetischen Varianten konnte eine prognostische oder prädiktive Bedeutung nachgewiesen
werden [61 ], [62 ], [63 ], [64 ], [65 ], [66 ], [67 ], [68 ], [69 ]. In einigen Patientinnengruppen gibt es bereits relativ detailliertes Wissen über
die Bedeutung von BRCA1/2-Mutationen für die Prognose. Die kürzlich publizierte POSH-Studie
konnte fast 3000 primäre Mammakarzinompatientinnen, die jünger als 40 Jahre an Mammakarzinom
erkrankten, nachbeobachten und auf BRCA1/2-Mutationen testen [70 ]. In dieser Studie konnte kein Unterschied im Überleben nachgewiesen werden. Diese
Daten könnten Implikationen für das klinische Verhalten in Bezug auf die operative
Therapie dieser Patientinnen haben in dem Sinne, dass genug Zeit besteht, diese Frauen
in Bezug auf prophylaktische Operationen der kontralateralen Seite zu beraten [71 ]. Außerdem ist für Patientinnen mit einer BRCA1/2-Mutation ein PARP-Inhibitor bereits
zur spezifischen Behandlung dieser Patientinnengruppe zugelassen [72 ]. Aus dem PRAEGNANT-Netzwerk in Deutschland wurde kürzlich die Mutationsfrequenz
von BRCA1/2 und weiteren Panelgenen berichtet und die Relevanz für die Therapie unter
„Real World“-Bedingungen abgeschätzt [73 ]. Untersucht wurde die Keimbahn-DNA von 1462 Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom.
Bei 8,4% konnte eine Keimbahnmutation in einem der Panel-Gene nachgewiesen werden.
Die häufigsten Mutationen wurden in den Genen in BRCA2, CHEK2, BRCA1, PALB2 und ATM
gefunden. Die höchste Rate an Mutationen wurde bei Patientinnen mit triple-negativem
und Luminal-B like Tumor gefunden. Patientinnen mit einer Mutation hatten eine schlechtere
Prognose, wenn man die Gesamtkohorte betrachtet.
Schlussfolgerung
Die vorgestellten Daten geben einen guten Überblick und implizieren, dass neue Therapien
immer mehr zusammen mit Biomarkern oder für spezielle Subgruppen entwickelt werden.
In einem 2. Teil dieses Updates [74 ] wird eine Übersicht über die Gebiete metastasiertes Mammakarzinom, Supportivtherapie,
Lebensqualiät und Prävention gegeben.