Symptome
Beim Dysgrammatismus können Nominalphrasen durch Auslassung von Artikeln und falschen
Genus- und Numeruszuweisungen verändert sein. Auffällig sind Auslassungen von Präpositionen
oder ihre Ersetzung durch Funktionswörter, da diese im Lexikon fehlerhaft als Präpositionen
kategorisiert werden. Besonders gut zu beobachten sind die Einschränkungen verbaler
Elemente: So ist der Gebrauch von Kasusmarkierungen stark eingeschränkt. Dies tritt
besonders bei kasusmarkierten Pronomen und Flexiven auf. Folge ist eine Übergeneralisierung
neutraler Nominativformen auf Akkusativ- und Dativkontexte und dadurch bedingt eine
fehlerhafte Einordnung von Agens und Patiens. Neben der inkorrekten Einordnung der
Kasusmarkierungen ist auch der Gebrauch von Verben allgemein auffällig. Sie sind zwar
rezeptiv und auch produktiv in allen Positionen vorhanden, werden vom Betroffenen
aber vorzugsweise in der Verbendstellung angewendet, wodurch zusammen mit der inkorrekten
Stellung von Negationselementen eine sehr starre und oft unverständliche Satzstruktur
auftritt.
Diagnostik und Therapie
Der Dysgrammatismus lässt sich gut durch eine Analyse der kindlichen Spontansprache
diagnostizieren. Da standardisierte Testverfahren kaum vorliegen, wird eine Analyse
der Spontansprache empfohlen. So kann man gleichzeitig die oft als unnatürlich empfundene
Kommunikation während einer Testdurchführung vermeiden.
Mithilfe von Sprachanalysesystemen wie der COPROF (Computerunterstützte Profilanalyse)
[2] und der ESGRAF (Evozierte Sprachdiagnose grammatischer Fähigkeiten) [3] kann die
Analyse vereinfacht werden.
Die Therapie wird ganzheitlich und spracherwerbsorientiert gestaltet.
Die sprachfördernde Situation innerhalb der Therapie wird so gestaltet werden, dass
der Patient die eigene Selbstlernaktivität erweitert. Die Therapieinhalte werden thematisch
für das Kind interessant gestaltet. Neben einer positiven Patient-Therapeuten-Beziehung
ist die Rollenübernahme des Sprachvorbildes des Therapeuten elementar. Dem Patienten
wird das Erlernen von Regeln für den Erwerb sprachlich-kognitiver Strategien nahegebracht.
Der Therapeut kann durch „Corrective Feedback“ die natürliche Sprechsituation als
Übungssequenz intensivieren. Dabei können die Kommunikationsabläufe unterschiedlich
stark vorstrukturiert werden [4].
Hörbeispiel
Der 11-jährige Patient unseres Hörbeispiels leidet an einer Sprachentwicklungsstörung
schwersten Grades mit einer globalen Entwicklungsretardierung in Kombination mit einer
Lernbehinderung. Der Patient wurde bereits im Alter von 7 Jahren ein Jahr lang in
einer Sprachheilklinik intensiv therapeutisch gefördert. In diesem Zeitraum konnte
sein Wortschatz erweitert werden sowie eine Förderung der Motivation zur eigenständigen
Deblockierung vorangetrieben werden. Zurzeit besucht er eine Förderschule mit dem
Schwerpunkt Lernen und erhält zusätzlich 2–3-mal wöchentlich logopädische Therapie.
Der Patient zeigt eine fehlende Subjekt-Verb-Kongruenz, die besonders bei der fehlerhaften
Adjektivangleichung, aber auch bei falsch markierten Pluralmarkierungen ([-en], [-n])
(→ Hörbeispiel) auffällt. Gleichzeitig ist sein Verständnis von Akkusativ- und Dativmarkierungen
stark eingeschränkt. Die Verwendung von Kasusmarkierungen findet inkonsequent statt.
Der Patient hat sowohl die Verbendstellung als auch die Verbzweitstellung erworben,
verwendet diese aber selten korrekt. Er verwendet des Weiteren keine Nebensätze und
nutzt zur Verbindung zweier Hauptsätze meist Füllwörter wie „han“. Zudem werden Artikel
inkonsequent ausgelassen. Zusätzlich erschwert seine undeutliche und schnelle Aussprache
die Verständlichkeit. Der Patient besitzt ein relativ hohes Störungsbewusstsein: Er
bemerkt schnell, wenn er nicht verstanden wird und wiederholt seine Sätze mehrmals,
bis der Kommunikationspartner ihn verstanden hat. Zusätzlich leidet der Patient noch
an einer hypotonen Körper- und Gesichtsmuskulatur mit Einschränkungen der Feinmotorik.
Die kognitiven Einschränkungen in Form von verbalen Äußerungsblockaden werden bei
mehreren, gleichzeitig auftretenden konzentrationsfordernden Aktivitäten deutlich.
In der logopädischen Therapie wird nach dem Patholinguistischen Ansatz (PLAN) therapiert.
PLAN arbeitet detailliert an den sprachsystematischen Ebenen Phonetik-Phonologie,
Lexikon-Semantik, sowie Syntax-Morphologie. Die zu therapierende Ebene wird mithilfe
der Ergebnisse der Patholinguistischen Diagnostik (PDSS) zuvor ermittelt [5]. Beim
Patient unseres Beispiels wird aufgrund des Alters des Patienten vor allem mit metasprachlichen
Einheiten und Übungssequenzen mithilfe von Spielen mit Übungssätzen gearbeitet.
Der Dysgrammatismus ist ein Störungsbild, das meist in eine Sprachentwicklungsverzögerung
eingebettet ist und auch mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen zusammen
auftreten kann. Sprachtherapie muss an allen auffälligen Punkten anknüpfen und über
den sprachlichen Kontext hinaus fördern. Die Inhalte der Therapie müssen zudem an
die kognitiven Fähigkeiten des Patienten angepasst werden.
Caroline Haupt, Joanna Schulte, Thomas Brauer, Mainz
Literatur
[1] Trumpp C. Dysgrammatismus und linguistische Erklärungsansätze, Zeitschrift Neurolinguistik,
Heft 1. Hochschulverlag Regensburg; 2000
[2] Clahsen H, Hansen D. COPROF – Computerunterstützte Profilanalyse. Köln; 1991
[3] Motsch H-J, Rietz C. ESGRAF 4–8, Grammatiktest für 4- bis 8-jährige Kinder, München,
Basel: Reinhardt Verlag; 2016
[4] Hansen D. Spracherwerb und Dysgrammatismus – Grundlagen, Diagnostik und Therapie.
München, Basel: Reinhardt Verlag; 1996
[5] Siegmüller J, Kauschke C. Patholinguistische Therapie bei Sprachentwicklungsstörungen.
München: Elsevier; 2013
Audiopodcast
Audio: Der 11-jährige Patient leidet an einer Sprachentwicklungsstörung schwersten
Grades mit einer globalen Entwicklungsretardierung in Kombination mit einer Lernbehinderung.
Aufnahme: Thomas Brauer, Lehrlogopäde, Universitätsmedizin Mainz.