Burnout als Thema der speziellen Psychotraumatologie -
Hilfen für Helfer
Burnout als Thema der speziellen Psychotraumatologie -
Hilfen für Helfer
Das Thema „burnout” wurde vor allem in den 70er und
80er Jahren erforscht, zu einer Zeit, als Traumaforschung und
Psychotraumatologie in den meisten Ländern noch nicht existierten oder
forschungsmäßig noch unentwickelt waren. Wie etwa auch
„Mobbing” ist „Burnout” ein umgangssprachlicher
Begriff, der ein Bündel sozialer, interpersoneller und personbezogener
Probleme aufzeigt, die wohl immer schon existierten, bis dahin aber als
persönliches Problem der Betroffenen betrachtet wurden. Wir wissen heute,
dass der Alltag der meisten medizinischen Berufe, insbesondere im
notfallmedizinischen Bereich, eine Anzahl belastender Situationsfaktoren
enthält, die sich über eine Vielzahl von Untersuchungssituationen
hinweg als potentiell traumatisch erwiesen haben, so z. B. der Anblick
entstellter menschlicher Körper („exposure to the
grotesque”, [1]. Insbesondere auch die eigene
Hilflosigkeit angesichts der lebensbedrohlichen Lage eines Patienten
dürfte in die Liste potentiell traumatisierender Faktoren in Medizin und
Notfallmedizin zu rechnen sein.
Wie in allen Bereichen der Psychotraumatologie bringen potentiell
traumatische Belastungen eine Reihe von kompensatorischen Maßnahmen
hervor, von denen einige hilfreich sind, andere jedoch unerwünschte
Nebenwirkungen haben oder deutlich schädigend sind, sei es für das
medizinische Personal selbst oder für die Patienten. Burnout kann
vielleicht als Endpunkt eines fehlgeschlagenen Umgangs mit belastenden
Erfahrungen des medizinischen Alltags verstanden werden. Jedenfalls dürfte
es von Vorteil sein, „Burnout” auch als Thema der
„Speziellen Psychotraumatologie” [2] zu
erforschen, also im Rahmen einer Forschungsrichtung, die unterschiedliche,
schwere Belastungssituationen auf ihre charakteristischen Kurz- und
Langzeitfolgen hin untersucht.
Burnout-„Syndrom”
Burnout-„Syndrom”
„Burnout” ist kein Syndrom der klinischen Manuale, und
es ist auch fraglich, ob es in ICD oder DSM aufgenommen werden sollte.
Burnout-Forschung ist vielmehr überwiegend aus der Arbeits- und
Organisationspsychologie heraus entstanden. Sie beruht in ihrem Kern auf der
Beobachtung, dass in manchen Berufsgruppen, vor allem in Berufen, die mit dem
„Arbeitsgegenstand Mensch” befasst sind, eine erhöhte Anzahl
von Mitarbeitern anzutreffen ist, die nach einigen Jahren der Tätigkeit
einen charakteristischen Erschöpfungszustand entwickeln, der sich durch
folgende Trias kennzeichnen lässt:
-
Emotionale Erschöpfung, d. h. das Empfinden, durch
den Kontakt mit den Klienten emotional ausgelaugt zu sein.
-
„Entpersönlichung”
(„depersonalisation” in der englischsprachigen Literatur),
d. h. gefühlloser bis gleichgültiger Umgang mit dem
anbefohlenen Personenkreis, der sich zum Teil auch in Zynismus
äußert.
-
Reduziertes Kompetenzgefühl, mangelndes Erfolgserlebnis und
allgemein negative Selbsteinschätzung
Die einzelnen Burnout-Autoren betonen unterschiedliche Aspekte des
Syndroms und seiner Abwandlungen innerhalb verschiedener Arbeitsbereiche
[3]. Die meisten stimmen jedoch darin überein,
dass das Syndrom bei den helfenden Berufen eine besondere Färbung annimmt,
die im Wesentlichen der oben beschriebenen Trias entspricht.
Messverfahren
Messverfahren
Das meist verwendete Verfahren ist das Maslach-Burnout-Inventory [4 6]. Faktorenanalytische Untersuchungen an einer
Stichprobe von 605 Personen aus sozialen Berufen, davon 56 %
männlichen Geschlechts, ergaben 4 Faktoren, die 75 % der
Varianz beschreiben. Mit „emotional exhaustion”,
„depersonalisation” und „reduced personal
accomplishment” entsprechen die drei wichtigsten dem erwähnten
Syndrom. In der ersten Validierungsstudie zeigte sich eine befriedigende
Übereinstimmung einmal mit der Fremdeinschätzung durch Kollegen und
Ehepartner, zum anderen mit objektiven Merkmalen der Arbeitswelt, wie Anzahl
der zu betreuenden Klienten, u.zw. im Sinne einer positiven Korrelation.
In einer Untersuchung der diskrimanten und konvergenten
Validität an Krankenpflegepersonal ermittelten Büssing & Perrar
(a. a. O.) eine deutliche Besonderheit des Burnout-Konstrukts
gegenüber vergleichbaren Konzepten, wie etwa
„Arbeits(un)zufriedenheit” oder
„Kontrollmotivation”. So kann davon ausgegangen werden, dass
über Burnout ein komplexes Phänomen erfasst wird, das in
vergleichbaren arbeitspsychologischen Konstrukten so noch nicht zur Sprache
kommt.
Von Interesse für eine Fortführung der vorhandenen
Forschungsansätze im Sinne der Speziellen Psychotraumatologie ist
möglicherweise noch die von Jones (1980) entwickelte „Staff Burnout
Scale for Health Professionals” (SBS-HP), die mit 20 Items
physiologische, psychologische und Verhaltenskomponenten bei Burnout zu
erfassen sucht. Eine Faktorenanalyse ergab die Faktoren
„Arbeitszufriedenheit” (7 Items), „psychische und
interpersonelle Spannung” (7 Items), „körperliches Kranksein
und Distress” (3 Items) und „unprofessionelle Beziehungen”
zu Patienten (3 Items).
Modellannahmen zur Entstehung von Burnout
Modellannahmen zur Entstehung von Burnout
Bei der Suche nach Erklärungsfaktoren für Burnout verdient
das Modell von Maslach besonders hervorgehoben zu werden. Die Autorin
berücksichtigt drei Faktorengruppen, die nach heutigem Kenntnisstand den
allgemeinen Bedingungsrahmen zutreffend beschreiben dürften,
Arbeitsbedingungen oder institutionellen Faktoren, individuelle Dispositonen
und interpersonelle Variable, welche die Struktur der Helfer-Klienten-Beziehung
betreffen. Innerhalb dieser drei Bereiche ermittelte Maslach die folgenden
Wirkungsbedingungen:
-
Institutionell: Überlastung durch
Zahl der Klienten (Personalmangel oder Zeitmangel); Mangel an
Einflussmöglichkeiten; Mangel an Unterstützung und Anerkennung;
geringe Kooperationsdichte und Fehlen von Supervision
-
Individuell: Innere Ängstlichkeit,
Selbstzweifel bei gleichzeitiger Selbstüberschätzung; geringe
Frustrationstoleranz; wenig Widerstandskraft gegen Anforderungen; soziale
Anpassungstendenz; starkes Über-Ich (Gewissen)
-
Interpersonell: Konzentration auf
Probleme; Mangel an positiver Rückmeldung durch Patienten; hohe emotionale
Belastung; geringe Möglichkeiten zur Veränderung und Verbesserung
In der Psychotraumatologie unterscheiden wir zwischen einmaligen,
plötzlichen Belastungssituationen und dauerhaft belastenden
Umständen. Den Wirkungsmechanismus, durch den in letzterem Fall ein Trauma
entstehen kann, bezeichnen wir als „kumulative” oder auch als
„sequentielle Traumatisierung” [2].
Burnout, wenn es denn bis zu einer traumatischen Belastung führt,
lässt sich wohl am ehesten auf „kumulative Traumatisierung”
zurückführen. Hier wird die Erholungsphase immer wieder unterbrochen,
so dass es zu einer sich allmählich aufschaukelnden Dauerbelastung
kommt.
Für Sozialberufe wurde von verschiedenen Autoren
übereinstimmend ein typischer Verlauf beschrieben. Die professionellen
Helfer haben zunächst großes Interesse an der Arbeit mit Menschen
und sind „intrinsisch” (von innen heraus) für ihren Beruf
motiviert. Extrinsische (äußerliche) Gratifikationen, wie Geld oder
sozialer Status, sind ihnen nicht wichtig. Wenn aber die Erwartungen an den
Beruf mehr und mehr enttäuscht werden, indem die Arbeitslast
überwiegt und/oder die erhoffte Anerkennung ausbleibt, steigt das
Interesse an extrinsischen Aspekten der Berufstätigkeit an. Diese sind im
Sozialbereich zumeist aber nicht so ausgeprägt, dass sie geeignet
wären, über die intrinsische Enttäuschung hinwegzutrösten.
Ganze Teams oder Abteilungen können so in die Abwärtsspirale
hineingeraten, sich vor allem auf ausbleibende Gratifikationen im finanziellen
Bereich zu konzentrieren und diese zu beklagen, für die Klienten oft schon
auf den ersten Blick sichtbar in Spruchbändern wie: „Als der Herr
die Lohnauszüge der Mitarbeiter dieses Raumes sah, wandte er sich ab und
weinte bitterlich”. Handelt es sich hierbei um einen humorvollen Umgang
mit der Problematik, so endet das eigentliche Burnout in einer ausgeprägt
zynischen und distanzierten Einstellung zur eigenen Klientel (häufiger bei
Männern anzutreffen) oder in einem chronischen Erschöpfungszustand
(häufiger bei Frauen).
Burnout in der Krankenpflege
Burnout in der Krankenpflege
Stolle (1996) hat die wichtigsten Aspekte der Burnout-Forschung auf
die besonderen Bedingungen der Pflegeberufe übertragen sowie Bedingungen
zusammengestellt, die dem Burnout entgegenwirken können
[7]. Wir stellen sie im Folgenden für die
verschiedenen Teilaspekte des Burnout-Modells zusammen. Pflegekräfte
weisen in den meisten Studien einen erheblichen Grad an Burnout-Belastung auf,
gehören aber keineswegs zur Spitzengruppe unter den Sozialberufen.
Institutionelle Rahmenbedingungen - Belastungen und
Prävention
Übereinstimmend werden starker Zeit- und Verantwortungsdruck
in Verbindung mit Zielkonflikten und Rollenunsicherheit als kritische Faktoren
genannt. Geringe Klarheit der Aufgabenstellung und mangelhafte Partizipation an
Entscheidungsprozessen tauchen in den meisten Studien auf.
Geeignete Gegenmaßnahmen sind Abgrenzung und stärkere
Professionalisierung des Pflegeberufes, z. B. ein Konzept von
Grundpflege und psychosozialer Betreuung auf der Basis wissenschaftlicher
Erkenntnisse. Pflegeziele müssen festgelegt werden, der Pflegeprozess
geplant und die Ergebnisse kontrolliert werden. Die systematische
Erfolgskontrolle eigenen Handelns führt aus der Gefahr heraus, vom
einzelnen Patienten Dankbarkeit zu erwarten. Die Enttäuschung dieser
Erwartung wirkt sich auf der individuellen Ebene besonders negativ aus. Durch
die Einführung von Management-Konzepten mit Ablaufplanung und -kontrolle
kann schrittweise dann auch der Erwartungsrahmen den realen Möglichkeiten
angepasst werden. In der Krankenhaushierarchie sollte dem Pflegedienst ein
gleichberechtigter Status neben Ärzten und der Verwaltung zukommen.
Interpersonelle Faktoren - Belastungen und
Prävention
Belastend und risikofördernd wirkt sich eine
ausschließliche Konzentration auf die Krankheit des Patienten aus. Die
Betreuung Schwerkranker ist oft durch Aussichtslosigkeit bestimmt und stellt
bei Fehlen von positivem Feedback und fehlgeschlagener Hilfeleistung eine
wesentliche Quelle von Burnout dar. Besonders in der Intensivmedizin ist eine
schwierige psychologische Balance zwischen Nähe zum Patienten und Distanz
zum Schutz der eigenen Persönlichkeit vonnöten, um die Zynismus- bzw.
Erschöpfungsspirale zu vermeiden.
Schon die Mitteilung einer infausten Prognose bildet für
viele Patienten eine potentiell traumatische Belastungssituation, in deutlicher
Abhängigkeit allerdings von der Art der Diagnosemitteilung. Hierdurch
bereits, aber natürlich noch stärker durch fehlgeschlagene
Hilfeleistung entstehen für das Pflegepersonal Situationen, die die Gefahr
einer sekundären Traumatisierung enthalten.
Hierunter verstehen wir die Auswirkung, welche die Beobachtung und/oder
empathische Begleitung einer traumatisierten Person auf die Begleiterin oder
den Begleiter haben kann. Kalte Distanzierung und Zynismus schützen nicht
wirksam hiergegen, da die traumatische Einwirkung nicht wirklich verarbeitet
wird. Sie besteht untergründig fort und führt zur charakteristischen
Spiralbewegung und Eskalation zynischer Einstellungsmuster. Nicht
„zynische Witze” sind hiermit gemeint. Diese sind weit verbreitet
und dienen im allgemeinen der persönlichen Entlastung und
Wiederherstellung einer manchmal notwendigen Distanz. „Zynismus”
in der Burnout-Forschung bezeichnet vielmehr ein Einstellungsmuster, das sich
in gefühlskaltem, unhöflichem und teilweise sogar verächtlichem
Umgang mit Patienten äußert.
Die Zynismus-Spirale weist deutliche Ähnlichkeit mit dem
Phänomen der „Traumasucht” auf [2],
bekannt etwa von Soldaten oder Rettungssanitätern, die sich zu immer
härteren Einsätzen melden. Sie müssen sich selbst beweisen, dass
sie psychisch unverwundbar sind. Ähnlich eskaliert auch eine zynische
Einstellung, über die Burnout-Betroffene ihr unterschwelliges
„Mit-Leiden” mit den Patienten überspielen und ebenso die
sich steigernde Verbitterung über das eigene Versagen.
Besonders risikoreich ist der Umgang mit Sterbenden. Wer Sterbende
begleitet, sollte besonders qualifiziert in Wahrnehmung und Reflexion der
eigenen Gefühle sein.
„Schwestern und Pfleger, die sich für einen
Sterbenden engagieren und ihn durch die Phasen des Sterbens hindurch begleiten,
gehen eine intensive gefühlsmäßige Bindung zu dem betreffenden
Patienten ein. Viele erleben gleichsam das Sterben von Freunden, Geschwistern,
Eltern oder ihrer selbst im Umgang mit diesem Patienten” (S. 329),
[2].
Um die nötige Distanz zu erhalten und andererseits der
Verantwortung für den Patienten nicht auszuweichen, die in dem ja
unvermeidlichen Umgang mit lebensbedrohlicher Erkrankung liegt, erfordert eine
optimale Arbeitsorganisation und einen guten Zusammenhalt im Team.
„Der Schutz der Helfer spielt hier eine ebenso
große Rolle wie die Fürsorge für die Kranken und Sterbenden.
Nur Helfer, die sich ihrer eigenen psychotraumatischen Gefährdung bewusst
sind und damit umgehen können, sind auch in der Lage, andere Menschen
durch die tiefe Krise hindurch zu begleiten, die die Einstellung auf den
eigenen Tod bedeutet. Als Regel kann hier gelten: Wer immer sich bereit findet,
dem Patienten eine infauste Diagnose und Prognose mitzuteilen, sollte sich auch
als Begleitperson für diesen Patienten in den sich aus dieser Nachricht
ergebenden Krisen zur Verfügung halten. Dies setzt eine gute
Arbeitsteilung und Absprache im Team voraus. Der einzelne Helfer kann nicht zu
viele Patienten so intensiv in dieser Weise betreuen. Er setzt sich sonst der
Gefahr einer kumulativen Traumatisierung aus. Von daher sind eine gute
Personalauswahl und gute gegenseitige Abstimmung im Team erforderlich, um die
heikle Balance der Gefühle aufrechtzuerhalten, die eine solche Arbeit
erfordert.” (loc. zit.).
Zur Bewältigung der interpersonellen Belastungen ist die
regelmäßige berufsbegleitende Durchführung insbesondere solcher
Supervisionen sinnvoll, die sich der Struktur der Helfer-Klient-Beziehung
widmen [8], z. B. das Supervisionsmodell nach
Balint (1965) [9]. Dieser Ansatz blickt auf eine lange
Tradition zurück, bewirkt eine Verbesserung der sozialen Kompetenz,
stärkt aber auch die berufliche Identität der Gruppenmitglieder,
indem er die „Gefühlsarbeit” professionell entwickelt, der
für Pflegeberufe zentral ist. Schilling (1992) empfiehlt speziell für
Pflegekräfte ein Vorgehen, welches das Konzept von Balint um die Reflexion
der sozialen Realität erweitert, in der die Begegnung zwischen
Pflegekräften und Patienten stattfindet, also um den oben
aufgeführten institutionellen Aspekt, wie dies etwa bei Pühl &
Schmidbauer der Fall ist (1986) [10]
[11].
Neben Verbesserung der Interaktionskompetenz kann Supervision in
der Krankenpflege einmal dazu dienen, den Lehr- und Lernprozess der
Berufsgruppe zu begleiten und zudem praktische Beratung in Problemen und
Konflikten des Alltagslebens bieten [12]. Die
Bedeutung einer kritisch angeleiteten Selbstreflexion, in der Unbewusstes
bewusst gemacht wird, z. B. durch Analyse von
Übertragungsprozessen, geht auch daraus hervor, dass ein negativer
Zusammenhang mit Burnout besteht. In ihrer Übersicht einschlägiger
Studien fand Stolle (1996) eine negative Korrelation zwischen den Variablen
„Intrazeption” (oder Introspektion) und Burnout. Sie folgert,
dass
„eine stärkere Reflexion der eigenen Motive und des
beruflichen Handelns, die rechtzeitige Bewusstwerdung emotional belastender
Situationen und der eigenen Reaktion darauf die Herausbildung eines
Burnout-Syndroms verhindern kann” (S. 114), [7].
Persönlichkeitsbezogene Variable - Belastung und
Prävention
Repräsentativ für diese Forschungsrichtung ist eine
Untersuchung von Modestin et al. (1994), die feststellten, dass Probanden mit
hohem Burnout im Vergleich zu Personen mit niedrigen Werten signifikant
höhere Ränge in den Skalen „neurotische Tendenz”
(emotionale Überschwenglichkeit, Ängstlichkeit, Verletzlichkeit) und
„Isolationstendenz” sowie signifikant niedrigere Werte in
„Frustrationstoleranz”, „Rigidität” und
„Normorientiertheit” aufweisen [13]. Da
es sich hier um Korrelationen handelt, ist schwer zu entscheiden, ob und
wieweit die Werte bereits eine Folge der Burnout-Spirale sind oder kausal
wirkende Größen. Dennoch erscheint ein bestimmtes Syndrom von
Eigenschaften in nahezu allen einschlägigen Studien, das sich mit
„mangelnde Selbstachtung, Ängstlichkeit, externe
Kontrollüberzeugung, Bedürfnis nach Sicherheit, Bedürfnis nach
positiver Wertschätzung” umschreiben lässt [7 (S.
103)]. Vielleicht als Kern dieser Eigenschaften kristallisiert sich das
sog. „Helfersyndrom” (Grutchfield 1982) heraus, das sich mit
einer eigenen erhöhten Hilfserwartung umschreiben lässt, die
stellvertretend zunächst am Patienten erfüllt werden soll
[14]. Bei Fehlschlägen oder Undankbarkeit der
Klienten steigt der innere Druck dann immer stärker an. Das
„verwahrloste, hungrige Baby” [15 (S. 18)] verlangt
sein Recht.
Umgekehrt stellen ein gefestigtes Selbstbild, das auch eine
gefestigte berufliche Identität umfasst, einen Schutz gegen Burnout dar.
Ebenso die bereits erwähnte Fähigkeit, eigene Gefühle
wahrzunehmen und sie reflektieren zu können (in den Burnout-Untersuchungen
als „Intrazeption” bezeichnet).
Stärkung von Selbstbehauptung und Abgrenzung, die
Fähigkeit, nein zu sagen, im Rahmen eines klaren Organisationskonzepts
sowie Förderung von Selbstwahrnehmung und Introspektion erscheinen hier
als geeignete Präventivmaßnahmen.
Zur Psychotraumatologie des Burnout
Zur Psychotraumatologie des Burnout
Die meisten der bisher vorliegenden empirischen Studien zum Burnout
lassen eine eventuell vorliegende lebensgeschichtliche Traumatisierung der
Helfer außer acht und erlauben daher keine Antwort auf die naheliegende
Frage, welche eigenen lebensgeschichtlichen Belastungen durch die berufliche
Tätigkeit möglicherweise kompensiert werden. Viele Medizinstudenten
berichten, dass sie die chronische Krankheit eines Elternteils oder
Geschwisters erlebt haben, oft schon seit ihrer Kindheit. Hier bietet sich eine
Fortsetzung und Vertiefung der Burnout-Forschung unter psychotraumatologischen
Aspekten an, eine Datenerhebung z. B. mit dem Kölner Trauma Inventar [16]
[17]. Oft sind es ja nicht
nur die allgemeinen beruflichen Belastungen, die zum Burnout führen,
sondern sehr spezifische Erfahrungen, die äußerlich vielleicht eher
unauffällig sein mögen, jedoch geeignet sind, unsere eher impliziten
traumatischen Erinnerungen zu „triggern” (auszulösen).
Ein Rettungssanitäter hat bereits zahlreiche entstellte
Kinderleichen gesehen, eine jedoch löst einen Schock bei ihm aus, der
seine weitere Berufstätigkeit nachhaltig behindert. Erst in der Beratung
stellt sich heraus, dass er unwillkürlich eines seiner eigenen Kinder
„gesehen” hatte. In diesem Bewusstwerden und Durcharbeiten der
traumatischen Erinnerungen liegt - neben einer Verbesserung der
institutionellen Rahmenbedingungen - ein wirksamer Ansatz zur
Prävention. Management, Stressmanagement und Entspannungstechniken sollten
ergänzt werden um Kenntnisse dieses
„Schlüssel-Schloss-Prinzips”, nach dem wir bestimmte
Reizkonstellationen unserer beruflichen Umwelt beantworten.
Grundkenntnisse der Psychotraumatologie sollten daher in den
Lehrplan des Pflegepersonals ebenso selbstverständlich Eingang finden wie
die Gestaltung des Pflegedienstes nach Gesichtspunkten eines modernen
Management, weiter auch Informationen über Maßnahmen eigener
Psychohygiene und Traumaprophylaxe.
Belastende Situationen in der Krankenpflege weisen zum einen
allgemeine Charakteristika auf. Zum anderen haben sie einen individuellen
Aspekt. Beides rechtzeitig wahrzunehmen, ist der erste, entscheidende Schritt
für die Prävention. Neben der Supervision könnte eine Art
„Debriefing” (Nachbereitung) nach schwer belastenden Erfahrungen
zu einem Bestandteil der „Unternehmenskultur” des Krankenhauses
werden.
Nach dem neuen Krankenhaus-Finanzierungsgesetz sind die
Krankenhäuser einem stärkeren Wettbewerb ausgesetzt. Das bedeutet
u. a. auch eine stärkere „Kundenorientierung” im
Umgang mit dem Patienten. So könnte sich auch im Krankenhaus jener Zwang
zur kundenfreundlichen Dauerfröhlichkeit ausbreiten, wie wir ihn aus
bestimmten Arbeitsfeldern des Dienstleistungssektors kennen. Die Alternative
wäre jedoch, eine Unternehmenskultur auch im Umgang mit den eigenen
Belastungen zu entwickeln, um vielleicht nicht zu dauerhafter Fröhlichkeit
zu finden, aber doch zu einem ausgeglichenen Umgang mit sich selbst und daher
auch mit dem Patienten.