In jedem Jahr gegen Ende Juli werden die Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften
in aller Welt kribbelig. Denn in den letzten Juli-Tagen werden die „Science Citation
Reports” veröffentlicht und damit die Impact Factoren der im Science Citation Index
bzw. im Social Science Index angeführten Zeitschriften. Der Impact Factor ist in den
vergangenen beiden Jahrzehnten neben der verkauften Auflage zu einem Entscheidungskriterium
über Gedeih und Verderb wissenschaftlicher Publikationsorgane geworden. Dabei anzumerken,
dass wissenschaftliche Qualität (mutmaßlich hoher Impact Factor) gelegentlich in einem
heiklen Spannungsverhältnis zur Beliebtheit einer Zeitschrift bei Leserinnen und Lesern
besteht: Abbestellungen mit der Begründung, eine Zeitschrift sei zu wissenschaftlich
geworden, schmerzen Herausgeber und Verleger in besonderer Weise. Andererseits sind
wissenschaftliche Bibliotheken in aller Welt dazu übergegangen, solche Zeitschriften
nicht mehr zu berücksichtigen, deren wissenschaftliches Gewicht, ausgewiesen durch
den Impact Factor, ihren Minimalkriterien nicht genügt.
Redaktion und Herausgeber der Psychiatrischen Praxis versuchen seit Jahren die Balance
zwischen Lesefreundlichkeit und Wissenschaftlichkeit zu finden - mit einigem Erfolg:
Unser Impact Factor war im Jahr 2000 auf 0,891 gestiegen, ein überaus respektabler
Wert für eine deutschsprachige psychiatrische Zeitschrift. Für das Jahr 2001 beträgt
er 1,144. Er hat sich somit gegenüber dem Vorjahr noch einmal deutlich gebessert.
Was wird gemessen?
Was wird gemessen?
Der Impact Factor ist im Laufe der letzten Jahre verstärkt zu einem Bewertungsmaßtab
individueller wissenschaftlicher Leistungen geworden. Eine Reihe von Universitäten
setzen beispielsweise einen kumulierten persönlichen Impact Factor von 25 Punkten
für eine medizinische Habilitation voraus. Andere machen den kumulierten Impact Factor
einer Klinik, eines Instituts oder einer Forschungsabteilung zu einem zentralen Kriterium
für die Zuweisung von Forschungsmitteln. Es gibt ernst zu nehmende Kritiker, die beides
für dubios halten. Aber angesichts der Inflation von Publikationen, der schieren Menge
von sonst individuell zu bewertenden wissenschaftlichen Leistungen, scheint im Augenblick
kein Weg am Impact Factor vorbeizuführen. Für eine kritisch-distanzierte Haltung gibt
es gute Gründe. Nur etwa 7000 von 140 000 Zeitschriften in aller Welt sind im SCI
und im SSCI erfasst, vor allem englischsprachige Zeitschriften. Das ist ein weiterer
Kritikpunkt. Große Teile der Welt, Russland, China, Indien und die meisten Drittweltkulturen
kommen mit ihren sich entwickelnden Wissenschaften praktisch nicht vor. Ihre Forscher
müssen sich internationalen Bewertungskriterien unterwerfen, die in Wirklichkeit angelsächsische
sind und, das ist wichtiger, für den Forschungsimpact, die Forschungsentwicklung,
in ihren Ländern kaum von Bedeutung sind.
Verzerrungen
Verzerrungen
Für uns ist eine anderer Aspekt wichtiger: Das Institut for Science Information (ISI)
in Philadelphia bemisst mitnichten wissenschaftlich wichtige einzelne Publikationen
oder einzelne Wissenschaftler. Der Impact Factor ist vielmehr ausschließlich der einer
Zeitschrift. In den meisten wissenschaftlichen Zeitschriften - die Psychiatrische
Praxis bildet da keine Ausnahme - werden etwa die Hälfte aller veröffentlichten Beiträge
nie zitiert. Schon diese Tatsache wirft ein Schlaglicht auf die verzerrende Kraft
des Impact Factors bei der Bewertung von Einzelleistungen und Personen. Die meisten
anderen Publikationen werden nur wenige Male oder auch nur einmal zitiert.
Die Hoffnung von Impact-orientierten Herausgebern liegt bei so genannten „Hot Papers”.
Von manchen internationalen Zeitschriften mit extrem hohem Impact Factor ist bekannt,
dass die Herausgeber versuchen, solche Hot Papers aktiv zu akquirieren. Die Ironie
bei der Geschichte ist, dass es sich dabei nicht immer um besonders exzellente wissenschaftliche
Leistungen handeln muss. Nicht selten sind Veröffentlichungen, die den Zeitgeist treffen
oder die besonders umstrittene Ergebnisse veröffentlichen, am zitateträchtigsten.
Manchmal wird es allerdings zur Überraschung für Herausgeber und Autoren, welche der
Veröffentlichungen am häufigsten zitiert wird. Dazu später mehr.
Wie wird gemessen?
Wie wird gemessen?
Alles dies ist vielen derjenigen, die den Impact Factor zum Maßstab für die Bewertung
wissenschaftlicher Leistungen machen, nicht bekannt. Viele wissen nicht einmal, wie
ein Impact Factor zustande kommt. Deshalb sei das hier erklärt: Der Impact Factor
ist im Prinzip das Ergebnis eines einfachen Rechenexempels. Er errechnet sich aus
der Häufigkeit der Zitierungen im Schlüsseljahr von Publikationen, die in den beiden
vorhergehenden Jahrgängen erschienen sind, dividiert durch die Anzahl der Beiträge
in diesen beiden Jahrgängen. Konkret heißt das: Impact Factor der Psychiatrischen
Praxis für 2001 beruht auf der Häufigkeit von Zitierungen von Arbeiten aus den Jahren
1999 und 2000 in Zeitschriften die vom ISI erfasst sind. Ein Impact Factor von 1 kommt
theoretisch zustande, wenn jede Publikation dieser beiden Jahrgänge im Jahr 2001 einmal
zitiert worden ist. Die 212 Zitierungen, aus denen sich ein Impact Factor von 1,144
errechnet, lassen rückschließen, dass das ISI in der Psychiatrischen Praxis 1999 und
2000 knapp 100 Beiträge pro Jahrgang gezählt hat. Das irritiert uns.
ISI zählt anders
ISI zählt anders
Bereits vor zwei Jahren war uns aufgefallen, dass das ISI anders zählt als wir. Das
ISI kam damals auf 90, wir dagegen nur auf 60 Beiträge pro Jahrgang. Wir haben uns
natürlich Gedanken gemacht, wo das Problem liegen könnte und sind zu folgendem Ergebnis
gekommen: Nach den eigenen Regularien zählt das ISI Übersichtsarbeiten, Originalarbeiten
und so genannte „Technical Reports” nicht aber Editorials, Briefe, Buchbesprechungen
oder einfache Nachrichten. Wir waren davon ausgegangen, dass auch unsere Beiträge
zur Aktuellen Psychiatrie und Kurzkasuistiken, für die wir eine spezielle Rubrik bereitgestellt
hatten, nicht in den Quotienten eingehen würden. Dies hat sich als Irrtum erwiesen.
Wir haben ab 2001 darauf reagiert, indem wir für die genannten Beiträge eine Rubrik
Korrespondenz/Forum geschaffen haben, und, wie es das American Journal of Psychiatry
seit vielen Jahren tut, die Einzelfallkasuistiken und die Beiträge zur aktuellen Psychiatrie
als Briefe an die Redaktion ausweisen. Nun hoffen wir, um die Dinge noch komplizierter
zu machen: Wenn solche Beiträge später in „gelisteten” Zeitschriften zitiert werden,
werden sie wiederum angerechnet.
Die am häufigsten zitierten Publikationen
Die am häufigsten zitierten Publikationen
72 Publikationen in der Psychiatrischen Praxis in den Jahren 1999 und 2000 wurden
2001 in „gelisteten” Zeitschriften zitiert, am häufigsten die Folgenden:
-
Hermann Spießl, Andreas Spießl, Clemens Cording: Die „ideale” stationäre-psychiatrische
Behandlung aus Sicht der Patienten (17 Zitierungen),
-
Matthias Angermeyer, Anita Holzinger, Herbert Matschinger: Lebensqualität, was bedeutet
das für mich? (9 Zitierungen),
-
Ulrike Hoffmann-Richter, Florian Wick, Barbara Alder, Asmus Finzen: Neuroleptika in
der Zeitung (9 Zitierungen),
-
Manfred Wolfersdorf, Ferdinand Keller, AG „Suizidalität und psychiatrisches Krankenhaus:”
Patientensuizide während stationärer psychiatrischer Therapie (9 Zitierungen),
-
Matthias Angermeyer, Herbert Matschinger: Neuroleptika im Urteil der Angehörigen (7
Zitierungen),
-
Asmus Finzen, Cornelia Österreich, Ulrike Hoffmann-Richter: Sind Suizide im psychiatrischen
Krankenhaus wirklich häufiger geworden (7 Zitierungen).
Es folgen mit sechs Zitierungen drei Arbeiten zum Suizid (Wurst), zur Patientensicht
über Clozapin (Boitz), sowie zum Arztbrief (Spießl und Cording). 6 Publikationen wurden
5-mal zitiert, 7 4-mal, die übrigen 3-mal und weniger, davon 23 nur 1-mal.
Die Frage, wo die psychiatrische Praxis zitiert wird, können wir nur lückenhaft beantworten.
Die Daten, die uns zugänglich sind, sprechen dafür, dass es fast ausschließlich deutschsprachige
Zeitschriften sind, vor allem der Nervenarzt und die Fortschritte - und die psychiatrische
Praxis (Selbstzitate werden bei „gelisteten” Zeitschriften gezählt).
Deutschsprachige Publikationen werden bekannterweise in angelsächsischen Zeitschriften
kaum zitiert. Das ist bitter; und es ist einer der Gründe, weshalb in den letzten
beiden Jahrzehnten immer mehr ehemals deutschsprachige Zeitschriften dazu übergegangen
sind, ausschließlich in englischer Sprache zu publizieren. Sofern es um Grundlagenforschung
geht, führt daran kein Weg vorbei. Sobald es um klinische oder andere anwendungsorientierte
Forschung geht, eröffnet sich unweigerlich ein Dilemma - das der Entfremdung von dem
Kulturraum, in dem die Forschungsergebnisse entstanden sind, und der Verlust eines
beträchtlichen Teiles der Leserschaft, die von ihnen profitieren könnte und sollte.
Dieses Dilemma scheint uns derzeit nicht auflösbar zu sein. Wir sind aber überzeugt
davon, dass man es wenigstens benennen muss.
Asmus Finzen, Martin Eichhorn, Basel