Anamnese
Anamnese
Bei der heute 46-jährigen Hausfrau entwickelte sich
vor 11 Jahren während der dritten Schwangerschaft eine
Fuß- und Großzehenheberschwäche links.
Es traten leichte sensible Störungen initial im Versorgungsgebiet
des N. peroneus profundus links auf. Vorausgehende radikuläre
Symptome, eine Blasen-Mastdarm-Störung oder Schmerzen bestanden
nicht. 2 Jahre später wurde bei Parese des N. oculomotorius
rechts in Verbindung mit rechtsseitigen Kopfschmerzen eine ophthalmoplegische
Migräne diagnostiziert. Nach 5 Jahren kam ein linksbetonter
Haltetremor der Hände hinzu, während weiterer
6 Jahre war die distale Beinparese links progredient. In den letzten
Monaten bemerkte die Patientin eine Schwäche der Handbinnenmuskulatur
rechts und ein Nachlassen der Daumenbeweglichkeit links ohne Sensibilitätsstörungen.
In der Familienanamnese waren keine neuromuskulären Erkrankungen
bekannt.
Neurologischer Untersuchungsbefund
Neurologischer Untersuchungsbefund
Es bestand ein deutlicher Steppergang links; der Fersenstand
war nicht, der Zehenstand kurz möglich. An den Armen war
nur der Tricepssehnenreflex beidseits mäßig lebhaft,
an den Beinen Patellasehnen- und Achillessehnenreflex rechts angedeutet,
links nicht auslösbar. Pathologische Reflexe waren nicht
vorhanden. Bei der Kraftgradprüfung links erreichten die
Fußheber 1/5, die Zehenheber 0/5, die
Fuß- und Zehensenker 4/5+, an der oberen
Extremität die Fingerspreizer rechts 4/5. Unterschenkel-
und kleine Fußmuskulatur links waren atrophisch. Beidseits
lagen Hohlfußbildung und Atrophie der kleinen Handmuskeln
rechts einschließlich der Thenarmuskulatur vor. Keine Sensibilitätsstörungen
oder Faszikulationen. Die Koordination war regelrecht. Im Bereich
der Hirnnerven fiel eine Ptose des rechten Auges bei isokoren runden
Pupillen und normaler Pupillomotorik auf.
Apparative Untersuchungen/Labordiagnostik
Apparative Untersuchungen/Labordiagnostik
Durch MRT-Diagnostik wurde eine Kompression nervaler Strukturen
im Bereich von Lendenwirbelsäule, kleinem Becken und linkem
Kniegelenk ausgeschlossen. Elektrophysiologisch wurden eine demyelinisierende
Schädigung des N. peroneus links in Höhe des Fibulakopfes und
eine axonale Schädigung des N. tibialis links dokumentiert. In
der Nervenbiopsie fand sich kein Anhalt für eine hereditäre Neuropathie
mit Neigung zu Druckparesen (HNPP), sondern für eine Neuropathie
im Stadium der Remyelinisation. In der molekulargenetischen Analyse
konnte keine für die HNPP typische Deletion im PMP-22-Gen
nachgewiesen werden. Umfangreiche Labordiagnostik einschließlich
Bestimmung von ANA, ANCA, ds-DNS-AK, AMA, MAG-AK, zirkulierenden
Immunkomplexen, C3-Komplement, Antikörper gegen Skelettmuskel,
Rheumafaktor (RF), Immunelektrophorese des Serums, Phytansäure,
Vitamin B12, Folsäure, Lyme- und Lues-Serologie blieb negativ.
Bei Auftreten der Oculomotoriusparese rechts blieb ein MRT-Schädel
ohne pathologischen Befund. In der Liquordiagnostik war die Zellzahl normal,
Liquoreiweiß grenzwertig, die IgG-Produktion erhöht. Oligoklonale
Banden fanden sich nicht, eine Borreliose wurde ausgeschlossen.
Therapie und Verlauf
Therapie und Verlauf
Bioptisch war keine inflammatorische Neuropathie nachzuweisen,
ein GBS lag nach klinischen Kriterien, Liquorbefund und Neurophysiologie
nicht vor. Es konnte keine spezifische Therapie angeboten werden.
Bei der Vorstellung in unserer Ambulanz lag neurophysiologisch eine
rein motorische Neuropathie mit multifokaler Verteilung an oberer
und unterer Extremität mit deutlich verlängerten
oder nicht ableitbaren F-Wellen und fokalem proximalem Leitungsblock
vor. Einige Monate zuvor war erstmals ein medikamentöser
Therapieversuch mit Steroiden über ca. 3 Wochen durchgeführt
worden. Unter der Initialdosis von 50 mg/d hatte
sich subjektiv die Kraft der rechten Hand diskret verbessert. Aufgrund
der neurophysiologischen Befunde wurden GM1-Antikörper
(Gangliosid-AK) bestimmt, die mit einem ungewöhnlich hohen
IgM-Titer von 130 560 BTU (norm < 800)
nachweisbar waren, vereinbar mit einer Multifokalen Motorischen Neuropathie
(MMN). Unter hochdosierter intravenöse Immunglobulingabe
(0,4 g/kg KG) initial über 5 Tage kam
es bei der Patientin zur Kraftzunahme in beiden Händen,
die Fuß- und Großzehenhebung nahmen um einen Kraftgrad
zu. Die Ptose rechts verstärkt sich weiterhin während
der Kopfschmerzattacken.