Einleitung
Von Zeit zu Zeit erscheint eine neue Technologie, die das Potenzial
hat, in nicht trivialen Dimensionen Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.
Telefon und Fernsehen sind 2 Beispiele für technologische Werkzeuge aus
dem 20. Jahrhundert, die von weiten Teilen der Gesellschaft in die
täglichen Lebensabläufe integriert wurden. Diese Werkzeuge sind so
allgegenwärtig, dass sie fast zu natürlichen Gegenständen in
unserer täglichen Umgebung geworden sind. Der Computer ist zu einem
Werkzeug mit ähnlichem Potenzial geworden, besonders aufgrund der
Tatsache, dass er in entscheidendem Maße zu der Existenz und dem
erfolgreichen Funktionieren eines globalen Kommunikationsnetzwerkes, dem
Internet, beiträgt.
Das Internet als Technologie und Werkzeug wird mit einiger
Wahrscheinlichkeit eine ebenso große Akzeptanz und einen ebenso
großen Einfluss auf das alltägliche Leben haben wie Telefon und
Fernsehen. Der Einfluss dieser beiden Technologien ist schnell Gegenstand
breitangelegter Forschungsaktivitäten geworden, beispielsweise in der
Medienwirkungsforschung die Untersuchung der medialen Wirkungen von
Fernsehinhalten (z. B. Gewalt und Sex) auf das Verhalten [1] sowie Emotionen und Kognitionen (zum Überblick
siehe [2]). Des weiteren verändern
Kommunikationstechnologien oft die Art der Aktivität und des Verhaltens,
die sie eigentlich unterstützen sollten. So zeigen beispielsweise
Unterhaltungen am Telefon eine Struktur, die sie von anderen Arten von
Kommunikation unterscheiden [3]. Zu untersuchen
bleibt, inwieweit ähnliche Einflüsse des Internet als
Kommunikationsmedium vorzufinden sind.
Die Bedeutung des Internet für die klinische
Psychologie
Wendet man sich den Effekten und Einflüssen zu, die das
Internet auf die klinische Psychologie als in sich geschlossene Disziplin haben
kann, so lassen sich 4 wichtige Themengebiete anhand der Dimensionen
„Information vs. Interaktion” und „Professionelle vs.
Nicht-Professionelle” systematisieren (s. Abb. [1]).
Abbildung 1: Relevante Schnittstellen
klinische Psychologie mit dem Medium Internet
-
Informationsangebote: Das Internet
zeichnet sich durch seine Informationsfülle und -reichhaltigkeit
aus. Zu fast jeder psychischen Störung finden sich Informationen über
Entstehungsbedingungen, Beschreibungen der Symptome und
Behandlungsmöglichkeiten. Somit bietet sich sowohl Hilfesuchenden und
Betroffenen als auch Professionellen die Möglichkeit, sich
kostengünstig und schnell zu bilden bzw. weiterzubilden. Problematisch ist
zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Qualitätssicherung dieser
Informationen.
-
Intervention, Psychotherapie und
Selbsthilfe: Das Internet kann fast alle Teile des Spektrums der
klinisch-psychologischen Intervention als Interaktion zwischen Hilfesuchenden
und Professionellen unterstützen, von der niederschwelligen Beratung
über psychotherapeutische Maßnahmen bis hin zur Rehabilitation.
Während zum gegenwärtigen Zeitpunkt erst die ersten empirischen
Arbeiten zur Internet-basierten Intervention publiziert werden, ist es noch zu
früh, festhalten zu können, welche Störung von welcher Art
Internet-basierter Intervention profitieren kann.
-
Effekte der Internetnutzung: Die
Nutzung des Mediums Internet dient primär der Unterstützung der
menschlichen Kommunikation, ebenso kann sie jedoch auch Effekte und
Rückwirkungen auf das Individuum selbst haben und das menschliche
Verhalten und Erfahren modifizieren. Diese potenzielle Effekte sind -
falls extreme Ausprägungen vorliegen - Gegenstand der klinischen
Psychologie.
-
Forschungsrelevante Aspekte: Das
Internet kann und wird die experimentelle Feld- und Laborforschung nicht
ersetzen können. Bei einer Reihe spezieller Fragestellungen kann das
Medium Internet jedoch hilfreich zu Forschungszwecken im Sinne der
Datenerhebung eingesetzt werden. Ebenso liegen erhebliche Potenziale für
den Austausch zwischen Forschern vor.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die weitere Explikation und
Diskussion dieser 4 Themengebiete.
Das Internet als Informationsmedium
Das Internet hat ein enormes Potenzial zur schnellen,
kostengünstigen, unkomplizierten sowie orts- und zeitunabhängigen
Gewinnung von Informationen zu psychischen
Störungen, ihren Entstehungsbedingungen und
Behandlungsmöglichkeiten, und dies sowohl
für Professionelle als auch für Laien. Es enthält eine
Fülle von klinisch-psychologisch und psychotherapeutischen Ressourcen. Ein
aktueller Überblick zu Informationsangeboten über psychische
Störungen im Internet ist zu finden bei Eichenberg und Ott
[4]. Das Informationsangebot ist reichhaltig, wenn
nicht gar tendenziell überflutend[1]. Folglich
stellt sich die Frage nach der Selektion nützlicher Informationen.
Weiterentwicklungen derzeitiger Suchmaschinen aber auch die Verbesserung
persönlicher Suchstrategien, sind dabei wichtige Aspekte, um die
Informationsflut im Internet zu managen und die Auslese an individuell
gesuchten Ressourcen zu spezifizieren.
Der Chance des niederschwelligen Zugriffs auf eine Fülle von
Informationsmaterial steht das bisher noch nicht gelöste Problem der
Qualitätssicherung Internet-basierter Ressourcen
gegenüber. Die Qualität klinisch-psychologischer Informationen ist
gerade aus der Patientenperspektive deswegen von
besonderer Bedeutung, weil Falsch- oder Fehlinformationen erhebliche negative
Folgen für das psychische und in manchen Fällen das körperliche
Wohlbefinden haben können. Für die klinische Psychologie und die
Störungsbilder, die sie beschreibt und untersucht, ergibt sich
darüber hinaus eine gesonderte Problematik. Während medizinische
Störungsbilder meist klar definiert und operationalisiert sind, finden
sich in der klinischen Psychologie und ihren Nachbardisziplinen, wie
beispielsweise der Verhaltensmedizin, eine Reihe von Störungsbildern mit
heute noch unklarer Ätiologie und damit verbunden natürlich auch
meist eine unscharfe Diagnose sowie eine nicht-kausale Behandlung. Hierzu
gehören epidemiologisch häufig auftretende Störungsbilder wie
Fibromyalgie, Neurodermitis, somatoforme Störungen und
Panikstörungen. Gerade die beiden letztgenannten zeichnen sich häufig
durch das sog. Verhaltensmerkmal des ‘doctoral shopping’ aus.
Patienten mit entsprechenden Störungsbildern zeigen häufig eine
extreme Historie in Bezug auf den Besuch unterschiedlicher Fachärzte bis
zur letztendlichen Festlegung der Diagnose. Gerade in der Phase vor der
korrekten Festlegung der Diagnose kommt es dabei bei den Patienten häufig
zu erheblichen Unsicherheiten ob des Status ihrer Erkrankung, die wiederum im
Sinne eines Teufelskreises zu Verstärkung der eigentlichen Symptomatik
führen können [5]. Qualitativ schlechte
Informationsangebote im Internet können diese Phase verlängern und
somit zu einem verspäteten Diagnose und somit zu einem verspäteten
Beginn der Behandlung beitragen.
Wurden in den letzten Jahren lediglich Modelle der
Qualitätssicherung für medizinisches Internetmaterial vorgestellt[2], um Laien die Unterscheidung zwischen seriösen
und unseriösen Angeboten zu erleichtern, so schreiten inzwischen die
Bemühungen um die Sicherung von Qualitätsstandards für explizit
psychologische Internetangebote voran. Eine Arbeitsgruppe der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie hat im November 2001 eine erweiterte und auf
die Bedürfnisse der Psychologie angepasste Kriterienliste verabschiedet
[6], die auf dem Qualitätskriterienkatalog
für Elektronische Publikationen in der Medizin, erstellt von einem
Arbeitskreis der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik,
Biometrie und Epidemiologie, beruht. Der recht komplexe Kriterienkatalog zur
Sicherung qualitativer Standards bezieht sich dabei auf 6 Bereiche, zu denen
jeweils detailliertere Angaben für die Aufbereitung und Gestaltung
psychologischer Informationsseiten gemacht werden: (1) Inhalte, (2) Technik,
(3) Informationskodierung und Präsentationsmodalitäten, (4) Ergonomie
und Design, (5) Dialog und Didaktik sowie (6) Ausbaufähigkeit. Inwieweit
sich derartige Modelle der Qualitätssicherung mittelfristig durchsetzen
werden, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt sind die meisten Projekte noch in der Konzeptions- bzw. frühen
Realisierungsphase.
Obwohl für Fachkreise die
Unterscheidung zwischen qualitativ hochwertigen und mangelhaften
Internetangeboten viel leichter fällt, betrifft das Problem der
Qualitätssicherung auch sie: Zum einen zeigten Studien, dass in der
Wissenschaft tätige Internetnutzer im Internet mehr nach Informationen aus
Nachbardisziplinen suchen als zum eigenen Fachgebiet, wo andere
Informationsmöglichkeiten (Verbandsorgane, Kongresse etc.) zur
Verfügung stehen [7]. Da die Güte der
Selektion aber u. a. von fachlichen Vorkenntnissen abhängt, sind
somit auch für professionelle Ressourcen
Qualitätssicherungsmaßnahmen entscheidend. So zeigen sich erhebliche
Einflüsse der Suchstrategie und der Erfahrung der Informationssuchenden
mit dem Medium Internet. Groot, Riet, Khan und Misso [8] konnten zeigen, dass erfahrene Internet-Redakteure
ohne medizinisches Hintergrundwissen zu einem ausgewählten
Störungsbild (hier Außenbandverletzung) validere Suchergebnisse
aufweisen konnten als ausgebildete Orthopäden.
Um den Nutzen Internet-basierter Angebote im psychotherapeutischen
Bereich zu sichern, wird also zukünftig nicht nur nötig sein,
vorhandene Modelle der Qualitätssicherung weiter zu etablieren, sondern
auch Medienkompetenzen zu erhöhen, z. B. durch einführende
Internetkurse für Fachkreise als auch für an gesundheitsrelevanten
Informationen interessierten Personen. In der Praxis stärker
berücksichtigt werden sollte auch die durch die zunehmende Verbreitung des
Internet wachsende Gruppe des „informierten Patienten/Klienten”,
in dem psychotherapeutische Tätige aktiv den Diskurs suchen über
selbstrecherchierte Informationen zur eigenen Störungen oder den
verschiedenen Behandlungsangeboten. Den Nutzen psychologischer Internetangebote
für betroffene Laien weiterhin zu optimieren und mögliche negative
Nebeneffekte zu eruieren und zu minimieren, wird also weiterhin eine wichtige
Aufgabe der klinisch-psychologischen Wissenschaft und Praxis sein. Dieses Ziel
scheint umso dringlicher, wenn wir uns die Daten zur Nutzung und zum Einfluss
gesundheitsbezogener Internetinhalte anschauen, die das Pew Research Center
(2000) in Zusammenarbeit mit der Georgetown University erhoben hat
[10]: Demnach haben 52 Mio. erwachsene Amerikaner,
bzw. 55 % der Personen mit Internetzugang, das Netz bereits
genutzt, um an medizinische Informationen zu gelangen. Ein Großteil der
Befragungspersonen, die gesundheitsrelevante Internetseiten nutzen, gaben an,
dass die rezipierten Inhalte einen direkten Effekt auf ihre Entscheidungen
bezüglich persönlicher Gesundheitsvorsorge und Arztbesuche haben.
Das Internet als Medium für klinisch-psychologische
Interventionen
An zweiter Stelle kann das Internet als Kommunikationsmedium dazu genutzt werden, den fachlichen
Austausch unter Kollegen [11] und bestimmte
Bestandteile eines klinisch-psychologischen Interventionsprozesse zu
unterstützen [12]. Die klinisch-psychologische
Intervention beschäftigt sich mit der systematischen Beeinflussung von
psychischen und psychosomatischen Störungen sowie mit psychologischen
Aspekten und Bedingungen körperlicher Erkrankungen und Behinderungen.
Dabei hat die Psychotherapie, als systematische und geplante Behandlung
psychischer und psychosomatischer Störungen sowie psychischer Aspekte
somatischer Erkrankungen mit psychologischen Mitteln, eine für das Fach
klinische Psychologie herausragende Bedeutung. Sie ist allerdings nur eine
Methode von einer Vielzahl psychologischer Interventionsmethoden
[13]. Hier zu zählen weiter die Prävention,
die Beratung, die Krisenintervention, die Rehabilitation und die Etablierung
sozialer Unterstützungssysteme. Betrachten wir die Möglichkeiten des
Internet für die klinisch-psychologische Intervention, so muss also
zwischen all diesen Arten der Intervention differenziert werden, von der
Selbsthilfe bis zur Psychotherapie. Wenn in den Publikumsmedien häufig von
der sogenannten „Cybertherapie” oder
„Internettherapie” gesprochen wird, so wird diese
wissenschaftliche Differenzierung in unterschiedliche Interventionsmethoden
nicht nachvollzogen und zumeist sehr stark dichotomisiert und polemisiert.
Tabelle 1:
Vor- und
Nachteile der wichtigsten klinisch-psychologischen Interventionsformen via
Internet |
Vorteile | Nachteile |
Psychologische Beratung
|
· | Erreichbarkeit
bestimmter Zielgruppen, die u. U. reale Beratungseinrichtungen nicht
besuchen würden: z. B. in einer Regionen mit schlechter
psychosozialer Infrastruktur oder bei körperlichen Behinderungen oder
starker psychischer Beeinträchtigung (z. B. ausgeprägte
Agoraphobie) | · | Ethische Probleme:
Nachweis der Professionalität des Beraters, Vertraulichkeit,
Datenschutzverletzungen, Verbindlichkeit des Kontaktes Kontraindikationen,
z. B. bei Personen in akuten Krisensituationen, da E-Mail-Kontakt
zeitversetzt erfolgt |
· | Ermöglicht
subjektiv unverbindlichere Kontaktaufnahme | · | Erleichterung von
Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen durch fehlende visuelle
und auditive Kanäle Rückmeldemöglichkeit begrenzt |
· | Erleichtert
Kontaktaufnahme bei Schwellenängsten | · | Archivierung kann
Einfluss auf die Unbefangenheit der eigenen Formulierungen haben |
· | Ermöglicht anonyme,
schriftliche und schnelle Konsultation | | |
· | Archivierung
möglich | | |
Psychotherapie
|
· | Erleichterung der
Anbahnung durch niederschwellige Informationsvermittlung | · | Möglichkeit
zwischenmenschlicher Erfahrungen reduziert |
· | Kostengünstige
Durchführung von Eingangsdiagnostik und Screening | · | Fehlende konzeptionelle
und empirische Basis für gezielte Indikationen |
· | Kostengünstige
Durchführung wissensvermittelnder Maßnahmen zum Therapiebeginn,
bspw. bei Schlafstörungen oder Essstörungen [14]
| | |
· | Durchführung
einzelner psychotherapeutischer Maßnahmen bei stark manualisierten
Behandlungsstrategien, bspw. kognitiv-behavioralen Elementen bei
Panikstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder
depressiven Störungen [15]
| | |
· | Effiziente
Unterstützung von therapiebegleitender Diagnostik und
Erfolgskontrolle | | |
Es liegen eine Reihe von nationalen und internationalen
Veröffentlichungen vor, die die Möglichkeiten, aber auch Grenzen
netzbasierter klinisch-psychologischer Intervention reflektieren
[16] [17]
[18] [19]
[20] [21]
[22]
[3], so dass an dieser
Stelle nur ein konziser tabellarischer Überblick zu den Vor- und
Nachteilen der beiden wichtigsten Interventionsformen via Internet (Beratung
und Psychotherapie) gegeben werden soll (s. Tab. [1]). Alle bei der Beratung genannten Punkte sind dabei
natürlich ebenso für die Psychotherapie relevant.
Zudem ist bei allen netzbasierten Interventionen nötig,
herkömmliche Methoden nicht einfach auf der Medium Internet zu
übertragen, sondern diese den mediumimmanenten Aspekten des Netzes
anzupassen - nur so kann durch die genuin neuen Möglichkeiten des
Netzes erfolgreich eine Lücke im psychosozialen Versorgungssystem
geschlossen werden. Alle klinisch-psychologischen Aktivitäten im Internet
sind nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung und Erweiterung
herkömmlicher Unterstützungsformen zu sehen. Dabei muss die
Identifikation störungsspezifischer Interventionsverfahren ein Fernziel
sein, d. h. es sollten mittelfristig Empfehlungen vorliegen, die sowohl
konzeptionell als auch empirisch begründete Interventionsverfahren und
-methoden für einzelne Störungsbilder beschreiben
[23].
Klinisch-psychologische Aspekte der Internet Nutzung
Kommunikationstechnologien unterstützen die Informationssuche
und -aufnahme und bieten die Möglichkeit zur Interaktion mit
anderen. Zu untersuchen ist die Frage, ob eine Kommunikationstechnologie wie
das Internet aber auch modifizierenden Einfluss auf die Art der Aktivität
und des Verhaltens haben, die sie eigentlich nur unterstützen sollten.
In diesem Zusammenhang wird oftmals der Themenkomplex des
pathologischen Internetgebrauchs angesprochen, ein Thema, das gerade in den
letzten Jahren überdurchschnittlich häufig unter dem Stichwort der
„Internetsucht” von den Medien aufgegriffen wurde, aber bis dato
im deutschsprachigen Raum kaum wissenschaftlich untersucht und publiziert
wurde. Hahn und Jerusalem [24] ergänzen
anekdotische Berichte von Betroffenen [25],
Einzelfallstudien [26] und Überblicksarbeiten
[27] [28]
[29] [30] für den
deutschsprachigen Bereich nun mit einer (epidemiologischen) Studienserie. Ziel
war zu ergründen, ob Internetsucht auch bei Anlegung strenger
diagnostisch-methodischer Kriterien als Phänomen Bestand hat. Von der
Stichprobe deutscher Befragungspersonen konnten mittels einer konstruktvaliden
psychometrischen Skala 90 % als unanfällig,
7 % als Internetsuchtgefährdet und 3 % als
süchtig eingeschätzt werden, wobei die Internetsucht insbesondere
(männliche) Jugendliche unter 20 Jahren trifft und mit zunehmend
höherem Schulabschluss die Anzahl der Betroffenen sinkt. Eine bestehende
Partnerschaft schützt vor der Internetsucht, Arbeitslosigkeit und
Teilzeitbeschäftigung begünstigt sie. Zu (sozialen und personalen)
Bedingungen und Ursachen des pathologischen Internetgebrauchs gibt die
Forschungsgruppe in Hahn und Jerusalem [24] Auskunft.
Zusammenfassend kommen die Autoren zu dem Schluss, dass das Phänomen
Internetsucht auch bei Anlegung strenger Maßstäbe in Deutschland zu
beobachten ist. Auch wenn nicht die hohen Prävalenzen in internationalen
Studien bestätigt wurden (z. B. [31]:
13 % der befragten Studierenden), so gibt die Anzahl der von der
Internetsucht Betroffene dennoch Anlass zur Besorgnis: Verhaltensbezogene
Abhängigkeitserkrankungen wie die Glückspielsucht (deren
diagnostischen Kriterien (DSM IV) häufig auf die Internetsucht
übertragen werden [32]) sind in Deutschland
relativ selten (0,1 % der Bevölkerung sind betroffen
[33]), so dass die Prävalenz der Internetsucht
mit 3 % demgegenüber deutlich höher ist, auch wenn
diese Daten aufgrund der mangelnden Repräsentativität und dem Problem
der Selektivität der teilnehmenden Personen in der netzbasiert
durchgeführten Befragung zur Internetsucht nicht wirklich vergleichbar
sind. Folglich sind weiterführende repräsentative
(Offline-)Befragungen nötig, um das Ausmaß pathologischen Gebrauchs
des Internet und damit einhergehenden negativen Konsequenzen für die
Betroffenen näher zu explorieren, um kurative aber auch präventive
Maßnahmen zu entwickeln.
Weitere potenzielle Probleme, wie die Effekte der Internetnutzung
im Sinne der Förderung von Persönlichkeitsstörungen, werden an
anderer Stelle beschrieben [34].
Das Internet als Forschungsmedium
Die Entwicklung und Nutzung des Internets wurde von
militärischen Einrichtungen und Forschungseinrichtungen in den 60-er und
70-er Jahren des letzten Jahrhunderts vorangebracht. In den 80-er Jahren wurde
das Internet hauptsächlich von Forschern und Wissenschaftlern als
Kommunikationsmedium verwendet. Erst mit dem Aufkommen von
benutzerfreundlicherer Software konnte das Internet ab Mitte des letzten
Jahrzehnts eine breitere Masse von Nutzern erreichen (zur Geschichte des
Internet, s. [35]).
Dass das Internet natürlich auch zu Forschungszwecken verwendet werden kann, ist eine fast in
Vergessenheit geratene Funktion des Internets. In der Wissenschaft tätige
Psychologen können das Medium nutzen, um Daten und Befunde zu spezifischen
klinisch-psychologischen Fragestellungen zu erhalten. Batinic, Werner,
Gräf und Lorenz [36] präsentieren einen
Überblick zu Methoden und exemplarischen Ergebnisse der psychologischen
Datenerfassung und Forschung im Internet. Einen konzisen Überblick
über ethische Probleme, die uns innerhalb netzimmanenter Forschung
begegnen, geben Döring [37] und Dzeyk
[38]. Wie unterschiedlich die Untersuchungsobjekte
und Forschungszwecke bei der netzbasierten Forschung sein können,
illustrieren die folgenden Beispiele.
Das Internet kann als Medium zur Datenerhebung genutzt werden. So
nutzen Gerlach und Ultes [39] das Internet, um Zugang
zu einer real schwer erreichbaren Stichprobe zu bekommen. In dieser Studie wird
Fragebogen basiert der Zusammenhang zwischen sozialer Phobie und
übermäßigen Schwitzen und Erröten untersucht. Das Internet
kann darüberhinaus selbst auch als Quelle zur Datenerhebung dienen, um
beispielsweise Verhalten im Internet zu untersuchen.
Döring [37] beschreibt neben netzexternen
verschiedene netzimmanente Forschungsdesigns, die geeignet sind, um
Besonderheiten der computervermittelten Kommunikation methodisch zu erfassen.
Abschließend kann das Internet die Forschungsarbeit nach der eigentlichen
Datenerhebung unterstützen. Der Wert des Internet für den
Datenaustausch bzw. das gemeinsame Arbeiten an Datensätzen per Public Use
Files beschreibt Jacobi [40] am Beispiel der
epidemiologischen Grundlagenforschung.
Bei jedem netzbasierten empirischen Vorgehen wird nötig sein,
das Internet als Instrument zur Datenerhebung im Hinblick auf seine Vor- und
Nachteile zu reflektieren. Hauptsächlich steht die Verlockung, eine
große (internationale) Stichprobe zeit- und kostengünstig
rekrutieren zu können, der Einschränkung von
Selbstselektionsprozessen und dem damit einhergehenden Mangel an
Repräsentativität gegenüber.