In der Johanna-Odebrecht-Stiftung in Greifswald wurde im Jahr 1998
begonnen, stationäre Rehabilitation von Alkoholabhängigen im Rahmen
einer Kombinationstherapie durchzuführen. Der geplante stationäre
Aufenthalt beträgt in der Regel sechs Wochen; anschließend sind 20
Wochen ambulante Behandlung vorgesehen.
Mit der Landesversicherungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern war ein
Pilotprojekt mit einer Patientengruppe verabredet worden; mittlerweile ist die
Einrichtung als uneingeschränkt belegungsfähig anerkannt worden. Zwei
Gruppen sind zurzeit dauerhaft belegt.
Das psychotherapeutische Vorgehen
Die Behandlung wird auf der Grundlage eines
verhaltenstherapeutischen Konzepts [1] durchgeführt; die Forderungen der
Vereinbarung Abhängigkeitserkrankungen [2] werden erfüllt.
Aus der Menge der Überlegungen, die dem Konzept zugrunde
liegen, sollen in diesem Zusammenhang nur drei genannt werden:
-
Eine dauerhafte Veränderung intrapsychischer Bedingungen
braucht mehr Zeit, als in einer kurzen stationären Entzugsbehandlung zur
Verfügung steht (deshalb sind Patienten zu fortdauerndem Selbstmanagement
zu motivieren) [3, 4].
-
Die Entwicklung der Störung und ihre Bewältigung
werden gesehen in engem Zusammenhang mit den individuellen Fähigkeiten zur
Selbststeuerung (deshalb sind die relevanten Ressourcen zu verbessern) [4,
5].
-
Für alkoholabhängige Patienten ist Abstinenz
anzustreben [6, 7].
Vor Aufnahme in den stationären Behandlungsteil wird ein
Vorgespräch geführt. Hier werden Patienten über den geplanten
Ablauf der Behandlung informiert. Sie lernen Mitarbeiter der Einrichtung und
Räumlichkeiten kennen. Hausregeln und Therapievertrag werden zum Sichten
mitgegeben. Als Hausaufgabe bis zum Therapiebeginn wird eine Selbstanalyse [8]
erbeten.
Die stationäre Behandlung wird als Gruppentherapie
durchgeführt. Einzelgespräche stützen den intendierten
therapeutischen Prozess. Jeder Patient wird im Rahmen einer individualisierten
Problemlösetherapie an die Aufgabe herangeführt, ein individuelles
plausibles Modell der Störungsentwicklung zu erarbeiten und daraus
Teiltherapieziele abzuleiten. Das plausible Modell klärt, welche
automatisiert ablaufenden Prozesse des Erlebens und/oder Verhaltens eng mit dem
Konsum von Suchtmitteln verbunden sind [3].
Teiltherapieziele sind Einstellungen oder
Verhaltensmöglichkeiten, die anstelle des gewohnten Alkoholkonsums treten
sollen. Während der stationären Rehabilitationsphase wird begonnen,
eine Annäherung an diese Teiltherapieziele zu betreiben; in der ambulanten
Rehabilitationsphase wird diese Arbeit fortgesetzt.
Die Bewältigung der Alkoholabhängigkeit durch den
Patienten wird als Teilmenge (komplexer) Lebensprobleme verstanden. Zur
Verbesserung dieser Fähigkeiten wird ein Problemlösetraining als
psychoedukative Veranstaltung eingesetzt. Hier werden Zusammenhänge
zwischen einem trainierbaren Lösungsprozess und selbst gesetzten Standards
zur Lebenszufriedenheit aufgezeigt. Beispielhaft wird dem Patienten der
Unterschied zwischen Selbstregulation und Selbstkontrolle (als Sonderfälle
der Selbststeuerung) [9] aufgezeigt. Alle therapeutischen Mitarbeiter der
Einrichtung (Ärzte, Bezugstherapeuten, Sozialarbeit, Co-Therapeuten,
Therapeuten aus der Ergo-, Physio- und Sport-Therapie) stützen und
fördern den therapeutischen Prozess. Zusätzliche psychoedukative
Angebote zu Informationen über Abhängigkeit, zur Gesundheitsvorsorge
und Angebote zur gemeinschaftlichen Gestaltung der Freizeit
vervollständigen unser Angebot.
Eine weitere Besonderheit unseres Vorgehens ist das therapeutische
vor- und nachbereitete Realitätstraining: Die Patienten können ihre
individuellen Entwicklungsstände an jedem Wochenende in ihrem gewohnten
sozialen Umfeld überprüfen.
Am Ende der stationären Behandlungsphase von auswärtigen
Patienten wird in der Regel der erreichte Therapiestand gemeinsam vom
Therapeuten und Patienten an diejenige Beratungsstelle übergeben, die die
ambulante Rehabilitationsphase durchführt. Die Beratungsstellen der
Johanna-Odebrecht-Stiftung haben ausdrücklich das Fortführen der
Selbstmanagement-Therapie in ihren Konzepten zur ambulanten Rehabilitation
festgeschrieben [10]. Die Vernetzung mit den Beratungsstellen der Region ist
durch gemeinsame Supervision und durch gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen
sehr solide geworden.
Ergebnisse
Die Aufnahmejahrgänge wurden jährlich nachbefragt. Als
Erhebungsinstrument diente der Fragebogen des Instituts für
Therapieforschung, München [11]. Berechnungsgrundlage ist der gesamte
Jahrgang. Nichtantworter werden als rückfällig gewertet.
Die günstigen Tendenzen aus den ersten Nachbefragungen
(Erfahrungsberichte 1 bis 3) haben sich im Jahr 2001 [12] stabilisiert:
-
Durchschnittlich zwölf Monate nach der Entlassung waren aus
dem Aufnahmejahrgang 2000 noch 41 % der Patienten nach eigenen
Angaben durchgehend abstinent; 27 % bezeichneten sich als
abstinent nach Rückfall.
-
Aus den Aufnahmejahrgängen 1998 und 1999 beschrieben sich
im Jahr 2001 insgesamt 34 % der ehemaligen Patienten als
durchgehend abstinent und 20 Prozent als abstinent nach Rückfall.
-
Für die Teilmenge derjenigen Patienten, die nach der
sechswöchige stationären Rehabilitationsphase an der ambulanten
Rehabilitationsphase in unserem Haus teilnahmen, zeigen sich wesentlich
günstigere Zahlen (gut 60 %); wegen der relativ kleinen
Fallzahl können diese günstigen Zahlen zurzeit nur als Tendenzen
angesehen werden.
Die weichen Hinweise zur
Patientenzufriedenheit (hohe Rate regulärer Behandlungsbeendigungen, hoher
Rücklauf der Nachbefragungen, geringe Rückfallrate) deuten auf gute
Akzeptanz unserer Vorgehensweise. Qualitätssichernde Nachbefragungen vom
Kostenträger weisen auf eine überdurchschnittlich hohe
Patientenzufriedenheit hin [13]. Die Wiedereingliederung in das Erwerbsleben
verläuft relativ günstig. Die Erwerbssituation in unserem Bundesland
ist zu berücksichtigen.
Zusammenfassung
Es haben sich erfreuliche Ermutigungen gezeigt, im
psychotherapeutischen Prozess zur Bewältigung der Alkoholabhängigkeit
eine enge Anbindung an die Selbstmanagement-Therapie zu suchen. Das Verfahren
wird als Basistherapie verstanden. Patienten treffen mit therapeutischer
Unterstützung eigene stabile Entscheidungen zur
Störungsbewältigung und zu bearbeitungswürdigen
Teiltherapiezielen. Wir bauen dabei auf motivierende Interventionen auf und
intensivieren diese Ansätze.
Ausblick
Im Weiteren wird zu überlegen sein, ob über weitere
psychoedukative Angebote (z. B. zu Themen wie Selbstsicherheit und/oder
soziale Kompetenz) den Patienten zusätzliche Erlebnisfelder zu
eröffnen sein werden, um definierte Teiltherapieziele effektiver anstreben
zu können.
In der praktischen Arbeit hat sich gezeigt, dass die
Alkoholabhängigkeit häufiger von psychischen Auffälligkeiten mit
Krankheitswert begleitet wird (Komorbidität). Die Zusammenhänge
werden genauer untersucht werden. Für diese Patienten wird eine
effektivere Versorgung zu organisieren sein.
Das Vorgehen war von Anfang an auf wissenschaftliche Begleitung
ausgelegt. Die Intensität der Evaluation hatte sich an die Ressourcen
anzupassen, die in der Etablierungsphase der Einrichtung zur Verfügung
standen; diese Potenziale werden vergrößert werden.