Einleitung
Einleitung
Die lymphomatoide Papulose (LyP) wurde erstmals 1968 durch Macauly beschrieben [1]. Dabei handelt es sich um eine seltene lymphoproliferative Hauterkrankung mit zumeist benignem Verlauf (Inzidenz 1,2 - 1,9 Fälle/1 000 000) [2]
[3]. Klinisch charakteristisch ist das rezidivierende Auftreten selbstheilender erythematöser, z. T. zentral nekrotischer Papeln und Knötchen (Abb. [1]). Trotz des für die Erkrankung typischen Phänomens der spontanen Abheilung individueller Läsionen nimmt die LyP nicht selten einen chronisch-rezidivierenden Verlauf über Jahrzehnte.
Abb. 1 a Zentral nekrotische, erythematöse Knötchen im Bereich des Abdomens einer Patientin mit LyP.
Abb. 1 b Detail
Abb. 1 c Kleine erythematöse Papel im Bereich des rechten Oberarms derselben Patientin.
Dem benignen klinischen Verlauf steht ein ungewöhnliches histologisches Bild mit Hodgkin-Reed-Sternberg-ähnlichen, atypischen CD30-positiven T-Lymphozyten, eingebettet in ein z. T. stärkeres reaktives entzündliches Infiltrat gegenüber (Abb. [2]). Die histologischen Merkmale der LyP sind variabel, so dass drei verschiedene Typen der LyP, Typ A, B und C, beschrieben wurden [4]. Eine allein auf histologischen Merkmalen beruhende Abgrenzung der LyP von anderen kutanen Lymphommanifestationen, inbesondere dem kutanen CD30-positiven großzelligen T-Zell-Lymphom, ist schwierig und in manchen Fällen nicht möglich [5].
Abb. 2 Immunhistologie (APAAP): CD30-positive, atypische blastäre Zellen sowie stärkeres reaktives entzündliches Infiltrat.
Lymphom oder reaktiv entzündlicher Prozess
Lymphom oder reaktiv entzündlicher Prozess
Aufgrund der beiden widersprüchlichen Merkmale, „klinisch benigner Verlauf” und „histologisch malignes Zellbild”, warf die LyP lange Zeit Fragen hinsichtlich ihrer nosologischen Zuordnung auf. Die einen hielten sie für einen reaktiven Prozess [6]
[7], andere für ein niedrigmalignes kutanes Lymphom [8]. Zur Klärung dieser Frage trugen folgende sowohl klinische Beobachtungen als auch histologische und molekularbiologische Untersuchungen bei.
Bei 10 - 20 % der Patienten mit LyP kommt es zum Auftreten maligner kutaner/nodaler Lymphome. Beschrieben ist die Assoziation mit dem CD30-positiven großzelligen T-Zell-Lymphom, der Mycosis fungoides oder selten dem Hodgkin Lymphom [9]
[10]
[11]. Sowohl immunhistologisch als auch insbesondere durch Nachweis eines identischen T-Zell-Klons in Hautläsionen von LyP und assoziiertem Lymphom ließ sich in vielen dieser Fälle die LyP als „Vorläufer” des malignen Lymphoms identifizieren [12]
[13]
[14]
[15]. Somit ergab sich die Vermutung, dass es sich bei der LyP per se um eine monoklonale T-Zell-Proliferation handelt.
Klonalitätsuntersuchungen von Patienten mit LyP ohne Assoziation mit malignen Lymphomen, die repräsentativ mehr als 80 % der Fälle von LyP darstellen, erbrachten jedoch widersprüchliche Ergebnisse. Eine klonale T-Zell-Population konnte nur in einem Teil der untersuchten Läsionen gefunden werden und zeigte sich zudem in anatomisch unterschiedlichen Läsionen eines Patienten nicht immer identisch [16]
[17]
[18]
[19].
Als ursächlich hierfür waren sowohl biologische als auch methodische Erklärungen in Betracht zu ziehen. Einerseits könnte es sich bei der LyP um ein Kontinuum aus einer zunächst poly-/oligoklonalen Erkrankung handeln, die sich in 10 - 20 % der Fälle zu einer klonalen malignen T-Zell-Proliferation mit möglichem Übergang in ein malignes Lymphom entwickelt. Anderseits wurden in den bis dato vorliegenden Studien Methoden wie Southern blot- oder PCR-Analyse von DNA-Gesamtgewebeextrakt verwendet, die nicht immer ausreichende Sensitivität besitzen, um eine kleine Population klonaler Zellen vor einem polyklonalen Hintergrund, bestehend aus reaktiven Zellen, zu identifizieren. Zudem haben diese Methoden den Nachteil, eine gefundene Klonalität nicht einer histomorphologisch definierten Zellpopulation zuordnen zu können und somit die Frage zu beantworten, ob die klonale Zellpopulation ausschließlich die atypischen CD30-positiven Zellen umfasst oder ob auch morphologisch unauffällige CD30-negative Zellen dem Klon zugehören.
Einzelzellanalyse CD30-positiver und CD30-negativer Zellen der lymphomatoiden Papulose
Einzelzellanalyse CD30-positiver und CD30-negativer Zellen der lymphomatoiden Papulose
Um diese Fragen zu klären und dabei erwähnte methodische Probleme zu umgehen, wurde die T-Zell-Rezeptor-γ-Umlagerung einzelner mikrodissezierter sowohl CD30-positiver als auch CD30-negativer T-Lymphozyten isoliert aus Läsionen von klassischen Patienten mit LyP ohne assoziiertem malignen Lymphom analysiert (Abb. [3]) [20]. Diese Untersuchung von 14 Hautbiopsaten von 11 Patienten konnte zeigen, dass die atypischen CD30-positiven Zellen einer Läsion einem Zellklon entstammen. Darüber hinaus ließ sich der identische CD30-positive Zellklon auch in anatomisch und zeitlich (bis zu 52 Monaten) unterschiedlichen Hautläsionen nachweisen [20]. Die untersuchten CD30-negativen Zellen zeigten sich in dieser Studie bis auf wenige Ausnahmen polyklonal und nicht dem CD30-positiven Zellklon zugehörig. Somit ließ sich die auf früheren Studien basierende Vermutung, dass es sich bei der LyP tatsächlich um eine monoklonale CD30-positive T-Zell-Erkrankung handelt, erstmals auf Einzelzellebene bestätigen. Eine kürzlich erschienene Arbeit auf Einzelzellebene zeigte ebenfalls das Vorliegen einer klonalen T-Zell-Population in LyP, wobei in dieser Studie an 4 Patienten die klonale Population in den CD30-negativen Zellen ausgemacht wurde [21].
Abb. 3 Vorgang der mechanischen Mikropräparation von CD30-positiven Einzelzellen. a Vorsichtiges Freipräparieren der Zelle mit spitzer Glaskapillare. b Überführen der Einzelzelle in offene Glaskapillare.
Somit konnte gezeigt werden, dass der chronische Verlauf der LyP mit den für diese Erkrankung charakteristischen rezidivierenden, spontanheilenden Hautläsionen auf die Expansion und Regression eines identischen T-Zell-Klons zurückzuführen ist. Damit erfüllt die LyP trotz ihres benignen Verlaufs neben dem malignen histologischen Zellbild ein weiteres klassisches Malignitätskriterium, nämlich das der Monoklonalität, und nimmt hierdurch eine Sonderstellung in der Tumorbiologie ein. Diesen Befunden Rechnung tragend, wird die LyP heutzutage als niedrigmalignes T-Zell-Lymphom mit einer 10-Jahres-Überlebensrate von 100 % gesehen und ist als solches sowohl in der EORTC- als auch in der WHO-Klassifikation der Lymphome aufgeführt [22]
[23].
Pathogenese und Mechanismen der klinischen Regression und Progression
Pathogenese und Mechanismen der klinischen Regression und Progression
Der Nachweis, dass es sich bei der LyP um eine monoklonale Erkrankung handelt, hat zwar einiges zur besseren Einordnung und Verständnis dieser Dermatose beigetragen, wirft jedoch weitere Fragen auf:
-
Wie und wo entsteht der Klon und wo verbleibt er in den teilweise monatelangen Phasen der klinischen Remission?
-
Welche Mechanismen führen zur Regression des Klons und welche lassen den Klon der benignen LyP in ein malignes Lymphom übergehen?
Das derzeit gültige Konzept der Entstehung eines malignen Lymphoms sieht eine initiale Tranformation eines einzelnen Lymphozyten vor, die vermutlich nach Akkumulation weiterer Mutationen in eine unkontrollierte klonale Proliferation des betroffenen Lymphozyten mündet [24]. Prädisponierende oder ursächliche Faktoren hierfür konnten bislang nicht eindeutig identifiziert werden. Verschiedene Faktoren, die eine chronische Antigenstimulation als Folge haben, werden jedoch postuliert [25]. Diese maligne Transformation kann in jedem Reifungsstadium des Lymphozyten erfolgen. Im Falle der extranodalen Lymphome wurde bisher angenommen, dass die maligne Transformation direkt im jeweiligen Manifestationsort, im Falle der kutanen Lymphome also in der Haut, erfolgt. Aktuelle Daten zeigen, dass die initiale Transformation bei der LyP möglicherweise bereits im Knochenmark erfolgen könnte [26].
Dieses für kutane Lymphome allgemein gültige pathogenetische Konzept muss prinzipiell auch für die Pathogenese der LyP angenommen werden.
Untersuchungen zur Klärung des für die LyP charakteristischen Phänomens der spontanen Regression fokussierten auf das bei der LyP exprimierte Oberflächenantigen CD30 und die Interaktion mit seinem Liganden CD30L. Hier konnte eine deutliche Überexpression des CD30-Liganden (CD30L) in abheilenden Läsionen im Vergleich zu persistierenden Läsionen gezeigt werden, eine Beobachtung, die für das Phämomen der spontanen Regression in LyP verantwortlich sein könnte [27]. Die bei LyP bis zu monatelangen Phasen der klinischen Erscheinungsfreiheit vor erneuter klinischer Manifestation weisen auf eine klinisch stumme Persistenz des T-Zell-Klons hin [14]
[20]. Zu den möglichen Kompartimenten, in denen der Zellklon persistieren könnte, ist neben Haut, Blut und Lymphknoten ebenfalls das Knochenmark anzuführen [26]. Auch sind die Faktoren, die zur erneuten klinischen Manifestation des Zellklons führen, unbekannt. Das in Hautläsionen der LyP ausgeprägt vorhandene reaktive lymphozytäre Infiltrat weist möglicherweise darauf hin, dass die körpereigene zellmediierte Immunabwehr über längere Zeit in der Lage ist, das Zellwachstum bei der LyP zu kontrollieren [28]. Eine eindeutige Korrelation des Rezidivierens der LyP mit Phasen der Immunsuppression konnte jedoch nicht belegt werden.
In 10 - 20 % der Patienten mit LyP kommt es zumeist nach jahrelangem Verlauf zur Manifestation von malignen Lymphomen, wobei in den meisten Fällen ein gemeinsamer Zellklon in LyP und malignem Lymphom gefunden werden konnte. Die Aufklärung der Mechanismen für diese weitere Transformation bzw. Progression der klinisch „benignen” klonalen Zellproliferation (LyP) in ein malignes Lymphom ist Gegenstand einiger Studien. Dabei konnte an einer humanen T-Zell-Lymphomzelllinie, die aus einem CD30-positiven T-Zell-Lymphom eines Patienten mit LyP gewonnen wurde, eine Deletion im Gen des Transforming growth factor-β (TGF-β)-Rezeptors gezeigt werden. Diese Deletion ermöglicht den Zellen des malignen Lymphoms, vermutlich im Gegensatz zum Zellklon der LyP, sich der Wachstumskontrolle durch Transforming growth factor-β (TGF-β) zu entziehen [29]. Ferner könnte die Resistenz gegenüber einer CD30-mediierten Wachstumsinhibition eine Rolle für die Progression spielen [30]
[31]. Eine weitere Studie konnte eine vermehrte Fascin-Expression in LyP-Läsionen von Patienten mit assoziiertem systemischen Lymphom zeigen, so dass die Expression von Fascin in LyP als Marker für Progression postuliert wurde [32].
Mehrschritt-Tumorgenese der Lymphome am Beispiel der lymphomatoiden Papulose
Mehrschritt-Tumorgenese der Lymphome am Beispiel der lymphomatoiden Papulose
All diese die LyP betreffenden Daten belegen beispielhaft das gültige Konzept der Mehrschritt-Tumorgenese. Das oder die initial transformatorischen Ereignisse bei der LyP führen zwar zu monoklonaler Zellexpansion einhergehend mit Zellatypie, reichen aber vermutlich nicht aus, um sich der Kontrolle des Immunsystems entziehen zu können. Erst durch Akkumulation weiterer Mutationen scheint es zur Progression in ein malignes Lymphom mit unkontrolliertem Zellwachstum zu kommen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit diese Mutationen zu erwerben, bedingt durch die deutlich verlängerte Lebensdauer des Zellklons bei der LyP, im Vergleich zu normalen Lymphozyten erhöht.
Eine der LyP vergleichbare Konstellation findet sich bei der MGUS (= monoclonal gammopathy of undetermined significance), eine Erkrankung, die bis zu 1 % der Normalbevölkerung über dem 50. Lebensjahr betrifft. Trotz jahrzehntelangem asymptomatischen Verlauf wird nur bei einem kleinen Teil dieser Patienten der Übergang in ein malignes Plasmozytom beobachtet [33].
Für die Mehrschritt-Tumorgenese spricht ferner die Beobachtung, dass sich in Patienten mit Auftreten mehrerer morphologisch unterschiedlicher Lymphome, in den meisten Fällen trotz unterschiedlichem histologischen und immunhistologischen Phänotyp, mittels PCR-Analyse ein gemeinsamer Ursprung von einer einzigen transformierten Zelle nachweisen lässt [12]
[15]
[34]. Die Koinzidenz meherer Lymphome ausgehend von zwei unterschiedlichen, transformierten Zellen ist dagegen eine Rarität [35].