Migration und Integration in einem gewachsenen Europa
Migration und Integration in einem gewachsenen Europa
Mitteleuropa ist gegenwärtig das Ziel von Wanderungsbewegungen vorher nicht gekannten
Ausmaßes. Es besteht Einmütigkeit darüber, dass der Wohlstand sowie die kulturelle
Vielfalt und Kreativität der Europäer ihrer ethnischen Heterogenität durch Kultur-
und Ländergrenzen überschreitende Wanderungsbewegungen zu danken sind. Der Raum für
entsprechende Migrationsbewegungen ist seit dem 1. Mai 2004 im Europa der 25 noch
größer geworden. In Deutschland repräsentieren Migranten mittlerweile mehr als 12
% der Bevölkerung [1]. Die Mehrkulturalität wird somit noch stärker zur Alltagswirklichkeit werden, als
wir dies in den vergangenen 30 Jahren mit unterschiedlich heftigen sozialen Verwerfungen
bereits erfahren haben.
Die Frage, wie wir mit den Fremden leben, stellt sich unter den sich wandelnden Zeitverhältnissen
immer wieder neu. Eine grenzüberschreitende Diskussion darüber entfachte sich nach
der Ermordung des niederländischen Regisseurs van Gogh durch einen Migranten muslimischer
Religionszugehörigkeit. Wo immer diese Diskussion konstruktive Elemente hatte, lenkte
sie den Fokus auf die Wechselseitigkeit von kulturübergreifenden Akkulturations- und Globalisierungsprozessen. Das, was die
betroffenen Menschen - Einheimische und Migranten - im Rahmen von Migrationsprozessen
durchleben, geriet mehr und mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Viele entscheidende
Fragen sind gestellt worden, aber (noch) ohne verbindliche sozialpolitische Antworten
geblieben: Was können und müssen die Bürger eines Aufnahmelandes tun, damit das Zusammenleben
funktioniert? Was kann und muss den Migranten abverlangt werden? Was überfordert die
Bürger des Aufnahmelandes, und was überfordert Migranten? Wo liegen die wechselseitigen
Vulnerabilitäten und Schmerzgrenzen? Wie viel Vielfalt und Nebeneinander sind sozial
förderlich? Wo führt „Parallelität” durch Anderssein ins gesellschaftliche Abseits?
Mittendrin und doch nicht dabei
Mittendrin und doch nicht dabei
Als (Sozial-)Psychiatern und Psychotherapeuten sind uns Fragestellungen dieser Art
sehr vertraut. Ähnliche Fragen werden im Zusammenhang mit allen, die „anders” sind
gestellt und betreffen somit nicht nur ethnische, sondern auch soziale Minoritäten
und nicht zuletzt auch die Gruppe der psychisch Kranken. Wir haben als Professionelle
bei der Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Behinderungen in die Gesellschaft
sattsam Erfahrungen sammeln können, welch enge Grenzen der Integration gesetzt sind
und wie sehr Vorurteile in der Bevölkerung den Erfolg entsprechender Maßnahmen infrage
stellen. Auch Migranten, die Symbolfiguren des Fremden schlechthin darstellen, sind
- besonders in der ersten und zweiten Generation - mit Stigmatisierung und Ausgrenzung
konfrontiert. In Frankreich stellte der Pariser Rechnungshof fest, dass eine Chancengleichheit
für Migranten (der ersten und zweiten Generation, Zusatz W. M.) weder im Beschäftigungssektor,
noch in der Wohnungspolitik, noch in der Bildungspolitik erreicht werden konnte [2]. Gleiches gilt für Deutschland.
Defizite in der psychiatrischen Versorgung von Migranten
Defizite in der psychiatrischen Versorgung von Migranten
Auch in der Gesundheitspolitik scheint die Chancengleichheit für Migranten eher ein
erklärtes Ziel als alltägliche Realität zu sein. Die folgenden Fakten belegen dies
am Beispiel der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Migranten in Deutschland.
Das Ausmaß der psychischen Morbidität dieser Personengruppe kann bislang nur geschätzt
werden, da verlässliche epidemiologische Daten dazu fehlen. Es ist jedoch anzunehmen,
dass Migranten eine mindestens ebenso hohe Morbidität wie Einheimische haben sowie
eine erhöhte Morbidität für somatoforme Störungen, psychische Traumen und je nach
Alter und ethnischer Herkunft für Sucht, wie z. B. Jugendliche aus Osteuropa [3]
[4].
Dennoch sind Migranten in den meisten offenen stationären und teilstationären psychiatrischen
Bereichen unterrepräsentiert, dafür aber in den geschlossenen Bereichen und der Forensik
überrepräsentiert [5]. Zudem ist bekannt, dass Migranten mehr Notfallleistungen erhalten, aber weniger
ambulante psychotherapeutische Behandlungen sowie rehabilitative Angebote von geringerer
Qualität [6].
Die Gründe für die unterschiedliche psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung
von Migranten und Einheimischen sind sowohl auf der Seite der Migranten selbst als
auch auf der Seite der einheimischen Behandler zu suchen.
Zum einen spielen Zugangsbarrieren eine Rolle, die mit den subjektiven Einstellungen
und Haltungen der Migranten zusammenhängen. So sind beispielsweise bei Betroffenen aus kollektivistischen Gesellschaften
muslimischer Glaubenszugehörigkeit Schamgefühle und Stigmatisierungsängste beim Bekanntwerden
einer psychischen Erkrankung stärker ausgeprägt als bei Einheimischen. Parallel dazu
ist ein scheinbar paradoxes Zugangsverhalten zu beobachten. So kommen z. B. Migranten
mit schweren psychischen Erkrankungen etwa doppelt so schnell zur Behandlung in die
psychiatrische Regelversorgung einer Instituts- bzw. einer Drogenambulanz als Einheimische
[7]
[4]. Eine Ursache dafür könnte sein, dass das traditionelle familiäre Bewältigungssystem
beim Auftreten einer schweren psychischen Erkrankung überfordert ist, sodass das Familienoberhaupt
verlangt, dass sich der Erkrankte in Behandlung begibt [4]. Trotzdem kommen auch bei schweren psychischen Erkrankungen weniger Migranten zur
Therapie als statistisch zu erwarten wären [2]
[7]. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein Teil der Betroffenen kehrt zur Behandlung
in ihre Ursprungsländer zurück, ein Teil wird vom Hilfenetzwerk der Migranten aufgefangen
und ein Teil kommt nur zur Notfallbehandlung in die Klinik. Bei weniger augenfälligen
psychischen Erkrankungen fühlen sich häufig die Großfamilien in der Pflicht, den Betroffenen
zu helfen.
Auf Seiten der Professionellen ist vor allem von Bedeutung, wie Leistungen angeboten werden. Niedrigschwelligkeit
ist dabei eine wesentliche Qualität. Neben einer offenen, migrantenfreundlichen Haltung
sind mehrkulturelle Behandlerteams mit Kulturkompetenz und -sensibilität sowie der
Bereitschaft zu muttersprachlichen Behandlungen und Dolmetschereinsätzen erforderlich.
In der Praxis sind entsprechende Bedingungen jedoch selten gegeben, da der Versorgungszugang
für Migranten erschwert wird durch Sprachbarrieren, von den Krankenkassen abgelehnte
Kostenübernahmen für Dolmetschereinsätze im ambulanten Bereich sowie schlechte Erfahrungen,
die Zuwanderer mit kommunalen Einrichtungen gemacht haben. Darüber hinaus besteht
häufig ein Informationsdefizit, da es an mehrsprachigen Informationsblättern über
Zugangswege zu sozialpsychiatrischen Diensten fehlt.
Auf dem Weg zu einer verbesserten Migrantenversorgung
Auf dem Weg zu einer verbesserten Migrantenversorgung
Vor zwei Jahren veranstalteten das Referat für Transkulturelle Psychiatrie der DGPPN,
das Ethno-Medizinische Zentrum Hannover sowie die Deutsch-Türkische Gesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit (DGPPG) eine gemeinsame Tagung,
die eine verbesserte Integration von Migranten in das psychiatrisch-psychotherapeutische
Versorgungssystem zum Ziel hatte.
Auf dieser Tagung wurden in einem breiten Konsens Leitlinien zur psychiatrisch-psychotherapeutischen
Versorgung von Migranten in Deutschland formuliert [8]
[9]. Dabei ging es allen Beteiligten darum, die Erfordernisse einer adäquaten psychiatrisch-psychotherapeutischem
Versorgung auf den Punkt zu bringen und Handlungsschritte im Sinne von „good practice”
aufzuzeigen [10].
In den 12 Leitsätzen geht es im Wesentlichen um die interkulturelle Öffnung der Regelversorgung
durch Kultursensitivität und -kompetenz, die Bildung multikultureller Behandlerteams,
den Einsatz von Dolmetschern und Kulturmediatoren, die Kooperation mit den Migrantengruppen
sowie die Verbesserung mehrsprachiger Informationen über das Gemeindepsychiatrische
Versorgungssystem und deren Aufgaben. Darüber hinaus wird die Notwendigkeit der Fort-
und Weiterbildung und des Studentenunterrichts auf dem Gebiet der Transkulturellen
Psychiatrie betont, die Sicherung der Qualitätsstandards bei der Begutachtung von
Migranten im Straf-, Zivil- und (Asyl-)Sozialrecht sowie die Bedeutung von Forschungsinitiativen
zur psychischen Gesundheit von Migranten.
Ein Beispiel für einen innovativen Ansatz in der Migrantenversorgung ist die kulturelle
Mediation [11]. Das Konzept zielt darauf, Schlüsselpersonen in Migrantengruppen zu verschiedenen
Gesundheitsthemen wie Sucht, Drogen oder psychischen Erkrankungen zu schulen. Von
den Schlüsselpersonen werden dann in Moscheen, Versammlungsräumen oder Bildungseinrichtungen
Gesundheitskampagnen für unterschiedliche Migrantengruppen veranstaltet. Mit dieser
Strategie, die Einwanderer auf unterschiedlichen Ebenen erreicht, kann die Inanspruchnahme
von Gesundheitsdiensten erhöht werden [11]. Der Ansatz, der „Geh-” und „Komm-Strukturen” verbindet, wird durch Autoritätspersonen
(„Key Persons”) vermittelt, die sowohl in der Minorität der Migrantengruppen als auch
in der Majoritätsgesellschaft hohes soziales Ansehen genießen und daher eine Brückenfunktion
ausüben können. Das Konzept der kulturellen Mediation kann von jeder psychosozialen
Einrichtung genutzt werden und dabei an die regionalen migrationsspezifischen und
psychiatrischen Bedingungen angepasst werden.
Was macht eine gelungene Integration aus?
Was macht eine gelungene Integration aus?
Migration ist keine horizontale Entwicklung, sondern ein Prozess, an dessen Ende im
besten Fall eine neue bi- oder mehrkulturelle Identität steht. Dabei geht es nicht
um die Assimilation an eine korsettierte Leitkultur als „Maßstab aller Dinge”. Das
eigentliche Merkmal einer gelungenen Integration - die Akkulturation - ist die Entstehung
einer neuen kulturellen Identität, die weder der Ursprungskultur noch der Kultur des
Aufnahmelandes entspricht und deshalb auch nicht vorauszubestimmen ist. Wer sich in
andere Kulturen integrieren möchte, durchläuft gewissermaßen eine „kulturelle Adoleszenz”
und muss somit auch die Kernaufgaben der Adoleszenz, nämlich die Ablösung von den
kulturellen Elternsurrogaten, die Entwicklung einer neuen Identität und die Übernahme
neuer sozialer Rollen in der Aufnahmekultur noch einmal bewältigen [12].
Kann die Psychiatrie Akkulturationsprozesse unterstützen?
Kann die Psychiatrie Akkulturationsprozesse unterstützen?
Die „kulturelle Adoleszenz” kann, wie alle Individuationsprozesse, nicht erzwungen,
aber auf vielfältige Weise gefördert werden. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe,
bei der wir als Psychiater und Psychotherapeuten durch die Behandlung psychischer
Störungen eine wichtige und letztendlich integrative Aufgabe wahrnehmen können.
Eine Umfrage zur Bedeutung der Transkulturellen Psychiatrie für die psychiatrische
und psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung zeigte jedoch, dass gerade die Schlüsselfiguren
unseres Faches - die Weiterbildungsleiter - die Migrantenpsychiatrie sehr ambivalent
beurteilen [13]. Fast alle Befragten halten den Weiterbildungsbedarf in diesem Gebiet zwar für hoch,
schätzen aber die Bedeutung für die Facharztausbildung und das Curriculum als gering
ein. Dabei hatten die Weiterbildungsleiter mit dem geringsten Wissen über Transkulturelle
Psychiatrie in der klinischen Praxis mit Migrantenpatienten die meisten Schwierigkeiten.
Dies zeigt, dass die Ideenbewegung Migration und psychische Gesundheit zwar lebendig
ist, aber noch weit davon entfernt, eine Handlungsbewegung zu sein.