Hintergrund
Hintergrund
Disease-Management-Programme (DMP) sind der jüngste einer Reihe von Versuchen, die
Organisation der Krankenversorgung im deutschen Gesundheitswesen so zu reformieren,
dass sie das Prädikat, ein „System” darzustellen, auch tatsächlich verdient. Vor allem
die Koordinations- und Kooperationsmängel, die sowohl innerhalb der ambulanten (allgemein-
oder fach-) ärztlichen Versorgung als auch zwischen ihr und der akut-stationären häufig
auftreten und zu Diskontinuität und Inkonsistenz in der Patientenbehandlung führen,
gelten seit langem als Ursachen schwerwiegender Qualitätsschwächen und Ineffizienzen
des gesamten Versorgungsapparats.
Ab Mitte der 90er-Jahre nun gab es, in rascher Folge, mehrere gesetzliche Vorstöße
und auch verbandliche Bemühungen, die beklagten ‚Schnittstellenprobleme’ besser zu
bewältigen und Voraussetzungen für eine ‚bruchlose’ Krankenversorgung zu schaffen;
Stichwörter: „Modellprojekte”, „Strukturverträge” und „Integrierte Versorgung” [1 ]
[2 ]
[3 ]
[4 ]. Das Gutachten des Sachverständigenrats von 2001 aber hielt diese Initiativen für
noch unzureichend und monierte speziell, dass vor allem chronisch kranke Menschen
wegen organisatorischer Mängel weiterhin einer gravierenden „Unterversorgung” oder
auch „Fehlversorgung” ausgesetzt seien [5 ].
In Reaktion darauf sowie mit der Absicht, den 1993 eingeführten „Risikostrukturausgleich”
(RSA) zu reformieren [6 ], brachte im Sommer 2001 die Bundesregierung ein weiteres Reorganisationsmodell ins
Spiel - „strukturierte Behandlungsprogramme” für Krankheiten, für die Folgendes charakteristisch
ist: hohe Prävalenz und Inzidenz des Krankheitsbildes, chronischer Verlauf mit definierten
Krankheitsstadien, evidenzbasierte Versorgungsstandards, Messbarkeit klinischer Interventionsergebnisse,
hohe Behandlungskosten, Bedarf an professions- und institutionsübergreifenden Versorgungskosten
sowie Beeinflussbarkeit des Krankheitsverlaufs durch patienteneigene Verhaltenssteuerung.
Für die Gestaltung der Programme wurde die Adaption einiger Struktur- und Prozesselemente
der in amerikanischen Managed-Care-Organisationen entwickelten Disease-Management-Modelle
empfohlen. Als Anreiz für die Krankenkassen, die Programme zu unterstützen, wird die
Teilnahme ihrer Versicherten an ihnen positiv beim RSA berücksichtigt, womit chronisch
Kranke für sie weniger ‚unattraktiv’ würden und weiterer „Risikoselektion” vorgebaut
werde [7 ]
[8 ].
Der Vorstoß der Bundesregierung erhielt eine gemischte Rezeption. Während die meisten
Kassen (vor allem deren größte, die AOK) sich energisch für die Entwicklung der DMP
einsetzten, reagierten Organisationen der Ärzteschaft (KBV, BÄK, Hartmann-Bund) recht
ablehnend auf sie. Hauptpunkte ihrer Kritik: Die Anbindung der DMP an den RSA verzerre
Motive wie Ziele der Versorgung chronisch Kranker; die für die DMP obligaten Dokumentationen
und deren Weitergabe an die Kassen verstießen gegen Datenschutz-Prinzipien (‚gläserner
Patient’ und ‚gläserner Arzt’) und seien zudem eine unmäßige bürokratische Belastung
der Arztpraxen; die in den DMP angelegten Versorgungsstandards schränkten die ärztliche
Therapiefreiheit widersinnig ein, seien nichts anderes als „Verwaltungsdekrete einer
kassengesteuerten Medizin” (BKÄ-Präsident Hoppe) [9 ], zwängen zu einer schematisch angewandten ‚Kochbuch-Medizin’.
Das letztgenannte Argumentationsbündel wurde besonders heftig vorgebracht, als im
Frühjahr 2002 die ersten detaillierten Programmvorschläge für den Umgang mit jener
Krankheit vorgestellt worden waren, die neben Brustkrebs von Anfang an fest zum Kreis
der DMP-bedürftigen chronischen Erkrankungen gehörte, weil sie in epidemiologischer
wie in gesundheitsökonomischer Hinsicht [10 ]
[11 ]
[12 ]
[13 ]
[14 ] die erwähnten Kriterien voll erfüllt: Diabetes mellitus. Gegen den Entwurf des Expertenausschusses
machten sowohl der Diabetikerbund (DDB) als auch die Fachgesellschaft der Diabetologen
(DDG) mobil: Seine Empfehlungen seien fachlich ein Fiasko - „Diese Form der Barfußmedizin
wirft die (...) Fortschritte in der (...) Bekämpfung des Diabetes um ein Vierteljahrhundert
zurück” [15 ].
Dennoch setzte die Bundesregierung plangemäß zum 1.7.2002 die DMP-erweiterte Novelle
zum RSA-Gesetz im Bundestag durch, und ab Mitte Dezember 2002 wurden die ersten DMP-Verträge
(in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg) abgeschlossen; die meisten Regionen folgten
im Frühjahr 2003 nach, allerdings waren daran selten alle Kassen und nicht einmal
stets die jeweilige KV (sondern z. B. nur Gruppen niedergelassener Allgemeinärzte)
beteiligt. Genau darauf - den neuen Vertrag mit der KVB und einheitlich für sämtliche
Kassenarten abzuschließen - war man in Bayern bedacht; vor allem deshalb dauerte es
bis zum November 2003, bis auch hier das Diabetes-DMP (als Nachfolger der seit 2000
gültigen „Diabetes-Vereinbarung”) vertraglich besiegelt war und mit der Werbung dafür
bei der Ärzte- und Patientenschaft begonnen werden konnte.
Die grundsätzlichen Debatten über die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit der DMP sind
mit diesen Vertragsabschlüssen freilich noch keineswegs beendet [16 ]
[17 ]. Einer konkreten Auseinandersetzung darüber, ob denn die DMP überhaupt funktionieren
und ob es jemandem nütze, wenn sie es tun, fehlt es ihrer kurzen Laufzeit wegen noch
an empirischem Material. Ergebnisse amerikanischer Studien über die Effektivität von
Diabetes-DMP [18 ]
[19 ]
[20 ] können nicht als übertragbar angesehen werden, und hierzulande gibt es dazu - außer
eher methodisch-‚theoretisch’ angelegten Arbeiten [21 ]
[22 ] - noch kaum einschlägige Studien.
Aus einer Umfrage bei ostdeutschen Ärzten wird von deren bisher sehr reservierter
Resonanz auf das dort eingeführte Diabetes-DMP berichtet [23 ]. Freilich: Was die Ärzteschaft davon hält, ist selbstverständlich wichtig, aber
doch nur die eine Seite der Erfolgsbedingungen dieser Programme. Deren Gelingen hängt
mindestens ebenso von der Bereitschaft und den Erwartungen, später auch Erfahrungen,
der Diabetiker selbst ab; schließlich ist ihnen die Teilnahme an einem DMP ja freigestellt,
verlangt aber von ihnen dann, wenn einmal darin ‚eingeschrieben’, sehr rege und disziplinierte
Mitarbeit. Deshalb sind Untersuchungen, die auch auf der Ebene der Patientenschaft
- und zwar mit Primärdaten - die Akzeptanz der DMP analysieren, dringend gefragt [24 ].
Thema und Methodik
Thema und Methodik
Thema der im Folgenden beschriebenen Studie ist die Wahrnehmung, die Diabetiker von,
und die Einstellung, die sie zu den DMP haben, sowie ihre persönlichen Eigenschaften
und Erfahrungen, mit denen ihre Haltung in beiderlei Hinsicht zusammenhängt. All das
wird untersucht aus dem Blickwinkel eines Zeitpunkts (deshalb der ausführliche „Hintergrund”),
als über diese Programme zwar öffentlich und kontrovers debattiert worden war, deren
Inhalt und Form aber noch nicht detailliert gestaltet waren, also den betroffenen
Kranken und ihren medizinischen Betreuern auch noch keine konkreten Offerten für ihre
Teilnahme gemacht werden konnten. Das heißt, unsere Darstellung beschreibt gewissermaßen
die patientenseitige Ausgangslage für die Einführung der Programme, fördert also auch
Hinweise zutage, worauf zu achten sein wird, wenn die DMP vor allem jenen zugute kommen
sollen, die es für die Bewältigung ihrer Krankheit besonders benötigen.
Die Daten stammen aus einer - im Rahmen der Kooperativen Gesundheitsforschung in der
Region Augsburg (KORA) - von November 2002 bis Dezember 2003 durchgeführten bevölkerungsbezogenen,
schriftlichen Befragung: einer Folgestudie zu drei MONICA Augsburg-Surveys aus den
Jahren 1984/85 (S1), 1989/90 (S2) und 1994/95 (S3) mit insgesamt mehr als 13 000 Personen,
in der primär die Entwicklung des Gesundheitszustands dieser Menschen erfasst und
darüber hinaus einige versorgungsrelevante Daten erhoben wurden.
Von den 9145 teilnehmenden Befragten (Alter: 33 bis 88 Jahre) wurden 756 (= 8,3 %)
als - größtenteils langjährige - Diabetiker identifiziert. Die speziell für diese
Gruppe konzipierte Seite des Selbstausfüllfragebogens beantworteten 679 (= 90 %) von
ihnen. Sie enthielt - neben Fragen nach dem Grad der gesundheitlichen Beeinträchtigung
durch den Diabetes und der Intensität seiner aktuellen Behandlung - auch zwei DMP-spezifische:
ob diese Diabetiker bereits die Bemühungen um die Entwicklung solcher Programme wahrgenommen
hätten („Bekanntheit”) und - unabhängig davon! - ob sie sich prinzipiell für eine
Teilnahme daran interessieren würden („Bereitschaft”).
Über zwei Drittel der diabetischen Probanden wurden bereits in den ersten beiden Monaten
des 13-monatigen Erhebungszeitraums von der Befragung erreicht und sandten ihren Fragebogen
ausgefüllt zurück. Die Antworten der restlichen, aus diversen Gründen schwerer zu
kontaktierenden und für ihre Beteiligung zu motivierenden Probanden kamen erst im
Laufe der folgenden elf Monate zurück, die Mehrheit von ihnen im ersten Halbjahr 2003.
Unsere Untersuchung versucht herauszufinden, welche Faktoren (soziodemographische
Merkmale und Gesundheitszustand der Patienten, ihre Nutzung und Bewertung des bisherigen
Versorgungsangebots u. a.) Einfluss auf die Haltung der Diabetiker zu solchen Programmen
haben könnten. Bei der Analyse werden Chi-Quadrat-Tests sowie multivariate logistische
Regressionsmodelle angewandt.
Diese Befragung selbst ist wieder ein Vorläufer zu der seit Februar 2004 laufenden
KORA-F3-Studie (mehr hierzu in [25 ]). Darin werden Diabetiker in einem speziellen, noch ausführlicheren Selbstausfüllfragebogen
um Auskunft über ihre Versorgungssituation, auch über ihre ersten Erfahrungen mit
dem inzwischen eingeführten DMP, gebeten. Somit werden Mitte 2005 in einer kleinen
Zeitreihe, reichend vom Spätherbst 2002 bis zum Frühjahr 2005, Informationen über
die Diabetiker-Versorgung im Raum Augsburg aus Sicht der Betroffenen vorliegen.
Ergebnisse
Ergebnisse
In Tab. [1 ] wird die Verteilung einiger soziodemographischer und diabetesrelevanter Merkmale
sowie Inanspruchnahme-Variablen in der untersuchten Diabetikerpopulation dargestellt.
Angesichts des recht hohen Alters der Probanden und der Länge ihres Diabetiker-Status
ist weder die Intensität ihrer Arztkontakte noch die Rate der bereits eingetretenen
Folgeerkrankungen überraschend (vgl. Tab. [1 ]). Markante geschlechtsspezifische Unterschiede sind in den patientenbezogenen Merkmalen
nicht festzustellen.
Tab. 1 Merkmale der Diabetikerpopulation (gesamt und nach Geschlecht), Angaben in Prozent,
Diabetiker der KORA-Follow-up-Befragung 2002/03 der MONICA-Surveys S1(1984/85), S2
(1989/90) und S3 (1994/95) in Augsburg
Merkmale[* ]
gesamt n = 679
Männer n = 397
Frauen n = 282
Alter (unter 65 Jahre)
41,2
42,8
39,0
Schulbildungsabschluss - kein Abschluss - Hauptschule - Realschule - Abitur - Hochschule/Universität
0,6 74,7 14,3 3,1 7,4
- 72,3 13,4 3,0 11,3
1,4 78,0 15,6 3,2 1,8
Diabetes-Dauer (bis 5 Jahre) (min.: kürzer als 1 Jahr, max.: 64 Jahre)
44,4
42,5
47,0
Teilnahme an Diabetiker-Schulung(en)
50,5
48,4
53,5
Zeitpunkt des letzten Arztbesuchs: - innerhalb der letzten 4 Wochen - innerhalb der letzten 2 bis 12 Monate - vor mehr als einem Jahr - weiß nicht
75,5 23,2 0,9 0,5
75,3 23,2 0,8 0,8
75,7 23,2 1,1 -
Behandlung[1 ] - keine Behandlung - nur mit Diät - mit Tabletten - mit Insulin - mit Tabletten und Insulin
7,8 14,3 50,0 17,3 10,6
8,3 13,1 51,0 17,9 9,6
7,1 16,0 48,6 16,3 12,1
Beurteilung der med. Versorgung: - sehr gut - gut - teils-teils - schlecht
24,5 60,7 13,4 1,5
25,3 60,9 12,4 1,4
23,4 60,3 14,8 1,6
Komplikationen (Nephro-, Retino- oder Neuropathie) - eine - zwei - drei
22,4 6,2 2,2
22,3 8,0 3,0
22,7 3,7 1,1
selbsteingeschätzter Gesundheitszustand: - sehr gut - gut - weniger gut - schlecht
3,0 55,6 35,5 6,0
3,6 57,0 32,3 7,1
2,2 53,5 40,0 4,4
Abweichungen von 100 % sind rundungsbedingt.
1Bei dieser Variable waren ursprünglich Mehrfachantworten möglich. In der Tabelle
schließen die Kategorien „mit Tabletten”, „mit Insulin”, „mit Insulin und Tabletten”
ggf. auch diätetische Behandlung mit ein.
Die Antworten der Befragten zu ihrem Wissen von und ihrem Interesse an den angekündigten
Diabetes-DMP sind folgende:
28 % der befragten Diabetiker (29 % der Männer und 26 % der Frauen) geben an, von
den Bemühungen um Diabetes-DMP schon gehört zu haben („Bekanntheit”); 7 % meinen,
sie wissen nicht, ob das der Fall sei, der Rest (65 %; 64 % der Männer, 68 % der Frauen)
kennt die DMP offenbar nicht;
über die Hälfte (54 %; 55 % der Männer und 53 % der Frauen) der Diabetiker bekundet
ihr Interesse, an derartigen Programmen teilzunehmen („Bereitschaft”), darunter sind
auch einige, die von den DMP-Planungen bisher noch nichts gehört haben. 18 % (17 %
der Männer und 21 % der Frauen) erklären sich nicht bereit teilzunehmen und 28 % (29
% bzw. 26 %) zeigen sich noch unentschlossen („weiß nicht”);
der Anteil der Personen, die von DMP gehört haben und an diesen auch teilnehmen möchten,
ist größer (62 %) als der Anteil der Teilnahmebereiten ohne DMP-Kenntnis (52 %) (p
= 0,02).
Abb. [1 ] macht deutlich, dass Kenntnisstand und Teilnahmebereitschaft der Probanden je nach
deren Lebensalter recht unterschiedlich sind: die älteste der drei Gruppen nimmt unter
beiden Aspekten den letzten Rang ein, Wahrnehmung und Annahme der angekündigten Neuerungen
liegen ihr am fernsten.
Abb. 1 Bekanntheit von und Bereitschaft zu Diabetes-DMP insgesamt und in Abhängigkeit vom
Alter der Befragten, KORA-Follow-up-Befragung 2002/03 der MONICA-Surveys S1(1984/85),
S2 (1989/90) und S3 (1994/95) in Augsburg. n (Gesamt) = 648 (Bekanntheit) bzw. 642 (Bereitschaft), * n = 80 (Bekanntheit) bzw.
79 (Bereitschaft), ** n = 313 (Bekanntheit) bzw. 308 (Bereitschaft), *** n = 255 (Bekanntheit
und Bereitschaft). p ≤ 0,05 (Bekanntheit) bzw. p ≤ 0,001 (Bereitschaft) (Chi-Quadrat-Test)
Tab. [2 ] beschreibt wahrscheinliche Zusammenhänge der Verbreitung von DMP-Bekanntheit und
-Teilnahmebereitschaft der Befragten mit einigen ihrer Merkmale als Patienten und
Personen. So ist beispielsweise zu sehen, dass Kenntnis von den Aktivitäten für Diabetes-DMP
(erste Spalte) nicht nur bei jüngeren Diabetikern eher zu erwarten ist als bei älteren
(OR: 1,5), sondern auch bei denen mit höherem Schulabschluss (2,15) oder Teilnahme
an Diabetes-Schulungen (1,62) als bei der jeweiligen Vergleichsgruppe. Besonders hoch
ist die Wahrscheinlichkeit, von den DMP-Planungen gehört zu haben, unter den Diabetikern,
die über ihre medizinische Versorgung ein vergleichsweise positives Urteil haben (Odds
ratio: 2,31).
Tab. 2 Merkmale von Diabetikern und ihr Verhalten gegenüber DMP; Ergebnisse multivariater
logistischer Regressionen, Diabetiker der KORA-Follow-up-Befragung 2002/03 der MONICA-Surveys
S1(1984/85), S2 (1989/90) und S3 (1994/95) in Augsburg
[* ]
Verhalten Odds Ratios (95 % KI)
Merkmale
Bekanntheit der DMP[1 ]: ja vs. nein, n = 582[2 ]
Bereitschaft zu DMP1 : ja vs. nein, n = 5812
Gesundheitszustand: gut vs. schlecht
0,96 (0,65 - 1,42)
1,58 (1,11 - 2,26)
Dauer der Diabetes-Erkrankung: bis 5 Jahre vs. 6 und mehr Jahre
1,1 (0,74 - 1,64)
1,37 (0,96 - 1,97)
Teilnahme an Diabetes-Schulungen: ja vs. nein
1,62 (1,09 - 2,41)
1,41 (0,98 - 2,02)
Beurteilung der medizinischen Versorgung: gut vs. schlecht
2,31 (1,23 - 4,34)
0,47 (0,28 - 0,78)
Geschlecht: männlich vs. weiblich
1,0 (0,68 - 1,47)
1,17 (0,83 - 1,66)
Alter: bis 65 Jahre vs. 66 und mehr Jahre
1,5 (1,02 - 2,21)
1,38 (0,98 - 1,97)
schulische Ausbildung: höherer Abschluss vs. Hauptschule und kein Abschluss
2,15 (1,43 - 3,23)
2,23 (1,49 - 3,34)
Lesebeispiel: Befragten mit einem höheren Schulabschluss sind die DMP eher bekannt
als solchen mit einem niedrigeren (Odds ratio = 2,15). Die Ergebnisse in den schattierten
Zellen sind statistisch signifikant.
1Die Antwortkategorien „weiß nicht” und „nein” wurden in den logistischen Regressionsmodellen
zu einer Kategorie zusammengefasst.
297 bzw. 98 Probanden wurden aufgrund von fehlenden Werten in einer oder mehrerer
der relevanten Variablen aus dieser Analyse ausgeschlossen.
Eine höhere Teilnahmebereitschaft an DMP (zweite Spalte) wird von Patienten geäußert,
die jünger, gebildeter, subjektiv gesünder, weniger lange an Diabetes erkrankt sind
und bereits an Schulungen teilgenommen haben. Aber auch die Unzufriedenheit mit der
bisherigen medizinischen Versorgung ist ein signifikanter Faktor für die Akzeptanz
von DMP.
Im Übrigen spielt das Geschlecht der Befragten bei der Reaktion auf beide Fragen offenbar
keine, die Dauer ihrer Diabeteserkrankung nur eine geringe Rolle.
Die in Tab. [3 ] wiedergegebenen Berechnungsergebnisse beleuchten diese Zusammenhänge zwischen Patientenmerkmalen
und DMP-bezogenem Verhalten aus einer noch spezielleren Perspektive: nämlich welche
von den schon dargestellten Patientenmerkmalen am engsten mit der DMP-Teilnahmebereitschaft
zusammenhängen. Hierzu sind die befragten Diabetiker in zwei Gruppen zusammengefasst,
je nachdem, ob sie von den in Vorbereitung befindlichen DMP wissen oder nicht. In
der relativ großen Untergruppe (72 %) derer, denen DMP nicht bekannt sind, bilden
sich die in Tab. [2 ] dargestellten Zusammenhänge ähnlich oder sogar noch deutlicher ab. Bei der kleineren
Gruppe mit Vorwissen über DMP sind außer bei den Variablen Bildung, Alter und Beurteilung
der Versorgung die Zusammenhänge weniger stark.
Tab. 3 DMP-Bereitschaft (abhängige Variable) in Abhängigkeit von patientenbezogenen Merkmalen
bei Befragten mit und ohne DMP-Kenntnis; Ergebnisse multivariater logistischer Regressionen,
KORA-Follow-up-Befragung 2002/03 der MONICA-Surveys S1 (1984/85), S2 (1989/90) und
S3 (1994/95) in Augsburg
[* ]
Teilnahmebereitschaft (ja vs. nein[1 ]) Odds Ratios (95 % KI)
Merkmale
Bekanntheit: ja n = 157[2 ]
Bekanntheit: nein1 , n = 4142
Gesundheitszustand: gut vs. schlecht
1,27 (0,63 - 2,59)
1,79 (1,16 - 2,75)
Dauer der Diabetes-Erkrankung: bis 5 Jahre vs. 6 und mehr Jahre
0,98 (0,47 - 2,08)
1,56 (1,02 - 2,4)
Teilnahme an Diabetes-Schulungen: ja vs. nein
0,74 (0,35 - 1,58)
1,72 (1,12 - 2,63)
Beurteilung der medizinischen Versorgung: gut vs. schlecht
0,45 (0,11 - 1,83)
0,41 (0,23 - 0,72)
Geschlecht: männlich vs. weiblich
1,07 (0,53 - 2,18)
1,21 (0,81 - 1,83)
Alter: bis 65 Jahre vs. 66 und mehr Jahre
1,98 (0,98 - 4,0)
1,18 (0,77 - 1,79)
schulische Ausbildung: höherer Abschluss vs. Hauptschule und kein Abschluss
2,2 (1,04 - 4,66)
2,09 (1,26 - 3,47)
Lesebeispiel: Unter den 157 Personen mit DMP-Kenntnis sind an einer DMP-Teilnahme
eher jene mit einem höheren Schulabschluss interessiert als solche mit einem niedrigeren
(Odds ratio = 2,2). Die Ergebnisse in den schattierten Zellen sind statistisch signifikant.
1Die Antwortkategorien „weiß nicht” und „nein” wurden in den logistischen Regressionsmodellen
zu einer Kategorie zusammengefasst.
222 bzw. 55 Probanden wurden aufgrund von fehlenden Werten in einer oder mehrerer
der relevanten Variablen aus dieser Analyse ausgeschlossen.
Diskussion
Diskussion
Der Bekanntheitsgrad von Initiativen für Diabetes-spezifische „strukturierte Behandlungsprogramme”
war unter den Diabetikern im Raum Augsburg Ende 2002/Anfang 2003, also einige Monate
vor dem konkreten Programm-Angebot in Bayern, erwartungsgemäß gering (Abb. [1 ]); Befragte, die davon wussten, hatten wohl die lebhafte bundesweite Diskussion über
derartige Pläne verfolgt.
Noch am ehesten informiert zeigten sich die Jüngeren und länger Ausgebildeten unter
den Diabetikern und die, die bereits an Diabetes-Schulungen teilgenommen hatten und
mit ihrer bisherigen Versorgung recht zufrieden waren. Wiederholt sich hier also das
aus vielen Präventions- und Gesundheitsförderungsprogrammen vertraute Muster, dass
sie vor allem von Personen wahrgenommen werden, die ohnehin schon zu den gesundheitlich
agileren Bevölkerungsschichten zählen und die bereits vorhandene Versorgung gut nutzen?
Mithin ein weiterer Fall von ‚Predigten an die bereits Bekehrten’?
Auch die grundsätzliche Bereitschaft, an einem solchen Diabetiker-Programm teilzunehmen,
wenn es ihnen denn von den Krankenkassen und Kassenärzten offeriert würde, war in
der so charakterisierten Personengruppe deutlich größer - allerdings mit einer markanten
Ausnahme: Diejenigen diabetischen Patienten, die mit der medizinischen Versorgung
bis dato eher unzufrieden waren, äußerten eine wesentlich stärkere Neigung, sich auf
das neue Behandlungsmodell einzulassen als ihre Leidensgenossen, die sich schon gegenwärtig
gut versorgt fühlten.
Das leuchtet natürlich ein und ist zudem gesundheitspolitisch sinnvoll: den sich nach
eigenem Urteil unzureichend behandelten Kranken eine Alternative bieten! Den Verantwortlichen
in Krankenversicherung und Ärzteschaft sollte es folglich darauf ankommen, gerade
dieser Personengruppe die neuen Behandlungsprogramme besonders eindringlich nahe zu
bringen und sie zur Teilnahme daran zu bewegen. Dazu aber bedarf es, wie die Analysen
zeigen (Tab. [3 ]), mehr als nur der Information über das Vorhandensein solcher Programme. Vermutlich
waren die Krankenkassen gut beraten, als sie beschlossen, die DMP-Teilnahme ihrer
Versicherten mit Erlassen der Praxisgebühr zu honorieren.
Danksagung
Danksagung
Die Untersuchung wurde gefördert durch die GSF.
Der Artikel nimmt besonderen Bezug auf folgende Beiträge dieses Sonderheftes von Das
Gesundheitswesen: [25 ]
[26 ]
[27 ]
[28 ]
[29 ]
[30 ]
[31 ]
[32 ]
[33 ]
[34 ]
[35 ].