In der heutigen Gesellschaft wird aufgrund der demographischen Entwicklung mit erheblich
verlängerter Lebenserwartung die Anzahl von Patienten, die an einer Demenz erkranken,
deutlich ansteigen. Etwa zwei Drittel der aktuell an einer Demenz Erkrankten leiden
an der Alzheimer-Krankheit (AD), das sind in Deutschland etwa 800000 Menschen. Die
Prävalenz der AD steigt mit dem Alter an. Wegen der höheren Lebenserwartung wird sich
die Zahl dieser Patienten bis zum Jahre 2050 verdoppelt haben [2 ].
Pharmakologische Strategien zur Behandlung demenzieller Erkrankungen
Pharmakologische Strategien zur Behandlung demenzieller Erkrankungen
Das primäre Ziel der modernen antidementiven Therapie in der frühen bis mittelschweren
Krankheitsphase der AD ist es, die gestörte kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern
oder zu stabilisieren sowie auftretende Verhaltensstörungen wirksam zu behandeln und
damit die Phase der Selbständigkeit und des Verweilens in der häuslichen Umgebung
in guter Lebensqualität zu verlängern [18 ]. Seit langem ist bekannt, dass bei der AD die cholinerge Neurotransmission aufgrund
des Untergangs von cholinergen Neuronen des basalen Vorderhirns sowie des Verlustes
nikotinerger Acetylcholinrezeptoren (nAChR) in verschiedenen Hirnarealen stark verringert
ist [3 ]
[9 ]. Das Ausmaß des cholinergen Defizits korreliert hierbei mit dem Verlust kognitiver
Funktionen [10 ]. Eine Möglichkeit, diese gestörte cholinerge Neurotransmission zu verbessern, ist
eine Erhöhung des Acetylcholinangebots im Gehirn mittels Hemmung des Acetylcholin
abbauenden Enzyms Acetylcholinesterase (AChE). Die Acetylcholinesterase-Inhibitoren
(AChE-I) werden deshalb derzeit in internationalen und nationalen Leitlinien zur Demenz
als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der AD empfohlen [8 ].
Der duale Wirkmechanismus von Galantamin
Der duale Wirkmechanismus von Galantamin
Galantamin weist neben der Hemmung der AChE einen weiteren Wirkmechanismus mit spezifischer
Modulation des nikotinischen Teils der cholinergen Neurotransmission auf. Als sogenannter
allosterisch potenzierender Ligand (APL) erhöht Galantamin die Empfindlichkeit der
verbliebenen nikotinischen Rezeptoren und stärkt somit zusätzlich selektiv die nikotinisch-cholinerge
Neurotransmission. Durch diesen zusätzlichen Wirkmechanismus können sowohl das cholinerge
Transmittersystem als auch andere Transmittersysteme (z.B. Glutamat, Serotonin, GABA)
günstig beeinflusst werden [6 ]. Galantamin bewirkt möglicherweise daher nicht nur eine Verbesserung der Kognition
durch Erhöhung der Acetylcholinspiegel, sondern kann auch durch eine erhöhte Ausschüttung
von Glutamat Lernvorgänge unterstützen, durch erhöhte Ausschüttung von Serotonin die
Emotionslage verbessern sowie durch eine erhöhte Ausschüttung von GABA angstlösend
und agressionsvermindernd wirken [14 ]. Des Weiteren wird ein Zusammenhang zwischen der Modulation von nikotinergen Acetylcholinrezeptoren
und einem verbesserten Energiehaushalt, der bei der Erkrankung ebenfalls gestört ist,
diskutiert [7 ].
Tatsächlich konnten in Plazebo-kontrollierten klinischen Studien unter einer Behandlung
mit Galantamin konsistent signifikant positive Effekte hinsichtlich kognitiver Funktionen,
Alltagskompetenz und Verhaltensstörungen bei Alzheimer-Patienten nachgewiesen werden
[12 ]
[16 ]
[20 ].
Klinische Effekte von Galantamin
Klinische Effekte von Galantamin
Eine Kernfrage ist, ob der duale Wirkmechanismus von Galantamin, also die direkte
Sensibilisierung der Nikotinrezeptoren im Gehirn der Patienten, klinisch relevant
ist und sich beispielsweise in unterschiedlicher klinischer Potenz im Vergleich zu
anderen AChE-I wie Donepezil ausdrückt? Ein Vergleich der vorliegenden klinischen
Studien in Bezug auf die Therapieeffekte der verschiedenen AChE-I ist aufgrund methodischer
Unterschiede nur bedingt möglich. Neuerdings liegen nun auch direkte Vergleichsstudien
zwischen Galantamin und Donepezil vor. Während Soininen und Mitarbeiter in einer Kurzzeitstudie
(Behandlungszeitraum 12 Wochen) signifikante Vorteile für Donepezil gegenüber Galantamin
bei der Behandlung der AD beobachteten [5 ], konnte in einer Langzeitstudie (Behandlungszeitraum 52 Wochen) eine Überlegenheit
von Galantamin gegenüber Donepezil hinsichtlich der Verbesserung kognitiver Funktionen
gezeigt werden [19 ]. Das Ergebnis des Mini Mental State Tests (MMST) entsprach im Mittel nach einem
Jahr Behandlungszeitraum in der Galantamin-Gruppe annähernd dem Ausgangswert, während
der MMST in der Donepezil-Gruppe signifikant unter den Ausgangswert fiel [Abb. 1 ]. Entsprechend war der prozentuale Anteil der mit Galantamin behandelten Patienten,
die nach einem Jahr über oder auf ihrem Ausgangswert lagen, signifikant höher gegenüber
den mit Donepezil behandelten Patienten (55,2 % vs. 32,5 %, p < 0,005). Diese Stabilisierung
der kognitiven Fähigkeiten durch Galantamin über einen langen Zeitraum bestätigt auch
eine Langzeitstudie über 36 bzw. 48 Monate [11 ]
[13 ].
Langzeiteffekte über vier Jahre
Langzeiteffekte über vier Jahre
Weil eine Plazebo-Behandlung über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten aus ethischen
Gründen nicht möglich ist, wird häufig als Grundlage für die Bewertung der Wirksamkeit
von Langzeitstudien der von Stern berechnete Krankheitsverlauf unbehandelter Patienten
verwendet [15 ]. Auf der Basis des natürlichen Krankheitsverlaufes bei 111 Alzheimer Patienten ergab
sich eine durchschnittliche Abnahme des ADAS-cog-Wertes von neuen bis elf Punkten
pro Jahr. Für offene Langzeitstudien ist es sinnvoll, bei der Berechnung nach Stern
die naturgemäße Abnahme der Patientenzahl an den jeweiligen Untersuchungszeitpunkten
zu berücksichtigen und die Berechnung zu modifizieren, zumal sich die Langzeiteffekte
insbesondere auf die in der Studie verbliebenen Patienten beziehen, also auf die von
der Therapie gut profitierenden Patienten. Eine alternative Bewertung von Langzeiteffekten
basiert auf den Ergebnissen, die sich auf die gepoolten Daten zweier randomisierter
Studien für Sabeluzole beziehen, wobei die Patientenkollektive mit denen der klinischen
Studien für die zugelassenen AChE-I vergleichbar sind. Hierbei ergibt sich eine „historische
Plazebogruppe” mit einem etwas langsameren Krankeitsverlauf, wobei die jährliche Abnahme
des ADAS-cog-Wertes fünf bis sechs Punkte beträgt [17 ]. Nach diesen unterschiedlichen Berechnungen fällt der ADAS-cog-Wert über einen Zeitraum
von vier Jahren bei unbehandelten Patienten um 36-44 bzw. 20-24 Punkte. Im Gegensatz
zu diesen Berechnungen zeigte eine Langzeitstudie, dass der ADAS-cog-Wert nach 4-jähriger
Behandlungszeit mit Galantamin durchschnittlich um lediglich zwölf Punkte abfiel [Abb. 2 ] [11 ]. Nach einer Modifizierung der Berechnung aufgrund der abnehmenden Patientenzahl
und des individuellen Verlaufs wäre eine Abnahme von 24-28 Punkten zu erwarten gewesen.
Insgesamt zeigte sich, dass die zu erwartende Progression der Verschlechterung des
kognitiven Niveaus unter Galantamin über vier Jahre nach allen verwendeten Berechnungsvarianten
deutlich, d.h. um mindestens 18 Monate verzögert wird.
Mit der Einschränkung, dass sich die Langzeitstudien für Galantamin und Donepezil
wegen der methodischen Unterschiede nicht streng vergleichen lassen, weisen die Ergebnisse
einer Langzeitstudie für Donepezil über 256 Wochen auf einen besseren Langzeiteffekt
zugunsten des Galantamins hin. Eine wichtige Feststellung ist, dass in der Galantamin-Studie
nach vier Jahren insgesamt 185 Patienten von 240 Patienten und in der Donepezil-Studie
nach ca. 4 Jahren (206 Wochen) lediglich 18 Patienten von insgesamt 133 Patienten
in der jeweilige Studie verblieben waren. Die nachhaltige Wirkung des Galantamins
auf die Kognition, deren Stabilisierung Voraussetzung für die Alltagskompetenz und
Lebensqualität darstellt, lässt sich daher wohl nicht allein auf die Hemmung der Acetylcholinesterase
zurückführen, sondern weist vielmehr auf eine klinische Relevanz der Modulation der
nikotinischen Neurotransmission durch Galantamin und damit auf dessen dualen Wirkmechanismus
hin.
Neuroprotektive Wirkung von Galantamin
Neuroprotektive Wirkung von Galantamin
Ein wichtiges pathologisches Merkmal der Alzheimer-Erkrankung sind die Amyloidablagerungen
(Plaques), denen u.a. eine neurotoxische Wirkung zugeschrieben wird. In neueren in-vitro-Studien
konnte nachgewiesen werden, dass Galantamin den durch b-Amyloid verursachten Zelltod
(Apoptose) von Nervenzellen verhindert [1 ]. Des Weiteren konnte alpha-Bungarotoxin, ein hoch potenter Antagonist von (alpha-7)-Nikotinrezeptoren,
die neuroprotektive Wirkung von Galantamin aufheben, was als deutlicher Hinweis auf
die Korrelation dieses Wirkmechanismus mit der nikotinischen Transmission gesehen
werden kann. Somit könnte dieser neuroprotektive Effekt des Galantamins die Ursache
für die günstigen Langzeiteffekte dieses Arzneimittels auf die Kognition bei Alzheimer-Patienten
darstellen.
Um diese Hypothese weiter abzusichern, wurde mittels PET-Studien an Alzheimer-Patienten
der klinische Effekt von Galantamin auf die Aktivität der Acetylcholinesterase und
den Glukosemetabolismus im Gehirn untersucht. Bei einer 71-jährigen Patientin mit
leicht-bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz wurde im FDG-PET nach fünf-wöchiger Galantamin-Behandlung
eine Reduktion der AChE-Aktivität von 20 % beobachtet. Beachtlicher als diese begrenzte
Hemmung der Acetylcholinesterase war jedoch, dass unter gleichen Bedingungen die Glukoseaufnahme
und der Glukosemetabolismus in verschiedenen Gehirnarealen eine deutliche Steigerung
erfuhr [Abb. 3 ] [7 ]. Diese erhöhte Glukoseutilisierung korrespondierte mit einer deutlichen kognitiven
Verbesserung. Eine Bestätigung dieser Ergebnisse erfolgte in einer vor kurzem vorgestellten
PET-Studie mit 18 Patienten, bei denen eine signifikant erhöhte Glukoseaufnahme im
frontalen Kortex beobachtet wurde [4 ]. Es ist somit wahrscheinlich, dass diese klinischen Effekte durch die zusätzliche
allosterische Modulation der Nikotinrezeptoren maßgeblich verursacht werden. Weitere
kontrollierte Studien bei einer größeren Patientenzahl sind jedoch erforderlich, um
diese Ergebnisse zu validieren.
Fazit
Fazit
Acetylcholinesterase-Hemmer haben sich in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit bewährt
und werden immer häufiger als Standardtherapie akzeptiert. Unter den zugelassenen
AChE-I wurde bisher nur für Galantamin ein dualer Wirkmechanismus mit zusätzlicher
Modulation der nikotinischen Transmission nachgewiesen. Die Überlegenheit von Galantamin
in einer Vergleichsstudie mit Donepezil hinsichtlich kognitiver Fähigkeiten über ein
Jahr, die Langzeiteffekte über vier Jahre sowie der Nachweis des verbesserten Glukosemetabolismus
sind Hinweise auf die klinische Relevanz des dualen Wirkmechanismus.
Abb. 1 Die Ergebnisse der ersten kontrollierten klinischen Langzeitvergleichsstudie zwischen
Galantamin und Donepezil zeigten anhand des Verlaufes des MMST über 52 Wochen eine
Überlegenheit von Galantamin gegenüber Donepezil (nach [19 ])
Abb. 2 Aus ethischen Gründen sind Plazebodaten nur über max. 6 Monate zu erheben. Zur Interpretation
von Langzeitdaten können zum Vergleich die Verläufe unbehandelter Patienten einer
historischen Plazebogruppe oder auf dem Boden der Stern-Berechnung herangezogen werden.
Die unterschiedlichen Vergleiche zeigen alle einen günstigeren Verlauf für die mit
Galantamin behandelten Patienten (nach [11 ])
Abb. 3 Bei vielen Alzheimer Patienten ist ein deutlich verminderter Glukosestoffwechsel
mittels FDG-PET feststellbar. Eine Behandlung mit Galantamin kann bei Alzheimerpatienten
bereits nach fünf Wochen zu einer deutlichen Verbesserung des Glukosestoffwechsels
führen (nach [7 ])