Auch wenn die Diagnose „internistisches Polytrauma” in keinem Klassifikationssystem existiert, ist jedem Kliniker klar, welche Patientengruppe damit gemeint ist: Es ist zum Beispiel der 56-jährige Patient, bei dem eine generalisierte Gefäßerkrankung zu einem Herzinfarkt mit Blockbildern, einer gerade noch kompensierten Niereninsuffizienz und einer schweren peripheren arteriellen Verschlusskrankheit geführt hat. Sein erhebliches Übergewicht hat einen Diabetes mellitus Typ 2 und eine Gichtarthropathie ausgelöst. Zudem hat die jahrelange Einnahme von Kortikosteroiden aufgrund einer chronisch obstruktiven Bronchitis zu einer schweren Osteoporose und zahlreichen Sinterungsfrakturen geführt.
Dieser Patient kommt also in die Schmerzambulanz, wo der zuständige Schmerztherapeut - nach einem halbstündigen Studium der mitgebrachten Krankenunterlagen, einer nicht minder zeitintensiven Schmerzanamnese und einer internistisch-neurologischen Untersuchung - folgende (Haupt-)Schmerzdiagnosen stellt:
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Ischämieschmerz beider Beine (Schmerzscore auf der numerischen Rating-Skala [NRS] in Ruhe 4, bei Belastung 8)
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Knochenschmerz im thorakolumbalen Übergang bei instabiler Wirbelsäule (in Ruhe NRS 1, bei Bewegungsänderung NRS 6)
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sensible Polyneuropathie bei schlecht eingestelltem Diabetes mellitus
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Wurzelreizsymptomatik L3/4 bei Einengung des Neuroforamens rechts (neuralgiform mit mehr als zehn Attacken täglich, dann NRS 10)
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leichte bis mittelgradige Depressivität
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kränkelnde Ehefrau
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beide Kinder wohnen weit entfernt, soziale Isolation
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frühberentet mit schlechter sozialer Absicherung.
Neurophysiologische Untersuchungen, wie die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG), eine Elektromyografie (EMG) und ein Elektrokardiogramm (EKG), komplettieren die Diagnostik. Die Ergebnisse bestätigen trotz der eingeschränkten Untersuchungsmöglichkeiten den Verdacht der Multifaktorialität der „Beinschmerzen”. Aufgrund der Röntgenbilder, die der Patient mitgebracht hat, hält der mitbegutachtende Orthopäde nur bei einem „internistisch gesunden” Patienten die Indikation zur stabilisierenden und wurzeldekomprimierenden Operation für gegeben. Auch der hinzugezogene Gefäßchirurg sieht in diesem Fall keine Option mehr für eine die Extremitätenperfusion verbessernde Operation.
Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand
Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand
Aus dieser Situation heraus ist es praktisch „nur” noch möglich, mit einer entsprechenden Schmerztherapie die Lebensqualität des Patienten zu erhalten. Doch auch dieses Therapieziel ist aufgrund der Vielzahl an Grund- und Begleiterkrankungen, die alle einer spezifischen Behandlung bedürfen, nicht leicht zu realisieren - auch deshalb, weil die dem Schmerzsyndrom zugrunde liegenden somatischen Ursachen bereits unter anderem zu einer autonomen diabetischen Neuropathie und einer latenten Übelkeit bei Niereninsuffizienz geführt haben. Beide Symptome können die Analgetikatherapie zusätzlich stören. Erschwerend kommt hinzu, dass das beschriebene Schmerzsyndrom multilokulär, multikausal sowie multifaktoriell bedingt ist und kausale Therapiemöglichkeiten - wenn sie überhaupt noch gegeben sind - deutlich eingeschränkt sind.
Im Rahmen der Pharmakotherapie selbst sind daher nicht nur relative und absolute Kontraindikationen zahlreicher Substanzen (Analgetika und Koanalgetika) zu beachten sowie potenzielle Wechselwirkungen zwischen einzelnen Medikamenten in die Überlegungen einzubeziehen ([Tab. 1] und [2]). Darüber hinaus können beispielsweise gemeinsame Wege der Verstoffwechselung der einzelnen Präparate Modifikationen in ihrer Pharmakokinetik und Pharmakodynamik bedingen [Tab. 3]. Nicht zu unterschätzen sind durch (Ko-)Analgetika bedingte Nebenwirkungen, welche die bestehenden Grundbeschwerden der Patienten zusätzlich verstärken können. Zudem sind die Methoden der nichtmedikamentösen Schmerztherapie in solchen Fällen meist nur bedingt anwendbar. Denn ist die körperliche Belastbarkeit der Patienten - wie im dargestellten Fall - bereits stark eingeschränkt, sind auch physiotherapeutische Verfahren nur schwer einzusetzen. Und nach der Implantation eines Herzschrittmachers ist eine transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) kontraindiziert.
Eine Psychotherapie wäre aufgrund der erheblichen Belastung des Patienten aufgrund die vielen anderen notwendigen Arzttermine nur in großen Abständen möglich, was den Erfolg einer solchen Behandlungsmaßnahme natürlich limitiert. Die depressive Verstimmung des Patienten ist zum großen Teil situativ bedingt. Seine soziale Reintegration scheitert jedoch an der bestehenden Multimorbidität und an den äußeren Bedingungen - der fiktive Patient ist immobil und wohnt in einer eher ländlichen Umgebung.
Den Patienten mit einbeziehen
Den Patienten mit einbeziehen
Bei der Erstellung eines Therapieplanes sind die Behandlungsziele in ihrer inhaltlichen und zeitlichen Staffelung mit dem Patienten intensiv zu besprechen. Eine realistische Einschätzung des Möglichen trägt wesentlich dazu bei, Frustrationen des Betroffenen zu vermeiden. Dies wiederum erhöht eindeutig seine Therapietreue.
Der Patient muss zudem von vorneherein einschätzen können, welches Maß an zeitlicher Belastung auf ihn zukommt, zum Beispiel, wie oft er physio-, psycho- und schmerztherapeutische Maßnahmen wahrnehmen muss. Er sollte außerdem die möglicherweise auftretenden Nebenwirkungen der eingesetzten Medikamente (z.B. Müdigkeit oder Obstipation bei Opiaten) kennen und zudem wissen, welches Maß an Eigenaktivität von ihm gefordert ist - sei es die Einnahme zusätzlicher Medikamente nach einem Zeitschema oder regelmäßige Übungen zu Hause.
Hilfreich ist bei der Patientenführung, wenn man die Beschwerden hierarchisch einordnet und die Intensität festlegt, welche die Schmerzen im Durchschnitt höchstens erreichen dürfen, um als ausreichend behandelt zu gelten und auch vom Patienten so empfunden zu werden. Bei der medikamentösen Therapie ist die sorgfältige Nutzen-Risikoabwägung unverzichtbar, zumal für viele Medikamente Ausweichsubstanzen zur Verfügung stehen [Tab. 1].
In der Einstellungsphase sind die Funktionen bereits vorgeschädigter Organe zu kontrollieren. Auch die Spiegel der verabreichten Medikamente (Digitalis, Immunsuppressiva, Lithium etc.) sollten überprüft werden. Im Verlauf der Therapie werden die Kontrolltermine engmaschiger als bei „gesunden” Schmerzpatienten erfolgen müssen, da die Grund- und Begleiterkrankungen sich unter Umständen diskordant zur Schmerzerkrankung bzw. -ursache verhalten. Die Minderung der Schmerzintensität ist hierbei nur ein Parameter zur Beurteilung der Schmerztherapie. Weitere Behandlungsziele sind die Steigerung der Lebensqualität, der psychischen Gesundheit und der sozialen Integration, soweit dieses unter den gegebenen Umständen möglich ist.
Fazit
Fazit
Schmerzdiagnose und -therapie sind auch bei schweren internistischen Begleiterkrankungen möglich. Sie sind um so unverzichtbarer, als chronischem Schmerz eine eigene pathogenetische Bedeutung zukommt (Schmerz als chronischer Stressfaktor, algogenes Psychosyndrom) und er bereits bestehende Erkrankungen erheblich verschlechtern kann (Hypertonus bei chronischem Schmerzstress, Immobilität bei metabolischem Syndrom und Osteoporose, Selbstmedikation mit Analgetika ohne Beachtung der Risikofaktoren). Die hohe Kunst der Schmerzbehandlung besteht also in ihrer Integration in das Gesamtkonzept medizinischer und psychologischer Behandlungen unter strikter Beachtung der Nutzen-Risiko-Abwägung.
Tab. 1 Analgetika und ihre Indikationen, Kontraindikationen und Ausweichsubstanzen - eine Auswahl
Substanzgruppe
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Substanz
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Indikation
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Besonderheit bei
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Ausweichsubstanz
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Antipyretika
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schwache bis mittelstarke Schmerzen
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Immunsuppression[1]
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Opioide?
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Paracetamol
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Nozizeptorschmerz
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(äthyltoxisch) geschädigte Leber[2]
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Metamizol
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Metamizol
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Nozizeptorschmerz, Spasmolyse
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myeloablative Therapie[1]
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Paracetamol
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nichtsteroidale
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(inflammatorischer)
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Niereninsuffizienz[1]
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Metamizol
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Antirheumatika[*]
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Nozizeptorschmerz
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Gerinnungsstörung[1]
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Metamizol, Paracetamol
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schwere Herzinsuffizienz[1]
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Metamizol, Paracetamol
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Magen-/Darmulzera[1]
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Metamizol, Paracetamol
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Leberinsuffizienz[1]
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Metamizol
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Volumenmangel[3]
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Paracetamol
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anamnestische gastrointestinale Ulzera[3]
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Metamizol, Paracetamol
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Analgetikaabusus[3]
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Paracetamol
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Asthma bronchiale[1]
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Metamizol, Paracetamol
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Diabetes mellitus Typ 2[1]
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Opioide Stufe II
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mittelstarke bis starke Schmerzen
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absolut keine
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Dihydrocodein
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schwere Leberinsuffizienz[4]
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Tramadol
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schwere Niereninsuffizienz[4]
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Tilidin/Naloxon
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schwere habituelle Obstipation[3]
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Tilidin/Naloxon
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Tramadol
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(schwere) Leberinsuffizienz[4]
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(ggf. Morphin)
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(schwere) Niereninsuffizienz[4]
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Tilidin/Naloxon
|
Tilidin/Naloxon
|
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Leberinsuffizienz[3]
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(Tramadol)
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Opioide Stufe III
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starke bis stärkste Schmerzen
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absolut keine
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Morphin
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Referenzsubstanz der WHO
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terminale Niereninsuffizienz
schwere Leberinsuffizienz[4]
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L-Methadon, (Hydromorphon)
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Hydromorphon
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unter Umständen vorteilhaft bei alten und multimorbiden Patienten
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Niereninsuffizienz[4]
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Hydromorpho
L-Methadon
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L-Methadon
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unter Umständen vorteilhaft bei neuropathischen Schmerzen
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Leberinsuffizienz[4]
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Hydromorphon
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Fentanyl
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unter Umständen transdermales System vorteilhaft bei schwerer Obstipation
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Niereninsuffizienz[4]
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L-Methadon, (Hydromorphon)
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Buprenorphin
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nicht bei stärksten Schmerzen
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Niereninsuffizienz[4]
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L-Methadon, (Hydromorphon)
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Oxycodon
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?? vorteilhaft ?? bei Knochen-/Weichteilschmerzen
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Leberinsuffizienz
schwere Niereninsuffizienz[4]
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Hydromorphon L-Methadon, (Hydromorphon)
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Die Angaben dieser Tabelle können nur empfehlenden Charakter haben, da prospektive randomisierte Untersuchungen zu diesen Fragestellungen nicht in ausreichender Zahl und Qualität existieren
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1 sorgfältige Abwägung
2 kontraindiziert
3 relativ kontraindiziert
4 Dosisanpassung empfohlen
5 COX-II-Hemmer: Der endgültige Stellenwert dieser Substanzgruppe kann derzeit noch nicht sicher beurteilt werden. Mögliche Vorteile wie geringere gastrointestinale Toxizität und fehlende Thrombozytenaggregationshemmung müssen gegen andere, zum Teil substanzspezifische Faktoren sorgfältig abgewogen werden
Tab. 2 Ko-Analgetika und ihre Indikationen, Kontraindikationen und Ausweichsubstanzen - eine Auswahl
Substanzgruppe
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Substanz (Beispiel)
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Indikation
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Besonderheit bei
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Ausweichsubstanz
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Osteoklasteninhibitoren
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z.B. Pamidronat
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Knochenschmerz
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schwerer Niereninsuffizienz[1]
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Calcitonin
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Spasmolytika
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N-Butylscopolamin, Hyoscin
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viszerale Koliken
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Engwinkelglaukom[1] Herzrhythmusstörung (Blockbilder) [2]
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Metamizol
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Kortikosteroide
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Dexamethason
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Entzündung, Ödem
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Diabetes mellitus[2]
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keine
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Antidepressiva
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Amitriptylin, Doxepin, Imipramin
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neuropathischer Dauerschmerz
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Herzrhythmusstörung/-insuffizienz[2]
Leberinsuffizienz[3]
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SSRI, z.B. Paroxetin
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Antikonvulsiva
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Carbamazepin
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paroxysmaler Schmerz
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Herzrhythmusstörung/-insuffizienz[2]
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Gabapentin ((Clonazepam))
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schwere Leberinsuffizienz[1]
|
Gabapentin
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Niereninsuffizienz[3]
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Clonazepam
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Phenytoin
|
paroxysmaler Schmerz
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Herzrhythmusstörung/-insuffizienz[2]
|
Gabapentin
|
schwere Niereninsuffizienz[3]
|
Clonazepam
|
Gabapentin
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neuropathischer Schmerz
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Niereninsuffizienz[3]
|
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Pregabalin
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neuropathischer Schmerz
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Niereninsuffizienz[3]
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SSRI = selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren
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1 kontraindiziert
2 relativ kontraindiziert
3 Dosisanpassung empfohlen oder erforderlich
Tab. 3 Relevante Wechselwirkungen von Analgetika mit anderen Substanzen - eine Auswahl
Substanzgruppe I
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Substanzgruppe II
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Auswirkung
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Empfehlung
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ACE-Hemmer
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NSAID
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Verschlechterung der Nierenfunktion, Hyperkaliämie, antihypertensive Wirkung ↓
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möglichst anderes Nicht-Opioid
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orale Antikoagulanzien, Heparine
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erhöhtes Blutungsrisiko
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Methotrexat (höhere Dosis)
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Toxizität ↑
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orale Antidiabetika
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Salicylate, Phenylbutazone
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Blutzuckersenkung ↑
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Metamizol, Naproxen, Paracetamol
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Antikonvulsiva
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Opioide
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Opioidwirkung ↓
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Dosisanpassung
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Rifampicin, Rifabutin
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Opioidwirkung ↓
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Dosisanpassung
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Kalziumantagonisten
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Carbamazepin
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Carbamazepin(nebenwirkung) ↑
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ggf. Dosisanpassung
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Makrolidantibiotika
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Fluctin
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auf Gabapentin oder Pregabalin umstellen
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Metoclopramid
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Neuroleptika
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Theophyllin
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Carbamazepin
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Wirkung der Substanzen I ↓
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alternativ Gabapentin, Doxycyclin,
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Clonazepam
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Ciclosporin
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ggf. Dosiserhöhung der Substanzen der Gruppe I
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orale Kontrazeptiva
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Nukleosidasehemmer
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Phenprocoumon
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auf Gabapentin oder Pregabalin umstellen
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