Der Klinikarzt 2006; 35(2): VII
DOI: 10.1055/s-2006-933582
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Herzkrankheiten bei Frauen - Schließt sich die Gerechtigkeitslücke?

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Publication Date:
23 February 2006 (online)

 
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Obwohl mittlerweile allgemein bekannt ist, dass auch bei Frauen Herzkrankheiten die führende Todesursache sind, zeigt sich in Studien noch immer ein deutlicher "gender-gap": Frauen erhalten weniger diagnostische Prozeduren und werden weniger intensiv oder aber in anderen Fällen zu intensiv therapiert. Egal ob es um die Therapie mit Glykoprotein(GP)-IIb/IIIa-Inhibitoren, den "Super-Aspirinen", geht oder um die Gabe von Lipidsenkern oder Acetylsalicylsäure - es gibt also noch viel zu tun.

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GP-IIb/IIIa-Inhibitoren - bei Frauen vorsichtig dosieren

Weil Frauen ein höheres Blutungsrisiko haben, wurde ihnen in vielen Fällen bei einem akuten Koronarsyndrom ohne ST-Streckensenkung die Gabe eines GP-IIb/IIIa-Inhibitors vorenthalten. Neue Forschungsergebnisse zeigen aber, dass sich das Problem der Exzessblutung durch richtige Dosierung zumindest reduzieren lässt.

In der CRUSADE[1]-Studie an über 14000 Patienten mit akutem Koronarsyndrom ohne ST-Elevation, die mit GP-IIb/IIIa-Inhibitoren behandelt wurden, hatten Frauen im Vergleich zu Männern ein höheres Risiko (OR 0,81 versus 1,15). Bei näherer Betrachtung erhielt aber fast die Hälfte der Frauen (46,4%) eine exzessive Dosis. Auch korrekt dosiert war die Blutungsrate mit 10,9% noch immer höher als bei den Männern (5,3%). Doch für einen guten Teil der beobachteten stärkeren und häufigeren Blutungen bei Frauen (20% erhöhtes Risiko gegenüber 7,4% bei den Männern) sei wohl die Tatsache verantwortlich, dass sie dreimal öfter als Männer nicht die richtige Dosis erhalten, erklärte Dr. Karen P. Alexander, Durham (USA).

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Frauen erhalten seltener Lipidsenker

Die Evidenz ist eindeutig: Frauen mit hohem Cholesterinspiegel ziehen aus der lipidsenkenden Therapie ebenso viel Nutzen wie Männer - wenn sie denn eine solche erhalten. Doch laut einer US-amerikanischen kommunalen Querschnittsuntersuchung (PREVENT) zeigt sich ein weiterer "gender-gap": Nur 35% der Frauen, aber 55% der Männer erreichten 1997 einen LDL-Spiegel unter 130 mg/dl und nur 12% der Frauen, aber 31% der Männer einen LDL-Spiegel unter 100 mg/dl.

Aktuelle Daten aus dem Register von "Kaiser Permanente", einem der größten Krankenversicherer in den USA belegen jetzt, dass sich zwar die Gesamtsituation gebessert hat, die geschlechtsspezifischen Unterschiede aber fortdauern. Rund 90000 Männern und Frauen aus diesem Register hatten eine koronare Herzkrankheit und wären potenzielle Kandidaten für eine lipidsenkende Therapie. Aber nur 65% der Frauen gegenüber 78% der Männer waren auf einen LDL-Zielwert von unter 100 mg/dl eingestellt.

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ASS ist gut für Frauen

Zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen ist die Acetylsalicylsäure (ASS) fest etabliert. Ihre Rolle bei Patienten ohne kardiovaskuläre Erkrankung ist allerdings weniger klar. In einer Metaanalyse untersuchten Dr. D.L. Brown, Stony Brook (USA), Ergebnisse aus sechs Studien zur primären Schlaganfallprävention. 51342 der Behandelten waren Frauen, und die Daten zeigen für sie eine Reduktion des Risikos für einen Schlaganfall jeglicher Genese um 17%, und das Risiko für einen ischämischen Hirninfarkt sank um 24%. Ein erhöhtes Risiko für einen hämorrhagischen Infarkt wurde nicht festgestellt.

Im Gegensatz dazu war bei den Männern kein Nutzen durch ASS festzustellen. Im Gegenteil: Das Risiko für einen hämorrhagischen Infarkt stieg bei ihnen um 69%. Auch dieser geschlechtsspezifische Unterschied - diesmal profitieren die Frauen - muss weiter untersucht werden, meinte Brown.

Allein durch eine regelmäßige Einnahme von ASS können Frauen mit stabiler kardiovaskulärer Krankheit ihr Mortalitätsrisiko um 17% senken, so interpretierte Dr. J.S. Berger, Durham (USA) die Daten der "Womens Health Initiative Observational Study". Die Mediziner untersuchten 8928 postmenopausale Frauen mit stabiler kardiovaskulärer Erkrankung. Nahezu die Hälfte nahm Acetylsalicylsäure ein und hatte ein im Vergleich zu den Frauen ohne ASS um 25% niedrigeres Risiko, an der Herzkrankheit zu sterben. Die Schlaganfallrate verringerte sich nichtsignifikant um 11%, auf die Zahl der Myokardinfarkte hatte die Substanz keinen Einfluss. Beim kombinierten Endpunkt (Myokardinfarkt, Schlaganfall und Herztod) führte ASS zu einem Rückgang von 15% (81-mg-Dosis) bzw. 13% (325-mg-Dosis). Dieses Ergebnis erreicht keine Signifikanz.

Angesichts des niedrigen Preises, des Sicherheitsprofils und des gezeigten Nutzens sollten die Ärzte mit mehr Frauen über den Nutzen einer regelmäßigen Einnahme von Aspirin sprechen, so die Experten.

gb

Quelle: Session "Unlocking the Secrets of a Woman's Heart" im Rahmen der Scientific Sessions der American Heart Association 2005

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"Go red for women"

Mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung der pharmazeutischen wie der nichtpharmazeutischen Industrie - will die American Heart Association die Aufmerksamkeit der Frauen für das eigene Herz erhöhen. Im Februar 2006 fand der USA-weite "Go red for women"-Tag statt, an dem alle Frauen aufgefordert waren, irgendein rotes Kleidungsstück zu tragen. Alle nationalen und lokalen Monumente sollten rot angestrahlt werden, um die Aufmerksamkeit auf das Problem der Herzkrankheiten bei Frauen zu lenken, und die AHA selbst gab auf einer Pressekonferenz einen Einblick in den Wissensstand bei Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen. Kochbücher, Broschüren, Lesezeichen, Poster, Bildschirmschoner usw. sollten die Aufmerksamkeit weiter erhöhen. Ärzte wiederum hatten die Gelegenheit, sich über ein "Physicians Toolkit" mit reichlich Material zu versorgen.

04 Can Rapid risk stratification of Unstable angina patients Suppress ADverse outcomes with Early implementation of the ACC/AHA guidelines

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