Dass eine effiziente perioperative Thromboembolieprophylaxe notwendig ist, ist allgemein
anerkannt und entsprechend in Leitlinien verankert [1]. Die Indikation zur medikamentösen Prophylaxe ergibt sich aus Art und Umfang des
operativen Eingriffs und der Verletzung sowie patientenspezifischen Risikofaktoren.
Im ambulanten Bereich erhält die Thromboembolieprophylaxe ebenfalls eine immer größere
Rolle, da ambulante Operationen ebenso wie kurzzeitige stationäre Behandlungen immer
häufiger werden. Dies betreffe neben der präoperativen Prophylaxe auch die Weiterführung
nach Entlassung aus dem Krankenhaus, erläuterten die Referenten auf dem 6. Expertenmeeting
in Berlin.
Standardprophylaxe mit NMH - Substanzen aber nicht identisch
Standardprophylaxe mit NMH - Substanzen aber nicht identisch
Trotz neuer Antithrombotika bleiben niedermolekulare Heparine (NMH) weiterhin wirksamer
und risikoarmer Standard bei der Prävention venöser Thromboembolien (VTE), betonte
Prof. Siegfried Rübenacker, Langenau. Nach 20 Jahren NMH-Prophylaxe in der Chirurgie
besteht inzwischen eine breite evidenzbasierte Datenlage - eine wichtige Voraussetzung
für die Erarbeitung der neuen S3-Leitlinie zur peri- und postoperativen Thromboseprophylaxe.
So existieren heute zum einen Empfehlungen zur medikamentösen Prophylaxe bei großen
orthopädischen und unfallchirurgischen Eingriffen. Aber auch der Nutzen einer verlängerten
medikamentösen Prophylaxe nach bestimmten Hochrisikooperationen (z.B. elektiver Hüftgelenkersatz)
ist ebenso dokumentiert wie die Bedeutung dispositioneller Risikofaktoren [1], [4], [5].
Allerdings unterscheiden sich die verfügbaren niedermolekularen Heparine aufgrund
ihrer verschiedenen Herstellungsverfahren in ihren pharmakologische Eigenschaften
und ihrer klinischen Effektivität, was sich auch in einem unterschiedlichen Zulassungsstatus
widerspiegele, ergänzte Rübenacker. Deshalb seien die einzelnen Substanzen auch nicht
austauschbar. Vielmehr müsse deren Wirksamkeit und Verträglichkeit für jeden Wirkstoff
in kontrollierten klinischen Studien in den jeweils betrachteten Indikationen nachgewiesen
werden [1]. Die breiteste Zulassung hat derzeit Enoxaparin (Clexane®).
Niedermolekulare Heparine im Vergleich
Niedermolekulare Heparine im Vergleich
Um die Effektivität der medikamentösen Thromboembolieprophylaxe verschiedener niedermolekularer
Heparine beurteilen zu können, bedarf es also vor allem vergleichbarer Studiendaten,
die jedoch nur begrenzt zur Verfügung stehen. Denn die einzelnen Studien unterscheiden
sich bezüglich der eingesetzten Dosierungen, der Therapieintervalle, der Methodik
oder auch ihrem Umfang und ihrer Qualität, was einen direkten Vergleich im Prinzip
ausschließt.
Ferriols-Lisart und seine Coautoren haben diese Faktoren in einer Metaanalyse der
einzelnen klinischen Studien bei orthopädischen Hochrisikoeingriffen jedoch berücksichtigt
und ihre Analyse nach zuvor festgelegten Qualitätskriterien erstellt [2]. Sie werteten nur prospektive, randomisierte, kontrollierte Studien aus, die sich
mit dem endoprothetischen Hüft- und Kniegelenkersatz - zwei standardisierten Operationsverfahren
- beschäftigen. Denn solche Eingriffe eignen sich für diesen Zweck besonders gut,
da sie mit einem hohen Thromboembolierisiko assoziiert sind. So beträgt die durchschnittliche
Thromboserate im Rahmen einer Hüftgelenkendoprothetik 51 %, bei einer Kniegelenkendoprothetik
47 % [1], [2].
"Leitsubstanz" Enoxaparin
"Leitsubstanz" Enoxaparin
Ferriols-Lisart et al. berücksichtigten in ihrer Metaanalyse nur Studien, bei denen
ein niedermolekulares gegen ein unfraktioniertes Heparin (UFH) getestet wurde. Dabei
ergab sich im Vergleich für die niedermolekularen Heparine eine tendenziell höhere
Effektivität (Abb. [1]; [2]).
Abb. 1 Die Metaanalyse zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von verschiedenen niedermolekularen
Heparinen im Vergleich zu unfraktioniertem Heparin bei orthopädischen Hochrisikoeingriffen
zeigt nur für Enoxaparin eine signifikante Überlegenheit und das engste Konfidenzintervall
nach [2]
Besonders vorteilhaft scheint jedoch Enoxaparin zu sein, das über alle eingeschlossenen
Studien neben einer signifikant besseren Wirksamkeit gegenüber unfraktioniertem Heparin
auch ein deutlich engeres Konfidenzintervall als die anderen niedermolekularen Heparine
aufwies (Abb. [1]; [2]). Dazu kommt: Für Enoxaparin steht derzeit die umfangreichste Studienlage der niedermolekularen
Heparine zur Verfügung. Außerdem hat der Arzneiverordnungsreport 2007 Enoxaparin erneut
als Leitsubstanz der niedermolekularen Heparine bestätigt [6].
Bemerkenswert sei weiterhin, so Rübenacker in seinem Überblick, dass die deutlich
höhere Effektivität von Enoxaparin gegenüber unfraktioniertem Heparin nach der Studienlage
kein höheres Blutungsrisiko nach sich ziehe. Offenbar weist Enoxaparin ein relativ
breites therapeutisches Fenster auf, da zwischen den Dosierungen von Enoxaparin in
den USA (2 x 30 mg s.c., 12-24 Stunden postoperativ) und in Europa (40 mg s.c., zwölf
Stunden vor dem Eingriff) keine Unterschiede im Blutungsrisiko bestehen, verdeutlichten
die Experten.
Diskussionsergebnisse im Überblick
Diskussionsergebnisse im Überblick
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Die Experten sprachen sich für den präoperativen Beginn der VTE-Prophylaxe aus. Dieser
sei schon deshalb sinnvoll, weil durch die Operation die Noxe für das Gerinnungssystem
gesetzt werde. Bei einem höheren Anteil ambulanter Chirurgie und kurzzeitigen stationären
Behandlungen sind demzufolge gegebenenfalls Abläufe zu implementieren, die den präoperativen
Beginn der Prophylaxe sicherstellen.
Herausgestellt haben die Experten zudem die Bedeutung der risikoadaptierten Thromboseprophylaxe
in der Chirurgie, weil immer mehr Patienten mit individuellen Risikofaktoren operiert
werden. Diese Risikofaktoren machen deren Einordnung in die hohe Risikogruppe notwendig.
Sie forderten daher, unabhängigen Risikofaktoren wie zum Beispiel einer Thrombophilie
mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Deshalb könne auch bei kleinen Eingriffen bei entsprechender
Risikolage des Patienten eine medikamentöse Prophylaxe notwendig werden.
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Prof. Siegfried Rübenacker zur S3-Leitlinie für die peri- und postoperative Thromboseprophylaxe
Prof. Siegfried Rübenacker zur S3-Leitlinie für die peri- und postoperative Thromboseprophylaxe
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"Die vorliegende Datenlage erlaubt die Erstellung einer S3-Leitlinie, an deren Fertigstellung
mit Hochdruck gearbeitet wird. Bisher existiert nur eine S2-Leitlinie zur Thromboseprophylaxe
im peri- und postoperativen Bereich aus dem Jahr 2003, die noch zahlreiche Fragen
offen lässt. Deshalb ist es Ziel der neuen S3-Leitlinie, konkrete Aussagen zu spezifischen
Operationen zu machen und die Empfehlungen transparent und evidenzbasiert herzuleiten.
Dazu zählt auch die Entwicklung von spezifischen Instrumenten zur Risikostratifizierung.
Es sind ja im Einzelfall stets Risikosituationen denkbar, die sich dann risikoerhöhend
auswirken, wenn der Patient zusätzlich dispositionelle Risikofaktoren aufweist. Bei
solchen Patienten kann auch eine verlängerte medikamentöse Prophylaxe notwendig werden.
Wir führen nach Hochrisikoeingriffen eine medikamentöse postoperative Prophylaxe mit
einmal täglich Enoxaparin 40 mg s.c. über 28 Tage durch. Da bislang noch keine generell
verbindliche Empfehlung zur prolongierten Prophylaxe vorliegt, empfiehlt es sich,
die Dauer der medikamentösen Prophylaxe anhand der dispositionellen Risikofaktoren,
dem operativen Trauma und dem Immobilisierungsgrad des Patienten individuell zu ermitteln
und zu bewerten."
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Vorteile dienen der Patientensicherheit
Vorteile dienen der Patientensicherheit
Für den Alltag in der Chirurgie seien die Vorteile, die mit der Anwendung von niedermolekularen
Heparinen zur Thromboseprävention verbunden sind, von hohem praktischen Nutzen, unterstrich
Rübenacker. Dazu gehören
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eine einfache Handhabung aufgrund der Einmalgabe
-
eine gut vorhersagbare Wirksamkeit
-
ihre gute Verträglichkeit.
Dies alles bedeute zusammen mit der langjährigen Erfahrung, der milliardenfachen Anwendung
und der hohen Evidenz durch Studien auch ein großes Maß an Sicherheit für die Patienten.
Hier müssten sich die neuen Substanzen erst beweisen, weshalb derzeit niedermolekulare
Heparine weiterhin als "Goldstandard" zur Thromboembolieprophylaxe in der Chirurgie
zu betrachten seien, schloss Rübenacker.
Risikoadaptierte Thromboseprophylaxe notwendig und sinnvoll
Risikoadaptierte Thromboseprophylaxe notwendig und sinnvoll
Dass die risikoadaptierte Thromboseprophylaxe kein überholtes Prinzip ist, sondern
von hoher Aktualität, daran erinnerte Dr. Helmut Arbogast, München. So mache eine
einheitliche NMH-Dosierung für alle Patienten schon deshalb keinen Sinn, weil zum
einen Hochrisikoeingriffe nicht mit Operationen wie zum Beispiel einer Leistenhernie
gleichgesetzt werden könnten. Zum anderen können dispositionelle Risikofaktoren die
Thrombosegefährdung der Patienten deutlich erhöhen [1]. Schon aus diesen Gründen, so Arbogast, sei eine Risikostratifizierung notwendig,
aus der sich dann die individuelle Dosierung ableiten lasse.
Bei der Wahl eines niedermolekularen Heparins zur Prophylaxe sollte der Chirurg auf
die anti-Xa-Selektivität achten. Denn je höher diese- wie zum Beispiel bei Enoxaparin
- ist, desto günstiger ist seine prophylaktische Wirkung und desto höher die therapeutische
Breite, ergänzte Arbogast.
Leitlinien empfehlen eine individuelle NMH-Dosis
Leitlinien empfehlen eine individuelle NMH-Dosis
Die evidenzbasierten ACCP[1]-Leitlinien zur perioperativen Thromboseprophylaxe tragen dem Rechnung und empfehlen
bei vorliegendem hohen Risiko niedermolekulare Heparine in einer Dosis von mindestens
3 400 I.E. anti-Xa-Einheiten täglich. Bei mittlerem Risiko reicht dagegen eine maximale
Dosis von 3 400 I.E. anti-Xa täglich aus. Damit unterstreichen die Empfehlungen die
Notwendigkeit unterschiedlicher NMH-Dosierungen [3]. Einige niedermolekulare Heparine entsprächen jedoch unter diesen Voraussetzungen
nicht den Anforderungen an die Hochrisikoprophylaxe, meinte Arbogast
Im Rahmen der postoperativen Prophylaxe bei Sportverletzungen nach der Gipsabnahme
rieten die Experten ebenfalls, sich am individuellen Risiko des Patienten zu orientieren.
Zusätzliche dispositionelle Risikofaktoren, wie eine tiefe Venenthrombose in der Anamnese,
ein Alter über 70 Jahre, ein Body-Mass-Index (BMI) über 30 kg/m2, eine Tumorerkrankung oder eine Teilbelastung von weniger als 20 kp, erhöhen das
Thromboserisiko deutlich.
Regina Burian, Neufahrn
Quelle: 6. Expertenmeeting "Niedermolekulare Heparine up to date 2007", Veranstalter
Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin
Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung der Sanofi-Aventis Deutschland
GmbH, Berlin