Einleitung
Einleitung
Chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus gehören zu den größten epidemiologischen,
sozialen und ökonomischen Herausforderungen unserer Zeit. Moderne multimodale
Therapiekonzepte sollten deshalb die Integration von Verfahren der Komplementär-
und Alternativmedizin (CAM), z.B. bestimmter Ayurvedatherapien, dort zulassen,
wo dies sinnvoll erscheint und deren Wirksamkeit in wissenschaftlichen Studien
nachgewiesen werden können. Denn CAM-Verfahren sind oft gerade in den Bereichen
Prävention, Lebensführung und Behandlung chronischer Erkrankungen erfolgreich.
Dieser Artikel soll zu einem besseren Verständnis des CAM-Verfahrens Ayurveda
beitragen, indem er neben der Darstellung ätiologischer und pathogenetischer Konzepte
zum Diabetes mellitus im Ayurveda eine Einführung in ayurvedische Diagnostik und
Therapie beim Diabetes liefert. Möglicherweise können ayurvedische Diabetestherapien
in Zukunft eine Ergänzung zu konventionellen Behandlungspfaden darstellen.
Ayurveda: Traditionelle Indische Medizin (TIM)
Ayurveda: Traditionelle Indische Medizin (TIM)
Die ayurvedische Medizin wird in Südasien seit über 2000 Jahren auf breiter Basis
als Volksmedizin praktiziert und ist damit eines der ältesten Gesundheitssysteme
der Welt. Ayurveda wird von der Weltgesundheitsorganisation als medizinische Wissenschaft
anerkannt. Allein in Indien sind laut WHO mehr als 300 000 ayurvedische Ärzte
registriert, an über 200 von der indischen Regierung akkreditierten Universitäten
und Colleges wird Ayurvedamedizin systematisch gelehrt und angewandt. So beträgt
beispielsweise die universitäre Regelstudienzeit für den Abschluss Bachelor of
Ayurvedic Medicine and Surgery 5 œ Jahre [6], [17].
Aus dem Sanskrit übersetzt bedeutet Ayurveda soviel wie Wissen(-schaft) vom Leben. Die Philosophie des Ayurveda hat im Laufe der Jahrtausende komplexe medizinische
Theorien hervorgebracht. Sie postuliert eine grundsätzliche Harmonie zwischen
Mensch und Umwelt. Ayurveda ist dabei nicht nur ein medizinisches System,
sondern zugleich eine Lebensphilosophie und findet sowohl in Therapie als auch
Prävention breite Anwendung [1], [4], [6], [12], [16], [17].
Die konstitutionsbasierte Theorie der drei Funktionsprinzipien Vata (kinetisches
Prinzip), Pitta (metabolisches Prinzip) und Kapha (anaboles Prinzip) bildet die
philosophische Grundlage für das ayurvedische Medizinsystem. Das Zusammenwirken
der drei Funktionsprinzipien bestimmt und regelt alle Vorgänge im Organismus.
Sie stehen in einem empfindlichen und dynamischen Gleichgewicht zueinander und
sind voneinander abhängig. Sie prägen von Geburt an individuelle Körpermerkmale
und die Grundlagen der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen. Die auf diesem
kulturellen Hintergrund basierende Konstitutionslehre beschreibt die individuelle
Konstitution eines Menschen, die zusätzlich durch äußerliche Faktoren wie
Ernährung, Verhalten, soziales Umfeld, Klima, Emotionen und individuelle Verhaltensweisen
beeinflusst wird. Geraten die Funktionsprinzipien aus ihrem Equilibrium, kommt
es zur Entstehung von Krankheiten [1], [4], [12], [15], [18].
Diabetes mellitus im Ayurveda
Diabetes mellitus im Ayurveda
Ätiologie und Pathogenese
Der Diabetes mellitus ist in der ayurvedischen Medizin schon seit über 1500 Jahren
bekannt und wird in den systemeigenen Lehrwerken übereinstimmend als Madhumeha
bezeichnet. Das Wort setzt sich aus den beiden Sanskrit-Wortstämmen madhu (süß)
und meha (Durchfluss) zusammen. Madhumeha ist Teil einer Klassifikation von Krankheiten,
die Störungen beim Wasserlassen als gemeinsames Leitsymptom besitzen und unter
dem Begriff Prameha zusammengefasst werden. Der Ayurveda beschreibt mehr als 20
unterschiedliche Krankheitsentitäten aus dieser Kategorie.
Angenommen wird eine multifaktorielle Krankheitsentstehung. Äquivalentvorstellungen
genetischer Prädispositionen spielen in der Deutung der Erkrankung eine genauso
bedeutsame Rolle wie die Annahme davon unabhängiger erworbener Faktoren. Dazu
gehören ein gesteigerter Konsum süßer Nahrungsmittel, mangelnde Schlafhygiene,
Mangel an körperlicher Aktivität, Unterdrückung natürlicher Bedürfnisse und
eine schlechte Körperhaltung. Aus ayurvedischer Sicht kommt es zu einer Störung
innerhalb der verschiedenen „Körpergewebe” (Dhatus). Diese Homöostasestörung prädisponiert
für die Entstehung des Diabetes. Der Hauptfaktor hierfür ist ein individuelles
Ungleichgewicht der Funktionsprinzipien Kapha und Vata, wobei einer pathologischen
Akkumulation von Kapha (Eigenschaften: schwer, kalt, weich, ölig, süß, fest, schleimig)
eine zentrale Rolle zukommt. Alle Krankheiten aus der Gruppe Prameha gehen zu
Anfang mit einer Störung des Funktionsprinzips Kapha einher. Das überschüssige
Kapha verlässt seine natürlichen Reservoirs und verteilt sich im Organismus, vorzugsweise
im Fettgewebe (Meda), da dieses kaphaähnliche Eigenschaften aufweist. Vorbestehende
Schwächen der „Körpergewebe”, v.a. von Meda (Fettgewebe), Mamsa (Muskelgewebe)
und Vasa (Muskelfettgewebe), tragen zur Manifestation des Diabetes bei [2], [8], [9], [10], [11], [14] [Abb. 1].
Abb. 1: Ayurvedische Pathogenese des Diabetes mellitus (Madhumeha).
Diagnose des Diabetes mellitus im Ayurveda
Diagnose des Diabetes mellitus im Ayurveda
Die ayurvedische Diagnostik stützt sich weniger auf Laborbefunde, sondern stärker
auf die klinische Symptomatik eines Patienten. Die Diagnosemethoden sind klassischerweise
achtgliedrig unterteilt (Acht-Punkte-Diagnostik) [Tab. 1]. Diese acht Diagnosestufen beinhalten eine Beurteilung des Zustandes der drei
Doshas sowie anderer physischer und psychischer Parameter. Daran anschließend
werden die Leitsymptome mit dem momentanen Zustand der drei Funktionsprinzipien
und anderer klinischer Zeichen und Symptome korreliert. Aus der Summe der Befunde
wird dann die Diagnose gestellt. Im Falle des Diabetes mellitus würde man
einen entweder von Vata, Pitta oder Kapha dominierten Diabetes mellitus diagnostizieren,
in den meisten Fällen überwiegt jedoch eine pathologische Akkumulation von Kapha.
Tab. 1: Acht-Punkte-Diagnostik des Ayurveda bei Diabetes mellitus.
|
Ayurvedischer Begriff |
Diagnostische Methode |
Besonderheiten beim Diabetes (Beispiele) |
| Nadi pariksha |
Pulsdiagnose |
Kapha-Eigenschaften dominieren |
| Mutra pariksha |
Urinuntersuchung |
süß, schleimig, trüb |
| Vata |
hier: Untersuchung des Nervensystems |
Funktion gestört/eingeschränkt; schlechte Prognose bei Exzess von Vata |
| Pitta |
hier: Beurteilung der metabolischen Funktion |
metabolische Funktionen eingeschränkt oder fehlgeleitet; Verdauungsfeuer gestört
|
| Kapha |
hier: Beurteilung von Gewebestrukturen und sekretorischen Prozessen |
verstärkt, unter Umständen stark erhöht; Qualitätsminderung |
| Mala pariksha |
Stuhluntersuchung |
oft Schleimbeimengungen |
| Jihva pariksha |
Zungendiagnostik |
Fülle-Zeichen: Schleim, Zungenmale, Mundgeruch, Belag |
| Shabda pariksha |
Untersuchung von Körpergeräuschen |
ggf. Blähungen, Meteorismus, Eruktationen |
Grundzüge der ayurvedischen Diabetestherapie
Grundzüge der ayurvedischen Diabetestherapie
Die Therapie des Diabetes mellitus [Tab. 2] orientiert sich an den grundsätzlichen Prinzipien der ayurvedischen Philosophie.
Ultimative Ziele einer ayurvedischen Behandlung sind stets:
-
die Wiederherstellung des individuellen Equilibriums der drei Funktionsprinzipien,
-
eine Verbesserung der Verdauungskraft (Agni) sowie
-
die Elimination von Gift- und Schlackenstoffen (Ama).
Tab. 2: Therapie des Diabetes mellitus im Ayurveda.
|
Ausleitung |
Phytotherapien |
Äußere Anwendungen |
Ernährung |
Verhalten/Lebensstil/Yoga |
Vorbereitung: trockene Massagen und Sudation
Hauptbehandlung: Emesis und Purgierung Dekokt-Einläufe: z.B. mit Dashamula-Dekokt |
z.B. Jambu (Syzygium jambolanum), Asana (Pterocarpus marsupium), Meshashrngi (Gymnema sylvestris), Mamajjaka (Enicostema littorale), gereinigter Natur-Bitumen (Shilajatu), Kombinationspräparate,
z.B. Candraprabha-vati |
trockene Massagen; Pulvermassagen; Druckmassagen; Sudationstherapien, z.B.
Dampfbäder, Sauna |
Bevorzugung von Nahrungsmitteln, die Kapha entgegenwirken (Eigenschaften:
trocken, leicht, bitter, scharf, astringierend); z.B. Hirse, Gerste, Hülsenfrüchte,
Pfeffer, Koriander, Kreuzkümmel, Nelken, Ingwer, Fenchel, Zucchini, Blattgemüse,
etc. |
Fasten; Schwitzen; körperliche Anstrengung; geistige Anregungen; gezielte
Yoga-Übungen |
Primäres Therapieziel bei einer kaphadominierten Erkrankung wie Diabetes mellitus
ist deshalb vor allem die Korrektur der aus dem Gleichgewicht geratenen Funktionsprinzipien
Kapha (und ggf. Vata). Interindividuelle Unterschiede in der Therapiestrategie
ergeben sich aus dem körperlichen Zustand der Patienten: Der adipöse Metaboliker wird vor Beginn der eigentlichen Therapie regelhaft einer ausführlichen Reinigungsprozedur
(Shodana) unterzogen. Bei ausgezehrten, sich in einem schlechten Allgemeinzustand
befindlichen Diabetikern wird zunächst auf sanftere Methoden (Shamana) ausgewichen.
Vorbereitung: Ausleitungsverfahren
Diese Reinigungsprozeduren sind essenzielle Bestandteile der ayurvedischen Therapie.
Hierbei handelt es sich um spezielle Therapien, bei denen physische und psychische
Abfallstoffe aus dem Körper ausgeschieden werden sollen. Die Ausleitung wird mittels
verschiedener Techniken vorgenommen. Das bekannteste unter ihnen ist das Panchakarma
[Tab. 3], eine aus fünf aufeinanderfolgenden Bestandteilen bestehende Therapieform. Im
Falle des Diabetes würde man zur Ausleitung von überschüssigem Kapha unter Berücksichtigung
etwaiger Kontraindikationen v.a. auf abführende Maßnahmen, Brechtherapien
und medizinierte Einläufe mit wässrigen Substanzen zurückgreifen. Der Durchführung
einer, mehrerer oder aller fünf Behandlungsmethoden des Panchakarma geht üblicherweise
eine innerliche und äußerliche Behandlung mit therapeutischen Fetten und/oder
Ölen voran, sowie Dampfbehandlungen. Diese Maßnahmen werden zur Mobilisierung
der überflüssigen Doshas durchgeführt, welche dann in den nachfolgenden Schritten
aus dem Körper ausgeleitet werden. Da bei Diabetikern zumeist eine starke Kaphastörung
vorliegt, muss die Dosis fetthaltiger Therapeutika mit Kaphaeigenschaften ggf.
reduziert oder durch wässrige Substanzen ersetzt werden. Die Vorbereitung zur
Ausleitung kann bei Diabetikern z.B. auf Heißwassertrinkkuren, trockene Massagen
mit Pulverzubereitungen, Dampfbehandlungen etc. umgestellt werden.
Tab. 3: Die fünf ausleitenden Verfahren des Panchakarma.
|
Ayurvedische Bezeichnung |
Deutsche Übersetzung |
| Vamana |
Brechtherapie |
| Virechana |
medizinisches Abführen |
| Anuvasana Basti |
medizinierter Einlauf mit öligen Substanzen |
| Niruha Basti |
medizinierter Einlauf mit wässrigen Substanzen |
| Nasya |
Nasenbehandlung |
Dauertherapie
Auf die ausleitenden Verfahren folgen Dauertherapieschemata, welche sich schwerpunktmäßig
auf Phytotherapie, Ernährungstherapie und körperliche Aktivität stützen. Antidiabetische
Kräuter- und Kombinationspräparate begünstigen einen Abbau von überschüssigem
Kapha, verhindern dessen Akkumulation oder wirken sich günstig auf Stoffwechselprozesse
aus. Hierzu gehören z.B. in Südasien heimische Heilkräuter [Tab. 2]. Was die Ernährungstherapie angeht, so steht die Bevorzugung von Nahrungsmitteln,
die Kapha entgegenwirken, im Vordergrund. Im Bereich von Lebensstilinterventionen
und Verhaltensmaßnahmen werden kontrolliertes Fasten, Schwitzkuren (z.B. Saunabesuche),
Sport, Yoga und geistige Aktivitäten empfohlen [2], [3], [5], [7], [8], [9], [10], [11], [13], [14], [19] [Abb. 2].
Abb. 2: Diagnose und Therapie von Madhumeha (Diabetes mellitus).
Fallbeispiel
Fallbeispiel
Anamnese
Die Patientin, eine 48-jährige Hausfrau, ist langjährige Typ-2-Diabetikerin (nicht
insulinpflichtig); bekannter, gut eingestellter arterieller Hypertonus, gemischte
Hyperlipidämie, abdominelle Adipositas, BMI 31. Medikation: HCT 12,5 mg 1-0-0,
Metoprolol retard 47,5 mg 1-0-1, Metformin 850 mg 1-0-1, Simvastatin 40 0-0-1.
Diagnose in der Ayurveda-Praxis
Diagnose einer Kapha-Pitta-Konstitution mit überlagerter, massiver Kapha-Störung.
Ayurvedische Anamnese und Untersuchung ergibt u.a.: schwerer, träger, tiefer Kapha-Puls,
starke Zunahme des Fettgewebes, trüber, weißlicher Urin, Zungenmale mit weißlich
schleimigem Belag, braucht viel Papier beim Toilettengang, ist oft müde und
schlapp.
Therapievorschlag
-
Zweiwöchige intensive Panchakarmakur unter stationären Bedingungen in einer
Ayurveda-Klinik;
-
dort nach Vorbereitung mit (Trocken-) Massagen, Dampfbädern und interner Oleation
Anwendung ausleitender Verfahren i.S. von iatrogen induziertem Abführen, ggf.
therapeutischem Erbrechen;
-
parallel täglich œ Stunde Yogaübungen (Sonnengruß) und Meditation.
-
Unterweisung in kaphareduzierenden Ernährungsweisen und Umstellung auf eine
vegetarische Kost;
-
vorerst Verzicht auf Phytopharmaka beschlossen.
Therapieergebnis nach einem Jahr
-
BMI-Reduktion auf 26;
-
Halbierung der Dosis von ß-Blocker und Metformin, Simvastatin bei normalisierten
Blutfetten vorerst abgesetzt;
-
Normalisierung des Urins, Rückgang des Zungenbelags;
-
Kapha-Puls persistiert, jedoch weniger stark ausgeprägt, bei anlagebedingtem
Kapha-Pitta-Konstitutionstyp;
-
subjektiv Wohlbefinden.
Fazit
Im Zeitalter der modernen Medizin stellt Ayurveda für viele Patienten eher ein
komplementäres Verfahren als eine Alternative dar. Trotzdem sind die beschriebenen
Verfahren grundsätzlich für fast alle Diabetiker geeignet und lassen sich darüber
hinaus problemlos mit schulmedizinischen Therapien kombinieren. Oft gelingt es,
die Dosis von oralen Antidiabetika und Insulin zu reduzieren.
Moderne Ayurvedatherapie bedeutet nicht, sich sklavisch an Jahrtausende alte Sanskritlehrwerke
zu halten oder sich ausschließlich auf medizinische Produkte aus Südasien zu beschränken.
Als Alternative für nicht selten kostenintensive und schwer zu beschaffende Substanzen
aus Indien bieten sich prinzipiell auch alle Heilmittel aus den heimischen Naturheilverfahren
an, wenn sie unter Berücksichtigung der ayurvedischen Grundprinzipien Anwendung
finden. So findet sich auch in unseren Küchen und Kräutergärten vieles, was z.B.
im Falle des Diabetes mellitus kaphareduzierende Eigenschaften besitzt und zu
einer sinnvollen Therapie beitragen kann.