Quelle: Besselink MG, van Santvoort HC, Buskens E et al. Probiotic prophylaxis in predicted
severe acute pancreatitis: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet
2008; 371 (9613): 651-659
Thema: Laut aktuellen tierexperimentellen Studienergebnissen können Probiotika die Mukosabarriere
stärken, sodass sich beispielsweise bei Mäusen mit Colitis ulcerosa die Durchfallerscheinungen
mildern und sich so Flüssigkeits- und Gewichtsverluste verringern lassen. So weit,
so gut. Für Patienten mit akuter Pankreatitis scheint die Gabe von Probiotika jedoch
gefährlich zu sein.
Projekt: Auf der Suche nach alternativen Therapiestrategien nach dem Versagen einer Antibiotikatherapie
für Patienten mit akuter Pankreatitis, die häufig infektiöse Komplikationen erleiden,
setzte ein niederländisches Ärzteteam auf einen Mix aus Lactobazillen und Bifidobakterien.
Sie hofften damit über eine Wachstumshemmung der häufigsten pathogenen Keime die akute
Infektionsrate von 50 auf 30% reduzieren zu können. Deshalb applizierten die Mediziner
152 Patienten mit akuter Pankreatitis den Probiotikamix zusammen mit einer Sondennahrung
28 Tage lang zweimal täglich. In der Kontrollgruppe war die Sondennahrung frei von
Bakterien.
Ergebnis: Nach 90 Tagen zog man Bilanz: Anders als erwartet war die Infektionsrate unter der
Probiotikatherapie sogar geringfügig höher als in der Kontrollgruppe (30 versus 28%).
Einen deutlichen Unterschied sahen die Mediziner bezüglich der Sterblichkeit: Während
im Verumarm 24 Patienten verstarben, waren in der Kontrollgruppe nur neun Todesfälle
zu verzeichnen (16 versus 6%). So erlitten neun Patienten nach der Probiotikapplikation
eine tödliche Darmischämie - eine Komplikation, die in der Kontrollgruppe nicht auftrat.
Die übrigen Patienten verstarben infolge eines Multiorganversagens.
Fazit: Aufgrund dieser Studienergebnisse kann der Einsatz von Probiotika bei Patienten mit
akuten Pankreatitiden zurzeit nicht mehr infrage kommen. Unbeantwortet bleibt aber
der zugrunde liegende Pathomechanismus, obwohl die Darmischämien für die vermehrten
Todesfälle unter der Applikation der Probiotika verantwortlich scheinen.
Der Leiter der Forschergruppe, Prof. Hein G. Goozen, Amsterdam (Niederlande), spekulierte,
dass der vorgeschädigte Darm die Gabe von etwa zehn Milliarden Bakterien zusätzlich
zur Sondennahrung schlicht "nicht verkraftet" habe, da die Blutgefäße den durch die
Verdauung erhöhten Sauerstoffbedarf nicht decken konnten. Möglicherweise hätten die
Probiotika auch die entzündlichen Vorgänge in der Mukosa gesteigert, zumindest seien
in einigen Autopsieberichten vermehrte Entzündungszeichen vermerkt.
Schlüsselworte: akute Pankreatitis - Probiotika - Darmischämie