Intensivmedizin up2date 2026; 22(01): 97-120
DOI: 10.1055/a-2343-8202
Pädiatrische Intensivmedizin

Erstversorgung des Polytraumas bei Kindern

Authors

  • Markus Lehner

  • Hannah Luz

  • Philipp O. Szavay

  • Anna-Ursina Malär

  • Iris Bachmann Holzinger

Die Polytraumaversorgung bei Kindern stellt eine besondere Herausforderung dar, da sich sowohl anatomische und physiologische Eigenschaften von Kindern als auch typische Verletzungsmuster deutlich von denen im Erwachsenenalter unterscheiden. Ziel der Behandlung ist es, die Überlebenschancen schwerverletzter Kinder zu maximieren und gleichzeitig langfristige Schäden zu minimieren – eine Aufgabe, die hohe Präzision, Expertise und ganzheitliche Behandlungskonzepte erfordert.

Kernaussagen
  • Die Versorgung polytraumatisierter Kinder ist eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe, die ein tiefes Verständnis von Anatomie, Physiologie und Verletzungsmustern im Kindesalter erfordert.

  • Eine strukturierte Vorgehensweise bei der Versorgung sowohl prähospital als auch im Schockraum ist entscheidend und erfolgt nach dem X(c)ABCDE-Schema unter der Berücksichtigung organspezifischer Besonderheiten.

  • In der prähospitalen Phase liegt der Fokus auf der Kontrolle lebensbedrohlicher Blutungen, der Sicherung des Atemwegs und der Stabilisierung des Kreislaufs. Blutungen werden durch Druckverbände oder (in Ausnahmefällen) Tourniquets gestoppt.

  • Die Kreislaufstabilität wird durch eine kalkulierte Gabe von balancierten Vollelektrolytlösungen und, bei persistierender Instabilität, durch Blutprodukte und Katecholamine sowie rechtzeitiger Aktivierung des Massentransfusionsprotokolls gewährleistet.

  • Zum Schutz der Wirbelsäule spielt die achsengerechte Lagerung, ggf. mit Anlage einer weichen Halskrause, eine entscheidende Rolle, um Sekundärschäden zu vermeiden.

  • Die vollständige Untersuchung des Kindes sollte unter Wärmeerhalt erfolgen, da Kinder aufgrund ihrer größeren Körperoberfläche schneller auskühlen.

  • Im Schockraum wird das Vorgehen durch weitere diagnostische und therapeutische Maßnahmen ergänzt: Diagnostisch spielen das eFAST sowie eine differenzierte radiologische Diagnostik eine zentrale Rolle, um z. B. freie Flüssigkeiten in den Körperhöhlen oder Luftansammlungen im Thorax schnell zu erkennen; therapeutisch liegt der Fokus auf der Kreislaufstabilisierung, die durch die Anwendung eines Massentransfusionsprotokolls optimiert wird.

  • Die Damage Control Resuscitation konzentriert sich auf die Vermeidung der letalen Trias durch gezielte Flüssigkeits- und Blutproduktgabe, die Damage Control Surgery zielt darauf ab, akute Blutungen oder Darmverletzungen chirurgisch zu kontrollieren, ehe eine definitive Versorgung erfolgt.

  • Die Qualität der Polytraumaversorgung bei Kindern hängt entscheidend von der interdisziplinären Zusammenarbeit und der regelmäßigen Schulung der beteiligten Teams ab. Zertifizierte Traumazentren mit klaren Schockraumkonzepten bieten die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung.



Publication History

Article published online:
13 February 2026

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