Zeitschrift für Palliativmedizin
DOI: 10.1055/a-2731-8257
Konsensuspapier

Therapiezielfestlegung und -änderung im Verlauf der chronischen Herzinsuffizienz

Konsensuspapier[*] der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK), der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler (DGPK), des Bundes Niedergelassener Kardiologen (BNK) und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)

Authors

  • Mark Weber-Krüger

     1   Klinik für Palliativmedizin, Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, Deutschland
  • Moritz Blum

     2   Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC), Berlin, Deutschland
  • Bernd Alt-Epping

     3   Klinik für Palliativmedizin, Universitätsklinikum Heidelberg, Heidelberg, Deutschland
  • Marc Dittrich

     4   Universitätsklinikum Regensburg, Klinik für Innere Medizin 2, Regensburg, Deutschland
  • Franz Goss

     5   Bundesverband Niedergelassener Kardiologen e. V., München, Deutschland
  • Tanja Henking

     6   Professur für Gesundheits- und Medizinrecht und Strafrecht, Institut für Angewandte Sozialwissenschaften, Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt, Deutschland
  • Hashim Abdul-Khaliq

     7   Klinik für Kinderkardiologie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg (Saar), Deutschland
  • Dorit Knappe

     8   Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin, Asklepios Klinikum St. Georg, Hamburg, Deutschland
  • Gerald Neitzke

     9   Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover, Deutschland
  • Christian Perings

    10   Klinik für Kardiologie, Elektrophysiologe, Pneumologie und Intensivmedizin, St. Marien Hospital Lünen, Deutschland
    16   Kommission für Klinische Kardiovaskuläre Medizin, Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Düsseldorf, Deutschland
  • Harald Rittger

    11   Klinik für Herz- und Lungenerkrankungen, Klinikum Fürth, Deutschland
  • Henrikje Stanze

    12   Professur für Pflegewissenschaft und Palliative Care, Hochschule Bremen, Deutschland
  • Klaus K. Witte

    13   Leeds Institute of Cardiovascular and Metabolic Medicine, University of Leeds, Vereinigtes Königreich
  • Jochen Dutzmann

    14   Klinik für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin, Universitätsmedizin Halle (Saale), Deutschland
    15   Praxisgemeinschaft Hausärzte am Herrenhäuser Markt, Hannover, Deutschland

1 Einleitung

a) Hintergrund

Eine chronische Herzinsuffizienz ist trotz optimaler Behandlung häufig durch eine anhaltende Beeinträchtigung der Lebensqualität, wiederkehrende Krankenhausaufenthalte und eine verkürzte Lebenserwartung charakterisiert. Die individuelle Prognose ist aufgrund des unsteten und durch regelmäßige De- und Rekompensationen charakterisierten Verlaufs schwer vorauszusehen und trotz eines enormen Fortschritts in der Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen nach wie vor schlechter als bei vielen onkologischen Grunderkrankungen [1] [2]. Altersassoziierte Begleiterkrankungen wirken sich bei den Betroffenen zusätzlich negativ auf die Lebensqualität, die Verträglichkeit bzw. das Ansprechen der medikamentösen Therapie und auf die Gesamtprognose aus.

Trotz der in Abhängigkeit vom Erkrankungsstadium variablen Gesamtprognose erscheint sogar teilweise bis in sterbensnahe Situationen hinein die Lebenszeitverlängerung als einziges Therapieziel zu bestehen. Therapiebegrenzungen oder Therapieziele, bei denen eine Optimierung der Lebensqualität (ggf. unter Inkaufnahme einer verkürzten Lebenszeit) im Vordergrund steht, werden dagegen, wenn überhaupt, oft erst spät diskutiert. Die Folge sind hochfrequente Hospitalisierungen, wiederkehrende Intensivbehandlungen und letztlich häufig ein Versterben auf Intensivstationen [3].

Ziel des vorliegenden Konsensuspapiers ist es, Kriterien und Unterstützungsmöglichkeiten zur Festlegung und Änderung von Therapiezielen zu geben und ggf. erforderliche palliative Behandlungsoptionen bei chronischer Herzinsuffizienz aufzuzeigen. Darüber hinaus sollen Strukturdefizite sowie mögliche Lösungsansätze benannt werden.

Dieses Konsensuspapier wurde für Erwachsene mit Herzinsuffizienz konzipiert. Bei Kindern mit Herzinsuffizienz und Erwachsenen mit Herzinsuffizienz aufgrund von angeborenen Herzfehlern sind Besonderheiten zu beachten und es bestehen spezielle Versorgungsstrukturen, auf die im Kontext dieser Arbeit nicht gesondert eingegangen wird.


b) Medizinethische und rechtliche Grundlagen

Jede ärztliche und pflegerische Maßnahme bedarf einer Indikation und der informierten Einwilligung der Betroffenen (sog. Zweisäulenmodell). Die Indikation begründet fachlich ein Behandlungsangebot, mit dem ein bestimmtes Therapieziel mit einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit erreicht werden kann [4]. Mögliche Therapieziele müssen mit den Betroffenen konsentiert und entsprechende Behandlungsangebote im Einklang mit dem (aktuellen oder, wenn nicht einholbar, mutmaßlichen) Patientenwillen stehen.

Therapieziele können Heilung, Lebenszeitverlängerung, bestmögliche Symptomkontrolle und/oder adäquate Sterbebegleitung sein. Diese müssen nicht immer ultimativ verfolgt werden und schließen sich gegenseitig nicht zwangsläufig aus, sondern können situativ unterschiedlich gewichtet werden. Es soll seitens der Behandelnden kein Behandlungsangebot erfolgen, wenn das Erreichen eines Therapieziels als aussichtslos eingeschätzt wird.

Sowohl Indikation als auch Patientenwille sind von der Prognoseeinschätzung, also der Wahrscheinlichkeit, das Therapieziel zu erreichen, abhängig. Diese unterliegt bei der chronischen Herzinsuffizienz aufgrund des schwer vorhersagbaren Verlaufs jedoch einer inhärenten Unsicherheit und erfordert eine ständige Überprüfung der Erreichbarkeit der zuvor vereinbarten Ziele. Dies erfordert eine offene Kommunikation über Prognoseunsicherheiten, Erfolgsaussichten bzw. Belastungen möglicher Therapieoptionen sowie über individuelle Wünsche, Wertvorstellungen und Präferenzen der Betroffenen.


* Dieses Konsensuspapier wird parallel in den Zeitschriften Die Kardiologie (Open access), Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie und Zeitschrift für Palliativmedizin veröffentlicht.




Publication History

Article published online:
28 January 2026

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