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DOI: 10.1055/a-2731-8257
Therapiezielfestlegung und -änderung im Verlauf der chronischen Herzinsuffizienz
Konsensuspapier[*] der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK), der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler (DGPK), des Bundes Niedergelassener Kardiologen (BNK) und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)Authors
1 Einleitung
a) Hintergrund
Eine chronische Herzinsuffizienz ist trotz optimaler Behandlung häufig durch eine anhaltende Beeinträchtigung der Lebensqualität, wiederkehrende Krankenhausaufenthalte und eine verkürzte Lebenserwartung charakterisiert. Die individuelle Prognose ist aufgrund des unsteten und durch regelmäßige De- und Rekompensationen charakterisierten Verlaufs schwer vorauszusehen und trotz eines enormen Fortschritts in der Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen nach wie vor schlechter als bei vielen onkologischen Grunderkrankungen [1] [2]. Altersassoziierte Begleiterkrankungen wirken sich bei den Betroffenen zusätzlich negativ auf die Lebensqualität, die Verträglichkeit bzw. das Ansprechen der medikamentösen Therapie und auf die Gesamtprognose aus.
Trotz der in Abhängigkeit vom Erkrankungsstadium variablen Gesamtprognose erscheint sogar teilweise bis in sterbensnahe Situationen hinein die Lebenszeitverlängerung als einziges Therapieziel zu bestehen. Therapiebegrenzungen oder Therapieziele, bei denen eine Optimierung der Lebensqualität (ggf. unter Inkaufnahme einer verkürzten Lebenszeit) im Vordergrund steht, werden dagegen, wenn überhaupt, oft erst spät diskutiert. Die Folge sind hochfrequente Hospitalisierungen, wiederkehrende Intensivbehandlungen und letztlich häufig ein Versterben auf Intensivstationen [3].
Ziel des vorliegenden Konsensuspapiers ist es, Kriterien und Unterstützungsmöglichkeiten zur Festlegung und Änderung von Therapiezielen zu geben und ggf. erforderliche palliative Behandlungsoptionen bei chronischer Herzinsuffizienz aufzuzeigen. Darüber hinaus sollen Strukturdefizite sowie mögliche Lösungsansätze benannt werden.
Dieses Konsensuspapier wurde für Erwachsene mit Herzinsuffizienz konzipiert. Bei Kindern mit Herzinsuffizienz und Erwachsenen mit Herzinsuffizienz aufgrund von angeborenen Herzfehlern sind Besonderheiten zu beachten und es bestehen spezielle Versorgungsstrukturen, auf die im Kontext dieser Arbeit nicht gesondert eingegangen wird.
b) Medizinethische und rechtliche Grundlagen
Jede ärztliche und pflegerische Maßnahme bedarf einer Indikation und der informierten Einwilligung der Betroffenen (sog. Zweisäulenmodell). Die Indikation begründet fachlich ein Behandlungsangebot, mit dem ein bestimmtes Therapieziel mit einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit erreicht werden kann [4]. Mögliche Therapieziele müssen mit den Betroffenen konsentiert und entsprechende Behandlungsangebote im Einklang mit dem (aktuellen oder, wenn nicht einholbar, mutmaßlichen) Patientenwillen stehen.
Therapieziele können Heilung, Lebenszeitverlängerung, bestmögliche Symptomkontrolle und/oder adäquate Sterbebegleitung sein. Diese müssen nicht immer ultimativ verfolgt werden und schließen sich gegenseitig nicht zwangsläufig aus, sondern können situativ unterschiedlich gewichtet werden. Es soll seitens der Behandelnden kein Behandlungsangebot erfolgen, wenn das Erreichen eines Therapieziels als aussichtslos eingeschätzt wird.
Sowohl Indikation als auch Patientenwille sind von der Prognoseeinschätzung, also der Wahrscheinlichkeit, das Therapieziel zu erreichen, abhängig. Diese unterliegt bei der chronischen Herzinsuffizienz aufgrund des schwer vorhersagbaren Verlaufs jedoch einer inhärenten Unsicherheit und erfordert eine ständige Überprüfung der Erreichbarkeit der zuvor vereinbarten Ziele. Dies erfordert eine offene Kommunikation über Prognoseunsicherheiten, Erfolgsaussichten bzw. Belastungen möglicher Therapieoptionen sowie über individuelle Wünsche, Wertvorstellungen und Präferenzen der Betroffenen.
* Dieses Konsensuspapier wird parallel in den Zeitschriften Die Kardiologie (Open access), Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie und Zeitschrift für Palliativmedizin veröffentlicht.
Publication History
Article published online:
28 January 2026
© 2026. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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