Zusammenfassung
Fragestellung Die Gesundheitsreform im Jahr 2005 hatte das politische
Ziel, das Gesundheitswesen stärker an Gesundheitsförderung (GF) und
Gesundheitskompetenz (GK) auszurichten. Inwiefern die Rechts- und
Ausbildungsgrundlagen im österreichischen Gesundheitswesen eine Basis für eine
Orientierung an GF und GK bieten, ist Gegenstand des vorliegenden Artikels. Es
wird dabei insbesondere auf die rechtlichen Grundlagen der ärztlichen Berufe,
der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe sowie einrichtungsbezogen auf
Krankenanstalten und Primärversorgungseinheiten fokussiert und analysiert,
inwiefern diese GF und GK im Gesundheitswesen einfordern.
Methode In einem ersten Schritt wurden die zentralen Rechtsgrundlagen und
weitere Unterlagen gesichtet. Auf dieser Basis wurde literaturgestützt ein
Codierraster zur Prüfung der Rechtsgrundlagen erstellt. In einem weiteren
Schritt wurden die rechtlichen Grundlagen anhand des Codierrasters analysiert
und interpretiert. Die Interpretation orientierte sich an den Kriterien der
einzelnen Codes. Aus der Analyse rechtlicher Grundlagen wurden Empfehlungen
abgeleitet.
Ergebnisse Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz sind in den
rechtlichen Grundlagen enthalten. GF und GK werden jedoch vor allem als von der
Krankenbehandlung unabhängige Leistungen mit gesonderter Finanzierung konzipiert
und damit weniger als integraler Bestandteil jeglichen Patientenkontakts
verstanden. Die Organisationsform der Primärversorgungseinheit sowie die
Gesundheits- und Krankenpflegeberufe haben hinsichtlich GF und GK gegenüber
Krankenanstalten und ärztlichen Berufen einen relativ klaren Auftrag. Insgesamt
wurde erkannt, dass Begrifflichkeiten teilweise nicht kohärent verwendet werden
und für die unterschiedlichen Versorgungsbereiche operationalisiert werden
sollten. Insbesondere die Rechtsgrundlagen, die die ärztlichen Berufe betreffen,
bauen nicht schlüssig aufeinander auf.
Schlussfolgerungen Die Rahmenbedingungen, insbesondere die
Personalausstattung, der kompetenzorientierte Einsatz und die Teamarbeit, sind
zentrale Grundlagen, damit GF und GK in der Praxis stattfinden bzw. Anwendung
finden können. Sind diese vorhanden, sollten Kompetenzen in den Bereichen GF und
GK gefordert, gefördert, bewertet und honoriert werden. GF und GK sollten
integraler Bestandteil jeglichen Versorgungsbereichs sein. Die Begriffe GF und
GK sind in den Rechtsgrundlagen der Gesundheitsberufe und der Organisationen zu
operationalisieren. Das trifft insbesondere auf das Ärztegesetz und auf
Krankenanstalten zu. Darüber hinaus gilt es, die Rolle der Patientinnen und
Patienten zu stärken und die Einbindung der Nutzer:innen in die Planung von
Gesundheitsdienstleistungen rechtlich zu verankern.
Abstract
Background Health reform sees health promotion (HP) and health literacy
(HL) as essential cornerstones for achieving health policy goals. This article
examines the extent to which the legal foundation in the Austrian healthcare
system provides a basis for orientation towards HP and HL. The focus of the
analysis was set on medical professions, the health care and nursing
professions, hospitals, and primary health care facilities.
Methods In a first step, legal and other relevant documents were reviewed.
For this, a literature-based coding grid was created. In a second step, the
legal bases were analyzed and interpreted using the coding grid. Recommendations
were derived from the analysis of the legal basis and experts’ assessments.
Results Health promotion and health literacy are included in the general
legal foundations. However, HP/HL is primarily conceived as a supplementary
service with separate financing and is thus less understood as an integral part
of any patient contact. The primary health care units and the nursing
professions have a relatively clear mandate with regard to HP/HL compared to the
hospitals and medical professions. Overall, it was recognized that terminology
should be used more coherently and operationalized for the respective areas of
cure and care. In particular, the legal bases relating to the medical
professions do not build on one another in a coherent manner.
Conclusions Having adequate staff is the key to HP/HL. If these are in
place, competencies in the field of HP/HL should be required, promoted,
evaluated, and rewarded. HP/HL should be an integral part of any care setting.
The concepts of health promotion and health literacy should be operationalized
in the legal frameworks of health professions and organizations. This is
especially true for the Physicians’ Act and for hospitals. Furthermore, the role
of patients should be strengthened and the involvement of users in the planning
of health services should be further developed.
Schlüsselwörter
Gesundheitsförderung - Gesundheitskompetenz - Gesundheitswesen - Gesundheitsberufe - Gesundheitspersonal
Keywords
Health promotion - health literacy - health care system - health professions - health care workers