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DOI: 10.1055/s-2006-953084
Akustische Variante eines Charles Bonnet-Syndrom
Das Charles Bonnet-Syndrom ist durch das Auftreten komplex visueller Halluzinationen bei sonst psychisch Gesunden charakterisiert. Der Großteil der Patienten ist alt und leidet an einer Augenkrankheit oder an Störungen im zentralen visuellen System. Die Betroffenen sind in der Lage, die nicht reale Natur ihrer Trugwahrnehmung zu erkennen. Die Ansprechbarkeit auf neuroleptische Medikation ist gering.
Das Charles Bonnet-Syndrom wurde bisher für das visuelle System beschrieben, Fallberichte über akustische Trugwahrnehmungen im Sinne eines akustischen Charles Bonnet-Syndoms fehlten bisher.
Referiert werden die diagnostischen Kriterien nach Teunisse und Podoll. Vorgestellt wird der Fall einer 82-jährigen Patientin, die unter akustischen Trugwahrnehmungen leidet, die sich bei vermindertem generellen Hörvermögen in akustisch reizarmen Situationen einstellen, szenischen und ich-fernen, nie bedrohlichen Charakter haben und stets in reizverstärkter Umgebung sistieren.
Bei unauffälligem psychopathologischen Befund mit ungestörtem Bewußtsein scheiden organische, affektive sowie schizophrene Psychosen als Ursachen aus. Eine fokale Epilepsie mit einfach-fokalen sensorisch-auditiven Anfällen schließen wir aufgrund des Beschwerdebildes mit willkürlich beeinflussbarer Symptomatik sowie der MRT-und EEG-Befunde aus. Als spezifischer organisch Faktor findet sich eine beidseitige Presbyakusis mit pancochleärem Hörverlust und zusätzlicher Hochtonschwerhörigkeit.
Da die Syndromatik aus dem visuellen Bereich bekannt ist, wurde von einer akustischen Variante des Charles Bonnet-Syndroms ausgegangen. In Analogie zu den vorgeschlagenen Diagnosekriterien beim visuellen Charles Bonnet-Syndrom findet sich bei unserer Patientin:
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nur ein gestörtes sensorisches System
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eine auf dieses System beschränkte Trugwahrnehmung
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und eine Einsicht in dessen nicht reale Natur
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Die Symptomatik ist nicht passager, sondern anhaltend
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Organische Ursachen können ausgeschlossen werden
Die Trugwahrnehmungen sistieren bei adäquatem sensorischen Eingang
Nach unserem Kenntnisstand ist bisher kein entsprechender Fall eines akustischen Charles Bonnet-Syndroms beschrieben worden; weiterführende Untersuchungen an Hörgeschädigten sollten klären, ob sich diese Symptomatik häufiger findet.