Keywords
Ernährung - Säure-Basen-Dysbalance - Mineralstoffhaushalt
Abb. 1 © exclusive-design / Adobe Stock
Wasser, Mineralstoffe und Säuren beeinflussen sich gegenseitig, bereits eine geringe Dehydratation mindert die Leistungsfähigkeit – Ein ausgeglichenes Mineralstoffverhältnis ist unabdingbar für Gesundheit und Leistungsfähigkeit
Leben und Gesundheit sind ohne die gesunde Homöostase des Wasser-, Mineralstoff- und Säure-Basen-Haushalts nicht möglich. Sowohl säure- als auch basenbildende Mineralstoffe dienen der Gesundheit, aber nur dann, wenn sie im naturgemäßen Verhältnis vorliegen. Mineralstoffe erhalten die Funktion von Muskeln, Nerven, Knochen, Blutdruck und Herzrhythmus. Wenn der Körper nicht genügend Mineralstoffe bekommt, wird er geradezu „morsch und lahm“.
Die ursprüngliche Ernährung des Menschen lieferte etwa 10 g Kalium und nur 1 g Natrium am Tag und war basenüberschüssig. Die gängige Ernährungsweise liefert nur 3 g Kalium und zu wenig Bikarbonat-Bildner (z. B. Zitrate) aus Obst und Gemüse. Jedoch enthält sie große Mengen an fixen Säurebildnern wie ca. 10 g Natriumchlorid (Kochsalz), viel Phosphat (z. B. aus phosphorsäurehaltigen Colagetränken) und saure Schwefelverbindungen (aus tierischem Protein). Damit haben wir nicht nur das Natrium-Kalium-Verhältnis, sondern auch das Säure / Chlorid-Basen-Verhältnis auf den Kopf gestellt – zentrale Pfeiler unserer Gesundheit [1]. Die Folgen sind eine hohe Last an Säuren (ca. 100 mEq) und eine insgesamt hohe potenzielle Säurebelastung der Nieren von täglich durchschnittlich 23 mEq [2].
Chronische Störungen der Säure-Basen- und Mineralstoff-Homöostase verändern unzählige biochemische Reaktionen, die Funktion von Enzymen, Membranpotenziale und Gewebe. Meist treten sie schleichend auf, sodass sie lange unbemerkt bleiben. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass sie maßgeblich zur Entstehung von Wohlstandskrankheiten wie Hypertonie, Insulinresistenz, chronische Müdigkeit, aber auch Schmerzen, Gicht und Nierenerkrankungen beitragen können.
Zur Erhaltung der Homöostase eignet sich generell am besten eine pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Kräutern, Hülsenfrüchten und Nüssen, ggf. ist eine Substitution bestimmter Nährstoffe notwendig. Ähnlich essenziell sind regelmäßige Bewegung, tiefe Bauchatmung, Phasen der Regeneration und ausreichend guter Schlaf.
Die chronische Störung der Säure-Basen- und Mineralstoff-Homöostase verändert unzählige biochemische Reaktionen, die Funktion von Enzymen, Membranpotenziale und Gewebe. Diese Veränderungen können sich als akute, lebensbedrohliche Entgleisungen zeigen, aber meistens treten sie schleichend und unspektakulär auf, sodass sie lange unbemerkt bleiben. Dabei tragen sie maßgeblich zur Entstehung der klassischen Wohlstandskrankheiten wie Hypertonie, Herzrhythmusstörungen, Insulinresistenz, chronische Müdigkeit, diffuse Schmerzen, Gicht, Muskelschwäche, bis hin zu Diabetes, Nierenerkrankungen, Muskel- und Knochenabbau bei.
Ohne Mineralstoffe und Wasser ist kein Leben möglich
Ohne Mineralstoffe und Wasser ist kein Leben möglich
Unser Körper besteht alters- und geschlechtsabhängig im gesunden Zustand zu 60–80 % aus Wasser, gefolgt von Proteinen und Fetten. Zu 5 % bestehen wir aus Mineralstoffen. Wasser, Mineralstoffe und Säuren stehen im unmittelbaren Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig. Wasser ist Voraussetzung für alles Leben und schon eine geringe Dehydratation mindert unsere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Physiologische Lebensprozesse sind aber auch auf ein optimales Verhältnis bestimmter Elektrolyte angewiesen. Mineralstoffe spielen die zentrale Rolle in der Funktion von Nervenzellen (Signalübertragung), Muskeln, Knochen, Blutdruck und Herzrhythmus sowie im Energiehaushalt. Knochen, Nerven und Muskeln brauchen Kalzium, Kalium, Magnesium und Phosphor. Herzrhythmus und Blutdruck hängen stark von der Zufuhr von Kalium und Magnesium ab. Ein ausgeglichenes Mineralstoffverhältnis ist damit eine unabdingbare Voraussetzung für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
Mineralstoffverhältnisse im Körper
Mineralstoffverhältnisse im Körper
Mineralstoffe liegen im Körper in einem ganz bestimmten Verhältnis vor, wobei insbesondere säure- und basenbildende Mineralstoffe in Balance stehen. Der Körper eines durchschnittlichen Erwachsenen (70 kg) besteht u. a. aus den in
[Tab. 1]
aufgeführten basen- und säurebildenden Mineralstoffen, bzw. ihren anionischen Partnern.
Tab. 1
Basen- und säurebildende Mineralstoffe im menschlichen Körper: Menge, Vorkommen und Aufgaben
Basenbildend
|
Säurebildend
|
Kalzium (1570g)
-
großteils im Knochen gebunden
-
Knochenbau, Muskelkontraktion, Auslösung der Drüsensekretion, Erregbarkeit der Gewebe
|
Phosphor/Phosphat (840g)
-
großteils im Knochen gebunden
-
Knochenaufbau; intrazellulär: Energiegewinnung
-
Überschüsse werden über die Nieren eliminiert
|
Kalium (190g)
|
Schwefel/Sulfat (175g)
|
Natrium (130g)
|
Chlorid (109g)
|
Magnesium (35g)
-
großteils intrazellulär
-
elektrische Stabilität → setzt Erregbarkeit der Zellen herab, verhindert Kalziumüberladungen der Zelle, vermindert Freisetzung erregungsfördernder Transmittersubstanzen
-
essenziell an über 300 Enzymen beteiligt
|
|
Extrazellulär herrschen Natrium und Chlorid vor, intrazellulär Kalium und Magnesium, wobei die Kaliumkonzentration weitgehend das Ruhepotenzial bestimmt. Während Kalzium und Phosphor mengenmäßig die wichtigsten Mineralstoffe sind, sind sie aus gutem Grund vorwiegend in den Knochen gebunden: Frei dürfen sie nur in sehr geringen Konzentrationen vorliegen, da sie sehr reaktionsfreudig sind. Zusammen reagieren sie zu Kalziumphosphat, das die Gefäße „verkalkt“ und nur im Knochen gesund ist.
Nur eine Zelle mit ausreichend negativem Ruhepotenzial ist leistungsfähig. Schwächt es sich ab, entstehen im Herzen z. B. Rhythmusstörungen, nach experimentellen Hinweisen bei Epithelzellen sogar Krebs [3]. Nicht nur im Leben, auch in der Zelle gilt: Aus der Ruhe kommt die Kraft.
Mineralstoffe kommen nie nackt, sondern kleiden sich in Wasser
Mineralstoffe kommen nie nackt, sondern kleiden sich in Wasser
Aufgrund der elektrostatischen Interaktion lagern sich Mineralstoffen immer Wassermoleküle an (Hydratation). Es entsteht eine Wasserhülle, die die osmotischen Druckverhältnisse innerhalb und außerhalb der Zelle bestimmt. Ernähren wir uns sehr kochsalzhaltig, so bewirkt die hohe Natriumkonzentration im extrazellulären Raum, dass Wasser aus der Zelle zum Konzentrationsausgleich in den extrazellulären Raum fließt. Ein Extrembeispiel hierfür ist das Trinken von Meerwasser bei Schiffbrüchigen, das tatsächlich zum Verdursten führt. Da Natriumchlorid sehr viel Wasser bindet, steigt bei einer salzreichen Ernährung der Druck in den Blutgefäßen. Dies ist einer der Gründe, warum zu viel Salz das Blutvolumen und den Blutdruck erhöht.
Natriumchlorid bindet sehr viel Wasser, daher steigt bei salzreicher Ernährung der Druck in den Blutgefäßen.
Wie Übersäuerung und Mineralstoff-Dysbalance krankmachen
Wie Übersäuerung und Mineralstoff-Dysbalance krankmachen
Basenbildende Mineralstoffe machen aggressive Säuren unschädlich
Unter dem Begriff „Säure“ versteht man Moleküle, die Protonen (H+) übertragen können. Protonen sind an zahllosen Stoffwechselreaktionen beteiligt und extrem reaktionsfreudig: Sie suchen sich immer einen Bindungspartner. Binden Protonen an Salze organischer Säuren (z. B. Zitrate oder Laktate) oder Bikarbonat, so entstehen schwache, flüchtige Säuren. Diese können metabolisiert und abgeatmet werden.
Binden Protonen hingegen an anorganische, fixe Säurebildner, wie z. B. Phosphat, Schwefelverbindungen oder Chlorid, dann entstehen Phosphor-, Schwefel- und Salzsäure – hochaggressive, fixe Säuren. Von diesen anorganischen Säuren dissoziieren die Protonen viel stärker und sind entsprechend reaktionsfreudiger und aggressiver. Daher wird die Bildung starker, anorganischer Säuren durch diverse Puffersysteme verhindert: Die anorganischen Säurebildner (Cl-, SO4
2– und PO4
3–) werden so größtenteils durch die Kationen Na+, K+, Mg2+ und Ca2+ zu Salzen neutralisiert, bevor sie über die Nieren ausgeschieden werden. Herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Säurebildnern und neutralisierenden Mineralstoffen, werden letztere aus Zellen, Muskeln und Knochen mobilisiert. Notfalls werden Proteine abgebaut, um Ammoniak zur Säureneutralisierung freizusetzen [1], [4]. Das toxische Ammoniak schadet den Nieren auf Dauer ebenso wie fixe Säurebildner.
In der bekannten Berechnung der potenziellen Säurebelastung der Nieren (potential renal acid load, kurz: PRAL) nach Remer und Manz stellt Kalium die wichtigste basenbildende Komponente dar, Protein (schwefelhaltige Aminosäuren) und Phosphat die wichtigste säurebildende. Leider wird in der PRAL-Berechnung der belegte maßgebliche negative Einfluss von Natriumchlorid nicht dargestellt, denn Natrium und Chlorid heben sich in der Berechnung gegenseitig auf.
Studien: Schädlichkeit anorganischer Säurebildner
Die Wissenschaft hat sich bisher zu einseitig auf die Kationen konzentriert und dabei die säurebildenden negativen Eigenschaften von Chlorid, Schwefelverbindungen und Phosphat zu wenig beachtet. Doch immer mehr Studien zeigen, dass die säurebildenden Anionen wohl ebenso schädlich sind wie z. B. das Kation Natrium selbst:
Abb. 2 Die anorganischen Säurebildner Cl-, SO4
2– und PO4
3– müssen durch basenbildende Kationen Na+, K+, Mg2+ und Ca2+ zu Salzen neutralisiert werden.
-
Im Gegensatz zu Natriumchlorid wirkte Natriumhydrogenkarbonat bei Patienten mit leichter Hypertonie sogar blutdrucksenkend. Natriumchlorid erhöhte außerdem die Kalziumausscheidung über den Urin [5].
-
Schon bei gesunden, vorpubertären Kindern war der systolische Blutdruck bei einem höheren Urin-PRAL-Wert erhöht [6].
-
Bei Osteopenie erhöhten Kalzium und Vitamin D zusammen mit Kaliumzitrat die Knochendichte, zusammen mit Kaliumchlorid verschlechterten sie dagegen den Knochenstatus [7].
-
Bei Schwerkranken erhöhte eine Hyperchlorämie das Risiko für akute Nierenschädigung um das 6,44-Fache, für Sterblichkeit um das 2,46-Fache [8].
-
In der Intensivmedizin findet eine kritische Hinterfragung der isotonischen Kochsalzlösung statt, da diese die hyperchlorämische Azidämie von Schwerkranken verstärkt [9].
-
Erhöhte Phosphatwerte im Serum sind ein Hauptrisikofaktor für Gefäßverkalkung und vorzeitigen Tod bei Patienten mit und ohne Nierenerkrankungen [10].
Gestresst, versalzt und übersäuert zu Hypertonie und Insulinresistenz
Dauerstress, Übergewicht und die hierzulande typische säurebildende (protein- und salzreiche, kaliumarme) Ernährung lassen die Cortisol- und Aldosteronspiegel ansteigen [4], [11], [12]. Beide Hormone sorgen dafür, dass überschüssige Säuren und Stickstoff, gleichzeitig aber auch Kalium, Magnesium und Kalzium renal forciert ausgeschieden werden. Dagegen wird Natriumchlorid retiniert [13], [14]. Ödeme und Hypertonie sind die Folge [15].
Hypertonie hat weltweit das Rauchen als Hauptrisikofaktor für Invalidität und vorzeitigen Tod abgelöst. In der Therapie steht eine Reduktion von Kochsalz und eine Erhöhung der Zufuhr von Kalium, Kalzium und Magnesium im Zentrum (z. B. in Form der DASH-Diät) [16]. Auch zur Erhaltung der Insulinsensitivität werden ausreichend Kalium und Magnesium benötigt.
Säuren, Schmerzen und Entzündungen
Ein saurer Gewebs-pH-Wert kann die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und Schmerz hervorrufen. In der Schmerzübertragung spielen säuremessende Ionenkanäle eine zentrale Rolle [17]. Säuren sind Teil jedes Entzündungsprozesses. Werden sie nicht neutralisiert, lagern sie sich in Bindegewebe und Gelenken ab und verstärken den Teufelskreis aus Entzündungen und Schmerzen [4], wie möglicherweise auch bei Fibromyalgie und Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Das klassische Beispiel ist die Gicht mit stark pro-entzündlichen Harnsäureablagerungen. Typischerweise tritt Gicht bei vegetarischer Ernährung sehr selten auf.
Ein saurer Gewebs-pH-Wert kann die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und Schmerz hervorrufen.
Im Alter verstärkt der Rückgang der Nierenfunktion den Teufelskreis
Der Körper kann durch seine Puffersysteme und Zellpumpen lange eine unausgeglichene Mineralstoffzufuhr einigermaßen kompensieren. Relativ früh können jedoch brüchige Nägel, vermehrter Haarausfall und Sodbrennen sowie mittelfristig Hypertonie und Insulinresistenz als Symptome auftreten.
Auf Dauer begünstigt die heute übliche hohe potenzielle renale Säurelast den schleichenden Rückgang der Nierenfunktion [18], [19], die im Alter typischerweise nur noch bei 50 % liegt. Ein Teufelskreis entwickelt sich: Je stärker die Schädigung der Nieren, desto schlechter kann sich der Körper von anorganischen Säuren befreien, die zur renalen Freisetzung von Ammoniak und weiteren Nierenschäden führen.
Den Zusammenhang belegt auch ein Teilergebnis der großen Studie National Health and Nutrition Examination Survey 1999–2004 (NHANES) an 12 293 US-Amerikanern: Eine höhere Säurebelastung der Nieren geht einher mit Albuminurie und niedrigerer glomerulärer Filtrationsrate. Die Senkung der täglichen Säurelast in der Ernährung sei wichtiges Ziel für zukünftige Interventionen bei Menschen mit hohem Risiko für chronische Nierenerkrankungen [20].
Zur Neutralisierung der Säuren werden im Alter verstärkt die Mineralstoffdepots in Muskeln und Knochen herangezogen, was Osteoporose und Muskelabbau fördert [1], [20].
Auch Medikamente wie z. B. PPIs und Thiazide können massiv die Mineralstoffhomöostase stören. Thiazide schwemmen zwar Natriumchlorid, aber auch Kalium und Magnesium aus. Eine durch Diuretika ausgelöste Hypokaliämie verursacht eine Insulinresistenz und eine gestörte Glukosetoleranz.
Abb. 3 Typische Krankheiten, die durch einen gestörten Säure-Basen- und Mineralstoff-Haushalt mitverursacht werden.
All diese Faktoren verstärken im Alter die leichte metabolische Azidose, die mit einem reduzierten Bikarbonat- und Erythrozytenpuffer einhergeht [1]. Diese Konstellation bildet auch einen wesentlichen Faktor für das Kalzifizierungsparadox: warum im Alter die Knochen morsch werden und die Gefäße verkalken. Schon dezente pH-Senkungen befreien Kalzium im Blut aus seiner Proteinbindung. Das freie Kalzium fällt vermehrt mit Phosphat als Kalziumphosphat aus und muss aus dem Knochen neu mobilisiert werden.
Doch das freie Kalzium kann bei einer stärkeren lokalen Azidose (infolge Mangeldurchblutung und Hypoxie) auch die Gerinnungskaskade anstoßen und so die Entstehung eines Thrombus im Gehirn oder in den Herzkranzgefäßen auslösen. Parallel bewirkt die lokale Übersäuerung spezifische Elektrolytverschiebungen, die die Erythrozyten aufquellen und starr werden lassen („Azidosestarre der Erythrozyten“), was die Mikrozirkulation stark einschränkt [35]. Die typischen Elektrolytverschiebungen können auch die Erregungsleitung des Herzens und so den Herzrhythmus stören. Daher ist eine metabolische Azidose auch ein sehr wichtiger Risikofaktor für die Entstehung von Kammerflimmern bei Herzinfarkt-Patienten und Schlaganfall [22]. Diese Zusammenhänge sind so wesentlich für die tägliche Praxis, dass ihnen ein separater Artikel gewidmet wird.
Warum basenbildende Mineralstoffe besonders essenziell sind
Warum basenbildende Mineralstoffe besonders essenziell sind
Basenbildende Mineralstoffe befinden sich insbesondere in Gemüse und Obst. Die empfohlenen 5 Portionen Gemüse und Obst pro Tag erreichen allerdings nur 10 % der deutschen Bevölkerung [23].
Kalium und Natrium
Die quantitativ wichtigsten Mineralstoffe sind Kalium und Natrium. Gerade das zentrale und sensible Gleichgewicht aus Kalium und Natrium haben wir mit unserer Ernährungsweise auf den Kopf gestellt. Vor der Entwicklung der Landwirtschaft nahmen die Menschen täglich nur 0,8 g Natrium (33 mmol), aber 10,5 g Kalium (269 mmol) zu sich [24]. Seitdem hat sich das Verhältnis von Kalium zu Natrium ins Gegenteil verkehrt: So erreichen Menschen, die nur die in Europa bislang empfohlenen 2 g Kalium am Tag, aber dafür die durchaus üblichen 7 g Natrium essen, eine Verschiebung des mol-Verhältnisses von Kalium zu Natrium um den Faktor 47. Studien zu aktuell lebenden Urvölkern wie die Yanomami-Indianer in der INTERSALT-Studie liefern ähnlich hohe Kaliumaufnahmen wie früher. Die Bewohner Okinawas, die sehr lange weltweit den Langlebigkeitsrekord hielten, hatten traditionell auch eine basenüberschüssige, relativ protein- und salzarme, kaliumreiche Ernährungsweise [25]–[27].
Abb. 4 Schematisch geschätzte Entwicklung der Natrium- und Kaliumzufuhr von der Steinzeit bis heute.
Abb. 5 Früher kaliumreiche, basenbildende Kartoffeln, heute salzige, säurebildende Kartoffelchips. © Sea Wave (links), vipman4 (rechts) / Adobe Stock
Kalium ist der quantitativ wichtigste Mineralstoff. Die D-A-CH-Referenzwerte für Kalium wurden vor Kurzem auf 4 g verdoppelt [28]. Das Food and Nutrition Board der USA empfiehlt für Erwachsene 4,7 g Kalium am Tag, da diese Menge erforderlich ist, um „Bluthochdruck, Salzsensitivität, Nierensteine, Osteoporose oder Schlaganfall vorzubeugen bzw. sie zu vermindern oder zu verzögern“ (Übersetzung des Autors) [29].
Kalium ist v. a. für die intrazelluläre Entsäuerung essenziell. Nur die akute Azidose bewirkt eine Hyperkaliämie. Bei einer chronisch latenten Azidose verarmen die Zellen an Kalium und die Blutwerte zeigen normale Kaliumwerte an [30]. Für die Praxis ist unbedingt darauf zu achten, dass Patienten mit kaliumausscheidenden Diuretika gut mit Kalium versorgt werden. Eine Kalium-Supplementierung konnte in einer großen Studie der Harvard-Universität das Schlaganfallrisiko um 64 % senken [31].
Natrium wird viel zu viel und v. a. als Kochsalz aufgenommen, das das ebenso schädliche Chlorid mitliefert. Das Natrium-Kalium-Verhältnis beeinflusst die Membranpotenziale und den Blutdruck. Während Kalium nach aktuellen Erkenntnissen das Endothel „weich“ macht und das Schlaganfallrisiko stark senkt, versteift Natriumchlorid das Endothel [32]–[34]. – Dies ist nur einer von vielen der blutdruckerhöhenden Mechanismen von Kochsalz.
Die gesundheitliche Bedeutung des Natrium-Kalium-Verhältnisses
Die gesundheitliche Bedeutung des Natrium-Kalium-Verhältnisses
[Tab. 2]
fasst die wissenschaftlich belegten negativen Effekte eines übermäßigen Verzehrs von Natrium (v. a. Natriumchlorid) sowie die positiven Effekte einer kaliumreichen Ernährung (insbesondere von basischen Kaliumverbindungen wie Kaliumzitrat aus Gemüse, Kräutern, Obst) zusammen.
Tab. 2
Vergleich der Effekte von Natrium und Kalium im Organismus [35]
Natrium, insbesondere Natriumchlorid
|
Kalium, insbesondere basenbildende Kaliumverbindungen
|
erhöht den Blutdruck
|
normalisiert den Blutdruck
|
erhöht das Schlaganfallrisiko
|
senkt das Schlaganfallrisiko
|
schädigt das Herz (Herzinsuffizienz, Fibrosierung)
|
normalisiert den Herzrhythmus
|
fördert oxidativen und nitrosativen Stress durch Aktivierung von NADPH-Oxidase und Superoxid-Radikal-Bildung
|
lindert oxidativen und nitrosativen Stress durch Hemmung von NADPH-Oxidase und Superoxid-Radikal-Bildung
|
versteift das Endothel durch verminderte NO-Synthese (→ endotheliale Dysfunktion)
|
macht das Endothel weicher durch normale NO-Synthese
|
fördert die Entstehung von Nierensteinen
|
schützt die Nieren und senkt die renale Ammoniakbildung
|
fördert eine leichte metabolische Azidose
|
gleicht den Säure-Basen-Haushalt aus
|
fördert die Fibrosierung von Herz, Nieren und Gefäßen (Aldosteron-abhängig)
|
|
verstärkt altersbedingte Abnahme der Gedächtnisleistung
|
reduziert altersbedingte Abnahme der Gedächtnisleistung
|
erhöht das Osteoporoserisiko
|
verringert Kalziumabbau aus dem Knochen und die renale Kalziumausscheidung
|
hemmt die Aktivität der Natrium-Kalium-Pumpe
|
steigert die Aktivität der Natrium-Kalium-Pumpe
|
erniedrigt Zellmembranpotenzial und intrazelluläres Magnesium, erhöht intrazelluläres Natrium und Kalzium
|
erhöht Zellmembranpotenzial und intrazelluläres Magnesium, senkt intrazelluläres Kalzium
|
intrazellulär erhöhtes Natrium und erniedrigte Membranpotenziale sind prokanzerogen
|
intrazellulär normales Kalium und normale Membranpotenziale sind antikanzerogen
|
fördert die Insulinresistenz
|
verbessert Insulinsensitivität
|
fördert die Ödembildung in Zellen und im Bindegewebe
|
fördert die Diurese
|
wird im Bindegewebe eingelagert, fördert über VEGF-C die Lymphangiogenese, Entzündungsprozesse und möglicherweise die Metastasierung
|
fördert die Natriumausscheidung und wirkt dessen Einlagerung im Bindegewebe entgegen
|
fördert Autoimmunerkrankungen
|
|
erhöht das Magenkrebsrisiko
|
|
Magnesium und Kalzium
Magnesium wirkt synergistisch mit Kalium und ist essenziell für Insulinsensitivität, Energiestoffwechsel, Nerven, (Herz-)Muskeln und Knochen. Durch die industrielle Landwirtschaft und die Lebensmittelverarbeitung ist der Magnesiumgehalt unserer Lebensmittel deutlich gesunken. Zusätzlich sind unsere Essgewohnheiten dafür verantwortlich, dass wir zu wenig Magnesium – auch im Verhältnis zu Kalzium – aufnehmen. In Gemüse und Obst liegen Kalzium und Magnesium im Verhältnis von 3:2 vor, in Kuhmilch von 10:1.
Kalzium ist das essenzielle Knochen-, Zahn- und Muskelmineral. Kalzium sollte am besten als Kalziumzitrat oder -laktat mit max. 500 mg Kalzium pro Portion sowie zusammen mit Magnesium und den Vitaminen D3 und K2 aufgenommen werden. Die Vitamine agieren synergistisch bei der Einlagerung von Kalzium in die Knochen (Bildung und Aktivierung von Osteocalcin) und wirken somit der Ablagerung von Kalzium in den Gefäßwänden entgegen [36].
Empfehlungen für einen ausgeglichenen Säure-Basen- und Mineralstoff-Haushalt
Empfehlungen für einen ausgeglichenen Säure-Basen- und Mineralstoff-Haushalt
Insbesondere bei Medikamenteneinnahme, Niereninsuffizienz und älteren Patienten können komplexe Störungen des Mineralstoff- und Säure-Basen-Haushalts vorliegen. Über die Therapie entscheidet die Beurteilung der individuellen Situation anhand der Elektrolyte in Serum und Hämatokrit-korrigiert im Vollblut. Nur letztere ist in der Lage, Aussagen über die äußerst wichtigen intrazellulären Konzentrationen insbesondere von Kalium und Magnesium zu treffen.
Zur Erhaltung der Homöostase eignet sich generell am besten eine pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Kräutern, Hülsenfrüchten und Nüssen. Diese liefert reichlich Zitrate, Kalium, Kalzium und Magnesium. Reduziert werden sollten säurebildende Lebensmittel wie Fleisch, Wurst, Käse, Brot, Salz, koffeinhaltige Erfrischungsgetränke und Fertigprodukte. Bei einseitiger Ernährung, Sport und ab dem 50. Lebensjahr sind ggf. die Einnahme von Vitamin D3, Vitamin K2 sowie eines kaliumreichen Zitrat-Basenpulvers wichtig, insbesondere wenn schon Hinweise auf eine erniedrigte Knochendichte vorliegen. Ähnlich essenziell sind regelmäßige Bewegung, tiefe Bauchatmung, Phasen der Regeneration und ausreichend guter Schlaf.
Weitere Literatur in einem ausführlichen Artikel unter: www.DrJacobsInstitut.de
Interessenkonflikt: Der Autor ist Gesellschafter der Dr. Jacob’s Medical GmbH.
Online zu finden unter
http://dx.doi.org/10.1055/a-0705-1458