Schlüsselwörter
Gesundheitsportal - Gesundheitsinformation - Gesundheitskommunikation - Arzt-Patient-Verhältnis - Hausarzt - Primärversorgung
Key words
health portal - health information - health communication - doctor-patient relationship - general practitioner - primary care
Einleitung
In den vergangenen Jahren sind in verschiedenen Ländern staatliche
Gesundheitsportale eingerichtet worden, innerhalb Europas etwa in Dänemark
und Norwegen [1]
[2]. Solche Angebote sollen als weithin bekannte
Onlineplattformen der Öffentlichkeit evidenzbasierte, leicht
verständliche Informationen zu Gesundheits- und Krankheitsthemen
bereitstellen, das Gesundheitsbewusstsein fördern und so die Versorgung
flankieren. Auch in Deutschland ist die Einrichtung eines fachlich und finanziell
unabhängigen nationalen Gesundheitsportals von der Bundesregierung
vorgesehen [3]. Der Anspruch ist dabei, dass
dieses „zum zentralen deutschen Internetangebot für Informationen
rund um Fragen der Gesundheit“ werden soll [4].
Die Befürworter einer solchen Lösung argumentieren nicht nur mit dem
inzwischen verbreiteten Bedürfnis von Patientinnen und Patienten, sich im
Internet über Symptome, Krankheitsbilder oder Therapien zu informieren [5]
[6]
[7]. Auch ist es
nicht-kommerziellen Gesundheitsportalen – etwa der Krankenkassen
(z. B. Weisse-Liste.de) oder der Selbstverwaltung (z. B.
Gesundheitsinformation.de) – nicht gelungen, einen hohen Grad an
Bekanntheit zu erlangen, wohingegen gewerbliche Portale
(Apotheken-Umschau.de, NetDoktor.de) bis zu 10-mal höhere
Zugriffszahlen verzeichnen [8]
[9]. Dies hängt damit zusammen, dass
solche Seiten üblicherweise im Zuge einer Google-Recherche erreicht werden
und in der Trefferliste werbefinanzierte Anbieter erheblich prominenter vertreten
sind.
Um inzwischen breit diskutierten Negativeffekten gesundheitsbezogener Eigenrecherchen
(Gesundheitsängste, hypochondrische Störungen [10]
[11])
und daraus resultierenden Probleme für das Gesundheitssystem [12] entgegenzuwirken, soll das nationale
Gesundheitsportal in Deutschland als „Alternative zur einfachen Suche
mittels Suchmaschine“ fungieren [9].
Eine wichtige Eigenschaft des Portals soll zudem in einer Unterstützung der
informierenden und beratenden Tätigkeit von Ärztinnen und
Ärzten bestehen [4]. Insbesondere
Hausärzte, die in ihrer Rolle als Primärversorger eine
großen Bandbreite an Symptomen, Krankheitsbildern und Patientenklientelen
abdecken, sollen die Möglichkeit haben, durch gezielte Einbeziehung des
Portals Vorzüge für die Patientenversorgung und die
Arzt-Patient-Beziehung zu generieren.
Die Studie geht als erste Untersuchung mit diesem Fokus der Frage nach, in welcher
Weise ein nationales Gesundheitsportal die Beratungs- und
Informationstätigkeit von Hausärztinnen und Hausärzten
sinnvoll unterstützen kann. Hierzu kooperieren die Verfasser mit dem im BMG
angesiedelten health innovation hub (hih).
Methodik
Um die Fragestellung zu beantworten, wurde ein exploratives Verfahren verfolgt. Dies
hängt damit zusammen, dass es sowohl im nationalen als auch internationalen
Kontext bislang an Studien zum Thema fehlt. Zunächst diskutierte im November
2019 eine Fokusgruppe mit 11 Hausärztinnen und Hausärzten, 3
Vertretern des Zentrums für Allgemeinmedizin und Geriatrie (ZAG) sowie einem
Vertreter des hih abgehalten (Vorstudie). Basierend auf den Erkenntnissen aus der
Diskussion[1] erfolgte zwischen dem 6.
Januar und 2. März 2020 eine schriftliche Befragung von Hausärzten
(Hauptstudie). Bei dieser stand im Fokus, welche Unterstützungspotenziale
Allgemeinärztinnen und -ärzte durch ein nationales Gesundheitsportal
wahrnehmen und mit welcher Schwerpunktsetzung dieses ausgestaltet sein sollte.
Rekrutierung und Stichprobe
Auf schriftlichem Weg zur Teilnahme an der anonymisierten Befragung eingeladen
wurden sämtliche 2951 als Behandler aktive Hausärztinnen und
Hausärzte in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Von den 771 bearbeiteten
Fragebögen gingen 745 vollständig ausgefüllte
Bögen in die Auswertung ein (Rücklauf 25%). [Tab. 1] stellt die gewonnene Stichprobe
und repräsentative KV-Daten zum Aufbau der Hausärzteschaft in
Deutschland gegenüber. Soziodemografisch konnte eine heterogene
Stichprobe gewonnen werden, die einem Querschnitt der Hausärzteschaft
entspricht.
Tab. 1 Stichprobe in Gegenüberstellung mit
Repräsentativstatistik.
|
Stichprobe (N=745)
|
Repräsentativstatistik
|
Geschlecht
|
59% männlich, 41% weiblich
|
58% männlich, 42%
weiblich¹
|
Durchschnittsalter
|
56 (Median: 57)
|
56 (Median: 57)¹
|
Praxisumgebung
|
37% mittel- und großstädtisch,
63% ländlich-kleinstädtisch
|
40% mittel- und großstädtisch,
60%
ländlich-kleinstädtisch¹
|
Praxisform
|
56% Einzelpraxen, 44% Gemeinschaftspraxen
|
55% Einzelpraxen, 39% Gemeinschaftspraxen,
6% MVZ/Einrichtung²
|
Patienten pro Quartal
|
18%<1000, 31% 1000–1500,
23% 1501–2000,28%>2000
|
Keine vollständigen Daten verfügbar
|
¹ Basierend auf den KV-Versorgungsforschungsdaten für
Rheinland-Pfalz (Stand: 31.12.2019), abrufbar unter:
https://www.kv-rlp.de/institution/engagement/versorgungsforschung/.
² Basierend auf den KV-Versorgungsforschungsdaten für
Deutschland (Stand: 31.12.2019), abrufbar unter:
https://gesundheitsdaten.kbv.de/.
Erhebungsinstrument
Der Fragebogen wurde in Abstimmung zwischen den Projektpartnern unter
Berücksichtigung der Diskussionsergebnisse, einschlägiger
Vorstudien [11]
[13]
[14]
[15]
[16] sowie einer Literaturrecherche
entwickelt. Er setzt sich aus 4 inhaltlichen Blöcken zusammen:
-
Online-Rechercheverhalten von Patienten und sich ergebende Situationen im
Praxisalltag
-
Kenntnis von und Einstellungen zu bestehenden Gesundheitsseiten
-
Nutzung von Gesundheitsseiten zu Informations- und Beratungszwecken
-
Haltung zu einem nationalen Gesundheitsportal,
Unterstützungspotenziale und Anforderungen
Neben den standardisierten Fragen wurden mehrere offene Fragen eingesetzt. Als
soziodemografische Merkmale wurden Alter, Geschlecht, Praxisumgebung, Praxisform
und Patienten pro Quartal erhoben. Vor dem Feldeinsatz wurde ein Pretest
durchgeführt.
Datenanalyse
Die Daten wurden mittels SPSS 23,0 ausgewertet. Zur Feststellung von
signifikanten Unterschieden zwischen 2 Gruppen kam ein T-Test bei
unabhängigen Stichproben zum Einsatz. Die Auswertung der offenen Fragen
basiert auf einer Nachcodierung im Sinne der qualitativen Inhaltsanalyse [17]. Im Zuge der Sichtung der Antworten
wurde ein Kategoriensystem erstellt, das mit Fortgang der Auswertung wiederholt
geprüft und ggf. modifiziert wurde. Auf diese Weise war es
möglich, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Daten in Form von
logischen Kategorien sowie Argumentations- bzw. Problematisierungsmustern zu
verdichten und zu systematisieren.
Ergebnisse
Online-Recherche von Patienten und Situationen im Praxisalltag
Die Befragten gehen davon aus, dass innerhalb der eigenen Patientenschaft ein
Anteil von 44% gelegentlich oder häufiger im Internet Recherchen
zu Gesundheits- und Krankheitsthemen durchführt, etwa zu Symptomen,
Krankheitsbildern und Therapien. Prinzipiell beurteilen es 51%
grundsätzlich eher positiv, wenn Patientinnen und Patienten sich online
über Symptome, Erkrankungen oder Therapien informieren, um so etwa mit
Vorkenntnissen die ärztliche Sprechstunde aufzusuchen (43% eher
negativ). Der persönlichen Einschätzung bzw. Beobachtung nach
erfolgen die Online-Recherchen von Patienten häufig gezielt zur
Vorbereitung (44%) von Arztbesuchen (2% Nachbereitung,
51% Vor- und Nachbereitung).
Wie stark sich Internet-Recherchen inzwischen im alltäglichen
Versorgungsgeschehen niederschlagen, zeigt die Abfrage einer Itembatterie ([Tab. 2]). Demnach werden Hausärzte
nicht nur vielfach mit Online-Gesundheitsinformationen konfrontiert, sondern es
werden auch Fragen, Wünsche und Erwartungen im Hinblick auf spezifische
Diagnostik oder Therapien an sie herantragen. Ein Teil wird häufiger um
eine Empfehlung in Bezug auf Informationsmöglichkeiten im Internet
gebeten oder empfiehlt von sich aus bestimmte Seiten.
Tab. 2 Situationen im Praxisalltag.
Fragewortlaut: Wie häufig kommen die folgenden Situationen in
Ihrem Praxisalltag vor? (N=745).
|
Häufig
|
Gelegentlich
|
Selten
|
Nie
|
Patienten konfrontieren mich mit recherchierten Informationen
aus dem Internet zu Symptomen oder Krankheiten.
|
27%
|
61%
|
11%
|
1%
|
Patienten konfrontieren mich mit der Forderung nach
spezieller Diagnostik, da sie dies im Internet gelesen
haben.
|
36%
|
44%
|
19%
|
1%
|
Patienten konfrontieren mich mit der Forderung nach
speziellen Therapien, über die sie online
recherchiert haben.
|
12%
|
53%
|
33%
|
2%
|
Patienten bitten mich um Rat bzw. Tipps, wo sie sich im
Internet zu bestimmten Gesundheits- und Krankheitsthemen
(weiter) informieren können.
|
6%
|
28%
|
47%
|
19%
|
Ich gebe Patienten Informationsblätter oder
Broschüren mit, die z. B. bei der
Aufklärung über Krankheitsbilder oder
Therapien helfen sollen.
|
26%
|
44%
|
24%
|
6%
|
Ich empfehle Patienten von mir aus bestimmte Internetseiten,
auf denen sie Informationen nachschlagen können.
|
8%
|
28%
|
37%
|
27%
|
Kenntnis bestehender Gesundheitsseiten und Nutzung zu Informations- und
Beratungszwecken
Trotz der Bedeutung der Online-Recherche für den Praxisalltag gibt
lediglich eine Minderheit an, einen guten Überblick hinsichtlich
bestehender Gesundheitsseiten zu haben (25% sehr bzw. eher gut,
57% eher nicht so gut). Dies manifestiert sich anhand einer geringen
Kenntnis etablierter Portale. So sind – abgesehen vom primär auf
Arztbewertungen ausgerichteten Anbieter Jameda (75%) –
einzig die Portale NetDoktor.de (65%) und
Apotheken-Umschau.de (58%) einer Mehrheit der
Ärztinnen und Ärzte geläufig. Nicht-kommerzielle,
evidenzbasierte Portale wie Krebsinformationsdienst.de (17%) oder
Gesundheitsinformation.de (9%) sind weitgehend unbekannt.
Analog zu dem oft eingeschränkten Überblick geben 56% der
Ärzte an, sich nicht ausreichend kompetent zu fühlen, die
Qualität und Verlässlichkeit von Gesundheitsseiten
einzuschätzen (37% sehr bzw. eher kompetent, 7% k.A.).
Dabei schätzten sich Ärzte unterhalb des Durchschnittsalters
signifikant häufiger als kompetent ein als ältere Ärzte
(44 zu 29%, p<0,001). Eine besondere Schwierigkeit besteht aus
Sicht der Befragten darin, zu beurteilen, ob es sich bei entsprechenden Portalen
um kommerzielle und interessengeleitete Angebote handelt. So halten es
72% für sehr oder eher schwer, zu erkennen, inwiefern
Gesundheitsseiten auf einer unabhängigen, neutralen Basis stehen
(21% sehr bzw. eher leicht, 7% k.A.). Dabei ist den meisten
Befragten wichtig, dass Gesundheitsinformationen im Internet von
nicht-kommerziellen Portalen stammen. 82% geben an, dass sie selbst
unter der Voraussetzung gleichermaßen seriöser Informationen ein
nicht-kommerzielles Gesundheitsportal (z. B. betrieben von Krankenkassen
oder staatlichen Einrichtungen) einem kommerziellen Angebot vorziehen.
Infolge begrenzter Kenntnisse und erlebter Unsicherheiten bei der
Einschätzung der Qualität, Verlässlichkeit und
Betreiberabsichten ist das Gros der Allgemeinärztinnen und
-ärzte zurückhaltend, wenn es darum geht, Patientinnen und
Patienten konkrete Gesundheitsseiten zur weiteren Information bzw. Nachbereitung
zu empfehlen. Lediglich ein kleinerer Teil (25%) gibt an, einzelne
Portale zu kennen, die man für vertrauenswürdig genug
hält, um sie Patienten systematisch zur Vor- oder Nachbereitung
nahelegen zu können. Ärzte, die ihren Patienten konkrete
Internetseiten häufig oder gelegentlich empfehlen, sind erheblich
stärker unterhalb als oberhalb des Altersdurchschnitts anzutreffen (44
zu 29%, p<0,001). Auch legen in Groß- und
Mittelstädten angesiedelte Ärzte häufiger
Gesundheitsseiten nahe als Ärzte aus
kleinstädtisch-ländlichen Praxisumgebungen (46 zu 29%,
p<0,001).
Unterstützungspotenziale eines nationalen Portals
Eine Mehrheit der Befragten begegnet dem Konzept eines nationalen
Gesundheitsportals, das der Öffentlichkeit evidenzbasierte,
verständliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung stellt,
aufgeschlossen. 54% halten die Einrichtung eines solchen Angebots
für eine gute Sache; 29% zeigen sich skeptisch (17%
unentschieden). Ärzte, die unterhalb des Altersdurchschnitts liegen,
äußern sich positiver als ältere Ärzte (60 zu
47%, p<0,001).
49% gehen davon aus, dass ein nationales Gesundheitsportal für
ihre informierende und beratende Tätigkeit im Versorgungsalltag eine
sehr große (7%) oder eher große (42%)
Unterstützung wäre. Hingegen können sich 42% nur
geringfügige oder keinerlei Unterstützungspotenziale vorstellen
(9% weiß nicht).
Im Zuge einer offenen Frage benennen die Befragten konkrete Bereiche, in denen
ein nationales Portal Nutzen bzw. Vorteile für die Hausarztmedizin
generieren kann:
-
Bessere Aufklärung der Patienten (70%)
-
Entlastung der ärztlichen Beratungszeit (68%)
-
Effektivierung des Arzt-Patient-Gesprächs durch solide
vorinformierte Patienten (56%)
-
Vermeidung nicht erforderlicher Arztbesuche (43%)
-
Beruhigung von verunsicherten und hypochondrischen Patienten
(42%), evtl. mithilfe von Verweisen zu
Unterstützungsangeboten (z. B. der Krankenkassen)
-
Aufklärung über Strukturen und Funktionsweise des
Gesundheitssystems, Förderung realistischer Vorstellungen von
ärztlichen Handlungsmöglichkeiten (z. B.
Therapien, Verordnungen) und einer angemessenen Inanspruchnahme von
Gesundheitsdienstleistungen (41%)
-
Unterstützung und längerfristige Stabilisierung
pflegender Angehöriger; Übersicht an Hilfsangeboten
sowie sozialmedizinische bzw. -rechtliche Hinweise zur Organisation der
Pflege (38%)
-
Stärkung von Prävention und Vorsorge (36%),
z. B. durch Schwerpunkt auf Ernährung, Bewegung und
gesunder Lebensführung auf dem Portal
Eine im weiteren Verlauf abgefragte Itembatterie, die auf Aussagen aus der
Fokusgruppe beruht, untermauert diese Befunde ([Tab. 3]).
Tab. 3 Aussagen über ein nationales
Gesundheitsportal.
Fragewortlaut: Inwiefern stimmen Sie den folgenden Aussagen zu?
(N=745).
|
Stimme voll und ganz zu
|
Stimme eher zu
|
Stimme eher nicht zu
|
Stimme gar nicht zu
|
„Neben Information und Aufklärung sollte
ein nationales Gesundheitsportal das Ziel verfolgen,
Patienten zu beruhigen und zu stabilisieren, um so
z. B. dem Aufkommen von unberechtigten
Gesundheitsängsten
entgegenzuwirken“.
|
55%
|
33%
|
5%
|
7%
|
„Ein nationales Gesundheitsportal sollte es sich
zur Aufgabe machen, eine Übersicht über
seriöse Gesundheitsseiten zu erstellen, auf
denen Patienten sich verlässlich zu bestimmten
Themengebieten informieren können“.
|
62%
|
30%
|
3%
|
5%
|
„Ein nationales Gesundheitsportal sollte dazu
beitragen, die Anzahl unnötiger Arztbesuche zu
verringern, indem es Patienten dabei
unterstützt, sich bei leichteren Beschwerden
oder Befindlichkeitsstörungen selbst zu
helfen“.
|
52%
|
33%
|
8%
|
7%
|
„Ein nationales Gesundheitsportal sollte
darüber informieren, bei welchen Symptomen
unbedingt zeitnah ärztliche bzw. medizinische
Hilfe in Anspruch genommen werden sollte (‚Red
Flags‘ wie z. B. retrosternale Enge,
plötzliche Lähmungen etc.)“.
|
69%
|
23%
|
3%
|
5%
|
Anforderungen an ein nationales Portal
In einer weiteren offenen Frage wurden die Teilnehmer gefragt, was ein nationales
Portal aus ihrer Sicht v. a. bieten müsste. Jenseits der
Gewährleistung von Unabhängigkeit wurden dabei folgende
Anforderungen wiederkehrend artikuliert:
-
Strikte Evidenz- bzw. Leitlinienbasierung (68%)
-
Symptomorientierter Aufbau, durch den verhindert werden kann, dass
Patienten direkt nach konkreten Krankheitsbildern suchen und so
möglicherweise unbegründete Angstzustände
entwickeln (62%)
-
Übersichtliche Gesamtstrukturierung, verständliche und
anschauliche Gestaltung (61%); starker Einbezug von Hilfsmitteln
wie Visualisierungen (v. a. Erklärvideos)
-
Portal darf weder in Konkurrenz zu Ärzten treten noch einen
Ersatz für Arztbesuche darstellen; steter Rückbezug zu
ärztlicher Abklärung, Therapie und/oder
Begleitung muss hergestellt werden (57%)
-
Reichhaltiges Angebot an alltagsnahen, praktischen Tipps,
Übungen, Empfehlungen und Anleitungen (54%);
insbesondere Bewegungs-, Rekonvaleszenz- und Fitnessübungen,
Ernährungsratgeber, Ratgeber zur Stressreduktion und
Resilienzsteigerung in Form ausdruckbarer Merkblätter und
einprägsamer, kompakter Videoclips
-
Bereitstellung zahlreicher Verweise und Verlinkungen zu anderen
Gesundheitsseiten (bspw. zu Spezialthemen), die in einem
kontinuierlichen Überprüfungsprozess als seriös
eingestuft werden (34%)
Ausrichtung und Schwerpunkte eines nationalen Portals
Basierend auf der Gruppendiskussion, wurden denkbare Komponenten bzw.
Schwerpunkte eines nationalen Gesundheitsportals abgefragt ([Tab. 4]). Anhand der Ergebnisse wird
ersichtlich, dass sich die Befragten ein Portal wünschen, das einerseits
wissenschaftlich und empirisch belastbare, gut geprüfte Informationen
bietet, andererseits moderne Darstellungs- und Vermittlungsqualitäten
besitzt, die es erlauben, unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen
anzusprechen.
Tab. 4 Präferierte Bestandteile eines nationalen
Gesundheitsportals.
Fragewortlaut: Wie wichtig wären Ihnen aus Ihrer Perspektive
als Hausarzt/Hausärztin die folgenden Schwerpunkte
bzw. Bestandteile bei einem nationalen Gesundheitsportal?
(N=745).
|
Sehr wichtig
|
Eher wichtig
|
Eher unwichtig
|
Gar nicht wichtig
|
Keine Angabe
|
Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen auf Basis
bestehender Leitlinien (Empirisch fundierte Informationen zu
Krankheiten, Diagnosen, Therapien und Lebensqualität
trotz Krankheit)
|
56%
|
32%
|
5%
|
6%
|
1%
|
Schwerpunkt im Bereich Primärprävention,
Vorsorge und Früherkennung (Informationen und
Ratgeber zu gesunder Lebensführung wie
Ernährung/Bewegung, Überblick
über Präventionsangebote, Infos zu
Früherkennungs-/Vorsorgeuntersuchungen
etc.)
|
60%
|
31%
|
5%
|
3%
|
1%
|
Navigator zu Beratungs- und Hilfsangeboten,
(Spezial-)Kliniken, Ärzten und Pflegeeinrichtungen
(Telefonische, persönliche,
Online-Beratungsangebote, Hilfe bei Suche nach geeigneten
Krankenhäusern etc.)
|
34%
|
42%
|
17%
|
6%
|
1%
|
Navigator zu laufenden klinischen Studien zu verschiedenen
Krankheitsbildern
|
5%
|
14%
|
55%
|
24%
|
2%
|
Aufklärung über Strukturen und Vorgaben des
Gesundheitswesens für eine angemessene
Inanspruchnahme (Informationen zu Aufbau des deutschen
Gesundheitssystems, korrektes Verhalten bei
Notfällen, Erläuterungen, weshalb nicht alle
Therapien/Medikamente verordnet werden
können etc.)
|
46%
|
36%
|
11%
|
5%
|
2%
|
Eingehen auf aktuelle Medienberichterstattung und aktuelle
Ereignisse (Meldungen zu aktuellen gesundheitlichen Themen
sowie Bewertung und Kommentierung)
|
23%
|
47%
|
19%
|
9%
|
2%
|
Personalisierter Bereich für Ärzte zur
Zusammenstellung von Informationspaketen, die sie an
Patienten zwecks gezielter Beratung weitergeben
|
16%
|
29%
|
38%
|
16%
|
1%
|
Möglichkeit des direkten Austausches zwischen
Ärzten über einen gesonderten Bereich des
Portals (z. B. um Erfahrungen auszutauschen oder
bewährte Vorgehensweisen weiterzugeben)
|
13%
|
31%
|
40%
|
15%
|
1%
|
Vermittlung von Informationen mithilfe von
Erklärvideos und visuellen Hilfsmitteln wie
z. B. Schaubildern
|
35%
|
48%
|
9%
|
6%
|
2%
|
Erneut wird die Präferenz der Hausärztinnen und -ärzte
für einen Schwerpunkt im Bereich der Gesundheitsförderung
deutlich. Ähnliches gilt für den Aufklärungscharakter,
den ein nationales Portal mit Blick auf ein angemessenes Gesundheitshandeln
unterstützen soll. Darüber hinaus halten es die Befragten
für sinnvoll, wenn das zu schaffende Angebot verstärkt auf
aktuelle Berichterstattung eingehen würde (z. B. aktuelle
Informationen bei Erkrankungswellen).
Ein Teil der Befragten befürwortet, wenn ein nationales Gesundheitsportal
neben einer Patientenebene auch einen speziellen Bereich für
Ärzte bieten würde. Hier wäre es vorstellbar,
personalisierte Informationspakete für Patienten zusammenzustellen oder
sich mit Kollegen über aktuelle Herausforderungen, Erfahrungen oder
bewährte Vorgehensweisen auszutauschen.
Diskussion
Zusammenfassung und Befunde anderer Studien
Die Ergebnisse bestätigen frühere Arbeiten, wonach es heute zum
Alltag der Hausarztmedizin gehört, dass Patientinnen und Patienten sich
online zu Gesundheits- und Krankheitsthemen informieren. Hausärztinnen
und Hausärzte halten solche Eigenrecherchen durchaus für
sinnvoll, sind allerdings im Praxisgeschehen häufiger auch mit
Negativeffekten konfrontiert (u. a. erhöhter Beratungsbedarf,
Angstzustände) [6]
[11]
[18]. Angesichts von Problematiken wie unberechenbar ausfallenden
Google-Recherchen gibt es gerade auf Seiten von Allgemeinärzten ein
ausgeprägtes Interesse daran, verunsicherte Patienten zu stabilisieren
[19]
[20].
Während der Mehrwert seriöser Online-Gesundheitsinformationen
nicht in Zweifel gezogen wird, lassen die Ergebnisse erkennen, dass viele
Hausärzte keinen belastbaren Überblick über bestehende
Gesundheitsportale haben und daher zurückhaltend sind, wenn es darum
geht, solche Seiten in die eigene Informations- und Beratungstätigkeit
einzubeziehen. Oft fällt es den Befragten schwer, einzuschätzen,
inwiefern ein Portal unabhängig ist. Dabei wünscht sich eine
große Mehrheit nicht-kommerzielle Online-Gesundheitsangebote, die
z. B. von Krankenkassen, staatlichen Einrichtungen oder
ärztlichen Organisationen bereitgestellt werden. Bezeichnend ist
gleichwohl, dass bereits existierende Seiten wie
Gesundheitsinformation.de unter Allgemeinärzten kaum
Bekanntheit erlangt haben. Wie Nutzerbefragungen gezeigt haben, sind auch
Patientinnen und Patienten bestehende qualitätsgeprüfte
Gesundheitsinformationsangebote weitgehend unbekannt [13]. Auch legen Befragungen von
Verbrauchern nahe, dass diese oftmals Schwierigkeiten haben, seriöse von
unseriösen Gesundheitsseiten zu unterscheiden [21]. Zugleich geben insbesondere
regelmäßige Besucher von Gesundheitswebsites an, dass das
Rezipieren von Gesundheitsinformationen langfristig erhebliche Auswirkungen auf
das Arzt-Patient-Verhältnis haben kann, von einem besseres
Verständnis von Fachbegriffen, Diagnosen und Therapien bis hin zu einer
Beeinträchtigung des Arzt-Patient-Verhältnisses [13]
[22].
Die Aufgeschlossenheit unter Hausärztinnen und Hausärzten in
Bezug auf das Konzept eines nationalen Gesundheitsportals ist vergleichsweise
groß. Hier wird die Möglichkeit gesehen, durch eine weithin
bekannte Informationsplattform eine neue Form der Gesundheitsrecherche zu
prägen, die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens angemessener zu
gestalten und die Arzt-Patient-Beziehung zu effektivieren. Die Befragung konnte
konkrete Unterstützungspotenziale aufzeigen, die Hausärzte
für ihre informierende und beratende Tätigkeit in einem solchen
Angebot sehen. Analog zur primärärztlichen Lotsenfunktion,
wünschen sich Hausärzte neben einer seriösen
Aufklärung von Patienten eine Betonung von Aspekten der Orientierung und
Prävention auf einem nationalen Gesundheitsportal. Wichtig ist ihnen
eine symptomorientierte Darstellung, die in Verbindung mit einer kompetenten
redaktionellen Ausgestaltung in der Lage ist, das Verständnis
für die eigene Erkrankung zu fördern, beruhigend auf Patienten
einzuwirken und das Aufkommen von unbegründeten Ängsten zu
verhindern. Zudem stehen den Befragten Aspekte der längerfristigen
Versorgungsstabilität vor Augen.
Ein nationales Gesundheitsportal bietet nicht nur die Chance, die
Patienteninformation und Compliance zu verbessern. Auch ist für
bemerkenswert viele Ärztinnen und Ärzte vorstellbar,
über eine solche Plattform individualisierbare Informationen für
ihre Patienten zusammenzustellen und den Austausch mit Fachkollegen zu suchen,
um so etwa Good-Practice-Beispiele weiterzugeben.
Stärken und Schwächen
Die vorliegende Studie ist international die erste Arbeit, die sich mit der Frage
nach ärztlicher Akzeptanz und Erwartungen mit Blick auf die Einrichtung
eines nationalen Gesundheitsportals befasst. Aufgrund der begrenzten Fallzahl
und des regionalen Rekrutierungsschwerpunktes kann die Studie keinen
repräsentativen Anspruch erheben. Zudem kann nicht ausgeschlossen
werden, dass thematisch interessierte bzw. kompetente Ärzte in
stärkerem Maße teilgenommen haben. Dennoch konnte eine
Stichprobe gewonnen werden, die sich in wichtigen Merkmalen der Grundgesamtheit
der Hausärzteschaft annähert ([Tab. 1]). Durch das explorative Vorgehen mit der vorgeschalteten
Fokusgruppe und die Berücksichtigung offener Fragen konnte eine
große Bandbreite hausärztlicher Perspektiven und Standpunkte
erfasst werden. Indes handelt es sich bei Ärztinnen und Ärzten
nicht um die primäre Zielgruppe eines nationalen Gesundheitsportals.
Entsprechend sollten Studien sich auch mit den Bedürfnissen und
Interessen von Patientinnen und Patienten hinsichtlich des zu schaffenden
Angebots eingehend befassen.
Schlussfolgerungen
Obgleich das Konzept eines nationalen Gesundheitsportals erst am Anfang steht, ist
eine sich belebende politische Debatte feststellbar [23]. Dabei zeichnet sich ab, dass die Gesundheitspolitik die
Förderung einer „digitalen Gesundheitskompetenz“ von
Bürgerinnen und Bürgern als wichtige Zielstellung erachtet, der ein
nationales Gesundheitsportal Rechnung tragen kann [24]. Grundsätzlich erscheint es im Vorfeld der Schaffung eines
solchen Angebots notwendig, ärztliche Standpunkte, Sichtweisen und
Vorschläge einzuholen und in den Entwicklungsprozess einzuspeisen.
Der Zuspruch, den ein nationalen Gesundheitsportal unter den in die Studie
einbezogenen Hausärzten erfährt, kann als Bestärkung
für das Vorhaben gewertet werden und macht auf den Bedarf nach einer
für Patienten und Ärzte gleichermaßen leicht auffindbaren,
fundierten und vertrauensvollen Informationsplattform aufmerksam.
Erwartungsgemäß haben die Befragten mit Blick auf die Ausgestaltung
des Portals Aspekte betont, die ihrem Auftrag als Primärversorger
entsprechen, etwa eine Vermittlung von Orientierungswissen für Patienten,
eine Vermeidung von Über- und Unterversorgung sowie eine Stabilisierung von
Patienten.
Ungeachtet des Potenzials, das ein nationales Portal für die
Patientenversorgung offeriert, besteht eine Reihe ungeklärter Fragen, von
denen in entscheidender Weise der Erfolg des Projekts der Bundesregierung
abhängen wird. So wird es darauf ankommen, dafür zu sorgen, dass
eine solche Plattform jene Bekanntheit und Auffindbarkeit (auch über
Suchmaschinen-Recherchen) erhält, die für die Erfüllung
ihrer vorgesehenen Funktion als „zentrales Informationsangebot für
Gesundheitsfragen“ [4] und Alternative
zur Google-Recherche unerlässlich ist [8]
[9]. Auch stellt sich die Frage,
ob der Schwerpunkt des Portals auf eigenem Inhalt oder eher auf dem Verweisen zu
anderen vertrauenswürdigen Gesundheitsseiten bzw. deren Integration liegen
soll. In diesem Zusammenhang monieren Kritiker, dass die Bestrebung, ein nationales
Gesundheitsportal einzurichten, Redundanzen gegenüber bereits bestehenden
Angeboten erzeugen könnte. So wird die Frage aufgeworfen, warum nicht
bisherige Portale gestärkt, also besser untereinander vernetzt und
öffentlich sichtbarer gemacht werden, anstatt auf die geringe Bekanntheit
nicht-kommerzieller Gesundheitsseiten mit der Einrichtung eines weiteren
entsprechenden Portals zu reagieren [8].
Unabhängig von der Ausrichtung wird die Qualität der gebotenen
Informationen und Leistungen maßgeblich davon abhängen, inwiefern
(niedergelassene) Ärzte mit ihren Erfahrungen und ihrer Perspektive
systematisch in den Entwicklungsprozess einbezogen werden.
Hilfreich könnte der Blick in Länder sein, die bei der Vorbereitung
oder Realisierung ähnlicher Vorhaben bereits einige Schritte weiter sind
[1]. Besonders wichtig ist, dass ein
nationales Gesundheitsportal entlang verbreiteter Recherchemotive ausgerichtet ist
und damit der Lebenswirklichkeit von Nutzern entgegenkommt [2]
[25].
Auch kann ein solches Portal beträchtliche Chancen bereithalten, wenn es
darum geht, Patienten stärker in den Versorgungsprozess zu involvieren, das
Empowerment und die partizipative Entscheidungsfindung im
Arzt-Patient-Verhältnis zu stärken [26]
[27]. Allerdings wird darauf zu
achten sein, das Gesundheitsportal unter den spezifischen Bedingungen des deutschen
Gesundheitswesens zu implementieren. Hierzu gehört die zentrale Bedeutung
hausärztlicher Primärversorger, deren Positionen und
Bedürfnisse bei einem so prominenten Projekt stärker in den Blick
genommen werden sollten.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Einhaltung ethischer Richtlinien
Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an
Menschen oder Tieren.
Da es sich um eine anonymisierte Befragung von Hausärzten handelt und
keinerlei Patientendaten erhoben wurden, war ein Ethikantrag laut den Statuten der
Ethikkommission der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz nicht
erforderlich.
In dieser Studie wird nur jeweils ein Geschlecht erwähnt, um die Lesbarkeit
zu gewährleisten. Gemeint sind aber jeweils beide Geschlechter.
Hinweis
Dieser Artikel wurde gemäß des Erratums vom 21.7.2020
geändert.
Erratum
Im oben genannten Artikel wurde der Vorname des Co-Autors
Stachwitz korrigiert. Richtig ist: Philipp Stachwitz.