Schlüsselwörter qualitativ - Interview - Datenqualität - Offenheit - Forschungspraxis - Erhebungssituation
Key words qualitative, interview, data quality, openness, research practice, qualitative
data collection
Einleitung
Dieser Beitrag widmet sich der konkreten Durchführung qualitativer Interviews
im Kontext von versorgungsorientierter Rehabilitationsforschung und will
insbesondere für eine sorgfältige Erhebungspraxis sensibilisieren.
Ein Blick auf die Praxis der Durchführung ist deshalb von hoher Bedeutung,
da die Fähigkeit zur angemessenen Interviewführung oftmals als
Grundkompetenz betrachtet wird. Mit einem vorab definierten Forschungsinteresse
zielt das Interview auf einen Erkenntnisgewinn, dessen Prozess zudem durch eine
ungleiche Rollenverteilung – von Fragenden/Zuhörenden
(Forschenden) und Antwortenden/Erzählenden (Befragten) –
gekennzeichnet ist. Die alles entscheidende Frage ist jedoch, ob das, was als
Ergebnis präsentiert wird, auch das Forschungsinteresse einlöst und
die Forschungsfrage beantwortet. Würden die Forschungsergebnisse dem
entsprechen, was der Forschende aufgrund unreflektierter Erwartungen und
persönlicher Erfahrungen und ‚Theorien‘ intendiert hatte,
hielten sie den Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis nicht stand. Denn das
würde bedeuten, dass die eigenen Vorannahmen und Relevanzsetzungen –
Helfferich spricht vom „eigenen Normalitätshorizont“ [1 ] – hier zu stark in die Forschung
eingeflossen, dem Interviewten (mehr oder weniger bewusst) oktroyiert und die
Forschungsergebnisse damit in eine bestimmte Richtung gelenkt worden sind. Daraus
ergibt sich bereits der erste Grundsatz: Eigene Deutungen zurückstellen und
lernen, eine Metaperspektive einzunehmen. Um eine solche Haltung der Offenheit
gewinnen, ja verinnerlichen zu können, braucht es Praxis und
Übungsgelegenheiten, in denen ein Blick auf die eigene Person und
Impulshaftigkeit innerhalb der Interviewsituation gerichtet wird. In der
Auseinandersetzung mit qualitativen Interviews sollte die Ebene der kompetenten
Interviewführung immer mitgedacht werden, denn: Mit den Daten, die in einem
Interview erhoben werden, steht und fällt die gesamte Untersuchung. Die
darin erhobenen Daten sind Texte, die dem Forschenden dann verschriftlicht als
Texttranskript, d. h. als wortgenaue Abschrift der
Gesprächssituation, vorliegen. Insofern können die durch gelungene
Interviewführung umfangreich produzierten Erzählungen als Datenbasis
nicht hoch genug geschätzt werden. Dieser Beitrag ist als Versuch zu
verstehen, v. a. auf diejenigen Aspekte aufmerksam machen zu wollen, die uns als
Forscher/innen selbstverständlich erscheinen und durch methodische
Ungenauigkeiten in der Erhebungssituation zu verzerrten Ergebnissen führen
können. Damit verfolgt er ein programmatisches Ziel, nämlich
für eine Haltung der Offenheit zu sensibilisieren, wie sie in der
Methodenliteratur als einer der Grundpfeiler und Wesensmerkmale qualitativer
Forschung gefordert, jedoch wenig konkretisiert wird [1 ]
[2 ]
[3 ]
[4 ]
[5 ]
[6 ]
[7 ]
[8 ]
[9 ]. Diese Sensibilisierung soll quer zu existierenden
Interviewformen erfolgen (z. B. narrative, biografische, problemzentrierte,
episodische, Experteninterviews; für einen Überblick vgl. [3 ]
[4 ])[1 ].
Definition und Verortung qualitativer Interviews
Definition und Verortung qualitativer Interviews
Qualitative Interviews lassen sich in der qualitativen empirischen Sozialforschung
verorten, welche die Sichtweisen handelnder Menschen und ihre Lebens- und
Erfahrungswelten erfassen und verstehen will. Im Mittelpunkt steht der Nachvollzug
sozialer Praxen und Prozesse. Cornelia Helfferich bringt den Gegenstand qualitativer
Sozialforschung und die Rolle der in qualitativen Interviews generierten Daten wie
folgt auf den Punkt:
„Qualitative Forschung rekonstruiert Sinn oder subjektive Sichtweisen
– im Einzelnen sehr unterschiedlich gefasst z. B. als
„subjektiver Sinn“, „latente Sinnstruktur“,
„Alltagstheorien“ oder „subjektive Theorien“,
„Deutungsmuster“, „Wirklichkeitskonzepte“, oder
– „konstruktionen“,
„Bewältigungsmuster“ oder „narrative
Identität“. Ihr Forschungsauftrag ist Verstehen, gearbeitet wird mit
sprachlichen Äußerungen als ‚symbolisch vorstrukturierten
Gegenständen‘ bzw. mit schriftlichen Texten als deren
‚geronnene Formen‘. Der Gegenstand kann gerade nicht über
das Messen, also über den methodischen Zugang der standardisierten
Forschung, erfasst werden“ [1: 26, Hervorh. i.O.].
Um Erkenntnisse über Strukturen, Zusammenhänge und Beziehungen
gewinnen zu können, ist der Einsatz qualitativer (teilstandardisierter und
offener) Interviews ein angemessenes – und weit verbreitetes –
Erhebungsinstrument qualitativer Sozialforschung. Qualitative Interviews zielen
darauf, dass die Untersuchten ihre ganz persönliche Sichtweise
äußern, sodass ihre Einstellungen und Auffassungen beschrieben
und/oder die dem Handeln/der Sprache zugrundeliegenden
Deutungsprinzipien herausgearbeitet werden können. So können bspw.
Einblicke in Krankheitsverläufe und Entscheidungsprozesse gewonnen werden,
die sich quantitativ nur schwer abbilden lassen. In quantitativen Forschungsdesigns
werden qualitative Interviews bspw. eingesetzt, um standardisierte Erhebungen
vorzubereiten [10 ]: 349]. Als sozialwissenschaftliche
Erhebungsmethode dienen qualitative Interviews v. a. einem Forschungszweck. Sie
erfolgen regelgeleitet und zielen auf eine verallgemeinerbare Erkenntnis. Die
folgende Definition von Scheuch (1973) kann als kleinster gemeinsamer Nenner quer zu
den existierenden Interviewformen zugrunde gelegt werden: „Unter Interview
als Forschungsinstrument sei hier verstanden ein planmäßiges
Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine
Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen
veranlasst werden soll“ [11 ]: S. 70]. Damit
sind qualitative Interviews bspw. von diagnostischen Interviews abzugrenzen wie sie
in der Beratung, Psychotherapie, Begutachtung und/oder Eignungsdiagnostik
eingesetzt werden. Bei einem qualitativen Interview wird der Befragte um
„Unterstützung zur Lösung eines Forschungsproblems“
gebeten, im Mittelpunkt steht sein Wissen zum untersuchten Phänomen [12 ]. Qualitative Forschungsinterviews eignen sich,
insbesondere aufgrund der starken Subjektorientierung und der Alltagsnähe,
besonders für die Gesundheitsforschung (Medizin, Psychologie und
Versorgungssystem), das konstatieren Bartel u. Ohlbrecht [13 ] und identifizieren aktuelle Forschungsstränge qualitativer
Gesundheitsforschung.
Qualitative Interviews stellen in der Rehabilitationsforschung einen wichtigen
Erhebungsansatz dar, z. B. wenn die Erfassung und Analyse subjektiver
Erlebensprozesse – sowohl von Rehabilitand/innen als auch von
professionellen Akteur/innen – oder die Ermittlung von
Expertenwissen über die rehabilitative Versorgung im Mittelpunkt stehen.
Hierzu gehören u. a. Studien zum Erleben chronischer Erkrankungen
(insbesondere zum Krankheitsverlauf und/oder zu
Teilhabeeinschränkungen), zum Übergang von der Akutversorgung in den
rehabilitativen Sektor, zur Wahrnehmung und Bedeutung der rehabilitativen Versorgung
für die Betroffenen, zu biografischen Anpassungsprozessen nach erfolgten
Rehabilitationsmaßnahmen sowie Forschungsprojekte zu institutionellen
Abläufen und Prozessen in Rehabilitations-Einrichtungen.
Grundlegende Analyseeinstellungen und die Entscheidung für eine
Forschungsperspektive
Grundlegende Analyseeinstellungen und die Entscheidung für eine
Forschungsperspektive
Jede Forschung erfordert zunächst die Klärung der Frage, mit welcher
Untersuchungsrichtung und mit welchen Methoden die Daten erhoben werden
können, die mit der Forschungsfrage erfasst werden sollen. Um eine
Entscheidung für die Wahl der Methoden treffen zu können, kann
folgende idealtypische Differenzierung in (mindestens) 2 grundsätzliche
Gegenstandsbereiche hilfreich sein [13 ]: Einige
Gegenstandsbereiche qualitativer Forschung fokussieren mittels Interviews auf
Beschreibungen oder das Erleben von Alltagswelten. Beispiele dafür sind
Interviews zum Versorgungsalltag oder zu den individuellen Vorstellungen von
Gesundheit/Krankheit. Zum anderen lassen sich Gegenstandsbereiche
identifizieren, die auf eine andere Ebene (als das Beschreiben von Erlebtem) zielen.
Dabei stehen tieferliegende Sinnschichten im Vordergrund, bei denen
Forscher/innen ‚zwischen den Zeilen‘ lesen und den Sinn
herausarbeiten müssen. Beispiele dafür sind die Erforschung von
Interaktionsmustern in der Arzt-Patienten-Kommunikation oder die Analyse der Rolle
biografischer Erfahrungen auf Krankheit und ihre Folgen. Damit zeigt sich das breite
Spektrum unterschiedlicher Verfahren innerhalb der qualitativen Sozialforschung, die
sich vereinfacht in 2 idealtypische Pole aufspannen lassen und die den exemplarisch
genannten Gegenstandsbereichen qualitativer Forschung entsprechen [4 ]
[14 ]
[15 ]: Zum einen existieren eher deskriptiv orientierte
Ansätze, bei denen eine detaillierte Beschreibung der Lebenswelten der
beteiligten Subjekte und ihrer Erfahrungen im Vordergrund steht. Darüber
hinaus, quasi eine Abstraktionsstufe darüber, lassen sich rekonstruktive
Ansätze verorten, die nicht nur darauf fokussieren, was jemand sagt, sondern
auch wie er etwas sagt, aber auch, was jemand nicht sagt[2 ]. Somit zielen sie darauf ab, den Sinn und die Bedeutungen derjenigen
Anteile unserer Erzählungen erschließen zu wollen, die uns in der
Erzählung meist verborgen bleiben, d. h. die uns bei der
Erzählung im Interview nicht ohne Weiteres bewusst und reflexiv
zugänglich oder explizierbar sind. Rekonstruktive Verfahren zielen von ihrer
Analyserichtung eher auf die Herstellungsweise, also die Rekonstruktion dessen, wie
bzw. auf welche Weise etwas entstanden ist, z. B. wie eine spezifische
Haltung gegenüber einer infolge von Krankheit eingetretenen oder bedrohten
Teilhabeeinschränkung entwickelt worden ist. Deshalb steht zu Beginn jeder
Forschung die Frage im Mittelpunkt, mit welcher Interviewmethode genau das erfasst
werden kann, was mit dem Forschungsgegenstand – abgeleitet aus der
Forschungsfrage – erfasst werden soll: Ist für die
Forschungsperspektive eher das von Interesse, was den Befragten bewusst und rational
nachvollziehbar ist, wie bspw. die Abläufe in einer Rehabilitationsklinik,
oder zielt das Forschungsinteresse eher auf in Handlungen verkörpertes
„implizites Wissen“ [16 ] der
Untersuchungspersonen, welches ihnen nicht (zwangsläufig) bewusst ist. Ein
Beispiel dafür stellt die für den Rehabilitationskontext
charakteristische interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener
Berufsgruppen in einer Rehabilitationsklinik dar. Rekonstruktiv könnte
danach gefragt werden, ob und falls ja, welche professionsgebundenen Erfahrungen
für eine kommunikativ-gelingende Zusammenarbeit bzw. für eventuelle
problematische Nicht-Kommunikation(en) der verschiedenen Professionen verantwortlich
sind und somit die Ursachen der mehr oder weniger gelingenden Zusammenarbeit
rekonstruieren. Dies kann nicht ohne Weiteres im Interview erfragt, sondern muss (da
in der Handlungspraxis verborgen) aus dem Text/der Erzählung
systematisch herausgearbeitet werden. [Abb. 1 ]
veranschaulicht die grundlegenden Analyseeinstellungen.
Abb. 1 Grundlegende Analyseeinstellungen.
Hier wird deutlich, wie eng Datenerhebung und Analyse von Beginn des
Forschungsprozesses miteinander verknüpft sind: Aus der Forschungsfrage
leitet sich der Forschungsgegenstand, d. h. die Art der Erkenntnisse ab, die
mit dem Forschungsprojekt gewonnen werden sollen. Die Bestimmung des
Forschungsgegenstandes wiederum führt zu der Entscheidung für eine
der Forschungsperspektiven (deskriptiv, rekonstruktiv) und damit auch zur
Entscheidung der Wahl der passenden Erhebungs- wie Auswertungsmethode(n). Der
qualitative Forschungsprozess zeichnet sich durch ein zirkuläres Vorgehen
aus [17 ]
[18 ], d. h. die Phasen des Forschungsprozesses
werden schrittweise und von Fall zu Fall durchlaufen[3 ]. Prozesse der Datenerhebung und der sich daran anschließenden
systematischen Datenanalyse werden teilweise gleichzeitig durchgeführt. So
können neu gewonnene Erkenntnisse aus der Analyse eines Falles in die
weitere Erhebung (z. B. in Form angepasster Fragen im Leitfaden)
einfließen. Dies entspricht der „Logik des Entdeckens“
qualitativer Sozialforschung [19 ] und erfordert
wiederum Offenheit bei der Hypothesen- und Theoriebildung als dem
übergeordneten Ziel qualitativer Sozialforschung.
Qualitative Interviews: Strukturierte und offene Ausgestaltungsvarianten
Qualitative Interviews: Strukturierte und offene Ausgestaltungsvarianten
Jede Interviewtechnik bringt andere Arten von Aussagen oder auch Themen hervor,
weshalb der Forschungsgegenstand präzisiert und vorab über die Frage
nachgedacht werden muss, welche Arten von Daten benötigt und im Interview
erzeugt werden müssen. Dabei gilt das Diktum der Gegenstandsangemessenheit,
d. h. die Erhebungsmethode(n) muss dem Forschungsgegenstand flexibel
angepasst werden und nicht umgekehrt [3 ]
[9 ]
[20 ]
[21 ]. Im Folgenden soll entsprechend den beiden
grundlegenden Analyseeinstellungen (deskriptiv und rekonstruktiv), das damit
verbundene Spektrum der Ausgestaltung von Interviews skizziert werden: strukturiert
mit ausformulierten Fragen vs. offen mit wenig vorab festgelegten Fragen. Einzelne
Interviewformen werden hier nur genannt bzw. knapp und ohne Anspruch auf
Vollständigkeit charakterisiert (für eine intensivere
Auseinandersetzung mit konkreten Interviewvarianten vgl. überblicksartig
u. a. [1 ]
[3 ]
[4 ]
[15 ]
[22 ]).
Auf dem einen Pol des Kontinuums lassen sich leitfadengestützte
Interviewvarianten verorten. Leitfadengestützte Interviews werden auch als
halboffene, halb- oder teilstandardisierte, manchmal auch als semistrukturierte
Interviews bezeichnet. Sie werden tendenziell eher für deskriptive
Ansätze eingesetzt: „Das offene Leitfadeninterview ist in solchen
Forschungskontexten angebracht, in denen eine relativ eng begrenzte Fragestellung
verfolgt wird. Dabei stehen oft beschreibende und argumentierende Darstellungsmodi
im Vordergrund“ [15: S. 127]. Das Leitfadeninterview gibt es dabei
nicht. Unter dem Begriff des Leitfadeninterviews werden unterschiedliche Varianten
der Interviewführung mittels eines Leitfadens gebündelt. Die
Ausgestaltung einer leitfadengestützten Interviewsituation bzw. Handhabung
des Leitfadens kann dabei stark variieren, von einer eher starken Strukturierung des
Gesprächsverlaufs durch den Interviewenden oder einer eher starken Steuerung
durch den Befragten[4 ]. Das Experteninterview, wie es
bspw. zur Befragung von Menschen in Leitungspositionen (ärztliche Leitung,
Geschäftsführung, Verwaltungsleitung) eingesetzt werden kann, stellt
solch eine Variante des Leitfadeninterviews dar, in der der Interviewleitfaden einen
stärker strukturierenden und steuernden Einsatz findet. Im Gegensatz zu
anderen Interviewformen steht beim Experteninterview der Befragte als Vertreter
einer Expertengruppe und ihrer Handlungs- und Sichtweisen im Mittelpunkt:
„In Experteninterviews fragen wir nicht nach individuellen Biografien,
untersuchen wir keine Einzelfälle, sondern wir sprechen die ExpertInnen als
RepräsentantInnen einer Organisation oder Institution an, insofern sie die
Problemlösungen und Entscheidungsstrukturen
(re)präsentieren“ [23 ]: S. 444, vgl.
dazu auch [24 ]
[25 ]
[25 ]
[5 ]. Liegt das Forschungsinteresse bspw. auf dem
Zusammenhang zwischen Organisationskultur und Behandlungserfolg in der
Rehabilitationsklinik, stünde im Interview mit der ärztlichen
Leitung der professionelle Tätigkeitsbereich und das Wissen über
Therapieangebote, Behandlungsabläufe und gemeinsame Werte innerhalb der
Einrichtung im Vordergrund, die Privatperson mit ihren biografiebezogenen
individuellen Prägungen tritt dabei zurück.
Auf dem anderen Pol des Kontinuums von Interviews lassen sich offene
Interviewformate, wie z. B. narrative Interviews, verorten, die insbesondere
für biografiebezogene Fragestellungen eingesetzt werden: „Narrative
Interviews sind als Erhebungsverfahren nur dort geeignet, wo selbst erlebte Prozesse
erzählt werden können. Es wird angenommen, dass das Erzählen
diejenige Form der Darstellung ist, die – im Vergleich zum Beschreiben oder
Argumentieren – der kognitiven Aufbereitung der Erfahrung am meisten
entspricht“ [15: S. 83]. Der Einsatz narrativer Interviews findet sich eher
bei rekonstruktiven Verfahren. In der Literatur werden sie auch als offene,
unstrukturierte Interviews bezeichnet, in der der Befragte anzeigen soll, was
für ihn in welcher Weise relevant ist. Dieses Verfahren wurde Ende der 70er
Jahre von Fritz Schütze entwickelt [26 ]
[27 ]
[28 ] und weist den niedrigsten Grad der Strukturierung
durch den Interviewenden auf. Demzufolge wird hierbei kein Interviewleitfaden
verwendet. Charakteristisch ist ein zu Beginn eingesetzter Erzählstimulus,
d. h. eine maximal offene Erzählaufforderung (z. B. nach der
Krankheitsgeschichte), die zu einer so genannten
„Stegreiferzählung“ [29 ]
führen soll. Diese spontane Erzählung soll nicht durch Nachfragen
des Interviewenden unterbrochen werden, was ihm Kompetenzen des Zuhörens bei
gleichzeitiger Achtsamkeit abverlangt. Erst nach Beendigung der
Stegreiferzählung folgt ein dialogischer Nachfrageteil.
Für eine tabellarische Übersicht der zahlreichen einzelnen
Interviewformen sei auf den online frei zugänglichen Aufsatz von
Mey&Mruck [30 ] verwiesen, die auf Basis
einschlägiger Literatur eine Synopse zu den vielfältigen
Interviewverfahren (es werden 13 Varianten differenziert) hinsichtlich Zielsetzung,
Methodik und zentraler Vertreter/innen erstellt haben. Helfferich [1 ] nimmt eine Kurzcharakterisierung in Stichworten vor
und verweist für jede Interviewform auf Referenzliteratur. Zudem stellt sie
die wichtigsten Interviewformen in einer tabellarischen Übersicht
zusammen.
Bei allen Interviewvarianten, auch bei stärker strukturierten
Leitfadeninterviews, gilt die grundsätzliche Regel,
erzählgenerierende Fragen zu stellen. Darauf und auf weitere Anforderungen
bei der Formulierung von (Nach-)Fragen im Interview geht der folgende Abschnitt
genauer ein.
Anforderungen an die Formulierung von Fragen
Anforderungen an die Formulierung von Fragen
In der Literatur werden verschiedene Frageformen aufgeführt. Dazu
zählen z. B. Aufrechterhaltungsfragen, Steuerungsfragen, Fakten-,
Informations- oder Wissensfragen, hypothetische, konfrontative, provokative Stimuli
etc. [1 ]
[4 ]. Für den vorliegenden Beitrag zur Praxis
der Interviewführung soll eine Beschränkung auf 3 wichtige
Frageformen erfolgen: Erzählaufforderungen, offene Fragen und (Vermeidung
von) Suggestivfragen. Eine Berücksichtigung dieser grundsätzlichen
Stimuli trägt bereits maßgeblich zum Gelingen eines Interviews im
Sinne umfangreicher Erzählungen durch den Befragten bei[6 ].
Ein Interview muss nicht zwangsläufig mit einer Frage beginnen,
häufig wird an den Beginn auch eine so genannte Erzählaufforderung
gesetzt. Diese kennzeichnet sich, noch intensiver als alle anderen im Interview
formulierten Fragen, durch einen offenen Erzählstimulus. Sie sollte also so
formuliert sein, dass der Befragte über das interessierende Thema aus seiner
Perspektive erzählen kann. Der Interviewende versucht dabei
möglichst wenig vorzustrukturieren und sollte immer wieder prüfen,
ob die Erzählaufforderung so offen formuliert ist, dass sie eine
umfangreiche Erzählung beim Befragten hervorrufen kann. Alle im
Interviewverlauf gestellten Fragen sollten offene Fragen sein, d. h. sie
müssen dem Gegenüber die Möglichkeit geben, erzählen
zu können. Besonders gut eignen sich dafür W-Fragen, z. B.:
Wie haben Sie die Diagnosestellung erlebt? Wie haben Sie das Gespräch mit
dem Arzt empfunden? Dabei ist es entscheidend, eventuelle eigene Anteile in der
Frageformulierung zu reflektieren. Dies können zum einen (theoretische)
Vorannahmen sein, die sich aus der Auseinandersetzung mit der Literatur zum
Forschungsgegenstand speisen. Das können zum anderen eigene
Berührungspunkte im Sinne eigener/früherer Erfahrungen des
Forschenden mit dem Forschungsgegenstand oder persönliche Einstellungen und
Haltungen sein, die eine Frage in eine bestimmte Richtung lenken. Solch eine
Beeinflussung des Befragten durch die Frageformulierung des Interviewenden –
genannt Suggestivfragen – ist zu vermeiden bzw. zu reflektieren. Vorstellbar
wäre bspw. ein exploratives Forschungsprojekt, in dem es darum ginge, Motive
der Inanspruchnahme spezifischer Versorgungsangebote zu identifizieren. So
könnte es z. B. von Interesse sein zu erfahren, warum sich
Betroffene für eine ambulante Rehabilitationsmaßnahme oder aber
für andere Versorgungsmöglichkeiten (wie z. B.
Selbsthilfegruppen) entscheiden. Eine – suggestive und zu vermeidende
– Nachfrage eines Interviewenden könnte bspw. lauten: Sie haben ja
bestimmt familiäre Unterstützung während der Erkrankung
gehabt, wie war das damals? Die Annahme, dass jemand in einer Krankheitsphase
Unterstützung durch sein soziales Umfeld erfährt, sagt eventuell
mehr über den Interviewenden und seine Selbstverständlichkeiten bzw.
seine Sicht auf Krankheitserleben aus, als die Antwort über das Erleben des
Befragten aussagen würde. Die Selbstverständlichkeiten des
Interviewenden werden somit auf den Befragten übertragen, ohne zu
erfahren/erfragen, ob dies für den Befragten genauso
selbstverständlich ist. Dadurch können wichtige Informationen
verloren gehen, weil der Befragte durch die Frage eher in die Richtung gelenkt
werden könnte zu überlegen, welche Rolle seiner Familie bei der Wahl
des Versorgungsangebots zukam, obwohl möglicherweise eine ganz andere nahe
Person außerhalb der Familie viel bedeutsamer für die Entscheidung
war. Die Haltung der Offenheit zeigt sich also insbesondere in der Frageformulierung
bzw. muss sich in dieser widerspiegeln. Dazu gehört es dann auch, das durch
den Befragten Gesagte zunächst wahrzunehmen, ohne es zu werten. Prinzipiell
lohnt es sich zu vergegenwärtigen, dass Interviewende unbewusst Erwartungen
an den Befragten bzw. die Interviewsituation herantragen. So erwarten Interviewende
bspw., dass die Erzählperson „wahre“ Begebenheiten
berichtet, dass sie dies chronologisch vornimmt und dass sie bereit und
fähig ist, sich dem Interviewten mitzuteilen [1 ]. Diesen Erwartungen werden sich die Forschenden eventuell erst
bewusst, wenn die Erzählperson – aus welchen Gründen auch
immer – diesen nicht nachkommt. Dann entstehen Unsicherheiten und
Irritationen beim Interviewenden. Insbesondere können knappe Antworten auf
eine Interviewerfrage zu geschlossenen Fragen des Interviewenden führen,
z. B.: Und haben Sie sich dann über die Reaktion des Arztes
geärgert? Diese Frage ließe lediglich eine Ja/Nein-Antwort
zu und würde somit die Kommunikation tendenziell schließen. Das
Interview würde dann von einem Frage-Antwort-Charakter geprägt, eine
Rückkehr zu längeren Erzählungen des Befragten gestaltet
sich meist schwierig. Gerade in solchen Interaktionssituationen empfiehlt es sich
umso mehr, einen offenen, erzählauffordernden Fragestil mit klaren und
einfachen Formulierungen beizubehalten und – im Gegensatz zu
Alltagsgesprächen – in der Lage zu sein, Gesprächspausen zu
erlauben und auszuhalten. Empfehlenswert ist es hierbei, sich als
Forscher/in für diese Situationen, z. B. in einer
Interviewschulung, zu sensibilisieren. Rollenspiele können dabei helfen,
sich über die eigenen Gefühle klar zu werden/sein im
Hinblick auf die Frage, was es mit mir persönlich macht, wenn ich wahrnehme,
dass jemand etwas nicht erzählen möchte. Werde ich besonders
neugierig oder wütend, fühle ich mich hilflos oder frustriert? Je
nachdem, welche Gefühle solch eine Situation in mir aufsteigen
lässt, können diese den weiteren Verlauf des Interviews stark
beeinflussen.
Kernbotschaft
Das Prinzip der Offenheit bezieht sich auf den gesamten qualitativen
Forschungsprozess und seine unvorhergesehenen Ereignisse und
Verläufe.
Grundsätzlich ist es für das Gelingen eines qualitativen
Interviews – im Sinne einer umfangreich produzierten
Erzählung durch den Befragten – unverzichtbar, dass der
Interviewende seine eigenen Deutungen und Selbstverständlichkeiten
reflektiert, zurückstellt und eine Haltung der Offenheit
einübt.
Diese eher theoretische Offenheit gewinnt auf einer technischen Ebene und
insbesondere bei der Formulierung von Fragen während des Interviews
Kontur. (Nach-)Fragen des Interviewenden sollten wert- und vorurteilsfrei
gestaltet sein und zum Erzählen anregen. Der Befragte sollte durch
die Interviewerfrage nicht schon in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.
Dies ist wiederum eng mit Selbstreflexion in Bezug auf
Selbstverständlichkeiten, Gefühle und Reaktionen auf
schwierige Situationen im Interview verknüpft.
Die Maxime der Offenheit ist auch methodologisch zu verstehen. Sie bezieht
sich dann auf die Auswahl der passenden (Erhebungs- wie Auswertungs-)
Methode, die – ebenso wie die Forschungsfrage – an den
Forschungsgegenstand und Verlauf des Forschungsprozesses angepasst werden
muss.