Hintergrund
Der Ausbruch der COVID-19 Pandemie und die gegen die Verbreitung des Virus
ergriffenen Maßnahmen und deren Folgen haben bis heute massive Auswirkungen
in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Die stationäre und
ambulante Gesundheitsversorgung ist besonders stark von der Pandemie betroffen und
der bereits vor der Pandemie bestehende Personalmangel verschärft sich
zunehmend [1 ]
[2 ]
[3 ]. Im Zuge dessen haben sich
international auch für die Versorgungsforschung die Rahmenbedingungen vor
allem durch die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung (z. B.
Kontaktbeschränkungen) stark verändert [4 ]. Dies betraf zu Beginn der Pandemie mit dem
ersten Lockdown im März 2020 jene Forschungsvorhaben, in denen ein
persönlicher Kontakt zum Untersuchungsfeld notwendig war und deren
Zielgruppen, z. B. multimorbide oder hochaltrige Personen, im Kontext der
Pandemie als besonders vulnerabel eingeschätzt wurden [5 ]
[6 ]
[7 ]. Charakteristisch für
die Versorgungsforschung ist, dass nicht nur verschiedene Bevölkerungs- oder
Patient:innengruppen, sondern auch das Versorgungssetting selbst, seine Prozesse,
Strukturen und Akteur:innen als Kontextfaktoren oder als eigene
Untersuchungsgegenstände in den Blick genommen werden. Für die
Versorgungsforschung typische Studien, wie z. B. die Implementierung und
Evaluation komplexer Interventionen, machen es sehr häufig notwendig, dass
sich die Forschenden selbst ins Feld begeben [8 ]. Darüber hinaus geht es oftmals darum, Wirksamkeitsnachweise
einer Intervention zu erbringen, wofür eine hinreichend große Anzahl
und/oder Varianz von Fällen rekrutiert werden muss. Dies kann per se
eine Herausforderung darstellen und wird durch die Pandemiebedingungen
zusätzlich erschwert.
Erste wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Lage der Gesundheits- und
Versorgungsforschung während der COVID-19 Pandemie zeigen, dass
Forschungsprojekte angepasst oder sogar pausiert werden mussten und Forschende
pragmatische Wege finden mussten, um in der Dynamik des Pandemiegeschehens
wenigstens eingeschränkt handlungsfähig zu bleiben [9 ]
[10 ].
So fand unter anderem ein Umschwenken auf „krisensichere“
Datenerhebungsmethoden, wie z. B. Telefoninterviews oder Online-Befragungen,
statt [11 ]
[12 ]. Allerdings wurden als Reaktion auf die Pandemie auch neue
Fördermaßnahmen aufgelegt und Forschungsprojekte und -kooperationen
angeregt [13 ]
[14 ]. Neben den Auswirkungen auf Forschungsprojekte hatte die COVID-19
Pandemie Folgen für die berufliche – und damit auch die
persönliche – Situation von Forschenden, die während der
Pandemie durch das Arbeiten von zu Hause aus und eine wissenschaftliche Vernetzung
im virtuellen Raum geprägt war [15 ]
[16 ]. Es zeigte sich, dass es
während der Pandemie zu einer Entgrenzung von Arbeit und Privatleben kam,
wovon insbesondere Forschende mit Sorgeverpflichtungen betroffen waren [17 ]
[18 ].
Der Einfluss der Pandemie auf Forschungsprozesse in der Versorgungsforschung wurde
bislang kaum empirisch untersucht. Zudem fehlt es an empirischer Evidenz, wie sich
die Einschränkungen und Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die
individuelle berufliche Situation von in der Versorgungsforschung tätigen
Wissenschaftler:innen auswirken. Diese Frage ist nicht nur auf Ebene der einzelnen
Forschenden persönlich relevant, sondern wird sich auch darauf auswirken,
als wie attraktiv die Versorgungsforschung als Berufsfeld wahrgenommen wird.
Folgenden zwei Fragestellungen lagen der Untersuchung zu Grunde:
1) Wie passen Forschende in der Versorgungsforschung laufende und geplante
Forschungsprozesse und Methoden an die Herausforderungen durch COVID-19 an? Wie
bewerten sie diese Anpassungen?
2) Wie nehmen Forschende den Einfluss der Pandemie auf ihren Arbeitsalltag und
ihre wissenschaftliche Karriere wahr?
Methode
Die Befragung wurde als Querschnittstudie online mittels eines standardisierten
Fragebogens mit einem Anteil zusätzlicher offener Fragen
durchgeführt. Dieser wurde in einem qualitativen Pretest unter Anwendung der
Think-Aloud Technik (kognitiver Pretest) mit in der Versorgungsforschung
Tätigen (n=3) auf Verständlichkeit, Praxistauglichkeit und
Vollständigkeit geprüft [19 ].
Daraufhin wurde der Schwerpunkt des Fragebogens angepasst (personen- statt
projektbezogene Fragen) und es wurden einzelne Items in ihrem Wortlaut oder ihren
Antwortmöglichkeiten modifiziert. Zielgruppe der Befragung waren
Wissenschaftler:innen und wissenschaftlich tätige Kliniker:innen im Feld der
Versorgungsforschung.
Die Datenerhebung erfolgte von Juni bis Juli 2021. Die Teilnehmenden wurden gebeten,
ihre Angaben auf den Zeitraum seit Beginn der Pandemie (dieser wurde pragmatisch mit
dem ersten bundesweiten Lockdown im März 2020 festgelegt) bis zum Zeitpunkt
der Erhebung zu beziehen. Der Fragebogen bildet, neben personenbezogenen Angaben,
die wesentlichen Phasen des Forschungsprozesses sowie Einschätzungen zu den
jeweils vorgenommenen methodischen Anpassungen aufgrund der Pandemie und deren
Einfluss auf die individuelle berufliche Situation der Teilnehmenden ab (siehe
Fragebogen im Online-Supplement).
Datenerhebung
Die Rekrutierung der genannten Zielgruppe fand mit einer offenen Einladung mit
einem Link zur Befragung über den Newsletter des Deutschen Netzwerks
Versorgungsforschung (DNVF) statt. Als Mitglieder erhalten Fachgesellschaften,
Wissenschaftliche Institute und Forschungsverbünde, Juristische Personen
und Personenvereinigungen als auch natürliche Personen den Newsletter.
Außerdem wurde der Aufruf noch einmal per E-Mail direkt an alle
DNVF-Mitgliedsfachgesellschaften (n=59) sowie an Hochschulen
(n=37) mit für die Versorgungsforschung relevanten
Studiengängen und/oder Forschungsaktivitäten mit der
Bitte um Verbreitung weitergeleitet. Zusätzlich wurde die Einladung zur
Befragung in den persönlichen wissenschaftlichen Netzwerken der
Autor:innen verbreitet.
Die Erhebung erfolgte mit der Software SoSci Survey (Version 3.2.44) und wurde
anonym (ohne Dokumentation der IP-Adresse der Teilnehmenden)
durchgeführt. Aufgrund der anonymen Durchführung der Befragung
bestand keine Beratungspflicht durch eine Ethikkommission (Medizinische
Ethikkommission Oldenburg, Aktenzeichen 2021–060, Bescheid vom
26.03.2021).
Datenanalyse
Die Auswertung der standardisiert erhobenen Befragungsdaten erfolgte mittels
deskriptiver Statistik (JSL und AZ) mit der Statistiksoftware SPSS Version 27.
Fragebögen wurde in die Analyse eingeschlossen, wenn mindestens
70% der standardisierten Items oder ein Freitextfeld ausgefüllt
wurde. Die schriftlichen, offenen Antworten wurden mit qualitativer
Inhaltsanalyse ausgewertet (HS, AP und MvK) [20 ]. Dabei wurde zunächst deduktiv ein Kategoriensystem
orientiert an den Items des Fragebogens entwickelt. Die induktive Auswertung
erfolgte in einem ersten Schritt innerhalb der Angaben zu einzelnen Items. In
einem zweiten Schritt wurden übergreifende Themen identifiziert und
diese systematisch den Phasen des Forschungsprozesses (differenziert in
Forschungsfragen und -ziele, Studiendesign, Feldzugang, Projektmanagement und
-kommunikation, Datenerhebung, Datenanalyse, Publikation und Dissemination)
zugeordnet. Die inhaltsanalytische Auswertung erfolgte mit der Software MAXQDA
Analytics Pro (2020, 22.0.1.). Das Material wurde zunächst von eine:r
Forscher:in kodiert und anschließend mit mindestens eine:r zweiten
Forscher:in zum Zwecke der Validierung besprochen. Bei abweichenden
Einschätzungen wurde das Material im Auswertungsteam (HS, AP und MvK)
diskutiert bis Konsens erzielt wurde.
Ergebnisse
Die quantitativen und qualitativen Ergebnisse werden integriert dargestellt. Bei den
Angaben zu Prozenten handelt es sich um gültige Prozent der Personen, die
die Frage beantwortet haben (durch Abbrüche und Filterfragen ergeben sich
unterschiedliche Fallzahlen).
Rücklauf und Stichprobenbeschreibung
Insgesamt erhielten wir 308 (teil-)ausgefüllte Fragebögen, wovon
239 Fragebögen mit insgesamt 1455 ausgefüllten Freitextfeldern
in die Analyse eingeschlossen wurden. [Tab.
1 ] gibt einen Überblick über die Charakteristika der
teilnehmenden Personen.
Tab. 1 Charakteristika der Stichprobe.
Funktion der Teilnehmenden (n=198, Mehrfachantworten
mögl.)
n
gültige%
Institutsleiter*in und/oder
Professor*in
42
21,2
Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in
143
72,7
Kliniker*in
20
10,1
Sonstige
18
9,1
Erfahrung in der Versorgungsforschung in Jahren
(n=197)
n
gültige%
0–5 Jahre
80
40,6
6–10 Jahre
56
28,4
11–15 Jahre
26
13,2
>15 Jahre
35
17,8
Institution (n=170, Mehrfachantworten
mögl.)
n
gültige%
Hochschule
170
85,4
Außeruniversitäre Forschungseinrichtung
15
7,5
Einrichtung der Patient*innenversorgung
40
20,1
Industrie
3
1,5
Sonstige
9
4,5
Disziplinen (n=198, Mehrfachantworten
mögl.)
n
gültige%
Gesundheitswissenschaften
71
35,9
Medizin
56
28,3
Psychologie
43
21,7
Sozialwissenschaften
27
13,6
Pflegewissenschaften
23
11,6
Rehabilitationswissenschaften
12
6,1
Physiotherapie
6
3,0
Sportwissenschaften
6
3,0
Soziale Arbeit
4
2,0
Andere Disziplinen
25
12,6
Derzeit im Promotionsprozess (n=193)
n
gültige%
Ja
60
30,5
Nein
137
69,5
Einfluss der Pandemie auf Forschungsprojekte in der
Versorgungsforschung
Der Großteil der Antwortenden hatte seit Beginn der Pandemie mindestens
ein Forschungsprojekt geplant (n=117, 52,0%) oder befand sich
zum Zeitpunkt der Befragung in der Planung eines oder mehrerer
Forschungsprojekte (n=134, 59,6%). Seit Beginn der Pandemie
hatten 37,9% (n=86) bereits ein oder mehrere Forschungsprojekte
abgeschlossen oder befanden sich aktuell in der Durchführung
(n=196, 86,3%).
Im Hinblick auf den Feldzugang und -aufenthalt ergaben sich massive
Einschränkungen durch die Pandemie. Für 39,2%
(n=87) der Antwortenden war ein Feldaufenthalt überhaupt nicht
möglich und 51,4% (n=114) gaben an, dass der
Feldaufenthalt nur mit Maßnahmen möglich (gewesen) sei. Die
Entwicklung von Hygienekonzepten und die Einhaltung der aktuell geltenden
Präventionsmaßnahmen, aber auch eine Reduzierung der
Feldkontakte (auch durch telefonische und digitale Lösungen zur
Datenerhebung) wurden dabei in den Freitextfeldern besonders häufig
genannt.
Mehr als drei Viertel (n=170, 78,0%) der Antwortenden
schätzten die Zielgruppen ihrer Forschungsprojekte als besonders
vulnerabel im Kontext der Pandemie ein. In den offenen Antworten wird eine
erhöhte Vulnerabilität mit individuellen gesundheitsrelevanten
Merkmalen, z. B. chronische Krankheiten, kognitive
Einschränkungen wie Demenz, onkologische Erkrankungen oder
Schwangerschaft, mit einem bestimmten Setting, z. B. Menschen in
Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Unterkünften für
Geflüchtete, aber auch mit der beruflichen Tätigkeit im
Gesundheitswesen (Pflegekräfte und anderes Gesundheitspersonal)
begründet. Dabei lagen die Gründe für diese
Einschätzung zum einen in einem erhöhten Risiko für
einen schweren Verlauf bei einem ohnehin schon eingeschränkten
Gesundheitszustand und zum anderen insbesondere bei Personengruppen mit
psychischer Erkrankung in einem durch die Pandemie zusätzlich
erschwerten Zugang zu gesundheitlichen Versorgungsleistungen. Diese
Gründe trugen laut den Teilnehmenden neben den allgemeinen
Kontaktbeschränkungen zu einem zusätzlich erschwerten Feldzugang
bei.
Wenige Antwortende gaben an, die Planung (n=17, 7,6%) bzw. ein
bereits laufendes Forschungsprojekt (n=13, 5,7%) aufgrund der
Pandemie abgebrochen zu haben. Allerdings gab die große Mehrheit der
Antwortenden an, dass sich ihre Forschungsprojekte verzögert
hätten (siehe [Tab. 2 ]).
Hauptgrund waren hier Probleme bei der Rekrutierung und/oder der
Datenerhebung (n=144, 73,1%). Ein weiteres Problem war die
pandemiebedingt erschwerte Vereinbarkeit von Beruf und Familie innerhalb des
Projektteams (n=54, 27,4%). Für ca. die Hälfte
der mit Drittmitteln geförderten Projekte (n=95, 47,7%)
wurde eine zeitliche Verlängerung oder Aufstockung der Mittel beantragt
(siehe [Tab. 2 ]).
Tab. 2 Verzögerungen und Anpassungsbedarfe im
Projektverlauf.
Kam es in einem Ihrer Forschungsprojekte aufgrund der
Pandemie zu Verzögerungen im Projektverlauf?
(n=197, Mehrfachantworten mögl.)
n
gültige%
Ja, aufgrund von Problemen bei der Rekrutierung
und/oder Datenerhebung
144
73,1
Ja, aufgrund von Problemen bei Bewerbungs- oder
Einstellungsprozessen
27
13,7
Ja, aufgrund von Problemen bei der Nutzung bestimmter
Software für z. B. die Datenanalyse aus dem
Home Office
23
11,7
Ja, aufgrund von Problemen bei der Publikation von
Studienergebnissen
15
7,6
Ja, aufgrund von erschwerter pandemiebedingter Vereinbarkeit
von Beruf und Familie innerhalb des Projektteams
54
27,4
Ja, aus sonstigen Gründen
26
13,2
Keine Verzögerungen
24
12,2
Musste in einem Ihrer Forschungsprojekte ein Antrag auf
eine Verlängerung oder Aufstockung der
Drittmittelfinanzierung gestellt werden oder ist es
absehbar, dass dies notwendig sein wird? (n=199,
Mehrfachantworten mögl.)
n
gültige%
Ja, ist notwendig
39
19,6
Ja, wurde bereits beantragt
45
22,6
Ja, wurde bereits bewilligt
50
25,1
Nein
47
23,6
Noch nicht absehbar
44
22,1
Haben sich bezüglich der Anpassungen Ihrer
geplanten oder laufenden Forschungsprojekte in einem der
folgenden Bereiche Fragen ergeben? (n=202,
Mehrfachantworten mögl.)
n
gültige%
Ethische Fragen
40
19,8
Rechtliche Fragen
42
20,8
Methodische Fragen
121
59,9
sonstige Fragen
15
7,4
Es haben sich keine Fragen ergeben.
66
32,7
Wo haben Sie Antworten auf diese Fragen erhalten?
(n=133, Mehrfachantworten mögl.)
n
gültige%
Ethikkommission
21
15,8
Datenschutzabteilung
36
27,1
Rechtsabteilung
7
5,3
Förderinstitution
21
15,8
Projektpartner*innen
64
48,1
Kolleg*innen
87
65,4
Eigene Recherche (z. B. Internet)
73
54,9
An anderer Stelle
8
6,0
Ich habe die gesuchten Informationen nicht erhalten.
7
5,3
Die meisten offenen Fragen ergaben sich für die Antwortenden in Bezug auf
methodische Anpassungen (n=121, 59,9%), dabei waren Kolleg:innen
die wichtigsten Ratgebenden (n=87, 65,4%) (siehe [Tab. 2 ]).
Anpassungen im Forschungsprozess
Ein Großteil der Antwortenden (n=150, 68,2%) gab an,
pandemiebedingt Anpassungen im Verlauf der Planung oder Durchführung von
Forschungsprojekten vorgenommen zu haben. Initiiert wurden diese Anpassungen
meist von den Forschenden selbst (n=160, 78,4%), teilweise von
Projektpartner:innen (n=52, 25,5%) und seltener von
Förderinstitutionen (n=14, 6,9%), wie etwa in dieser
Freitextantwort erläutert: „DLR insistierte auf der Planung
verschiedener Szenarien, unter denen das Projekt weiterfinanziert oder auch
nicht wurde.“ (Datensatz 318). Zum Zeitpunkt der Datenerhebung gaben ca.
ein Viertel der Antwortenden (n=49, 26,3%) an, dass die
Aufforderung, die Pandemie im Forschungsprozess zu berücksichtigen,
bereits in der Förderausschreibung formuliert war. 11,8%
(n=22) berichteten, dass sie eine solche Aufforderung nach erfolgter
Bewilligung erhalten hätten.
Der Umgang von Fördermittelgebern mit der Pandemie und die Kommunikation
mit den Empfänger:innen reichte von Entgegenkommen „Sachverhalt
[dass der Projektstart verschoben werden musste] wurde verstanden und
anerkannt“ (Datensatz 1302) bis hin zu „Erschreckend wenig
Verständnis beim Projektträger für Auswirkungen der
Pandemiesituation auf Forschung“ (Datensatz 697). Außerdem
wurden einige Wissenschaftler:innen explizit dazu aufgefordert, den Einfluss der
Pandemie auf das Projekt und seine Ergebnisse z. B. im Rahmen von
Publikationen zu reflektieren und Erhebungsinstrumente entsprechend
anzupassen.
Fast die Hälfte (n=87, 43,3%), der Antwortenden gab an,
verschiedene methodische Szenarien hinsichtlich der Datenerhebung entwickelt zu
haben, um auf die dynamische Entwicklung der Pandemie reagieren zu
können. In den offenen Antworten zu diesem Aspekt wurde vor allem
angegeben, dass auf digitale Formate umgestiegen worden sei. Dies betraf
meistens die Datenerhebung, aber z. B. auch die Schulung von
Fachpersonal im Feld, an das die Datenerhebung zum Teil delegiert wurde, oder
die Kommunikation mit Projektpartner:innen. Außerdem mussten Fallzahlen
neu kalkuliert und insgesamt wurde ein hohes Maß an Flexibilität
hinsichtlich der dynamischen Entwicklung der Pandemie und den damit verbundenen
Restriktionen von allen Beteiligten an den Tag gelegt:
„Regelmäßiger Kontakt zu den Kooperationspartnern und
gemeinsames Aushandeln von Zeitkorridoren, wo eine persönliche
Datenerhebung möglich ist. Flexible Gestaltung der
Datenerhebungsphase.“ (Datensatz 905)
Datenerhebung(en) während der Pandemie
Die meisten Antwortenden (n=166, 82,6%) hatten seit Beginn der
Pandemie Datenerhebungen durchgeführt, wovon gut zwei Drittel
(n=145, 71,4%) die Datenerhebung nicht in der geplanten Form
umsetzen konnte (siehe [Abb. 1 ]). Dies
betraf vor allem Datenerhebungen mit persönlichem Kontakt und dabei
insbesondere Einzel- oder Gruppeninterviews (n=100, 41,8%). In
der Pandemie überwiegen kontaktlose, digitale Erhebungsformen.
Abb. 1 Formen der Datenerhebung, die aufgrund der Pandemie nicht
eingesetzt werden konnten und während der Pandemie eingesetzte
Formen der Datenerhebung.
Die Ergebnisse unserer Befragung zeigen, dass sich die Pandemie und die damit
einhergehenden Rahmenbedingungen und Restriktionen auf alle Phasen des
Forschungsprozesses – von der Formulierung des Forschungsinteresses,
über die Planung und Durchführung der Studie, bis hin zur
Publikation der Ergebnisse – auswirkt. In [Abb. 2 ] sind zentrale Themen hinsichtlich
Anpassungen und Herausforderungen in den spezifischen Phasen des
Forschungsprozess als Ergebnis der Auswertung der offenen Antworten
zusammengefasst.
Abb. 2 Zentrale Themen hinsichtlich Anpassungen und
Herausforderungen im Forschungsprozess (Auswertung der offenen
Antwortformate).
Prägende Themen und Herausforderungen, die laut Aussagen der
Teilnehmenden Konsequenzen auf allen Ebenen des Forschungsprozesses haben, sind
der erschwerte Feldzugang bzw. das Forschen in einem den Forschenden ganz oder
zum Teil verschlossenen Feld, Fragen der Fallzahlkalkulation und des Samplings
und die Frage nach der Qualität der unter diesen Umständen
erhobenen Daten, sowie das dominante Thema der (teilweisen) Digitalisierung von
Forschungsprozessen.
Bewertung pandemiebedingter Anpassungen durch Forschende
Trotz aller Einschränkungen und Schwierigkeiten, die bei der Planung und
Durchführung von Forschungsprojekten berichtet wurden, scheinen sich
auch erfolgreiche Strategien und methodische Zugänge entwickelt zu
haben. Ungefähr drei Viertel der Antwortenden (n=142,
70,3%) gaben an, dass sie Methoden, die sich während der
Pandemie bewährt haben, auch nach dem Wegfall der pandemiebedingten
Restriktionen anwenden würden. Auch hier ist das Thema Digitalisierung
vorherrschend. In [Tab. 3 ] sind die Vor-
und Nachteile, die die Befragten im Einsatz digitaler Methoden bei der
Datenerhebung sehen, dargestellt.
Tab. 3 Vor- und Nachteile digitaler Methoden bei der
Datenerhebung.
Welche der folgenden Vorteile haben sich durch den Einsatz
elektronischer/digitaler Methoden zur Datenerhebung
(webbasiert/Telefon etc.) ergeben?
(n=142)
n
gültige%
Zeitersparnis
88
62,0
Kostenersparnis
81
57,0
bessere Erreichbarkeit der Zielgruppe
39
27,5
sonstige Vorteile
24
16,9
keine Vorteile
27
19,0
Welche der folgenden Nachteile haben sich durch den
Einsatz elektronischer/digitaler Methoden zur
Datenerhebung (webbasiert/Telefon etc.) ergeben?
(n=137)
n
gültige%
Umgang mit Technik für Zielgruppe schwierig
76
55,5
Umgang mit Technik für Forschende schwierig
18
13,1
Zeitprobleme aufgrund Umstellung der Methode
32
23,4
Mimik/Gestik fehlt zur Einordnung des Gesagten
61
44,5
Datenschutzrechtliche Probleme
48
35,0
Antwortverhalten zurückhaltender
39
28,5
Sonstiges
18
13,1
Keine Nachteile
18
13,1
In den offenen Antworten finden sich vielfältige Einschätzungen
zu digitalen Zugängen in den Projekten. Insbesondere Projekt-, Team-,
Netzwerktreffen in digitale Formate zu verlegen, trifft auf viel Anklang, da
Ressourcen gespart werden können und geografische Barrieren wegfallen.
Auch Expert:innen und Akteure des Gesundheitswesens können auf digitalem
Wege niedrigschwellig erreicht werden und:
„StudienteilnehmerInnen schienen sich Zuhause wohler zu fühlen,
was die Interviewsituation erleichterte.“ (Datensatz 1202)
Als vorrangiger Nachteil der Anwendung digitaler Wege der Datenerhebung wird bei
der Beantwortung der standardisierten Items die fehlende Kompetenz einzelner
Zielgruppen, mit der dafür notwendigen Technik umzugehen, genannt
(n=76, 55,5%). In den offenen Antworten wird dies noch
spezifiziert: so mussten teilweise Teilnehmende ausgeschlossen werden (was
Probleme bezüglich der Fallzahlen nach sich zieht) oder auf
Telefoninterviews ausgewichen werden:
„Wesentliche, v. a. nonverbale Interaktionsanteile (Augenkontakt)
können bei dieser Form der Datenerhebung kaum
genutzt/berücksichtigt werden.“ (Datensatz 711)
Insgesamt sehen es die Befragten bei digitalen Methoden oft kritisch, dass
nonverbale Interaktionsanteile über Mimik, Gestik und Augenkontakte
schwerer erfasst und analysiert werden können:
„Bei bestimmten Fragestellungen und Zielgruppen ist die direkte
Interaktion/Kommunikation in qualitativen Interviews und
Gruppendiskussionen allerdings nur sehr bedingt durch technikgebundene
Interaktion/Kommunikationsformate "vollwertig
ersetzbar"“ (Datensatz 1094)
Auch der Kontext und das Setting (z. B. das Wohnumfeld), aus dem heraus
Proband:innen agieren, bleiben den Forschenden bei digitalen Zugängen
weitgehend verschlossen. Technikgebundene Kommunikationsformate sind
außerdem schwierig, wenn Netzwerkverbindungen schwach und Audioaufnahmen
schwer zu verstehen sind. Ebenso empfinden Forschende den Feldzugang bei
digitalen Zugängen als schwieriger und die „Teilnahmequote
deutlich geringer, weniger Daten erhalten“ (Datensatz 1085).
Die COVID-19 Pandemie und die persönliche Situation von
Forschenden
Die Befragten machten vielfältige Angaben zu den Auswirkungen der
COVID-19 Pandemie auf ihre persönliche Situation. In den Freitextfeldern
zeigt sich, dass die negativen Auswirkungen der Pandemie (n=198
Kodierungen) die positiven (n=94 Kodierungen) überwiegen, dass
aber einzelne Aspekte (z. B. der digitale Austausch) ein gleichzeitiges
Für und Wider mit sich bringen.
Negative Auswirkungen der Pandemie auf Vernetzung und Karriere
Als belastend empfinden die Befragten die COVID-19 Pandemie besonders
aufgrund der Einschränkungen im persönlichen
(nicht-digitalen) Kontakt mit anderen Forschenden. Es fehlen Austausch und
Vernetzungsmöglichkeiten, die durch digitale Kommunikationsformen
nicht gleichwertig ersetzt werden können. Digitale Begegnungen
werden als „sehr kurz“ (Datensatz 647), „weniger
lebhaft“ (Datensatz 362) oder „nicht genauso nachhaltig wie
persönliche Treffen“ (Datensatz 1296),
„schwieriger“ (Datensatz 617) und
„unpersönlicher“ (Datensatz 289) bewertet. Teilweise
führt diese Form der Kommunikation zu Konflikten. Zudem fehlen die
positiven zwischenmenschlichen Erlebnisse und die Highlights, der
„Spaß“, den Präsenzveranstaltungen wie
z. B. Kongresse in den wissenschaftlichen Arbeitsalltag bringen:
„Der soziale Teil der Zusammenarbeit fehlt, der online schwer zu
ersetzen ist. Auch Konferenzen machen online deutlich weniger Spaß
und man hat dort nicht den Benefit des Netzwerkens“ (Datensatz
650)
Negativ bewertet wurde auch, dass aufgrund der Pandemie die
Möglichkeit für Weiterbildungen erschwert ist oder sich die
Arbeit an wissenschaftlichen Qualifikationen (z. B. Dissertation)
verzögert. Dies wurde teilweise durch den erhöhten
planerischen Aufwand in Forschungsprojekten begründet:
„Planung der Änderungen und multiple Ängste im Team,
der Projektpartner sowie Durchführung nach [C]ovid regeln nehmen
unendlich viel Zeit in Anspruch, keine Zeit für Artikel oder
Promotion“ (Datensatz 999)
Auch die eigene wissenschaftliche Sichtbarkeit ist laut einigen Forschenden
eingeschränkt. Vereinzelt berichteten Befragte auch über
zusätzliche Belastungen, die durch die schlechte Vereinbarkeit von
Beruf und familiären Verpflichtungen (z. B. Kinderbetreuung)
im Homeoffice verursacht wurden.
Positive Auswirkungen der Pandemie auf Vernetzung und Karriere
Neben den negativen Folgen wurden aber auch positive Auswirkungen der
Pandemie auf den Kontakt, den Austausch und die Vernetzung mit anderen
Forschenden berichtet. Dies liegt aus Sicht der Teilnehmenden
hauptsächlich an den digitalen Kommunikationsmöglichkeiten,
die den Kontakt zwischen Forschenden fördern und vereinfachen, weil
sie einen ortsunabhängigen, ressourcenschonenden Austausch
ermöglichen und:
„…mehr Personen teilnehmen können, da An- und Abreise
entfällt. So ist es möglich einen breiteren
Teilnehmer:innenkreis kennenzulernen.“ (Datensatz 404)
Die digitale Vernetzung wurde durchaus auch als „leicht[er]“
(Datensatz 978), „effektiv[er]“ (Datensatz 851),
„unkompliziert[er]“ (Datensatz 857) und
„nachhaltiger […] als „Feiern“ an
Kongressabenden“ (Datensatz 909) empfunden. Positiv wurde auch
bewertet, dass eine Teilnahme an digitalen Veranstaltungen oder
Fortbildungen niedrigschwellig möglich ist und dass ungeachtet des
erhöhten Aufwandes in den Projekten „(zwischenzeitlich) mehr
Zeit für Datenauswertungen und Publikationen“ (Datensatz
431) zur Verfügung stand.
Bei den individuell wahrgenommenen Auswirkungen der Pandemie sind wenig
Unterschiede zwischen Promovierenden und Nicht-Promovierenden erkennbar.
Während Nicht-Promovierenden sich eher mit einer erhöhten
Arbeitsverdichtung konfrontiert sahen, äußerten
Promovierende hingegen Sorgen in Bezug auf Verzögerungen ihrer
Promotion.
Diskussion
Die Befragung wurde ca. 15 Monate nach dem ersten Lockdown (im März 2020)
durchgeführt. Damit hatten die Teilnehmenden schon einige Erfahrung mit der
Durchführung von Forschungsprojekten unter Pandemiebedingungen gesammelt,
der Arbeitsalltag der Forschenden stand aber noch stark unter dem Eindruck der
Pandemie und die Forschungsprozesse unterlagen großen
(Planungs-)Unsicherheiten, z. B. in Bezug auf den Verlauf der Pandemie und
Möglichkeiten und Wirkung der Impfungen. Vor diesem Hintergrund sind unsere
Ergebnisse einzuordnen und zu diskutieren.
Insgesamt, so zeigen es unsere Ergebnisse, erfordert das Pandemiegeschehen flexible
und pragmatische Lösungen und Anpassungsleistungen auf Seiten der
Forschenden. Vor allem auf methodischer Ebene hat die Versorgungsforschung einen
Digitalisierungsschub erhalten, der viele Einschränkungen und
Herausforderungen mit sich bringt, aber auch neue Perspektiven auf
wissenschaftlicher und persönlicher Ebene bietet.
Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf Forschungsprozesse und Methoden in der
Versorgungsforschung
Die Versorgungsforschung zeichnet sich durch eine große Nähe zu
dem von ihr untersuchten Feld aus. Viele Forschungsprojekte kommen nicht ohne
direkten Kontakt zu ihren Zielgruppen und Untersuchungssettings aus und sind
dabei oft auf Kollaboration und direkte Mitwirkung von relevanten Akteur:innen
im Feld (z. B. medizinisches und pflegerisches Personal) angewiesen.
Unsere Ergebnisse machen deutlich, dass trotz diverser Hygienemaßnahmen
und methodischer Anpassungen für einen Großteil der Befragten
ein Zugang zum Feld in den Wochen und Monaten nach dem ersten Lockdown um
Frühjahr 2020 nur beschränkt oder gar nicht möglich
war.
Insbesondere persönliche Formen der Datenerhebung (z. B.
persönliche Interviews oder Beobachtungen) konnten aufgrund des
begrenzten Feldzugangs nicht durchgeführt werden und es kam zu einer
Verschiebung hin zu Interviewformen ohne persönlichen Kontakt
(z. B. Online-Befragungen, Video- oder Telefoninterviews). Aber auch
diese Formen der Datenerhebung stellten Forschende vor Herausforderungen. So
werden mangelnde technische Fähigkeiten der Teilnehmenden, schlechte
Internetverbindungen oder Datenschutzbestimmungen von Kliniken oder
Universitäten als Hürden beschrieben [12 ]. Padala et al. [5 ] plädieren dafür, Studien
unter COVID-19-Bedingungen inklusiver zu gestalten und z. B.
Studienteilnehmende selbst entscheiden zu lassen, welche Erhebungsform –
mit oder ohne persönlichem Kontakt – sie bevorzugen. Auch in der
vorliegenden Befragung klang an, dass Anpassungen bei der Datenerhebung auf
Vorschlägen (z. B. die Befragung doch telefonisch
durchzuführen) von Studienteilnehmenden hin vorgenommen wurden. Aus
anderen Erhebungen zu Forschung mit älteren Personen während der
Pandemie gibt es Hinweise, dass diese Präferenzen vor allem vom
subjektiven Sicherheitsempfinden der Teilnehmenden abhängen [21 ].
Obwohl die Verschiebung hin zu digitalen Erhebungsmethoden auch einige Chancen
ermöglicht und mitunter positiv bewertet wird, war die Frage nach der
Qualität der Daten und die Validität der daraus abgeleiteten
Schlussfolgerungen von zentraler Bedeutung für die befragten
Forschenden. Vor allem die Fallzahlplanung in quantitativen Projekten stellte
aus Sicht der Befragten ein großes Problem dar und auch andere
Autor:innen verweisen auf die Problemlagen, mit denen sich stark standardisierte
Forschungsvorhaben wie randomisiert-kontrollierte (klinische) Studien
während der Pandemie konfrontiert sehen [22 ]. Weniger stark auf Standardisierung angewiesene Studiendesigns
können dem gegenüber flexibler an das dynamische Geschehen
angepasst werden. So sichern pragmatische Lösungen wie digitale
Zugänge oder die Delegation der Datenerhebung an Kontaktpersonen im Feld
Forschenden zwar eine gewissen Handlungsfähigkeit, bergen jedoch das
Risiko, dass Methoden nicht mehr auf Basis der Fragestellung, sondern im
Hinblick auf die Durchführbarkeit (unter Pandemiebedingungen)
ausgewählt werden. Reichertz befürchtet für den Kontext
qualitativer Forschung, dass Methoden und die so generierten Ergebnisse unter
der Pandemie „weniger tief und weniger begründet und nicht
valide“ [15 ] sein könnten.
Dem liegt die Annahme zugrunde, dass gerade qualitative Forschung unter den
veränderten Rahmenbedingungen nicht ihr volles Potenzial entfalten kann,
wenn z. B. im Rahmen von Telefon- oder Video-Interviews Gestik oder
Mimik nicht adäquat erfasst werden. Diese Annahme wurde auch von
Teilnehmenden der vorliegenden Studie geäußert. Gleichzeitig
berichten viele der Befragten von explizit positiven Erfahrungen, z. B.
mit Telefoninterviews, die in der qualitativen Methodenliteratur als nicht zu
favorisierende Form der Datenerhebung eher abgelehnt und deshalb wenig intensiv
behandelt werden [23 ]. Hier ergeben sich
Ansatzpunkte für eine Neubewertung von tradierten methodischen
Überzeugungen, die durch die radikal veränderten
Rahmenbedingungen im Kontext der Pandemie herausgefordert werden.
Auswirkung auf die persönliche Situation Forschender im Feld der
Versorgungsforschung
Die Befragten machten vielfältige Angaben zu den Auswirkungen der
COVID-19 Pandemie auf ihre persönliche Situation. Die
persönliche Vernetzung und wissenschaftliche Karriere werden von
Forschenden in der Versorgungsforschung als überwiegend negativ
beeinflusst von der COVID-19 Pandemie empfunden, was hauptsächlich auf
die digitalen Kommunikationsmedien zurückzugeführt wird. Gerade
für Nachwuchsforschende sind z. B. Kongresse oder andere
Veranstaltungen eine wichtige Gelegenheit, um die eigenen Forschungsergebnisse
zu präsentieren und somit die persönliche Sichtbarkeit zu
erhöhen und sich auch mit anderen Forschende zu vernetzen [vgl. auch
11]. Eine im ersten „Pandemiesommer“ Befragung von Postdocs
kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Ungefähr zwei Drittel der
Befragten vermuteten, dass sich die COVID-19 Pandemie negativ auf ihre Karriere
auswirken würde und sie wegen der Pandemie ein Jobangebot verpasst
hätten [24 ].
Insbesondere Forschende mit familiären Verpflichtungen waren bzw. sind
durch die COVID-19 Pandemie belastet. Dies wird hauptsächlich mit der
Betreuung von (schulpflichtigen) Kindern zu Hause und die dadurch erschwerte
Vereinbarkeit von Familie und Arbeit begründet. Die Studienergebnisse
machen zudem deutlich, dass es dadurch bei ca. einem Viertel der Befragten zu
Verzögerungen im Projektverlauf kam. In einer Online-Umfrage von
Mitarbeitenden der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel fanden die
Autor:innen ebenfalls heraus, dass die Betreuung von Kindern zu Hause
während der COVID-19 Pandemie als eine Mehrbelastung wahrgenommen wurde,
wobei Frauen und Männer hiervon gleichermaßen betroffen waren
[25 ].
Methodische Reflexion und Limitationen
Wir konnten mit unserer Befragung eine große Bandbreite an Sichtweisen
und Erfahrungen von Forschenden aus verschiedensten für die
Versorgungsforschung relevanten Disziplinen abbilden. Die Möglichkeit
zur Freitextantwort wurde umfassend und keinesfalls nur stichpunktartig genutzt
und die qualitativen Ergebnisse leisten einen wertvollen Beitrag zur Einordnung
und vertieften Darstellung der quantitativen Ergebnisse. Dennoch handelt es sich
um eine nicht-repräsentative Stichprobe einer schwer eingrenzbaren
Grundgesamtheit. Die Versorgungsforschung ist per se gekennzeichnet von
zahlreichen Schnittstellen mit anderen Feldern und Disziplinen und viele
Forschende sind mit ihren Forschungsprojekten diese Grenzen überlappend
angesiedelt, sodass eine zuverlässige Rekrutierung
ausschließlich von Versorgungsforschenden unrealistisch ist.
Darüber hinaus ließ sich eine eindeutige Zugehörigkeit
zur Versorgungsforschung aufgrund der Anonymität der Online-Befragung
nicht überprüfen und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass
Personen mehrmals an der Befragung teilgenommen haben.
Zudem erwies sich die Definition und Operationalisierung der Perspektive der
Befragung – Projektebene vs. Personenebene – als methodische
Herausforderung. Obwohl das eigentliche Ziel darin lag, Anpassungen
bezüglich der Abläufe und Methoden innerhalb des
Forschungsprozesses zu erfassen, wurde sich dafür entschieden, nach den
projektübergreifenden Erfahrungen einzelner Personen zu fragen. Die
Annahme war, dass viele der Teilnehmenden in mehr als ein Forschungsprojekt
involviert waren. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht eindeutig auf
projektspezifische Forschungsprozesse beziehen. Eine Limitation liegt in der
reduzierten Fallzahl bei einigen Items aufgrund nicht vollständig
ausgefüllter Fragebögen.
Ausblick
Die diskutierten Ergebnisse erlauben eine erste Bilanz zu den Folgen der COVID-19
Pandemie auf die Versorgungsforschung und -forschende. Durch die Pandemie haben
sich das Feld und die Gegenstände der Versorgungsforschung und damit
auch die Forschungsbedingungen und methodischen Zugänge
verändert. Nach dem ersten „Schock“, unter dem
Forschende mit Beginn des ersten Lockdowns standen, wurden pragmatische und
dabei häufig innovative Wege gefunden, Projekte auch unter den
Bedingungen der Pandemie durchführen zu können. Im Zuge dessen
wurden neue methodische Kompetenzen erlernt und erprobt und es ergaben sich
zahlreiche Forschungsfragen und Perspektiven. Aktuell sind es nicht mehr
primär die Pandemiebedingten Einschränkungen, sondern allgemeine
Entwicklungen wie der gravierende Personalmangel und steigende Kosten im
Gesundheitswesen auf der einen, sowie die Sorge vor massiven Kürzungen
in Drittmittelbudgets auf der anderen Seite, die die Versorgungsforschung
beschäftigen. Im Sinne einer gute Versorgungsforschung, die resilient
auch mit einschneidenden Einflüssen wie denen durch die COVID-19
Pandemie umgehen kann, halten wir die folgenden Punkte für essentiell
und möchten sie zur Diskussion unter Forschenden,
Fördermittelgebenden und politischen Entscheidungsträger:innen
stellen:
Eine gezielte Reflektion unter Forschenden zum Einfluss der methodischen
Anpassungen während der Pandemie auf die Qualität und
Aussagekraft von Studien in der Versorgungsforschung: Was sind die
Potenziale und Grenzen neuer, vor allem digitaler, methodischer
Ansätze und wie können sie weiterentwickelt werden?
Versorgungsforschung in Zeiten großer dynamischer Unsicherheiten:
Wie können angemessene Rahmen- und Förderbedingungen
für die Versorgungsforschung geschaffen werden, damit ihre
Potenziale zur Lösung der gravierenden Probleme im
Gesundheitswesen bestmöglich genutzt werden können?
Mehr Flexibilität trotz eher starrer (Förder-)Vorgaben:
Wie können geförderte Forschungsprojekte die notwendige
Flexibilität aufbringen, um sich an Dynamiken im Feld und
unvorhergesehen Ereignisse wie die COVID-19 Pandemie anzupassen?
Gezielte Unterstützung: Wie können Forschende, die
besonders von Ereignissen wie der COVID-19 Pandemie betroffen sind,
z. B. der wissenschaftliche Nachwuchs, Personen mit
Care-Verpflichtungen, aber auch Forschende, die mit vulnerablen
Zielgruppen und/oder mit kontaktintensiven Methoden forschen,
sinnvoll unterstützt werden?