Zusammenfassung
Ziel der Studie Angesichts der Grausamkeit von Terrorakten und
extremistischen Gewalttaten ist es oft unvorstellbar, welche Motive solchen
zugrunde liegen. Analysen zu den Attentaten von Ansbach (2016), Halle (2019)
oder Hanau (2020) zeigten ein Bild von unterschiedlichen psychischen
Auffälligkeiten bei den Tätern, was die Notwendigkeit der
Einbindung von Heilberufen in die Extremismusprävention deutlich macht.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Behandlung von Personen mit extremistischer
Einstellung entscheidend, damit negative Konsequenzen für die
Betroffenen, aber auch für die Gesellschaft verhindert werden
können.
Methoden Im Rahmen einer anonymen Online-Befragung wurden
Ärzt:innen und Psychologische Psychotherapeut:innen zu bisherigen
Erfahrungen, Einstellungen und Wünschen bezüglich der Behandlung
von Patient:innen mit extremistischer Einstellung befragt. Weiterhin wurden
Daten bezüglich der eigenen Tätigkeit erfasst.
Ergebnisse Insgesamt nahmen 364 Fachkräfte an der Studie teil,
davon sind 18% Ärzt:innen und 72% Psychologische
Psychotherapeut:innen. Rund 10% der Teilnehmenden sind Fachärzte
außerhalb psychiatrischer Fachrichtungen oder stammen aus anderen
Berufsgruppen. Lediglich ein Fünftel der Teilnehmenden gibt an, sich gut
ausgebildet für die Thematik zu fühlen. Etwa die Hälfte
der Befragten würde einen Therapieplatz anbieten, wenn über die
Patient:innen selbst entschieden werden kann, ebenso hat sich etwa die
Hälfte bereits einmal mit dem Thema Extremismus beschäftigt. Die
Mehrzahl sieht es als notwendig an, sich zukünftig stärker mit
dem Thema zu befassen und gibt einen Fortbildungsbedarf an. Die Analysen zeigen,
dass Ärzt:innen sich bisher etwas stärker mit dem Thema befasst
haben als jene mit psychologisch psychotherapeutischer Ausbildung und
Fachkräfte in niedergelassener Praxis eher einen Zusammenhang zwischen
Extremismus und psychischen Erkrankungen sehen als Fachkräfte in
Kliniken, jedoch weniger bereit wären, Patient:innen mit extremistischer
Einstellung einen Therapieplatz anzubieten.
Diskussion Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen weisen einen
Fortbildungsbedarf hinsichtlich dem Thema Extremismus auf und sollten besser auf
die Herausforderungen einer Krankenbehandlung in diesem Zusammenhang vorbereitet
werden.
Schlussfolgerung Damit die Chancen auf eine adäquate Versorgung
von psychisch kranken Menschen mit extremistischer Einstellung erhöht
werden können, sollten zukünftig Angehörige von
Heilberufen, beispielsweise durch Fortbildungsangebote oder
Möglichkeiten der Kooperation, besser auf das Thema vorbereitet
werden.
Abstract
Objective In view of the cruelty of acts of terrorism and violent
extremism, it is often inconceivable what the underlying motives are. Analyzes
of the attacks in Ansbach (2016), Halle (2019) and Hanau (2020) showed a picture
of different psychological conspicuities among the perpetrators, which
highlights the need to involve health care professionals in the prevention of
extremism. Against this background, the treatment of people with extremist
attitudes appears to be crucial in order to prevent negative consequences for
those affected, but also for society.
Methods Within the framework of an anonymous online survey, physicians and
psychological psychotherapists were asked about previous experiences, attitudes
and wishes regarding the treatment of patients with extremist attitudes.
Furthermore, data on their own work was collected.
Results A total of 364 physicians (18%), psychological
psychotherapists (72%) and participants with other job descriptions
(10%) took part in the study. Only one fifth state that they felt well
trained in the subject. About half of the respondents would offer a place in
therapy (if they could decide on the patients themselves), likewise about half
have already dealt with the topic of extremism and the majority see a need to
deal with the topic more in the future and indicate a need for further training.
The analyses show that physicians have so far dealt with the topic somewhat more
than those with psychological psychotherapeutic training, and professionals in
private practive are more likely to see a connection between extremism and
psychiatric illnesses than professionals in hospitals, but would be less willing
to offer patients with extremist attitudes a place in therapy.
Discussion Physicians and psychotherapists need further training on
extremisms and should be better prepared fo the challenges of treating patients
in this context.
Conclusion In order to increase the chances of providing adequate care for
mentally ill people with extremist attitutdes, health professionals should be
better prepared for the topic in the future, for example through further
training or opportunities for cooperation.
Schlüsselwörter
Radikalisierung - Extremismus - Ärzt:innen - Psychotherapeut:innen - Psychiatrie
Key words
radicalisation - extremism - psychiatrist - psychotherapist - psychiatry