Einleitung
In der onkologischen Forschung wird häufig auf randomisierte kontrollierte
Studien (RCTs) zurückgegriffen, insbesondere für
Wirksamkeitsanalysen therapeutischer Maßnahmen. Aufgrund ihrer selektiven
Ein- und Ausschlusskriterien, des spezifischen Settings und der Beschränkung
auf eine konkrete/spezifische Fragestellung in einer streng definierten
Studienpopulation können RCTs jedoch die klinische Realität nur
unzureichend widerspiegeln [1 ]. Klinische
Register und die darin eingebetteten Studien ermöglichen dagegen die
Abbildung der tatsächlichen Versorgungspraxis unter Routinebedingungen. Sie
können z. B. Schwachstellen in der Therapie aufdecken und haben
damit das Potenzial, Therapieprozesse zu optimieren. Das allgemeine Credo der
Wissenschaft ist derzeit, dass RCTs allein nicht ausreichen, um die klinische
Forschung voranzubringen und die Patientenversorgung entscheidend zu verbessern
[1 ]. Als Methode der translationalen
Forschung verbindet die Analyse von prospektiven Registerdaten kontrollierte,
prospektive Beobachtungen mit der routinemäßigen
Patientenversorgung. Darüber hinaus dienen klinische Kohorten und Register
als hervorragende Grundlage für die Einbettung klinischer Studien. Eine
Rückübersetzung von Erkenntnissen aus der Versorgungsforschung durch
prospektive Kohortenstudien in die klinische Forschung hat das Potenzial,
medizinische Innovationen schneller, effektiver und vor allem zielgerichteter
voranzutreiben [1 ] und muss daher ein
zentraler Bestandteil der onkologischen Spitzenforschung sein [2 ].
Darüber hinaus gab es in den letzten Jahren verstärkt internationale
Bemühungen, die Routineversorgung zu standardisieren, um die Grundlage
für eine effektivere Versorgung, Datenharmonisierung und Ergebnisforschung
unter Routinebedingungen zu schaffen. Eine herausragende internationale Initiative,
insbesondere für den onkologischen Bereich, ist ICHOM (International
Consortium for Health Outcomes Measurement) [3 ]. In so genannten Standardsets wurde detailliert festgelegt, welche
Daten bei welchem Patienten zu welchem Zeitpunkt mit welcher Methode (Messung)
erhoben und welche Outcomes verwendet werden sollen (Minimalset).
Die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen, patientenzentrierten Versorgung ist
eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem. Ein genaues
Verständnis der Risikofaktoren, des Nutzens und der Wirksamkeit
therapeutischer Maßnahmen unter Routinebedingungen sowie des Zusammenspiels
zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sind Voraussetzung
für die Überwachung der Gesundheitsversorgung und die Steuerung der
zukünftigen Gesundheitsentwicklung. Auch die Behandlungskosten sowie die
Kosten für psychische und andere durch Krebs verursachte sekundäre
Gesundheitsprobleme müssen berücksichtigt werden.
Zielstellungen des Registers
Die primären Ziele des Forschungsprojekts sind grundsätzlich zwei
Bereichen zuzuordnen, der Versorgungsforschung und der klinischen
Prognoseforschung. Im Bereich der Versorgungsforschung sollen neben
Effektivitäts- und Outcome-Analysen auch Fragestellungen aus dem Bereich
der translationalen Forschung beantwortet werden. Konkret sollen folgende Ziele
und Fragen der Outcome-Forschung, der translationalen Forschung und der
klinischen Forschung verfolgt werden und eine entsprechend geeignete Datenbasis
geschaffen werden:
Wie wirksam und sicher sind onkologische Behandlungen und
Versorgungskonzepte unter Berücksichtigung von Langzeit- und
patientenberichteten Outcomes?
Ist die medizinische Standardversorgung von Krebspatienten angemessen und
von hoher Qualität?
Welche Barrieren oder Förderfaktoren gibt es bei der Umsetzung
innovativer, vielversprechender Krebstherapien?
Welche individuellen Faktoren sind prognostisch relevant oder
beeinflussen das Ansprechen auf die Therapie und den Verlauf der
Erkrankung?
Auf dieser Grundlage wird es möglich sein, wissenschaftlich relevante
Hypothesen im Bereich der Translations- und Outcomes-Forschung zu generieren.
Die jüngsten Entwicklungen in der personalisierten Medizin
(zielgerichtete Therapien) und neuartige Behandlungsansätze wie die
Immuntherapie haben die Hoffnung geweckt, die Überlebensrate bei Krebs
in Zukunft deutlich zu verbessern [4 ]
[5 ] und zumindest Krebs von einer
tödlichen in eine chronische Krankheit zu verwandeln. Das Register ist
ideal geeignet, um diese Fragen durch den Aufbau klinischer Kohorten und die
Bereitstellung umfassender, hochwertiger Datensätze für
onkologische Erkrankungen zu beantworten.
Methoden/Studiendesign
Datenbasis und -management
Die Datenbasis des Registers bilden klinische Daten (Routinedaten des
Krankenhausinformationssystems sowie Daten der klinischen Krebsregister),
Lebensqualitätsdaten (Fragebögen), Biodaten
(ausschließlich Ergebnisse von Biomarkeranalysen aus der Regelversorgung
oder mit gesonderter Einwilligung des Patienten), Histologie
(ausschließlich Daten aus der Regelversorgung oder mit gesonderter
Einwilligung des Patienten), Daten von bildgebenden Verfahren und
GKV-Routinedaten (Diagnosen, Prozeduren, Verordnungen). Diese Daten
müssen für jeden Patienten einzeln erhoben und an das Register
im NCT/UCC Dresden übermittelt werden. Allerdings führen
wir im Rahmen des Registers vor allem bereits erhobene Daten aus klinischen
Informationssystemen, Krebsregistern und GKV-Daten zusammen und erheben keine
bereits dokumentierten Daten neu. Eine zusätzliche Belastung der
behandelnden Ärztinnen und Ärzte durch Doppeldokumentation
innerhalb des Registers entsteht daher nicht.Die Datenerfassung lehnt sich eng
an den ICHOM-Standardsatz für das kolorektale Adenokarzinom an [3 ], wird aber für jede
Krebsentität individuell angepasst. Derzeit gibt es international
harmonisierte Standardsätze in der Onkologie für Lungen-,
Prostata-, Brust- und Darmkrebs. Insbesondere der Zeitpunkt der
Follow-up-Erhebungen kann je nach Entität variieren und orientiert sich
an der üblichen Nachsorge dieser Patienten am UKD, um eine
möglichst ökonomische Integration des Registers in die
Routineabläufe zu gewährleisten (siehe Abbildung S1 für
ein Beispiel des Pankreaskarzinoms im Anhang). Darüber hinaus
müssen Biomarker, mögliche Komplikationen und andere Aspekte der
Krebsentität angepasst werden. Eine detaillierte Aufschlüsselung
der zu verwendenden Variablen, des Zeitplans und der Herkunft der Daten findet
sich im Anhang exemplarisch für das Pankreaskarzinom (Tabelle S2
& S3).
Ziel ist es, eine prospektive Patientenkohorte zu erstellen. Prospektiv bezieht
sich hier jedoch auf die Rekrutierung. Die Daten sollten auch retrospektiv
über einen Zeitraum von 5 Jahren vor Einschluss des Patienten erhoben
werden. Bei reinen Nachbehandlungspatienten müssen die Daten der letzten
Jahre retrospektiv gesucht werden. Der Follow-up sollte ebenfalls mindestens 5
Jahre betragen. Ein patientenspezifisches End-of-Follow-up ist nicht vorgesehen.
Allerdings variieren die Nachbeobachtungszeiten zwischen den jeweiligen
Krankheitszuständen. So ist beispielsweise bei nicht progredientem
Bauchspeicheldrüsenkrebs im ersten Jahr nach der Behandlung eine
vierteljährliche und danach eine halbjährliche Nachuntersuchung
vorgesehen. Im Falle eines Fortschreitens der Erkrankung und eines erneuten
Eingriffs (Operation, Chemotherapie usw.) sollten die Nachuntersuchungen im
ersten Jahr wieder im Abstand von drei Monaten und danach alle sechs Monate
stattfinden (siehe Abbildung S1 im Anhang). Zwischenbesuche während
eines UKD-Aufenthaltes, z. B. bei Komplikationen, werden dokumentiert
und die Daten dieser Besuche ebenfalls in die Registerdatenbank
übertragen.
Im Rahmen der Studie wird die Einwilligung der Studienteilnehmer in die Nutzung
ihrer GKV-Routinedaten sowie der Daten der klinischen Krebsregister über
die registerspezifische Einwilligungserklärung dokumentiert (siehe
Anhang). In der Einwilligungserklärung können die Patienten
zustimmen, dass ihre persönlichen Daten von der jeweiligen Krankenkasse
und dem Krebsregister für einen Zeitraum von 5 Jahren vor und von 5
Jahren nach dem Registereinschluss an das Register übermittelt werden.
Mit diesen Daten lassen sich die individuellen Krankengeschichten
lückenlos beschreiben und darstellen. Dies ist eine wichtige
Ergänzung zu den im Verlauf der Behandlung am
Universitätsklinikum Dresden erhobenen Parametern. Die Verwaltung der
Einwilligungserklärungen, einschließlich der Patientenrechte
(Widerspruch, Aufklärung etc.), erfolgt in der unabhängigen
Treuhandstelle der TU Dresden (THS). Der Zugriff auf die Daten, die speziell
für die wissenschaftliche Forschung aus dem Register aufbereitet werden,
ist nur im Rahmen der Universitätsmedizin Dresden für die
spezifischen, oben genannten Fragestellungen der Krankenversorgung und der
klinischen Forschung zulässig. Für Fragestellungen, die
über den hier beschriebenen ursprünglichen Zweck hinausgehen,
muss ein Antrag nach § 75 Abs. 2 SGB X beim Sächsischen
Staatsministerium für Soziales und gesellschaftlichen Zusammenhalt (SMS)
oder bei der jeweils zuständigen Aufsichtsbehörde gestellt und
genehmigt werden.
Aufbau des Registers
Bei dem Register handelt es sich um eine prospektive, beobachtende klinische
Kohortenstudie an Krebspatienten.
Teilnehmer, Interventionen und Outcomes
Konsekutiv werden zunächst alle Patienten mit mindestens einem
stationären Krankenhausaufenthalt aufgrund einer Krebsdiagnose (ICD10-GM
C00–97) eingeschlossen, die am UKD behandelt werden oder sich in der
Tumornachsorge befinden. Die Patienten müssen zum Zeitpunkt des
Einschlusses mindestens 18 Jahre alt sein. Eine Kontrollgruppe ist nicht
vorgesehen. Es wird keine studienbezogene Intervention geben, sondern nur die
Beobachtung der Patienten in der Routineversorgung. Zusätzliche
Falldefinitionen werden für weitere Determinanten benötigt. Dazu
gehören Begleiterkrankungen oder Metastasen, die über einzelne
ICD-10-GM-Kodes definiert werden, an der Behandlung beteiligte
Fachärzte, die über den Arztgruppenschlüssel definiert
und ausgewählt werden, oder diagnostische und therapeutische Leistungen,
die über OPS-Kodes, EBM-Nummern und Pharmazentralnummern (PZN) definiert
werden. Grundsätzlich werden für die verschiedenen
Falldefinitionen die Empfehlungen der Guten Praxis Sekundärdatenanalyse
(GPS) [6 ] sowie der Guten Praxis
Datenlinkage (GPD) [7 ] befolgt, um
eine adäquate interne Diagnosevalidierung und weitere Codevalidierungen
durchzuführen. Potenzielle Endpunkte dieser Studie sind 30-Tage- und 1
bis 5-Jahres-Mortalität, relatives Überleben, Überleben
nach Brenner (Periodenansatz), progressions- und rezidivfreies
Überleben, Gesamtüberleben, klinisches Gesamtergebnis,
Behandlungskomplikationen (kurzfristig), Lebensqualitätsergebnisse
(allgemeines Wohlbefinden, körperliches Funktionieren, emotionales
Funktionieren, soziales Funktionieren, geistiges Funktionieren), direkte Kosten,
Krankenhausaufnahmerate am Lebensende, Hospizanteil. Eine Unterscheidung
zwischen primären und sekundären Outcomes ist nicht notwendig.
Darüber hinaus wird die Analyse möglicher Einflussfaktoren
für Remission und Rezidiv sowie behandlungsspezifischer Komplikationen
und die Beschreibung von Patientenpfaden und Behandlungssequenzen
möglich sein. Eine Zusammenfassung der Outcomes, Messinstrumente und
Messzeitpunkte findet sich im Anhang (exemplarisch für das
Pankreaskarzinom).
Das Register befindet sich bereits in der Entwicklungsphase. Die
krankenhausinternen Strukturen, Prozesse und Datenquellen,
einschließlich der IT-Schnittstellen, sind bereits weitgehend etabliert.
Die Integration der projektinternen Patientenverwaltungssoftware (STeVe) und der
THS, einschließlich der automatischen Verwaltung von
Einverständniserklärungen, ist ebenfalls etabliert. Derzeit kann
bereits ein funktionierendes Register für zwei Krebsentitäten
(kolorektales Adenokarzinom, Pankreaskarzinom) in der Nachsorge betrieben
werden, einschließlich der Überwachung der
Lebensqualität ("first patient in": zweite
Hälfte 2020). Allerdings muss das Register noch mit Daten von
Krankenkassen und Krebsregistern angereichert werden und damit Zugang
u. a. zu ambulanten Behandlungen und Diagnosen der Teilnehmer erhalten.
Hierzu haben jedoch bereits umfangreiche Gespräche mit Krankenkassen und
klinischen Krebsregistern sowie Vorarbeiten stattgefunden, so dass eine schnelle
Integration dieser Datenquellen zumindest für einen Teil der Teilnehmer
angestrebt wird. Mit Stand Dezember 2022 sind 141 Personen mit Adenokarzinom des
Dickdarms (C18), 181 Personen mit Adenokarzinom des Enddarms (C20) und 148
Personen mit Pankreaskarzinom (C25) im Register erfasst. Eine kurze Beschreibung
des derzeitigen Baseline findet sich in den [Tab. 1 ]
[2 ]
[3 ]. Die Aufbauphase des Registers
dient auch der Abschätzung des Aufwands und des materiellen und
personellen Bedarfs für die geplante Ausdehnung des Registers auf andere
Krebsentitäten (Melanom, Kopf-Hals-Tumoren, Brustkrebs etc.).
Tab. 1 Patientenmerkmale bei Studienbeginn: Es werden
soziodemografische Daten, Daten zum Schweregrad der Erkrankung und
Daten zur Lebensqualität (QOL) angegeben. Basierend auf
unseren Einschlusskriterien umfasst das 2020 gestartete Register
sowohl Patienten mit neu entdeckten Krebserkrankungen als auch
Patienten in der Nachsorge oder mit laufender Behandlung eines
Rezidivs/Metastasierung. Patienten, deren Erstdiagnose
und/oder Behandlung außerhalb des
Universitätsklinikums Dresden stattfand, können
daher ebenfalls in das Register aufgenommen werden, wenn sie in
Kontakt mit dem UKD stehen. Es gibt vereinzelt Fälle, bei
denen die Erstdiagnose und die Aufnahme des Patienten in das
Register viele Jahre auseinanderliegen.
Entität
Adenokarzinom Kolon C18
Adenokarzinom Rektum C20
Pankreaskarzinom C25
n
%
n
%
n
%
141
100
181
100
148
100
Alter bei Erstdiagnose (Mittelwert±SD)
59.8±14.0
60.4±11.5
61.4±12.4
Geschlecht (weiblich)
54
38.3
50
27.6
69
46.6
Familienstatus
verheiratet
84
59.6
126
69.6
94
63.5
verwitwet
13
9.2
8
4.4
14
9.5
geschieden
15
10.6
17
9.4
11
7.4
ledig
19
13.5
14
7.7
14
9.5
getrennt lebend
2
1.4
4
2.2
2
1.4
unbekannt
8
5.7
12
6.6
13
8.8
UICC Stadium bei Erstdiagnose
UICC I
8
5.7
20
11.0
21
14.2
UICC II
26
18.4
16
8.8
41
27.7
UICC III
32
22.7
61
33.7
18
12.2
UICC IV
41
29.1
46
25.4
37
25.0
Nicht verfügbar
34
24.1
38
21.0
31
20.9
Grading bei Erstdiagnose
L (1,2)
69
48.9
102
56.4
70
47.3
H (>2)
45
31.9
40
22.1
30
20.3
Undefinierbar
9
6.4
1
0.6
0
0.0
Nicht verfügbar
18
12.8
19
10.5
16
10.8
L/V Kategorie bei Erstdiagnose
L0
67
47.5
114
63.0
74
50.0
L1
54
38.3
39
21.5
36
24.3
Nicht verfügbar
20
14.2
28
15.5
38
25.7
V0
83
58.9
115
86.5
71
48.0
V1
37
26.2
37
27.8
35
23.6
V2
1
0.7
0
0.0
2
1.4
Nicht verfügbar
20
14.2
29
21.8
40
27.0
Mutationsstatus
KRAS mutiert/Wildtyp
19/26
13.5/18.4
21/39
11.6/21.5
---
---
NRAS mutiert/Wildtyp
1/28
0.7/19.9
3/39
1.7/21.5
---
---
BRAF mutiert/Wildtyp
7/37
5.0/26.2
3/50
1.7/27.6
---
---
MSI stabil/unstabil
28/6
19.9/4.3
62/1
34.3/0.6
---
---
Komorbiditäten
Anderer Tumor C00-C97 (ohne C44, C18–21 &
C77–79)
37
26.2
39
21.5
37
25.0
Chronische Nierenerkrankung (CKD) – N18
10
7.1
11
6.1
9
6.1
Lebererkrankung K71–76
35
24.8
37
20.4
25
16.9
Koronare Herzkrankheit (CHD) – I20–25
12
8.5
12
6.6
11
7.4
Herzinsuffizienz – I50–52
14
9.9
24
13.3
12
8.1
Bluthochdruck-Erkrankungen – I10–15
76
53.9
107
59.1
96
64.9
Diabetes (Typ2) – E11–14
27
19.1
26
14.4
76
51.4
Metastasenstatus
Total
116
82.3
154
85.1
118
79.7
Synchrone Metastasen innerhalb von 100 Tagen
46
32.6
48
26.5
42
28.4
Tab. 2 Überblick über die Behandlungen der im
Register erfassten Patienten: Die Resektion des Primärtumors
ist sowohl beim kolorektalen Adenokarzinom als auch beim
Pankreaskarzinom die initiale Therapie. Beim Rektumkarzinom wird
häufig eine neoadjuvante Therapie vor der Resektion
durchgeführt (ca. 66%). Beim Kolon- und
Pankreaskarzinom spielt die neoadjuvante Therapie eine
untergeordnete Rolle. Adjuvante Chemotherapien werden dagegen
besonders häufig beim Pankreaskarzinom eingesetzt (ca.
65%). Um die tatsächliche Belastung aller Patienten
im Register abzubilden und nicht nur derjenigen, die sich einer
Resektion unterzogen haben, wurden im unteren Teil der Tabelle die
Therapien für Rezidive und Metastasen zu den Therapien
für das Primärkarzinom hinzugerechnet. Radio- und
Radiochemotherapie werden hauptsächlich bei der Behandlung
von Adenokarzinomen des Enddarms (C20) eingesetzt. Die
Radiochemotherapie spielt bei der Behandlung des Adenokarzinoms des
Dickdarms und des Pankreaskarzinoms eine untergeordnete Rolle.
Entität
Adenokarzinom Kolon C18
Adenokarzinom Rektum C20
Pankreaskarzinom C25
n=141
%
n=181
%
n=148
%
Resektion des Primärtumors
119
84.4
146
80.7
102
68.9
Davon mit R0
109
91.6
139
95.2
95
93.1
Komplette Remission nach Resektion (ypT0)
2
1.7
10
6.8
1
1.0
Keine vollständige Remission nach Resektion
(ypT>0)
10
8.4
87
59.6
18
17.6
Wiederholte Operation innerhalb von 30 Tagen
13
10.9
34
23.3
17
16.7
Resektion+CTx des Primum
42
40.8
77
57.9
66
64.7
Therapien (Primum, Rezidiv, Metastasierung)
OPx (jeder chirurgische Eingriff)
134
95.0
170
93.9
147
99.3
CTx
108
76.6
141
77.9
116
78.4
RTx
27
19.1
73
40.3
29
19.6
RCTx
2
1.4
56
30.9
7
4.7
CTx: Chemotherapie; OPx: Operation; RTx: Strahlentherapie; RCTx:
Radiochemotherapie.
Tab. 3 Daten zur Lebensqualität zum Zeitpunkt des
Studieneinschlusses auf der Grundlage der von den Patienten
ausgefüllten EORTC-C30-Fragebögen (Querschnitt):
Baseline-Informationen zur allgemeinen Lebensqualität der
Patienten auf der Grundlage des generischen Fragebogeninstruments
C30 der "European Organization for Research and Treatment of
Cancer" (EORTC [11 ]). Dargestellt sind Mittelwerte und ihre
Standardabweichung für sechs verschiedene Bereiche der
Lebensqualität und den allgemeinen Gesundheitszustand. Im
Vergleich sind die Werte für das Pankreaskarzinom etwas
niedriger als für das Adenokarzinom des Kolons und
Rektums.
Entität
Adenokarzinom Kolon C18
Adenokarzinom Rektum C20
Pankreaskarzinom C25
n=119
n=150
n=131
Domäne
Mittelwert *
±SD
Mittelwert *
±SD
Mittelwert *
±SD
Körperliche Funktionsfähigkeit
71.77
22.62
72.7
22.47
64.99
25.36
Schmerz
67.68
29.31
69.03
30.55
62.09
30.17
Soziale Funktionsfähigkeit
59.05
35.06
57.27
32.09
52.08
35.92
Kognitive Funktionsfähigkeit
80.08
21.93
81.98
22.55
76.72
25.88
Rollenfunktionsfähigkeit
65.41
35.2
61.19
31.26
52.69
32.8
Emotionale Funktionsfähigkeit
65.59
23.2
64.99
25.48
59.56
23.25
Allgemeiner Gesundheitszustand
62
21.73
57.32
21.95
56.03
22.64
* Die Werte für die Lebensqualität
reichen von 0 bis 100, wobei 100 für die höchste
Lebensqualität oder die geringste Symptombelastung (Schmerzen)
steht.
Datenschutz, ethische und rechtliche Aspekte
Um den Datenschutz zu gewährleisten, ist der Datenfluss des Registers in
die Datenflüsse des NCT/UCC Data Warehouse eingebettet. Die
Studienverwaltungssoftware (STeVe) trennt bereits frühzeitig
persönliche Identifikationsmerkmale (IDAT) und medizinische Daten (MDAT)
bzw. Sekundärdaten der Krankenkassen und Krebsregister (KDAT). Die THS
sorgt dafür, dass einerseits keine personenbezogenen Daten in die
Registerdatenbank gelangen und andererseits die beteiligten
Dateneigentümer (UKD, Biobank, Krankenkasse, Krebsregister, Patient) nur
die personenbezogenen Daten (ORBIS-ID, KV-Nummer) erhalten, die sie für
die Zuordnung benötigen (siehe [Abb. 1 ] und Tabelle S1 im Anhang).
Abb. 1 Schematische Darstellung des Datenflusses.
Ein Antrag zur Verknüpfung der Routinedaten der gesetzlichen
Krankenkassen mit den Daten des Registers ist in Bearbeitung. Auf der Grundlage
des § 75 SGB X kann die Übermittlung von Sozialdaten für
die wissenschaftliche Forschung auch ohne individuelle Einwilligung erfolgen,
wenn die schutzwürdigen Interessen des Betroffenen nicht
beeinträchtigt werden oder das öffentliche Interesse an der
Forschung oder Planung das Geheimhaltungsinteresse der Betroffenen erheblich
überwiegt und eine persönliche Einwilligung unzumutbar ist.
Obwohl die Zustimmung der Patienten zur Verknüpfung ihrer GKV-Daten
innerhalb des Registers vorliegt, muss noch die Genehmigung der
Aufsichtsbehörde eingeholt werden, um eine vollständige
Legitimation zu erhalten.
Die Datenerhebung erfolgt pseudonymisiert, wie in [Abb. 1 ] und Tabelle S1 beschrieben.
Die Pseudonyme werden von der THS verwaltet. Ohne deren Mitwirkung
können die für die medizinische Forschung zur Verfügung
gestellten Patientendaten (projektbezogener Teildatenauszug der Registerdaten
mit Vergröberung der Datenfelder) nicht oder nur mit
unverhältnismäßig hohem technischen Aufwand auf eine
Person zurückgeführt werden. Der Identitätsabgleich
zwischen den komplementären Datenquellen findet ausschließlich
in der Treuhandstelle der TU Dresden (THS) statt. Bei jeder externen
Datenlieferung erzeugt die THS einmalige Transfer-Pseudonyme mit denen nur die
Daten dieser Übermittlung mit den vorhandenen Daten in der
Studiendatenbank verknüpft werden können. Nach dem Linkage der
Daten in der Studiendatenbank werden diese einmaligen Transfer-Pseudonyme wieder
gelöscht. Im Sinne der Datensparsamkeit werden komplementäre
Variablen in externen Quellen nur, wenn nötig, zum Identitäts-
und Plausibilitätsabgleich in der THS verwendet und werden nicht in die
Studiendatenbank übernommen. Die weitere Verknüpfung dieser
Analysedaten mit anderen Datenquellen ist dabei ausdrücklich untersagt.
Die Namen der Patienten und alle weiteren vertraulichen Informationen
unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht, den Bestimmungen des
Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG), der Europäischen Datenschutzverordnung
(EU-DSGVO) und anderen landesspezifischen Vorschriften (z. B.
Sächsisches Krankenhausgesetz). Die Daten im Register werden aufgrund
gesetzlicher Vorgaben basierend auf Empfehlungen der Guten Epidemiologischen
Praxis (GEP) [8 ] für einen
Zeitraum von 10 Jahren gespeichert.
Dokumentation und Qualitätssicherung
Das gesamte Projekt wird in Übereinstimmung mit der Deklaration von
Helsinki [9 ] sowie den Empfehlungen
der Guten Praxis Sekundärdatenanalyse (GPS) [6 ], der Guten Praxis Datenlinkage (GPD)
[7 ] und der Guten
Epidemiologischen Praxis (GEP) [8 ]
sowie der Berufsordnung für Ärzte der zuständigen
Landesärztekammer in den jeweils aktuellen Fassungen
durchgeführt. Darüber hinaus werden für alle Variablen
des Datensatzes umfangreiche Plausibilitätskontrollen über den
gesamten Beobachtungszeitraum durchgeführt. Zur Nachvollziehbarkeit der
Ergebnisse wird die Syntax für die statistische Auswertung kommentiert,
gespeichert und bei Bedarf zur Verfügung gestellt. Die Untersuchung
erfolgt unter Beachtung von Datenschutzbestimmungen und standardisierten
Arbeitsanweisungen (SOPs).
Einwilligung der Teilnehmer:innen
Die Teilnahme an dem Register beruht auf dem Prinzip der informierten,
schriftlichen Zustimmung. Die Teilnahme ist freiwillig. Das
Patienteninformationsschreiben (Dokument S1) und die
Einwilligungserklärung (Dokument S2) sind im Anhang zu finden.
Diskussion/Schlussfolgerung
Durch den Einschluss von Patienten während des gesamten Verlaufs der
jeweiligen Krebserkrankung können/müssen je nach
Fragestellung andere Patientenkohorten (prävalent oder inzident) aus dem
Register berücksichtigt werden. Für viele wissenschaftliche
Fragestellungen der Outcome- und Versorgungsforschung und deren methodische
Anforderungen ist ein einheitlicher, definierter Ausgangspunkt der Beobachtung
notwendig (z. B. Überlebenszeitanalysen). Hier würden die
Auswertungen der Prävalenzdaten die untersuchten Effekte potenziell
verzerren, da alle Patienten, die zwischen Erstdiagnose und Studienbeginn verstorben
sind, nicht berücksichtigt werden können. Je länger der
Zeitraum zwischen Erstdiagnose und Studieneinschluss ist, desto
größer ist die Verzerrung der Ergebnisse (Survivor Bias [10 ]). Dieser Fallstrick sollte bei der
Auswertung von Registerdaten/Beobachtungsstudien immer mitbedacht
werden.
Die Übersicht der Therapien ([Tab.
2 ]) gibt einen aggregierten Einblick in die Behandlung der im Register
erfassten Patienten mit kolorektalem Adenokarzinom und Pankreaskarzinom. Generell
ist es im Register möglich, individuelle Behandlungsverläufe
darzustellen und auszuwerten. Insbesondere die Einbeziehung weiterer ambulanter
Behandlungen durch die Verknüpfung mit den Daten der Krankenkassen
ermöglicht es, umfangreiche Behandlungsverläufe der Patienten
darzustellen.
Die Registerdaten können darüber hinaus genutzt werden, um die
Wirksamkeit, Sicherheit und Kosteneffizienz onkologischer Behandlungen unter
Routinebedingungen, die Qualität der Versorgung von Krebspatienten am UKD zu
beschreiben und Prognosen zum zukünftigen Versorgungsbedarf abzuleiten.
Darüber hinaus können Krankheits- und Spätfolgen
identifiziert und im Hinblick auf mögliche tertiäre
Präventionsmaßnahmen quantifiziert werden. Mit Hilfe des Registers
können die Versorgungspfade und -struktur von Krebspatienten
interdisziplinär und sektorübergreifend abgebildet und die
Inanspruchnahme von Leistungen dargestellt werden. Darüber hinaus
können die Qualität sowie die Wirksamkeit und Sicherheit der
Versorgung durch die Analyse von Verlauf und Überleben unter
Berücksichtigung relevanter patienten-, krankheits-, therapie- und
arztspezifischer Faktoren analysiert werden. Die Ergebnisse können genutzt
werden, um Versorgungsdefizite und mögliche Schnittstellenprobleme innerhalb
des Versorgungssystems zu identifizieren. Das Projekt bietet die Möglichkeit
zur evidenzbasierten Verbesserung der Versorgung von Versicherten mit
Tumorerkrankungen sowie der Struktur- und Organisationsentwicklung der onkologischen
Versorgung. Projekte, die auf der Nutzung von Sekundärdaten der AOK PLUS
sowie der Krebsregister basieren, werden dazu beitragen, nachhaltige
Lösungsvorschläge für diese wichtigen gesundheitspolitischen
Probleme zu entwickeln.
Stellungnahme zur Ethik
Erklärung zur Studiengenehmigung: Das Studienprotokoll zum kolorektalen
Adenokarzinom und dem Pankreaskarzinom wurde von der Ethikkommission der
Medizinischen Fakultät der TU Dresden genehmigt (EK487102019).
Einverständniserklärung zur Teilnahme: Die Teilnahme am Register
basiert auf dem Prinzip der informierten, schriftlichen Zustimmung. Die
Teilnahme ist freiwillig.
Beiträge der Autoren
Alle Autoren waren an der Konzeption und Erstellung des Registers beteiligt. OS,
JS, TD, HB und MD erstellten den Entwurf des Manuskripts. Alle Autoren stimmten
der endgültigen Fassung des Manuskripts zu.
Erklärung zur Datenverfügbarkeit
Die Daten der Studie sind vertraulich. Sie dürfen nur für die im
Studienprotokoll genannten onkologischen Fragestellungen von den teilnehmenden
Ärzten der Universitätsmedizin Dresden verwendet werden. Eine
darüberhinausgehende Nutzung innerhalb der Universitätsmedizin
Dresden ist nur mit Zustimmung der Patienten und der zuständigen
Aufsichtsbehörde nach §75 SGB X möglich. Externe Dritte
sind von der Nutzung der Daten ausgeschlossen.
Gelistet im BQS-Verzeichnis der medizinischen Register in Deutschland
(https://registergutachten.bqs.de/reg_db/detail.php?pid=NCT%2FUCC+Registerstudienplattform )