Schlüsselwörter
Pädiatrie - Stationäre Versorgung - Regionale Versorgung - Patientenflüsse - Kinderportalpraxis - Rettungsdienst
Einleitung
In den vergangenen 30 Jahren wurde jede fünfte deutsche Abteilung für
Pädiatrie geschlossen. In ländlichen Regionen hat das Folgen
für die wohnortnahe pädiatrische Versorgung [1]. Demgegenüber steht die
steigende Zahl chronisch oder psychisch kranker unter 18-Jähriger, sodass
künftig ein wachsender Bedarf an pädiatrischen
Behandlungskapazitäten erwartet wird [2]
[3]
[4].
Die Notwendigkeit, Kapazitäten der medizinischen Versorgung aus
Qualitäts- und Wirtschaftsgründen zu konzentrieren, führt zu
einer Ausdünnung des Versorgungsangebotes [5]
[6]
[7]. Flächenländer wie
Mecklenburg-Vorpommern und Bayern rückten aufgrund vorübergehender
oder endgültiger Abmeldungen pädiatrischer Abteilungen von der
Notfallversorgung in den medialen und gesundheitspolitischen Fokus [8]
[9]. Die Schließungen
führen dazu, dass behandlungsbedürftige Kinder in Notaufnahmen ohne
pädiatrische Expertise abgewiesen oder in Abteilungen für Erwachsene
versorgt werden [2]
[10]. Bereits 2018 benötigten
4,8% der unter 18-Jährigen in Deutschland über 40
Pkw-Fahrtzeitminuten, um eine pädiatrische Krankenhausabteilung zu erreichen
[11].
Im Falle der Schließung einer Pädiatrie müssen umliegende
Krankenhäuser den Bedarf abdecken und die Patienten aufnehmen. Aus einer
gesundheitsökonomischen Modell-Analyse der pädiatrischen
Krankenhauslandschaft im Landkreis Vorpommern-Greifswald ist bekannt, dass ein
positiver Deckungsbeitrag (d. h. die Umsatzerlöse im Krankenhaus
sind nach Abzug der beschäftigungsabhängigen Kosten
größer als null) in dieser Region nur erreicht werden
könnte, wenn zwei von drei pädiatrischen Abteilungen
schließen. Das würde die Erreichbarkeit für 8% der
unter 18-Jährigen verschlechtern [12].
Welche Auswirkungen Schließungen tatsächlich auf die Inanspruchnahme
umliegender Krankenhäuser haben, wurde nach unserer Kenntnis bisher nicht
untersucht. In der vorliegenden Analyse wurden die Auswirkungen der
Schließung der Abteilung für Pädiatrie im Kreiskrankenhaus
Wolgast auf die Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Leistungen in den
Krankenhäusern der Region Ostvorpommern
(Wolgast/Anklam/Greifswald) und den Rettungsdienst untersucht.
Nach Schließung der Pädiatrie in der 12.000-Einwohner-Stadt Wolgast
am 01.02.2016 wurde am 01.09.2017 eine Kinderportalpraxisklinik (KPPK)
eröffnet. Die KPPK war ein von Bundesland und Krankenkassen über 6
Jahre finanziertes und sektorenübergreifendes Versorgungsmodell. Sie diente
als Anlaufstelle für Eltern, die einen Not- oder Akutfall bei ihrem Kind
annehmen. Neben der ambulanten pädiatrischen Versorgung (montags bis
freitags von 8–22 Uhr, am Wochenende von 10 bis 22 Uhr) wurden in der KPPK
wenige Betten vorgehalten, wenn z. B. die Beobachtung des
Krankheitsverlaufes sinnvoll erscheint, aber voraussichtlich am nächsten Tag
beendet werden kann. Schwer erkrankte Patienten wurden unmittelbar an andere
Krankenhäuser verwiesen. [Abb. 1]
zeigt die Verteilung der Krankenhäuser in der Region. Das nächste
Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung (30 km entfernt) ist in der
13.000-Einwohner-Stadt Anklam [13]. Die
dortige Abteilung für Pädiatrie wurde am 01.01.2015 geschlossen und
am 01.02.2016 wiedereröffnet. Ein drittes regionales Krankenhaus
(27 km entfernt) ist die Universitätsmedizin in der
59.000-Einwohner-Stadt Greifswald [13]. Da
es sich bei der Region um eine an der Ostsee liegende Grenzregion zu Polen handelt,
kämen nur drei andere Krankenhäuser für eine Inanspruchnahme
in Frage, die allerdings relativ weit entfernt sind
(Stralsund=73 km, Pasewalk=82 km und
Neubrandenburg=85 km).
Abb. 1 Analysierte Postleitzahlenbereiche (HGW=Greifswald;
WLG=Wolgast; ANK=Anklam).
Untersucht wurde die Inanspruchnahme durch pädiatrische Patienten der drei
Krankenhäuser (siehe [Abb. 1]) in
den Jahren 2015–2019 anhand folgender Zielstellungen: (1) Entwicklung von
Anzahl und Durchschnittsalter ambulanter oder stationär aufgenommener
Patienten, (2) Effekt der Eröffnung der KPPK am Schließungsstandort
und (3) Einfluss der Schließung der Pädiatrie in Wolgast und der
Eröffnung der KPPK auf die Inanspruchnahme des Rettungsdienstes in der
Region.
Methode
Analysiert wurden Patientendaten aus den Krankenhäusern,
einschließlich der KPPK (ohne Geburten) für unter
18-Jährige, die mindestens einmal im Beobachtungszeitraum in einem der drei
Krankenhäuser behandelt wurden und deren Wohnadresse in Wolgast oder
Umgebung lag (operationalisiert durch 12 Postleitzahlenbereiche, siehe [Abb. 1]). Die von uns ausgewerteten und in
den Controlling-Abteilungen der Krankenhäuser erhobenen Daten beinhalteten
die Anzahl der Behandlungsfälle nach Geschlecht, Alter am Aufnahmetag,
Postleitzahl (PLZ) des Wohnortes, Aufnahme- und Entlassdatum und Hauptdiagnose
(ICD-10-GM 2019).
Weitere Analysegrundlage bildeten Daten des Eigenbetriebes Rettungsdienst des
Landkreises für die 12 Postleitzahlenbereiche der Untersuchungsregion.
Ausgewertet wurde die Anzahl der Einsätze des Rettungstransportwagens (RTW,
Anforderung per Notruf 112) bei allen unter 18-Jährigen Patienten, das
Patientenalter sowie der Transport-Zielort.
Statistik
Die Daten wurden deskriptiv mit dem Statistik-Programm SAS (Version 9.4; SAS
Institute, Cary, NC, USA) ausgewertet. Alter und Dauer des
Krankenhausaufenthalts wurden als Median und Interquartilsbereich (IQR)
berechnet. Die Datenanalyse folgte den Leitlinien der "Guten
Epidemiologischen Praxis" [14]
und der "Good Practice Secondary Data Analysis" [15].
Ergebnisse
Anzahl der Fälle
[Tab. 1] zeigt die Entwicklung der
Fälle insgesamt und für die einzelnen Krankenhäuser pro
Jahr. Im Beobachtungszeitraum wurden insgesamt 6.102 stationäre und
29.312 ambulante Fälle aus der Region Wolgast dokumentiert. Im Jahr 2016
(Schließung der Wolgaster Pädiatrie) ist stationär
für alle drei Krankenhäuser eine Fallzahlreduktion von
33% zu verzeichnen (2015: 1.787 Fälle; 2016: 1.193
Fälle). Über alle fünf Jahre sinkt die
stationäre Fallzahl um 44% (2019: 1.005 Fälle).
Für die stationären Fallzahlen der einzelnen
Krankenhäuser findet sich Folgendes: im Wolgaster Krankenhaus wurden im
Schließungsjahr 2016 83% weniger Fälle als im Vorjahr
behandelt (2015: 1.245 Fälle; 2016: 211 Fälle). Im Anklamer
Krankenhaus nahmen die Fälle in den ersten beiden Jahren nach der
Wiedereröffnung der pädiatrischen Abteilung zu (2016: 207
Fälle; 2017: 278 Fälle). Im Krankenhaus Greifswald stiegen die
Fallzahlen in 2016 im Vergleich zum Vorjahr (2015: 542 Fälle; 2016: 775
Fälle), nahmen dann aber wieder ab. Insgesamt betrug die
Fallzahlsteigerung im Greifswalder Krankenhaus 11% (2015: 542
Fälle; 2019: 600 Fälle).
Tab. 1 Fälle unter 18-Jähriger Patienten im
gesamten Beobachtungszeitraum (Region Wolgast).
|
Zeitraum
|
Anzahl der Fälle (n)
|
Alter (Jahre)
|
Anteil weiblich
|
|
|
Gesamt
|
2015
|
2016
|
2017
|
2018
|
2019
|
Mittelwert (SD)
|
Median (IQR)
|
Prozent
|
Stationäre Versorgung
|
Wolgasta
|
01.2015–12.2019
|
1.770
|
1.245
|
211
|
84
|
105
|
125
|
7,8 (5,9)
|
8,0 (2,0–14,0)
|
48,0%
|
Anklam
|
02.2016–12.2019
|
1.047
|
0
|
207
|
278
|
282
|
280
|
5,6 (5,4)
|
3,5 (1,0–10,0)
|
51,3%
|
Greifswald
|
01.2015–12.2019
|
3.285
|
542
|
775
|
702
|
666
|
600
|
6,7 (5,9)
|
5,0 (1,0–12,0)
|
46,3%
|
Gesamt
|
|
6.102
|
1.787
|
1.193
|
1.064
|
1.053
|
1.005
|
|
|
|
Ambulante Versorgung
|
Wolgast NAa
|
01.2015–12.2019
|
6.470
|
2.596
|
1.185
|
952
|
872
|
865
|
8,6 (5,3)
|
9,0 (4,0–13,0)
|
46,0%
|
KPPKb
|
09.2017–12.2019
|
3.618
|
0
|
0
|
601
|
1.502
|
1.515
|
5,0 (4,7)
|
3,0 (1,0–8,0)
|
51,5%
|
Anklam
|
01.2015–12.2019
|
1.748
|
187
|
346
|
376
|
418
|
421
|
6,3 (5,3)
|
5,0 (1,5–11,0)
|
48,9%
|
Greifswald
|
01.2015–12.2019
|
17.476
|
3.467
|
4.067
|
3.779
|
3.194
|
2.969
|
7,1 (5,2)
|
6,0 (2,0–6,0)
|
47,1%
|
Gesamt
|
|
29.312
|
6.250
|
5.598
|
5.708
|
5.986
|
5.770
|
|
|
|
a stationär und Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016
ohne pädiatrischen Facharzt); b
Kinderportalpraxisklinik; SD=Standardabweichung;
IQR=Interquartils-Range
Bei den ambulanten Fällen aller drei Krankenhäuser ist
insgesamt ein Rückgang um 8% zu verzeichnen (2015: 6.250
Fälle; 2019: 5.770 Fälle). Im Wolgaster Krankenhaus wurden im
Schließungsjahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr 1.411 weniger
Fälle behandelt (Rückgang um 54%). Im Anklamer
Krankenhaus nahmen die Fälle nach der Wiedereröffnung zu (2016:
346 Fälle; 2019: 421 Fälle). Im Krankenhaus Greifswald stiegen
die Fallzahlen im Vergleich zum Vorjahr (2015: 3.467 Fälle; 2016: 4.067
Fälle).
Mit Öffnung der KPPK im September 2017 stieg die Zahl ambulanter
Fälle im Wolgaster Krankenhaus wieder an. Da die Daten des Wolgaster
Krankenhauses separat für die allgemeine (Erwachsenen-) Notaufnahme und
die KPPK vorlagen, konnte bestimmt werden, dass die Anzahl pädiatrischer
Behandlungsfälle in der KPPK deutlich zunahm. Parallel dazu nahmen ab
2017 weniger unter 18-Jährige die ambulanten Strukturen in der
Universitätsmedizin Greifswald in Anspruch.
Stationär behandelte Patienten waren im Krankenhaus Wolgast im Jahr 2015
im Median 5,0 Jahre alt, bis 2019 war das mediane Alter auf 13,0 Jahre
angestiegen. Ambulante Fälle im Jahr 2019 in der Wolgaster allgemeinen
Notaufnahme waren im Median 11,0 Jahre alt und in der KPPK 3,0 Jahre.
ICD-10-Diagnose-Gruppen
[Abb. 2] zeigt die Entwicklung der
Anzahl ambulanter und stationärer Fälle für die sechs
häufigsten Diagnose-Gruppen (ICD-10-Kapitel), die im
Beobachtungszeitraum und in der Beobachtungsregion bei unter 18-Jährigen
insgesamt dokumentiert wurden. Die stationäre Fallzahlreduktion verteilt
sich auf alle sechs häufigsten Diagnosegruppen. Die stationären
Fälle aus Wolgast verlagern sich im Jahr der Schließung
zunächst auf die beiden ambulanten und stationären Strukturen
der beiden benachbarten Krankenhäuser. Während die
stationären Fallzahlen im Jahr 2017 für die Diagnosen
„Krankheiten des Verdauungssystems (K00-K93)“,
„Krankheiten des Urogenitalsystems (N00-N99)“ sowie
„Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen
äußerer Ursachen (S00-T98)“ wieder zurückgehen,
bleiben die Fallzahlen im ambulanten Bereich größtenteils auf
höherem Niveau. Mit Öffnung der KPPK am
Schließungsstandort findet eine Verlagerung zurück nach Wolgast
statt.
Abb. 2 Dokumentierte Diagnosen (ICD-10-Kapitel) unter
18-jähriger Patienten aus der Region Wolgast Legende:
NA=Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016 ohne
pädiatrische Expertise);
KPPK=Kinderportalpraxisklinik.
Für ambulante Fälle gilt, dass in Wolgast (Notaufnahme und KPPK)
am häufigsten unter 18-Jährige mit Verletzungen, Vergiftungen
und bestimmten anderen Folgen äußerer Ursachen (ICD S00-T98)
vorgestellt wurden.
Rettung
[Abb. 3] zeigt die Anzahl der
RTW-Einsätze in der Untersuchungsregion sowie den Ort, an den die
Patienten transportiert wurden. Insgesamt wurden 2.575 RTW-Einsätze bei
unter 18-Jährigen dokumentiert. Im Schließungsjahr 2016 ist die
deutlichste Veränderung zu beobachten (2015: n=398, 2016:
n=523;+121 Transporte;+31%). Bis zum Jahr 2019
stieg die Anzahl der RTW-Einsätze weiter an (2015: n=398, 2019:
n=572;+174 Transporte;+44%). Kleiner wurde die
Zahl der unter 18-Jährigen, die mit dem RTW in das Wolgaster Krankenhaus
transportiert wurden, während ab 2016 mehr unter 18-Jährige nach
Greifswald und Anklam gebracht wurden.
Abb. 3 Entwicklung der Rettungstransportwageneinsätze im
Beobachtungszeitraum.
[Tab. 2] zeigt das mediane Alter
aller unter 18-Jährigen, die per RTW in eines der drei
Krankenhäuser gebracht wurden. Im Jahr 2016 stieg das mediane Alter per
RTW nach Wolgast transportierten Patienten an, während in den
umliegenden Krankenhäusern eine Reduzierung des medianen Alters bei
gleichzeitig deutlicher Zunahme der Anzahl der Transporte beobachtet werden
kann.
Tab. 2 Medianes Alter der unter 18-jährigen Patienten
im gesamten Beobachtungszeitraum (Region Wolgast).
|
Krankenhäuser
|
RTW-Transportort
|
Alter (Jahre)*
|
Wolgast Stationära
|
Wolgast NAa
|
Wolgast KPPKb
|
Anklam Stationär
|
Anklam Ambulant
|
Greifswald Stationär
|
Greifswald Ambulant
|
Wolgast
|
Greifswald
|
Anklam
|
2015
|
5,0
|
5,0
|
|
|
8,0
|
6,5
|
7,0
|
10,2
|
9,7
|
13,8
|
(1,0–10,0)
|
(2,0–11,0)
|
(3,0–12,0)
|
(0,0–13,0)
|
(2,0–12,0)
|
(3,0–14,5)
|
(3,6–15,6)
|
(6,7–15,4)
|
n=1.245
|
n=2.595
|
n=187
|
n=542
|
n=3.467
|
n=248
|
n=89
|
n=13
|
2016
|
13,0
|
10,0
|
|
4,0
|
5,0
|
6,0
|
6,0
|
13,2
|
7,8
|
7,1
|
(5,0–16,0)
|
(5,0–14,0)
|
(1,2–10,6)
|
(2,0–11,0)
|
(1,0–12,0)
|
(2,0–11,0)
|
(7,1–16,0)
|
(2,9–12,8)
|
(2,8–11,7)
|
n=211
|
n=1.185
|
n=207
|
n=346
|
n=775
|
n=4.067
|
n=128
|
n=274
|
n=88
|
2017
|
15,0
|
11,0
|
3,0
|
3,5
|
5,0
|
4,5
|
7,0
|
12,3
|
7,9
|
7,9
|
(14,0–17,0)
|
(7,0–14,0)
|
(1,0–7,0)
|
(1,0–10,2)
|
(1,0–10,0)
|
(1,0–12,0)
|
(2,0–12,0)
|
(6,2–15,2)
|
(2,4–13,3)
|
(2,3–13,5)
|
n=84
|
n=952
|
n=601
|
n=278
|
n=376
|
n=702
|
n=3.779
|
n=143
|
n=254
|
n=70
|
2018
|
15,0
|
10,0
|
3,0
|
4,3
|
5,0
|
6,0
|
7,0
|
11,5
|
5,9
|
6,2
|
(11,0–16,0)
|
(6,0–14,0)
|
(1,0–8,0)
|
(1,2–10,4)
|
(1,0–10,0)
|
(1,0–12,0)
|
(3,0–12,0)
|
(5,9–15,1)
|
(2,2–12,3)
|
(1,9–14,2)
|
n=105
|
n=872
|
n=1.502
|
n=282
|
n=418
|
n=666
|
n=3.194
|
n=152
|
n=311
|
n=75
|
2019
|
13,0
|
11,0
|
3,0
|
3,0
|
4,0
|
5,0
|
7,0
|
12,9
|
7,0
|
5,8
|
(9,0–15,0)
|
(6,0–15,0)
|
(1,0–7,0)
|
(1,1–9,4)
|
(2,0–11,0)
|
(1,0–13,0)
|
(3,0–12,0)
|
(7,9–15,5)
|
(2,4–13,7)
|
(2,3–13,6)
|
n=125
|
n=865
|
n=1.515
|
n=280
|
n=421
|
n=600
|
n=2.969
|
n=154
|
n=310
|
n=69
|
*Median (Interquartils-Range); a
stationär und Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016 ohne
pädiatrischen Facharzt), b Kinderportalpraxisklinik
(ab 01.09.2017).
Diskussion
Die Analyse zeigte eine deutliche Veränderung der Inanspruchnahme der
stationären Pädiatrie. Die Gesamtzahl stationärer
Fälle aus der Region verringerte sich erheblich, während die
Einwohnerzahlen der betreffenden Altersgruppen annähernd gleichblieben [16]. Trotz der Schließung der
Pädiatrie in Wolgast wurden dort 211 unter 18-Jährige
stationär aufgenommenen, überwiegend Kinder im Schulalter. Die
Frage, ob die Versorgung in einer nichtpädiatrischen Fachabteilung
angemessen ist, war nicht Untersuchungsgegenstand und kann hier nicht beantwortet
werden.
Es wurde gezeigt, dass sich mit der KPPK-Eröffnung in Wolgast viele Eltern
für akute Gesundheitsprobleme wieder zurück an ihren Wohnort
orientierten. Dies zeigt deutliche Effekte zu Gunsten des wohnortnahen
Versorgungsmodells. Die intersektorale Notfall- und Akutversorgung von unter
18-Jährigen wurde insbesondere von Eltern mit Kleinkindern in Anspruch
genommen. Die zunehmend wichtige Rolle der Kliniken in der ambulanten Versorgung
betrifft auch Zeiten außerhalb der Praxisöffnungszeiten und bietet
großes Versorgungspotential. Kliniken profitieren von dieser Koordinations-
und Filterfunktion eines solchen Versorgungsangebotes, das zur Entlastung der
Notaufnahme bzw. Vermeidung nicht zwingend erforderlicher stationärer
Aufnahmen führt – was auch vom Gesetzgeber gefordert wird [17].
Die Schließung der Pädiatrie führte zu mehr
RTW-Einsätzen und es fand eine Verlagerung des Transportortes nach
Greifswald und Anklam statt. Die Erhöhung der RTW-Einsätze spricht
dafür, dass Eltern im Bedarfsfall ungern eine entferntere Notaufnahme
aufsuchen, sondern den Rettungsdienst alarmieren. Im internationalen Kontext zeigen
Studien, dass bis zu 61% der Rettungstransporte medizinisch nicht indiziert
sind [18]
[19]
[20]
[21]. Kinder- und Jugendärzte
weisen auf einen erhöhten Bedarf hin, der sich durch alle sozialen Schichten
zieht und zu einem erheblichen Teil Folge einer zunehmenden Unsicherheit vieler
Eltern in gesundheitlichen Belangen ihrer Kinder ist [3]
[22]. Eingeschränkte
Praxisöffnungszeiten und weite Wege zu niedergelassenen Ärzten
führen zur vermehrten Inanspruchnahme der Notaufnahmen [23]
[24]. Weitere Motive für das
Aufsuchen der Notaufnahmen sind das dort erwartete breite Versorgungspektrum mit
fachlicher Expertise erfahrener Pädiater sowie mangelnde Kenntnisse
alternativer ambulanter Notfallstrukturen [25]
[26]
[27]. Die Frage nach der Definition
„angemessener Versorgung“ stellt sich auch nach dieser Analyse.
Distanzen zu Gesundheitsversorgungsangeboten sind keine
Qualitätsindikatoren, wenn diese alleine betrachtet werden, in der
Kombination mit sozialem Status sind diese aber nachgewiesenermaßen
versorgungsrelevant [28].
Die Analyse zeigt, dass Versorgungslücken wirksam entgegengewirkt werden kann
– im vorliegenden Fall durch Schaffung einer neuen ambulanten Struktur.
Entscheidungen für oder gegen eine Schließung erfolgen jedoch in den
meisten Fällen nicht auf der Basis von Datenanalysen in der betroffenen
Region, sondern aus personellen oder finanziellen Gründen. Die Definition
regionaler, evtl. überregionaler Qualitätsindikatoren wäre
eine Möglichkeit, hier Entscheidungsgrundlagen anzubieten.
Unseres Wissens nach ist diese Untersuchung für Deutschland einmalig, da
Daten aus mehreren Kliniken mit Hauptdiagnosen und mit Daten vom Rettungsdienst
für eine definierte Untersuchungsregion für unter 18-Jährige
ausgewertet wurden. Alle Daten konnten erstmals über fünf
aufeinanderfolgende Kalenderjahre gemeinsam und detailliert auf Basis
fünfstelliger Postleitzahlen analysiert werden.
Auf folgende Limitationen wollen wir hinweisen: die Daten sind Abrechnungsdaten der
Krankenhäuser, was zu Einschränkungen bei der Abbildung der gesamten
Versorgung führt. Daten zur ambulanten Behandlung durch niedergelassene
Pädiater oder Hausärzte waren nicht verfügbar. Damit ist
nicht klar, ob die geringere Fallzahl durch einen Wechsel in den niedergelassenen
Bereich kompensiert wurde. Für die Rettungstransporte standen keine
belastbaren Einsatzgrund- oder Diagnosedaten zur Verfügung, was die Analyse
der Schweregrade der Erkrankungen unmöglich machte. Unklar ist auch, wie
viele der vom RTW transportierten Kinder und Jugendlichen tatsächlich in der
Region wohnhaft waren, da nur die Einsatzorte zur Verfügung standen, die
nicht immer mit den Wohnorten der Patienten übereinstimmen müssen.
Einige der untersuchten PLZ-Bereiche liegen in einer von Familien stark
frequentierten Urlaubsregion. Darum ist davon auszugehen, dass ein gewisser Anteil
der Einsätze Urlauberkinder betraf, was der Grund einer statistischen
Überschätzung der Anzahl der RTW-Einsätze bezogen auf die
Wohnbevölkerung sein kann. Weiterhin bezog die Analyse sich
ausschließlich auf die Inanspruchnahme, nicht aber auf die Qualität
der Versorgung. Aufgrund der vorhandenen Daten konnten keine Veränderungen
in der Sterblichkeit noch im Schweregrad der Erkrankungen analysiert werden. Dies
würde andere Daten und Instrumente erfordern.
Merksätze
Durch die Schließung der Pädiatrie eines Kreiskrankenhauses
zeigte sich ein erheblicher Rückgang stationärer Fälle.
Diese Fallzahl stabilisierte sich über die beobachteten Jahre auf dem
niedrigeren Niveau. Die ambulante Fallzahl ging in den Krankenhäusern
der Region kurzfristig zurück, stieg aber nach der Eröffnung
einer Kinderportalpraxis am Schließungsstandort wieder auf das Niveau
vor der Schließung an. Die Anzahl der RTW-Transporte nahm zu und
stabilisierte sich auf dem höheren Niveau. Künftig bedarf es
innovativer und sektorenübergreifender Versorgungskonzepte, um eine
hochwertige pädiatrische und regionale Versorgung langfristig zu
sichern. Hierfür sollten vor einem unkoordinierten Abbau
stationärer Strukturen alternative Versorgungsmodelle
gründlicher geprüft werden.
Auf Basis einer Fallzahlbetrachtung können zwei stationäre
Abteilungen für die pädiatrische Versorgung in einer Region
ausreichen. Im Fokus sollte in jedem Fall die Stärkung einer
regionalen, möglichst sektorenübergreifenden Akut- und
Notfallversorgung stehen. Die Innovation KPPK ist ein mögliches
Modell dafür, das genauer geprüft und weiterentwickelt
werden sollte.